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Donnerstag, 13. November 2025

"Mord im Böhmischen Prater" von Beate Maly

 



Wie immer ein Wiener Schmankerl in Buchform


Kurz bevor der zehnte Fall des historischen Wiener “Ermittlerpärchens” Anton Böck und Ernestine Kirsch erschienen ist, habe ich es jetzt endlich geschafft den letztes Jahr veröffentlichten neunten Band der von mir so geliebten Reihe zu lesen: “Mord im Böhmischen Prater”. Beate Maly ist eine Schnell- und Vielschreiberin und schafft es dabei gleichzeitig bravourös, eine gleichbleibende hohe Qualität abzuliefern: bewundernswert.


Wer die Reihe noch nicht kennt, sollte das als Krimi- und Histoliebhaber*in schnell nachholen und mit “Tod am Semmering” starten. Jedes Mal werden der Apotheker im (Un-)Ruhestand und die pensionierte Lateinlehrerin, die mittlerweile ein Liebespaar sind, in ihrer Heimatstadt Wien unfreiwillig in Kriminalfälle verwickelt. Das sehr zum Leidwesen von Antons Schwiegersohn Erich, der Kriminalpolizist ist. Und jedes Mal steht eine bestimmte Wiener Örtlichkeit (oder Sehenswürdigkeit) im Zentrum des Geschehens, was die Reihe neben den beiden ermittelnden Hauptpersonen meines Erachtens so “charmant” macht. Im Nachwort dieses Bandes schreibt Beate Maly: “Wien und seine Umgebung bieten noch zahlreiche wunderschöne Orte, an denen Verbrechen begangen werden können. Ich freue mich schon darauf, über sie schreiben zu dürfen.” Ein Ende ist also zum Glück noch länger nicht in Sicht, was mich als Fan der ersten Stunde besonders freut.


Nun also hat es Anton und Ernestine mit ihrer achtjährigen Enkelin Rosa an den Rand Wiens verschlagen. An einem sonnigen Nachmittag im Herbst 1925 (ja genau, also vor exakt 100 Jahren von heute aus gesehen) wollen sie ein wenig im “Böhmischen Prater” chillen, einem kleinen Bruder des Würstelpraters, der extra für die Arbeitenden in den benachbarten Ziegelfabriken als Erholungsgebiet geschaffen wurde, wie Maly schreibt. Rosa hat dabei vor allem die Ponys und das Karussell im Sinn, Anton die Mehlspeisen und Ernestine ist halt auch mit dabei. Dumm nur dass es mit dem Frieden vorbei ist, als Rosas Hund Minna sechs Jahre alte menschliche Knochen unter einem Pavillion ausgräbt. Stammen sie etwa von der wunderschönen Mizzy Nowotny, die spurlos verschwunden ist? Und was haben die Bewohner*innen des Böhmischen Praters damit zu tun? Zum Glück hat Ernestine jetzt auch wieder eine Beschäftigung.


Maly schafft es wieder mal wunderbar, ernste Themen wie die Traumata des 1. Weltkrieges, den aufkommenden Antisemitismus und das leidvolle Leben der “Ziegelböhm”, wie die Arbeitenden der Ziegelfabriken genannt wurden, mit der unterhaltsamen Cosy-Crime-Handlung um Anton und Ernestine zu verbinden. Auch wenn ich diesmal schon wieder kurz nach der Hälfte etwa einen richtigen Verdacht hatte, wer die Tat(en) begangen haben könnte, war dieser Histo-Krimi wie immer spannend bis zum Schluss. Man weiß einfach mittlerweile, was man bei dieser Reihe bekommt: einen unterhaltsamen, kurzweiligen, sehr gut recherchierten und damit lehrreichen Roman, der mir ähnlich gut geschmeckt hat wie Anton die Powidltascherl von Frau Benesch. Und der mich dazu animiert hat, sofort mit dem nächsten Band - “Mord im Planetarium” - weiterzumachen. 


Herzlichen Dank an den emons Verlag für das Rezensionsexemplar!


Sonntag, 22. Dezember 2024

"Mord im Stadtpalais" von Beate Maly


Historischer Weihnachtskrimi mit Flair

Für mich ist Beate Maly schon seit vielen Jahren die Queen des unterhaltsamen Historienromans. Oft sind ihre Romane historische Krimis, die wiederum sehr oft ihre Heimatstadt Wien als Schauplatz des Geschehens haben. Ich persönlich liebe die Reihe um Ernestine Kirsch und Anton Böck, in der es ein älteres Paar immer wieder mit Mordfällen zu tun bekommt. Aber Maly hat noch viel mehr im Repertoire und kann definitiv schneller schreiben als ich dazu komme, ihre Bücher zu lesen. Ich kenne kaum eine schreibende Person, die produktiver ist als sie.

Der vorliegende “Weihnachtskrimi” ist diesmal kein Teil einer Reihe, sondern ein eigenständiges Buch. Wir befinden uns natürlich in Wien, im Dezember 1910. Vom Elend in der Vorstadt ist in der Wiener Innenstadt mit ihrer prachtvollen neuen Ringstraße und Prestigebauten wie dem Eislaufverein - der im Roman auch eine Rolle spielt - vor wunderbarer Kulisse, nichts zu merken. Diesmal tauchen wir mit dem Fall in die vornehmen Kreise Wiens ein. Das Mordopfer ist ein reicher älterer Tabakfabrikant namens Steinhäusel, der in seinem dekadenten Stadtpalais in der altehrwürdigen Herrengasse - in nächster Nähe zur Hofburg - während der Adventszeit seine gesamte Familie mit Anhang empfängt. Ganz im Geiste der vor einigen Jahren verstorbenen ersten Frau Steinhäusel, die die Weihnachtszeit liebte und ihre Familie während dieser um sich scharen wollte. Protagonistin des Romans ist die böhmische Köchin Mila, die seit ihrem zehnten (!) Lebensjahr in Wien arbeitet. Mittlerweile ist sie über Fünfzig und spürt die jahrelange harte Arbeit in ihren Knochen. Mila arbeitet erst seit wenigen Monaten im Palais Steinhäusel, wo sie für das leibliche Wohl der Herrschaften zuständig ist. Allerdings darf der Hausherr keinen Zucker essen und auch dessen neue Ehefrau, eine ehemalige Schauspielerin, verzichtet auf Milas Mehlspeisen, achtet sie doch auf ihre schlanke Linie. Gut, dass es bereits zwei Enkelkinder gibt, die gerne naschen. Als der Hausherr nach dem Genuss zweier zuckerfreier "Marillentascherl" tot umfällt, bricht ein Familienstreit um das Erbe aus. War es vielleicht doch Mord? Mila und nette Kommissar Felix Zack, der aussieht wie der Nikolaus, ermitteln.

