Donnerstag, 4. Oktober 2012

"Ferne Tochter" von Renate Ahrens


Nach längerer Zeit habe ich wieder etwas für den Verlag Droemer/Knaur testlesen dürfen und zwar das Buch „Ferne Tochter“ von Renate Ahrens. Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

In diesem Buch lernen wir Judith Velotti kennen, sie ist gebürtige Deutsche, lebt aber schon seit 20 Jahren in Rom und ist dort Restauratorin, Spezialistin für Fresken der Renaissance. Sie ist mit dem erfolgreichen, aus einer gutsituierten Familie (der Vater Vincenzo ist Kunsthändler) stammenden Anwalt Francesco glücklich verheiratet. Wir erfahren dass sie sich bis jetzt vergeblich bemüht haben ein Kind zu bekommen. Von ihrer deutschen Vergangenheit erfahren wir anfangs nur wenig: warum ist sie aus Deutschland weggegangen? Was hat sie zurückgelassen? Dass diese Fragen die Kernfragen der vor uns sich öffnenden Geschichte sein dürften erfahren wir spätestens dann als sie von Freundin aus ihrem früheren Leben angerufen wird die ihr mitteilt, dass ihr verlassenes Elternhaus in Hamburg zu verkommen droht. Nur widerwillig lässt sie das Fresko des Renaissance-Malers Filippino Lippi mit dem Engel, der Maria ihre Schwangerschaft verkündet, an dem sie gerade arbeitet, hinter sich und bucht einen Flug in die alte Heimat. Dort findet sie das verlassene Haus vor und erfährt, dass ihr Vater verstorben ist und ihre Mutter seit einem Schlaganfall im Krankenhaus vor sich hin vegetiert. Die alten Wunden reißen wieder auf und der ganze Abgrund ihres früheren Lebens liegt vor Judith: ihr Geheimnis will ans Licht.

Erzähltechnisch haben wir eine Geschichte mit Zeitsprüngen vor uns. Im Hauptstrang wird von Judith Velottis Gegenwart aus der Ich-Perspektive der Hauptfigur erzählt, diese ereignet sich im Sommer und Herbst 2011. Dann werden in Form von Rückblenden bzw. Flashbacks immer wieder Szenen aus ihrer Vergangenheit eingeblendet. Diese erzählerische Monatetechnik führt dazu, dass der Leser stückchenweise Informationen von früher erhält, die für die momentane Problematik der Protagonistin entscheidend sind. Schnell wird so klar dass die Geschichte eines Verlustes ist: Judith hat ihr Kind verloren.

Das Buch ist sehr metaphorisch angelegt, vor allem ihr Beruf dient der Autorin zur Illustration ihrer Geschichte. So wie Judith ihrer Fresko restauriert, so legt sie auch ihre eigene Vergangenheit frei, sie „restauriert“ sie gleichermaßen Schicht für Schicht. Dabei stellt sie sich die Frage ob sie es in altem Glanz erstrahlen lassen soll (diese Meinung hat sie bisher immer vertreten) oder ob sie Beschädigungen, die ihm die Zeit zugefügt haben, offenlegen und für den Betrachter sichtbar machen soll. So ist es natürlich auch mit ihrem eigenen Leben bestellt: war es richtig die schlafenden Hunde ihrer Vergangenheit zu wecken? Wie wird sie noch ihre Gegenwart leben können wenn ihr neues Umfeld weiß, was früher geschehen ist?

Wie Judith an diese Fragen herangeht ist ohne Frage spannend für den Leser. Der Stil von Renate Ahrens hat mich zu Anfangs irritiert: sehr parataktisch und dokumentarisch. Ich denke das soll Unmittelbarkeit erzeugen und dem Leser das Gefühl geben dass er etwas beobachtet.

Die Geschichte ist in sich geschlossen, natürlich auch ein wenig vorhersehbar, an manchen Stellen wirkt sie allzu konstruiert. Dennoch finde ich das Buch recht gelungen, vorausgesetzt man mag Geschichten die ein wenig traurig von der Grundstimmung sind und in denen es um Selbstfindung und Identitätsproblematiken geht.


Meine Ausgabe:
 
Verlag:Knaur
Erscheinungsjahr: 2012
Erstausgabe: -
Seiten: 288 Seiten
ISBN:  3426510936


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