Mittwoch, 4. Februar 2026

"Eine Frau zu sehen" von Annemarie Schwarzenbach

 


Eindringliche Kurzprosa einer Frühvollendeten


“Es ist beruhigend, den Hörer neben sich zu sehen, ich lächle ein wenig aus Dankbarkeit, denn was sind Möglichkeiten: Bedeuten sie nicht Verheißung, wenn man nur mutig ist, bedeuten sie nicht eine große Herrlichkeit des Willens” (Eine Frau zu sehen, S. 25)


Wie immer bei klassischen Werken gibt es statt einer Rezension einen Leseeindruck von mir. Heute ist er auch dem vorgestellten Buch entsprechend kurz, denn es ist eine Erzählung von nur 65 Seiten, der Anhang ist fast nochmal genauso lang.


Wenn man an Gott glaubt, könnte man mit Fug und Recht sagen, “er” hätte einen guten Tag gehabt, als er Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) erschaffen hat - einen sehr guten. Sie war wunderschön, stammte aus einer für damalige Verhältnisse schwerreichen Industriellenfamilie, sie war super intelligent und gebildet. Sie war mit den spannendsten Leuten aus der damaligen Kunst- und Kulturszene (u.a. Erika und Klaus Mann) befreundet. Sie war frei, um um die Welt zu reisen und in Paris zu studieren. Sie durfte schreiben und das Geschriebene sogar veröffentlichen. Und sie war lesbisch und das wurde auch - weitestgehend - akzeptiert, immerhin hatte auch ihre eigene Mutter Verhältnisse mit Frauen. Man sagt: “Only the good die young” und so musste auch Annemarie Schwarzenbach einen frühen Tod mit nur 34 Jahren infolge eines Fahrradunfalls und ihrer jahrelangen Drogensucht erleiden. 


Diese biografischen Infos sind wichtig, wenn man vorhat, “Eine Frau zu sehen” zu lesen, denn es ist eine autofiktionale Erzählung. Man kann davon ausgehen, dass die namenlose Ich-Erzählerin Schwarzenbach selbst ist. Sie ist in einem Ski-Resort, wahrscheinlich in St. Moritz und verliebt sich im schicken Hotel in eine Frau, Erna Bernstein. Es ist also eine Geschichte über Sehnsucht und Verlangen, denn die Ich-Erzählerin möchte Erna Bernstein, sie will sie mit jeder Faser ihres Herzens und jeder Zelle ihres Körpers. Und am Ende? Bekommt sie sie. 


“Eine Frau zu sehen” ist der Coming-Out-Text von Schwarzenbach, der bis in die 2000er Jahre unveröffentlicht und titellos blieb. Alexis Schwarzenbach, ein Nachfahre von Annemarie, hat ihn im Nachlass in Zürich entdeckt, bearbeitet und herausgegeben. Auch das Nachwort hat er geschrieben und dort wird auch erwähnt, dass der Text entfernt an den “Tod in Venedig” erinnere, nur mit positivem Ende. Auch ich habe in Schwarzenbachs melodischer Prosa Anklänge an den Altmeister der Melancholik wahrgenommen. Es ist wirklich ein wunderschöner kleiner Text, aber leider viel zu kurz. Dennoch kann ich ihn in dieser Winterzeit sehr empfehlen. Für alle, die sich für Coming-Out- und queere Texte generell interessieren, ist er sowieso ein Muss.


Den Text gibt es bei Kein und Aber.


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