“Mord im Stadtpalais” ist ein sehr atmosphärischer, ruhiger Krimi. Maly versteht es wunderbar, die historischen Weihnachtsbräuche lebendig werden zu lassen. So bekommen die Kinder z.B. Nikolausstiefel, die mit traditionellem Naschwerk, Früchten und Nüssen befüllt werden. Man riecht beim Lesen förmlich die weihnachtlichen Gerüche, die die Küche des Palais ausstrahlt. Historisches Setting kann Beate Maly aus dem EffEff. Genauso wie ausführliche Charakterisierungen, bei denen die Figuren bis ins kleinste Minenspiel Gestalt annehmen. Sie hat einen besonderen Schreibstil, den ich unter Hunderten anderen blind wiedererkennen würde. Die Figur des Felix Zack und dessen traurige Geschichte gehen absolut ans Herz. Schön dass es Hoffnung für ihn gibt und er jetzt einen “Gankerl” hat. Hier wird das weihnachtliche Bedürfnis nach Harmonie und Glück für alle befriedigt, was für die zerstrittene Familie Steinhäusel natürlich nicht gegeben ist.

Der Krimi ist ähnlich gestrickt wie die von Agatha Christie - am Ende gibt es die Auslösung, bei der alle Verdächtige zugegen sind. Und anders als Beate Maly zunächst dachte - wie sie im Nachwort sagt - passen Weihnachten und Krimi sehr wohl zusammen. Für alle die historische Wohlfühlkrimis mögen, ein absolutes Muss.

Herzlichen Dank an den Emons Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sonntag, 19. November 2023

"Der Tod kommt nach Pemberley" von P. D. James


Man stelle sich vor, man könnte von den Figuren der Weltliteratur auch noch nach dem Ende ihres Klassikers etwas erfahren. Man könnte eine Vorstellung davon bekommen, wie sie sich in einer alternativen Romanwirklichkeit weiterentwickeln würden. Natürlich trifft das nur auf jene Figuren zu, die kein tragisches Ende erleiden und das sind nicht allzu viele. Die Romane von Jane Austen zumindest enden meist mit einer Verlobung oder Hochzeit. Aber danach? Wie geht es mit den frisch vermählten Figuren weiter? Bekommen sie Kinder, werden sie glücklich oder begehen sie Seitensprünge, häufen Spielschulden an oder lassen sich gar scheiden?

In “Der Tod kommt nach Pemberley” hat die Thriller-Autorin P. D. James (1920-2014) den sehnlichsten Wunsch vieler Janes-Austen-Fans Realität werden lassen und ein Sequel zu “Stolz und Vorurteil” geschrieben. Wir schreiben das Jahr 1803 und Elizabeth und Mr. Darcy sind glücklich verheiratet und Eltern von zwei kleinen Söhnen. Sie leben auf Pemberley, dem stattlichen Herrenhaus der Familie Darcy. Als der jährliche Herbstball ansteht, reisen u.a. Elizabeths geliebte Schwester Jane und ihr Mann Bingley an, die auch bereits dreifache Eltern sind. Als plötzlich die aufgelöste andere Schwester Lydia, Frau von Darcys Erzfeind Mr. Wickham, vor der Tür steht, überschlagen sich die Ereignisse. In den Wäldern wird ein betrunkener Wickham neben einem erschlagenen jungen Offizier gefunden, dem Begleiter des Ehepaars. Sollte Lady Catherine de Bourgh, Mr. Darcys hochnäsige Tante, mit ihrem berühmten Ausspruch recht behalten: “Are the shades of Pemberley to be thus polluted?”

Die Wälder von Pemberley spielen in diesem Roman eine wichtige Rolle. Sie sind nicht nur Schauplatz des aktuellen Verbrechens, sondern auch von mysteriösen und tragischen Ereignissen in der Vergangenheit. Mr. Darcys Urgroßvater lebte einst als Einsiedler im Wald von Pemberley, in einem Cottage zusammen mit seinem Hund. Als dieser alt und krank war, erschoss er den Hund und sich. Dem Wunsch, gemeinsam in den Wäldern bestattet zu werden, wurde von Seiten der Familie nicht nachgekommen. Dieser und ein anderer mysteriöser Vorfall haben den Wäldern einen schlechten Ruf eingebracht und es wird sogar gemunkelt, es würde darin spuken. 

Mit der Figur des niederträchtigen Wickham bietet sich “Stolz und Vorurteil” geradezu für ein Krimi-Sequel an. Wickham ist der Sohn des Verwalters von Mr Darcys Vater, sie sind praktisch wie Brüder aufgewachsen. Mr. Darcy bezeichnet ihn als “undankbar, neidisch, lügnerisch und hinterlistig”, dabei “gutaussehend und hat angenehmene Umgangsformen” (S. 190). Aber wäre er wirklich in der Lage, jemanden zu töten? Darum geht es im Endeffekt: Hat der fiese Wickham das Verbrechen begangen oder jemand anders?

“Der Tod kommt nach Pemberley” ist ein schönes Wiedersehen mit alten Bekannten. Super fand ich u.a. dass Mr. Bennett, der Vater der fünf Bennett-Töchter, im Roman auftaucht. Er ist sozusagen der “Bücher-Sachverständige”: Er sorgt z.B. bei den Bingleys dafür, dass “kein Buch dem Übereifer der Hausmädchen zum Opfer fiel” und erstellt “eine Liste der zu erwerbenden Publikationen”. Auf jeden Fall wäre Mr. Bennett heute bei #Bookstagram.

