Vom Spiel mit dem Feuer zwischen den Jahren
Vorab: “Rauhnächte” von Ellen Sandberg erschien in anderer Form unter dem Klarnamen der Autorin, Inge Löhnig, bereits vor über zehn Jahren als Jugendroman. Die Geschichte forderte laut Nachwort “neue Perspektiven, verlangte mehr Tiefe, mehr Dunkelheit und mehr Reife.” (S. 344) Ich persönlich kannte sie noch nicht, da dies mein erstes Buch der Autorin ist.
Es geht um Pia, sie ist 22 und orientierungslos. Sie lebt bei ihren Eltern Kathrin und Paul in München-Haidhausen und theoretisch fehlt es ihr an nichts, außer einer liebevollen Kindheit, die sich in ihrer Erinnerung nicht einstellen will. Ihre Eltern kommen ihr stets distanziert vor, sie empfindet sich selbst als rothaarige Außenseiterin, die nur eine Freundin hat, Tami. Mit Männern hat sie auch nur eine einzige - negative - Erfahrung gemacht. An Weihnachten eskaliert die Situation in der scheinbar heilen Familie, als ihr Vater zugibt, dass er eine Affäre hat, diese schwanger von ihm ist und er sich von Kathrin trennen möchte. Während der zwölf Rauhnächte, die auf den Heiligen Abend folgen, wird Pias Welt komplett aus den Angeln gehoben. Sie muss ihre Identität neu finden und sich in Wasserburg am Inn und dem benachbarten Dorf Galsterried ihrer Vergangenheit stellen. Was ist hier vor 18 Jahren geschehen? Und: Hat die Tatsache, dass sie die Nachfahrin einer legendären “Hexe” ist, wirklich Einfluss auf die Gegenwart?
“Rauhnächte” ist ein Spannungsroman und ich muss sagen, die Geschichte hat mich wirklich in ihren Bann gezogen. Passenderweise habe ich sie auch während der Rauhnächte gelesen, was dem Ganzen einen zusätzlichen Kick gegeben hat. Hier findet sich alles, was wir mit dieser mystischen Zeit “zwischen der Zeit” verknüpfen: Eis und Feuer, Schnee und Kälte, Nebel und Dunkelheit, Perchten, Hexen, Aberglauben, “die wilde Jagd”. Ich fand es super, wie die Autorin diese ganzen Elemente ins erzählerische Geschehen eingebaut hat. Der Aufbau des Buches (Rauhnacht 1-12) hat mich überzeugt und auch die letztendliche Auflösung der Geschichte. Ich hätte es nicht gedacht.
Über manche Ausdrücke und Wendungen bin ich allerdings trotzdem “negativ gestolpert”. Wie zum Beispiel: “Ein sehnsuchtsvolles Ziehen setzte sich hinter Pias Brustbein.” (314) Erstens: wie kann sich ein Ziehen setzen? Und zweitens: Ich hatte noch nie ein “Ziehen” hinter dem Brustbein, schon gar kein sehnsuchtsvolles. Der Ausdruck kommt zweimal. Auch sonst sind manche Dialoge etwas hölzern, aber nicht so, dass es unlesbar wäre. Man merkt dem Buch an vielen Stellen an, dass es sich hierbei ursprünglich um einen Jugendroman handelte. Pia wirkt oft naiv und überschätzt sich. Auch bei den anderen Figuren hat es mir ein wenig an Tiefe gemangelt. Man merkt irgendwie, dass hier eine erwachsene Frau über eine verloren wirkende Zwanzigjährige schreibt.
Schön finde ich, dass die Geschichte vom “Fuxerl” von Ilona Picha-Höberth, die Inge Löhnig zu ihrem Roman inspiriert hat, hinten abgedruckt ist. Wirklich eine gute Idee. Dadurch versteht man den Roman und die ganzen Zusammenhänge noch besser. Das auf der allerletzten Seite des Buches ein Fuchs abgebildet ist, finde ich als kleines Gimmick sehr apart.
Alles in allem ist “Rauhnächte” von Ellen Sandberg aus dem Penguin Verlag ein toller Spannungsroman, der uns in den dunklen Stunden des Winters dazu ermahnt, auf jeden Fall im Warmen zu bleiben und nicht mit dem Feuer zu spielen. Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

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