Montag, 1. Juli 2013

"Sommernachtszauber" von Ellen Alpsten



Das Theater ist nicht nur eine uralte Kunstform der Menschheit, es ist auch schon immer Gegenstand von Theaterstücken selbst - man muss nur an "Hamlet" denken, wo dieser zur Überführung seines Onkels als Mörder ein Stück aufführen lässt. Auch in Romanen wird das Theater als Sehnsuchtsort der Menschen immer wieder zum Gegenstand der Handlung. Hinter der Bühne spielen sich nämlich oft die größeren Dramen ab - unter Akteuren und Machern des Theaters selbst.
Auch "Sommernachtszauber" von Ellen Alpsten versteht sich in der Tradition des Metatheaters, des "Spiels im Spiel", das hier in Prosaform gleich mehrere Ebenen reflektiert. Da wäre zum einen die "reale Ebene" im Roman, die Lebenswelt von Caroline und ihrer besten Freundin Mia, die beide ein Semester Schauspiel an der renommierten "Ernst-Busch" hinter sich haben und nun in den Semesterferien ein Engagement an einer Berliner Bühne suchen. Da trifft es sich gut dass das alte Theater in der Fasanenstraße, das seit der Zeit kurz vor dem zweiten Weltkrieg nicht mehr bespielt wird, als Bühne wiederbelebt werden soll. Dafür will der Jungregisseur Carols sorgen, der mit einer Neuinszenierung von "Romeo & Julia" für Furore machen und so den Berliner Senat davon überzeugen will das "Bimah" (jiddisch für "Bühne") als neuen Schmelztigel der Berliner Theaterszene zu fördern. Caroline, die vom Schicksal durch den Selbstmord ihres Vaters, die daraus resultierenden Depressionen ihrer Mutter und das Großziehen ihres kleinen Bruders schon viel abbekommen hat, will ihr Glück beim Vorsprechen versuchen. Ebenso wie ihre Freundin Mia, die aus einer bekannten Berliner Theaterdynastie mit Villa am Wannsee stammt und als Schauspielerin ebenfalls Erfolge feiern will. Außerdem hat sie einen Blick auf den attraktiven Ben Behrens, Jungstar und Mädchenschwarm geworfen, der den Romeo geben soll. Caroline ergattert die Rolle durch ihre intensive und unpretentiöse Art zu spielen, während Mia gerade mal den Job als Maskenfrau und Garderobiere ausüben darf. Als Caroline eines Abends auf der Bühne alleine proben will steht plötzlich ein wunderschöner junger Mann vor ihr, der vorgibt "Romeo" zu sein und Johannes heißt - und der eine riesige blutende Wunde hat...
Nun kommt die zweite, fanatstische Ebene des Buches ins Spiel: das Theater an der Fasanenstraße wird von einem Geist bewohnt. Das ist Johannes, der hier 1935 auf der Bühne als Romeo während einer Aufführung von "Romeo & Julia" zu Tode kam. Wie das alles geschah und die Hintergründe seiner Geschichte sei dem Buch vorbehalten. Die zweite Ebene ist die Geschichte von Johannes und Caroline, ihre gemeinsame Zeit im Theater und auf der Bühne.
Die dritte Ebene ist die gegenwärtige Aufführung von "Romeo & Julia", für die geprobt wird.
Die vierte Ebene ist die der Vergangenheit - die Geschichte von Johannes, die sich vor und hinter der Bühne abspielt.
Wir haben also vier Ebenen, die prosaisch vermittelt werden müssen. Das ist gar nicht so einfach, aber Ellen Alpsten versteht es mit Bravour zwischen den vier Ebenen zu wechseln ohne das der Leser verwirrt ist.
Es ist ein Buch voller theatraler Referenzen, in dem viele Situationen und Personen gespiegelt werden und in dem Realität und Realität der Theaters bzw. des Schauspiels mitunter verschwimmen. Genau diese Intertextualität bzw. Intertheatralität macht für mich die Qualität und die Faszination dieses Jugendromans aus.
Die Wahl der Vergangenheitszeit ist sicher mutig, ist sie doch die dunkelste Zeit die Deutschland und Berlin durchstehen musste.
Diese Roman ist für mich eine der Entdeckungen dieses Sommers, den nicht nur 18jährige angehende Jungschauspieler lesen sollten. Chapeau Frau Alpsten, Sie haben mich nicht enttäuscht - im Gegenteil!

Vielen herzlichen Dank an vorablesen.de und den Coppenrath Verlag für das Rezensionsexemplar!

Meine Ausgabe: 
Verlag: Coppenrath
Erscheinungsjahr: 2013
Seiten: 412
ISBN: 978-3-649-61056-4

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