Was die Sprache betrifft, so passt sich P.D. James Jane Austens Sprachduktus perfekt an. Auch in der Übersetzung Michaela Grabingers wird dies deutlich. 

Im Roman ist mir auch ein intertextueller Verweis auf einen anderen Jane-Austen-Roman bzw. ein “Easter Egg” aufgefallen. Und zwar wird auf S. 233 gesagt, dass Wickham eine Anstellung beim Baronet Sir Walter Elliott hatte, dessen Tochter Anne sich erst kürzlich mit einem wohlhabenden Kapitän, nunmehr Admiral, verheiratet habe - ein ganz klarer Verweis auf Austens Roman “Persuasion”. Hier überschneiden sich zwei Romanwelten, sowas finde ich immer ganz toll.

Für alle Fans von Jane Austens Büchern, In-Mr-Darcy-Verliebte und Leser*innen von historischen Krimis, kann ich dieses Buch sehr empfehlen.


Freitag, 27. Oktober 2023

"Die Geister von Triest" von Christian Klinger


"Die Geister von Triest" ist der zweite Band der historischen Krimireihe um den jungen Ispettore Gaetano Lamprecht von der Triestiner Kriminalpolizei, der mit seiner italienisch-österrreichischen Familie in Triest lebt und arbeitet. Triest, die Hafenstadt an der Adria, gehörte im Jahr 1914, in dem die Reihe beginnt, noch zum Österreichisch-Ungarischen Kaiserreich. Der zweite Band zieht eine Spanne vom August 1914, drei Wochen nach der Handlung von "Ein Giro in Triest", bis zum Mai 1915. 

Im Herbst 1914 ereignet sich der Mord an einer alten Frau, die im Bett ihres Hauses tot und mit Kreuzen in der Haut übersät aufgefunden wird. Gaetano muss in diesem obskuren Fall ermitteln. Er wird dabei mit Aberglauben, Flüchen aus der Vergangenheit, Riten, mysteriösen Artefakten und vielem mehr konfrontiert, was den eher nüchternen Ermittler zeitweise ganz schön aus dem Konzept bringt. Dabei hängt über allem das Damoklesschwert der Einberufung zum Militär, der der Offizier der Reserve nur allzu gern entgehen möchte. Wird er den Fall noch rechtzeitig lösen, bevor er vielleicht in den Krieg, dessen Ausgang sehr ungewiss ist, ziehen muss?

"Die Geister von Triest" ist ein klassischer Ermittlerkrimi, denn alles dreht sich um Gaetano und sein Leben. Es geht um seine Gedanken und Handlungen in Bezug auf Familie, Liebe & Beziehungen, zu Identität, Heimat und Vaterland, sozialen Fragen, den Radsport (hier nicht so stark thematisiert wie in Band 1) und natürlich auch zum noch jungen Krieg, dem in der Handlung überpräsenten Thema Nr. 1. Auch was den Fall betrifft, haben wir es hier mit einem Krimi zu tun, in dem es hauptsächlich darum geht, wie der Ermittler den Fall löst. Wer die Tat(en) ausgeführt hat, wird relativ schnell klar. Es gibt auch nur wenige Verdächtige, weswegen man den Roman nicht als klassischen "Whodunit" bezeichnen kann. Die Beschaffenheit des Falls an sich ist eher komplex, was ich wirklich gut, aber auch etwas herausfordernd fand.

Was mir sehr gefallen hat, ist die Darstellung der historischen Situation, die rund um den Protagonisten aufgebaut wird. Man bekommt wirklich einen klaren Einblick in dieses Triest zu Anfang des 1. Weltkriegs, ein Schmelztiegel der Nationen, in dem die unterschiedlichsten Kräfte und Gruppierungen mit- und gegeneinander walten. Die sozialpolitische Lage, die sich kurz nach Kriegsbeginn (der Krieg wurde zum Zeitpunkt der Handlung noch als absehbar angesehen) eröffnet, wird vom Autor wirklich sehr präzise eingefangen. Zum Beispiel, dass Frauen nun statt der männlichen Polizeibeamten, die einberufen wurden, deren Aufgaben im Büro übernahmen, ihnen aber oftmals nicht mehr als Kaffeekochen zugetraut wurde. 

Was mir nicht so gut gefallen hat, waren die langen Kapitelüberschriften, die schon ein wenig von der Handlung vorwegnehmen. Außerdem fand ich, dass die Krimihandlung selbst etwas stark auf Zufällen basierte, zum Beispiel dass Gaetanos sympathische Schwester Adina just zu dem Zeitpunkt ein gesteigertes Interesse für die Etrusker im Geschichtsunterricht entwickelt, wo es doch im Mordfall um eine etruskische Statuette geht. Der Titel verspricht auch ein wenig mehr Gruselatmosphäre, als ich tatsächlich vorfinden konnte (und ich bin wirklich sehr leicht zu gruseln). Mich hat es dementsprechend auch nicht so gestört.

Alles in allem aber ein schöner historischer Krimi einer interessanten Reihe, deren dritter Band im Vorsatz für 2024 bereits angekündigt wird.




Donnerstag, 7. September 2023

"Die Erfindung des Lächelns" von Tom Hillenbrand


Obwohl ich selbst schon wie Millionen andere im Louvre vor der "Mona Lisa" stand und versucht habe, einen Blick durch die Menschenmenge auf sie zu erhaschen, habe ich mir nie wirklich Gedanken über die Provenienz des wohl berühmtesten Gemäldes der Welt gemacht. Dass Napoleon sie in seinem Schlafzimmer aufhängen ließ und dass sie 1911 gestohlen wurde und zwei Jahre lang als verschollen galt, wusste ich bis vor Kurzem gar nicht. Anscheinend war es der Raub, durch den die "Gioconda" den Status des berühmtesten Gemäldes der Welt erst endgültig manifestierte.

Tom Hillenbrand, den ich bislang nur von seinen Kulinarik-Krimis kannte, hat dieses Ereignis zum Zentrum seines historischen Romans gemacht.
Wie er im Nachwort sagt, orientierte sich der Autor am tatsächlichen Geschehen rund um den Raub. So erzählt er aus der Perspektive des Diebes, des italienischen Handwerkers Vincenzo Perrugia. Dieser arbeitete manchmal als Glaser im Louvre. Diese Gelegenheit und die Überzeugung, dass das Bild in sein Heimatland Italien gehöre, machten ihn zum Dieb.

Der Autor versammelt in seinem ambitionierten Gesellschaftsroman illustre Künstlerpersönlichkeiten der Realhistorie. Manchen begegnen wir nur flüchtig, wie Amedeo Modigliani, George Braques oder Henri Matisse. Sie sind in der Handlung lediglich Statisten. Ein anderer aber, ungleich berühmterer Maler, ist Protagonist, nämlich der 1911/1912 noch ganz junge Pablo Picasso. Zusammen mit dem Dichter Guillaume Apollinaire, der ebenfalls als Figur vorkommt, wurde er tatsächlich des Raubes der "Mona Lisa" verdächtigt.

Auch die Tänzerin Isadora Duncan ist eine Protagonistin im Roman. Sie beginnt eine Affäre mit der russischen Schneiderin Jelena, die außerdem Kommunistin ist. Jelena wird Mitglied der "Bonnot Bande", die 1911/1912 tatsächlich anarchistische Anschläge in Frankreich begann.

Hillenbrands Protagonisten und Protagonistinnen stellen sich existenziell bedeutsame Fragen: Was ist der Preis des Kampfes um eine gerechte Verteilung aller Güter? Imitiert das Leben die Kunst oder ist es umgekehrt? Welchen Wert haben unverkäufliche Bilder? Und: Sollte ich nicht lieber weniger Absinth trinken? ;-)

Der Aufhänger, Raub der "Mona Lisa", befindet sich in diesem Roman im Spannungsfeld sehr vieler Themenbereiche, die angeschnitten werden. Zunächst wären da die "-Muse(n)": Anarchismus/Kommunismus, Okkultismus/ Spiritismus, Expressionismus/Kubismus. Dazu kommen noch der Ausdruckstanz, den Isadora Duncan betreibt sowie die neuesten Verfahren der Kriminologie wie die Bertillionage. Außerdem geht es um die Museumsgeschichte des frühen 19. Jahrhunderts (Zustand des Louvre, Verfahren der Museologie), Schriftstellerei, Journalismus und Wirtschaftsgeschichte der Zeit.
Es werden also sehr viele Themenbereiche hier in den Raum bzw. den Roman geworfen. Das fand ich teilweise ein bisschen "too much". Alles wird nur angerissen und nicht wirklich ausgezählt, obwohl der Roman sehr lang ist. Manches hätte ich gerne noch eingehender verfolgt, vieles halte ich für redundant. 

Obwohl es um einen Raub geht, es (Spoiler) einige Tote gibt und allerlei Verbrechen und es mit Juhel eine Ermittlerfigur als Protagonisten gibt, würde ich "Die Erfindung des Lächelns" nicht im eigentlichen Sinne als historischen Krimi bezeichnen. Es ist in meinen Augen vielmehr ein "historischer Gesellschaftsroman noir". 

Man merkt, dass in diesem Buch sehr viel Herzblut und Recherchearbeit stecken. Mit Sicherheit geht man aus der Lektüre klüger heraus, als man zuvor gewesen ist. Wer gerne romanhafte Wimmelbücher mit sehr viel "Überbau" liest, dem sei dieser - in meinen Augen mit Themengebieten überfrachtete - opulente Roman empfohlen. Literarischen Minimalisten würde ich aber eher sagen: Finger weg vom Mammutwerk über "La Gioconde"!



Samstag, 5. August 2023

"Ein Giro in Triest" von Christian Klinger


Triest, Hafenstadt am äußersten Eck Norditaliens, umschlossen von Slowenien, gehörte im Jahr 1914 zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Die Stadt war mit ihrer Bevölkerung, die sich aus Österreichern, Italienern sowie Slowenen, Kroaten, Slowaken, etc. zusammensetzte, ein Schmelztiegel der Kulturen. Nicht alle fühlten sich unter dem österreichischen Doppeladler heimisch, weswegen es immer wieder zu Aufständen kam. Vor allem die italienische Bevölkerung wollte Triest wieder in Italien sehen. Dies ist die Situation Ende Juni 1914 und hier beginnt auch die Handlung von "Ein Giro in Triest". 

Commissario Gaetano Lamprecht ist Ende zwanzig, er hat eine italienische Mutter und einen österreichischen Vater, spricht sowohl Italienisch als auch Deutsch perfekt. Er ist in Triest geboren, die Familie zog aber nach Wien, als er zehn Jahre alt war. Seit eines Vorfalls während seines Studiums der Rechtswissenschaften - der sich im Lauf der Handlung aufklärt - lebt die Familie wieder in Triest und Gaetano ist Polizist statt Rechtsanwalt geworden. Seine Leidenschaft gehört seinem Bianchi-Fahrrad, mit dem er leidenschaftlich gern seine Bahnen zieht.

In "Ein Giro in Triest" sieht sich Lamprecht mit dem vermeintlichen Selbstmord eines Soldaten konfrontiert und kurz darauf auch mit dem Attentat von Sarajewo, wo der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin am 28.6.1914 ermordet werden…

Ich fand es spannend mal einen Histo-Krimi zu lesen, der in Triest spielt. Die aufgeladene Atmosphäre kurz vor dem Ersten Weltkrieg wird sehr gut dargestellt. Auch den Protagonisten und seine Familie mochte ich sehr gerne, vor allem die Geschichte des geheimnisvollen Onkels ging ans Herz. Die Handlung war spannend, mit vielen Wendungen und einigen actiongelandenen Szenen. Ende August erscheint schon der zweite Teil, "Die Geister von Triest". 


Freitag, 28. April 2023

"Der treue Spion" (Gryszinski 3) von Uta Seeburg


"(K)eine große Sache" - Die Affaire Fouqué

Wer bereits die ersten beiden Bände um Major Wilhelm Freiherr von Gryszinski gelesen hat, wird wie ich sicherlich schon gespannt auf diesen dritten Band gewartet haben. Tatsächlich ist seit dem (vorab) Erscheinen von Band 2 ("Das wahre Motiv") nur ein knappes Jahr vergangen. Diese Tatsache lässt mich staunend und der Autorin Uta Seeburg absoluten Respekt zollend zurück, ist doch "Der treue Spion" sowohl was das Erzählerische als auch die Recherchearbeit und historische Authentizität angeht wieder von allerhöchster Qualität.

Diesmal begleiten wir den preußischen Ermittler in München bei einer äußerst delikaten politischen Mission. Ein französischer Diplomat namens Henri Fouqué ist über Nacht spurlos verschwunden, sein letzter Aufenthaltsort war das Münchner Luxushotel "Vier Jahreszeiten". Dort logiert auch ein dubioses russisches Paar, das sich äußerst verschwenderisch verhält und auffällig agiert. Natürlich lässt auch ein Mord im Dunstkreis des Verschwindens Fouqués nicht lange auf sich warten. Im Zuge dessen begleiten wir Gryszinski und seine Gattin diesmal sogar bis nach Paris (und später sogar noch weiter). Während wir im letzten Band mit den Gryszinskis tief in die Kunst- und Kulturszene Schwabings abgetaucht sind, ziehen wir jetzt mit ihnen u.a. durch die Pariser Literaten- und Künstlercafés. Dabei treffen der "Feierabend-Bohemien" und seine schreibende Ehefrau auf Größen der französischen Literatur wie Émile Zola und Marcel Proust. Ich finde es kann - wenn es wie hier gut gemacht ist - immer eine besondere Dynamik entstehen, wenn fiktive Personen auf historische Persönlichkeiten treffen. Hier hat die Autorin es sich nicht nehmen lassen, dass Marcel Proust sich von Gryszinski zu nichts weniger als seinem literarischen Lebenswerk inspirieren lässt. Das ist weder wahr noch bringt es den Plot in irgendeiner Weise weiter, aber es entlockt manchen Literaturkundigen unter den Lesenden sicher ein kleines Schmunzeln.

Überhaupt Literatur und literarisches Schreiben: Man merkt einfach, dass Uta Seeburg promovierte Germanistin und mit der Literatur des späten 19. Jahrhunderts bestens vertraut ist. Ihre Prosa wirkt nicht wie eine Heutige, sondern sie schreibt wie ein/e Autor/in des literarischen Realismus. Mir fallen Flaubert, Fontane oder auch der junge Thomas Mann ein, mit denen ich ihre Prosa vergleichen möchte. Man merkt einfach nicht, dass hier eine Autorin des 21. Jahrhunderts auf 1896/1916 blickt und das spricht absolut für Uta Seeburg denke ich.

Apropos 1916. Ja, diesmal haben wir es nicht nur mit einer, sondern mit zwei erzählten Zeitebenen zu tun - sehr spannend, wie ich finde. Einmal eben die Geschehnisse um den ermittelnden Gryszinski im Jahr 1896 und dann wird abwechselnd parallel aus der Perspektive seines Sohnes Fritz erzählt. Dieser ist im Jahr 1916 an der Front in Verdun, mitten im Ersten Weltkrieg, als Meldegänger rekrutiert. Von dort aus wird er als Spion auf eine abenteuerliche Reise quer durch Europa geschickt, wo er nichts weniger als die Affaire Fouqué zwanzig Jahre nach ihrem Geschehen nochmal aufarbeiten muss. Dabei gerät er selbst in große Gefahr…

Eigentlich sind Spionageromane nicht so wirklich mein Ding. Das ganze Bespitzeln, Misstrauen und Versteckspiel muss ich eigentlich nicht haben. Aber: Uta Seeburg hat mich vom Gegenteil überzeugt. Sie kann halt einfach erzählen. Und mit Gryszinski hat sie einen so sympathischen Protagonisten erschaffen, dass wir uns einfach eine immer neue "Topfrunde" mit ihm wünschen. Und Frau Brunner, die wie immer aus dem Nichts auftaucht, mahnend guckt und sich insgeheim freut, dass ihre Speisen so gut ankommen.

Herzlichen Dank an Harper Collins Germany und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!



Donnerstag, 13. April 2023

"Der Kuss des Kaisers" von Christine Neumeyer


Gerade ist ja die digitale Ausstellung "Klimts Kuss" in aller Munde. Wer sich auch auf literarischer Ebene mit dem Künstler und seinem wohl berühmtesten Werk befassen möchte, dem sei Christine Neumeyers historischer Krimi "Der Kuss des Kaisers" empfohlen. Der (historisch verbürgte) Ankauf des Bildes durch die österreichische k. u. k. Monarchie im Jahr 1908 bildet die Rahmenhandlung und den Aufhänger für die fiktive Krimihandlung. Ein Schauplatz des Romans und "Tatort" des Verbrechens ist das Wiener Schloss Belvedere, in dessen Kunstgalerie das Bild seit dem Ankauf und bis heute hängt. Man erfährt bei der Lektüre viel über die Provenienz des Bildes und die historischen Umstände des Ankaufs. Der "alte" Kaiser Franz Joseph war damals noch an der Macht und im Gegensatz zu seinem designierten Nachfolger Franz Ferdinand war er modernen Künstlern wie Klimt durchaus aufgeschlossen, daher auch der Titel des Romans. 

Was mir sehr gefallen hat an diesem Roman ist der Spannungsaufbau im ersten Drittel. Der Mord passiert nicht etwa ganz am Anfang, sondern die Geschichte baut sich langsam auf und wir lernen bereits das Opfer relativ gut kennen, bevor wir wissen um wen es sich handelt. Es schwant einem bei der Lektüre der ersten Kapitel dass etwas Unheilvolles in der Luft liegt, so wie im Herbst 1908 wo die Handlung spielt, der Erste Weltkrieg bereits seine Schatten auf das allmählich aussterbende Kaiserreich wirft. Auch wenn man gar nicht wissen würde, dass es sich um einen Krimi handelt, würde man denken: hier passiert gleich was.

Neumeyers sympathische Ermittlerfigur Pospischil hat mir schon im ersten Band der Reihe ("Der Offizier der Kaiserin") ausnehmend gut gefallen. Seit den Geschehnissen um Kaiserin Sisi im Marchfeld sind mittlerweile 10 Jahre ins Land gezogen und der "geheime Kriminalermittler in Angelegenheiten zum Schutz des Hauses Habsburg und der Monarchie" steht nunmehr kurz vor der Pensionierung. Dem gutmütigen Kriminaler steht in diesem Band auch ein Hund zur Seite, was für ein paar wenige warme Momente in der sehr düsteren Handlung sorgt. Auch durch Pospischils liebevolle Beziehung zu seiner Schwester Gerti blitzt etwas Menschlichkeit durch. Der Schlagabtausch der beiden ist höchst amüsant und wirkt zeitgenössisch authentisch, auch wenn die Enge der Beziehung der beiden partnerlosen Geschwister im fortgeschrittenen Alter für heutige Augen doch etwas merkwürdig anmutet. Neben Pospischil lernen wir auch seinen jungen Kollegen Frisch besser kennen. Ich könnte mir aufgrund des Epilogs gut vorstellen, dass wir in den nächsten Bänden der Reihe - sollte es sie denn hoffentlich geben - Frisch an Pospischils Stelle sehen. Allerdings hoffe ich dass Pospischil "Sidekick" bleibt und aus der Rente heraus Frisch assistierend weiter ermittelt - so ganz möchte ich mich noch nicht von ihm trennen.

"Der Kuss des Kaisers" zeichnet ein perfektes Portrait des morbiden Wien und kommt alles in allem recht düster, blutig, abgründig und fast nihilistisch daher. Die Härte und Flüchtigkeit des Daseins wird durch die herbstliche Atmosphäre einmal mehr betont. Sie macht auch vor den Mächtigen auf der vermeintlichen Sonnenseite des Lebens nicht halt (Trigger-Thema: Totgeburt). Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Herzogin Sophie, kommen als handelnde Figuren im Roman vor. Weil man weiß dass die beiden 1914 beim Attentat von Sarajevo, das den Ersten Weltkrieg auslösen wird, umkommen werden, gibt das dem Ganzen einen noch unheilvolleren Anstrich.

Während der erste Band der Reihe rund um Kaiserin Elisabeth eher in die Richtung historischer "cosy Krimi" tendiert, hat mich "Der Kuss des Kaisers" mit seiner deprimierenden Grundstimmung und plakativen Blutrünstigkeit doch etwas überrumpelt. Ich hatte aufgrund des Vorgängers einfach etwas anderes erwartet. Nichtsdestotrotz ist "Der Kuss des Kaisers" ein sehr gut geschriebener und exzellent recherchierter historischer Krimi mit einem spannenden Plot. Jeder, der das Wien des Fin de Siècle um 1900 feiert, wird auch diesen Roman sehr mögen.

Herzlichen Dank an die Agentur Buch Contact und den Wiener Picus Verlag sowie natürlich Christine Neumeyer für das Rezensionsexemplar.



Sonntag, 15. November 2020

"Die Sünden der Gerechten" von Peter Tremayne

 

Mord und Totschlag im Irland des 7. Jahrhunderts

"Die Sünden der Gerechten" ist mittlerweile der sage und schreibe einunddreißigste Band in der Reihe um Schwester Fidelma von Cashel. Das Besondere an dieser Krimireihe ist, dass sie sich im Irland des 7. Jahrhunderts nach Christus abspielt. Irland befindet sich zu dieser Zeit in einem noch immer frühen Stadium der Christianisierung, wobei der alte keltische bzw. heidnische Glaube noch von vielen praktiziert wird. Langsam kommt auch die neue Lehre aus Rom dazu, der Katholizismus, der dem Urchristentum viele Änderungen und Gesetze überstülpt. Um religiösen Fanatismus und die widerstreitenden Glaubensrichtungen geht es auch in diesem Roman. Vor allem aber um Allzumenschliches, nämlich Rache und Habgier.

Diesmal spielt sich die Handlung in dem kleinen irischen Dorf Cloichin ab. Fidelma und Eadulf kommen zufällig dazu, als ein vermeintlicher Vierfachmörder von einem aufgebrachten Mob auf Anordnung des Predigers Bruder Gadra gehenkt werden soll. Bei dem Mann handelt es sich um einen Wanderarbeiter, der mit seiner Familie nur eine Nacht auf dem Bauernhof des Mordopfers Adnán verbrachte. Am Morgen wurden der Bauer, seine Frau und seine beiden Söhne ermordet aufgefunden. Schwester Fidelma und Eadulf können den Tod des Wanderarbeiters verhindern und beginnen im Dorf zu ermitteln, wobei die dunklen Geheimnisse und menschlichen Abgründe der Dorfbewohner langsam zu Tage treten.

Die Hauptfigur der Reihe, die keltische Nonne Fidelma, ist eine toughe Frau, die ihren Weg geht und vor allem an eins glaubt: Gerechtigkeit. Schließlich ist sie auch eine Dàlaigh, eine Art Anwältin des Königs, der ihr Bruder ist. Fidelma ist eine analytisch agierende Ermittlerin, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lässt. Ich bin ihr leider erst in diesem dreißigsten Band begegnet, deshalb kann ich zu ihrer Charakterentwicklung innerhalb der Reihe nichts sagen. Eadulf, ihr Partner und Gefährte, ist mehr der Typ Dr. Watson. Er wartet erst ab, welche Ermittlungsrichtung Fidelma einschlägt und gibt dann seine Meinung kund. Die anderen Figuren des Romans kommen etwas stereotyper daher, aber das ist bei einem solchen Krimi meiner Meinung nach auch in Ordnung.

Ich finde der Autor beschreibt die Dynamik in diesem frühmittelalterlichen Dorf, in dem jeder ein Geheimnis zu haben scheint, sehr gut. Die Fronten sind ziemlich verhärtet und fast alle Bewohner haben ihre eingefahrenen Meinungen bzw. unverbrüchlichen Vorurteile über Andersdenkene, Andersgläubige, Fremde und sonstige Außenseiter der Gesellschaft. Aber auch die etablierten Dörfler bekommen ihr Fett weg. Es herrschen Neid und Missgunst. Umso erfrischender sind die vorurteilslosen Ermittlungen Fidelmas, die die Menschen nur nach ihren Taten und ein Verbrechen anhand der Beweise beurteilt.

Dass der Autor Historiker ist merkt man an einigen Stellen überdeutlich. Er lässt zahlreiche historische Ereignisse und Fakten der Rechts- sowie der Religionsgeschichte in die Gespräche der Figuren mit einfließen. Außerdem geht es oft um das irische Rechtssystem des 7. Jahrhunderts nach Christus. Für den unkundigen Leser (wie ich einer bin) muten diese Rechtsbegriffe und juristischen Konzepte eher exotisch an. Ich habe mich damit schwer getan und fand die Stellen sehr langatmig. Für einen Krimi ist das Buch mit fast 500 Seiten relativ lang und die Handlung nimmt auch erst im letzten Drittel so richtig an Fahrt auf. Ich hatte immer wieder Probleme die vielen keltischen Namen auseinanderzuhalten, von den Rechtsbegriffen wie schon gesagt ganz zu schweigen. Am Anfang findet sich zwar ein Personenverzeichnis, das ich als Leserin des Ebooks aber nicht so richtig nutzen konnte.

Nichtsdestotrotz gefällt mir diese historische Krimireihe, die meiner Meinung nach auch für Neueinsteiger geeignet ist, ganz gut und vor allem die starke Hauptfigur Schwester Fidelma. Ob ich noch weitere Bände der Reihe lesen werde, weiß ich noch nicht.

Herzlichen Dank an den Aufbau Verlag und netgalley für das digitale Rezensionsexemplar!

Nähere Infos zum Buch und zur Reihe (Klick aufs Cover):


Dienstag, 22. September 2020

"Das Verschwinden des Dr. Mühe" von Oliver Hilmes

 

Spannender "True-Crime-Histo"

Es ist der Juni des Jahres 1932, als der angesehene und gut situierte 34-jährige Berliner Allgemeinarzt Dr. Erich Mühe nach einem nächtlichen Ausflug an den Sacrower See in Potsdam spurlos verschwindet. Er hinterlässt seine Ehefrau Charlotte und viele Fragen. Zahlreiche Merkwürdigkeiten und widersprüchliche Zeugenaussagen ranken sich um sein Verschwinden. Was das für Dinge sind, kann ich hier nicht näher ausführen, denn von diesen "Enthüllungen", die im Laufe der Zeit ans Licht kommen, lebt das Buch. Dennoch sollte der geneigte Leser wissen, dass sich das Verschwinden des Dr. Mühe bis dato nicht aufgeklärt hat. Ein "Cold Case" par excellence also, den wir hier vor uns haben.

Hilmes erzählt seine "Kriminalgeschichte", wie es im Untertitel heißt, im Dokumentarstil. Wie ein reiner Beobachter des Geschehens beschreibt der Erzähler jedes Detail der Spurensuche rund um das Verschwinden Mühes. Die Ermittlungen leiten Kommissar Ernst Keller und sein Assistent Schneider. Sie bewerten das Geschehen durch ihre Sicht und tappen wie der Leser dieser fiktiven Dokumentation zunehmend im Dunkeln. Hilmes hat die "Akte Mühe", die vornehmlich aus Verhörprotokollen und Notizen besteht, ausgewertet und in eine erzählerische Form gebracht. Wer mehr über das Verhältnis zwischen fiktionalen und historisch belegten Elementen sowie den realen Figuren im Buch wissen möchte, dem sei die Website www.doktormuehe.de ans Herz gelegt.

Immer wieder streut der Erzähler tagesaktuelle gesellschaftspolitische Ereignisse sowie Schlagzeilen ins Geschehen ein, auf die auch die Figuren Bezug nehmen oder sie über die Presse rezipieren. Der Berliner Sommer 1932 war von politischen Umwälzungen geprägt, die in der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 und dem Ende der Weimarer Republik ihren ersten traurigen Höhepunkt fanden. Das Verschwinden Mühes wird aber nicht im ersten Jahr aufgeklärt, sondern zieht weite Kreise. Vor dem Hintergrund des Aufstiegs der NSDAP über das zerbombte Berlin bis ins Jahr 1950 wird der "Cold-Case-Mühe" erzählerisch beleuchtet.

Auch am Detailreichtum, was die Beschreibung des Settings Berlin im Jahr 1932 und darüber hinaus betrifft, merkt man, dass Oliver Hilmes promovierter Historiker ist. Das Studium zeitgenössischer Quellen schlägt sich im Text nieder. Wir erfahren beispielsweise historisch genau, was die einzelnen Gerichte auf der Speisekarte von "Aschinger" gekostet haben und was das jährliche Einkommen eines Arztes in den 1930er Jahren war.

Hilmes erzählerischer "True-Crime-Report" aus den Endtagen der Weimarer Republik ist zu Beginn ein Pageturner, der leider, das liegt in der Natur der Sache, mehr Fragen stellt als er auflöst. Da kann aber der Autor nichts dafür, der uns einen spannenden, hervorragend recherchierten "Cold Case" geliefert hat, der leider ein solcher bleiben wird.

Herzlichen Dank an den Penguin Verlag und das Bloggerportal von Randomhouse für das tolle Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch (Klick aufs Cover):

Mittwoch, 16. September 2020

"Der falsche Preuße" von Uta Seeburg

 

 (Preußischer) Adel verpflichtet!


Ein preußischer Polizeibeamter ermittelt in München. Was mitunter Gegenstand von (humoristischen) TV-Krimiserien ist, habe ich in einem historischen Kriminalroman so noch nicht gelesen.

Der preußische Adelige und Reserveoffizier Wilhelm von Gryszinski ist im Herbst des Jahres 1894 gerade einmal ein Jahr mit seiner Frau und dem sieben Monate alten Sohn in München, hat sich aber schon bestens in der bayerischen Metropole eingelebt. Nur die komplexen Mordfälle, wegen derer er nach München als Sonderermittler beordert wurde, lassen noch auf sich warten. Doch prompt geschieht zu Beginn der Handlung ein solcher und die - damals modernen - Ermittlungsmethoden Grsyzinskis sind nun gefragt. Wer ist der Mann, der neben dem Maximilianeum ermordet aufgefunden wurde? Der Federumhang, den er trägt und der Abdruck eines Elefantenfußes neben der Leiche lassen erstmal nicht darauf schließen, aber dieser Mordfall zieht weite Kreise, bis hinein in die Eingeweide der preußischen Diplomatie.

Mehrere Welten treffen in diesem Roman aufeinander. Einerseits die des bayerischen Zeitgeists um 1900: Gemütlichkeit, Wirtshaus, Bierbrauen, Marktfrauen, Katholizismus, um nur einige Schlagworte zu nennen. Dann die kontrastive Haltung der Berliner bzw. Preußen, die ich mit den Worten Netzwerk, Pickelhaube, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit und Protestantismus klischeehaft bedienen möchte. Die Topographien der Nebenwelten, die in diesen Krimi hineinspielen, sind folgende: Die Münchner Arbeiterschaft (Armut, Bescheidenheit, Hütte, Handwerk, Glaube) sowie die dekadente Welt der Neureichen (Ästhetizismus, Dandytum, Überfluss, Kuriositätenkabinette, Kunstbeflissenheit).

Uta Seeburg hat einen sehr elaborierten historischen Kriminalroman geschrieben, der vor atmosphärischer Details nur so strotzt und in sich absolut stimmig konstruiert ist. Die Akkuratesse, die sie ihrem preußischen Protagonisten zuschreibt, findet sich auch in ihrem Schreibstil wieder. Gleichzeitig ist dieser Stil aber eben auch sehr bildhaft - manche ihrer Metaphern sind ein regelrechter ästhetischer Genuss.

Es geht im Roman sehr oft um die gesellschaftlichen Gepflogenheiten der damaligen Zeit, zum Beispiel was die Umgangsformen betrifft. Während die Preußen in Berlin gerne zu Abendgesellschaften und Salons einluden, traf der Münchner an sich im späten 19. Jahrhundert (vielleicht ist es bis heute so) seine "Spezl" lieber im Wirtshaus. Auch gebräuchliche Dinge der Alltagsgeschichte der damaligen Zeit sowie kulturgeschichtliches und kulinarisches Wissen bereichern die Handlung und erzeugen eine authentische historische Atmosphäre (Herrlich: Das Philosophieren über die Notwendigkeit einer Flügeltür im Salon bzw. eines zweiten Zugangs zu Räumen, das sich leitmotivisch durch den Roman zieht). Dass diese Fakten zum Großteil “der Wahrheit entsprechen”, sagt die Autorin in einer historischen Notiz am Ende des Romans. Auch geht sie auf die (wenigen) Dinge ein, die nur ihrer Phantasie entsprechen.

“Der falsche” Preuße hat mich als Münchnerin hervorragend unterhalten und ich bin sicher, dass das Buch auch Berlinern gefallen wird. Der augenzwinkernde und mitunter trockene Humor, der die kulturellen Unterschiede - aber auch Gemeinsamkeiten - von Preußen und Bayern betont, hat mir sehr gut gefallen. Umso mehr freut es mich, dass eine Reihe rund um die Hauptfigur Gryszinski geplant ist. Ich harre der Dinge, die da kommen mögen.

Herzlichen Dank an Harper Collins Germany für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch (Klick aufs Cover):

Dienstag, 30. Juni 2020

"Das schwarze Band" von Alex Beer



Historischer Politthriller der Extraklasse


“Regeln lenken den weisen Mann. Der Dummkopf befolgt sie.” Dieses Zitat des wunderbaren Oscar Wilde ist dem Buch vorangestellt. Ja, ja, die lieben Regeln. August Emmerich ist zwar Kriminalkommissar beim Dezernat “Leib und Leben” in Wien, aber an polizeiliche Vorschriften oder Regeln im eigentlichen Sinne hält er sich nicht allzu gerne. Schon gar nicht wenn sie ihm “von oben herab” aufoktroyiert werden von irgendwelchen Anzugträgern ( “Lackaffen”).

Als er den neu gewählten Bundeskanzler und ehemaligen Polizeipräsidenten Schober in dessen Anwesenheit persönlich beleidigt, ziehen seine Vorgesetzten die Reißleine. Ihre Meinung: Emmerich müsse diszipliniert und für 10 Tage in der Schwarzenbergkaserne weggesperrt werden. Erst nach erfolgreicher Absolvierung des polizeiinternen “Bennimmkursus’” darf er wieder “auf der Straße” ermitteln, schafft er es nicht, droht ihm ewiger Innendienst. Und das, wo gerade ein brutaler Mord an zwei Nackttänzerinnen in der Brigittenau auf dem Ermittlungsplan steht. Ferdinand Winter, ehemals Freiherr von Winter, ist nun auf sich allein gestellt und muss, um die Ermittlungen nicht an den ungeliebten Kollegen Peter Brühl zu verlieren, alleine in die gnadenlos undurchsichtige Wiener Unterwelt abtauchen.

Nicht nur der Wiener Hochsommer 1921 ist heiß. Das chaotische Wien der Nachkriegszeit und jungen Republik Österreich ist ein mehr als heißes Pflaster. Aufgrund der zunehmenden Inflation und des Devisenhandels werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer. Und jeder versucht sein Glück in dieser Stadt. Hier geht es um Alles oder Nichts, Himmel oder Hölle. Wunderbar spielt Alex Beer die Paradies/Höllen/Sündenpfuhl-Thematik auf ihrer metaphorischen Klaviatur. Das drückend warme Wetter untermauert das Gefühl des Lesers, an einem unerträglich heißen, höllischen Ort gelandet zu sein. Unerbittlich zeigt sich der “Moloch Wien” im Juli 1921 also von seiner besonders unangenehmen, diabolischen Seite.

Der vierte Band in der “August-Emmerich-Reihe” ist durch und durch politisch, ein historischer Politthriller allererster Güte. Der ursprüngliche Mordfall an zwei Freudenhaus-Mädchen zieht weite Kreise und die Parallelhandlung rund um Emmerich in der Kaserne ist auch nicht ohne Belang für das große Ganze, wie sich zunehmend zeigt. Die Autorin bringt ganz viele gesellschaftliche Brennpunkte und politische Brandherde der jungen Republik Österreich in ihrem feurigen Plot zusammen. Inhaltlich ist die Übervorteilung des Devisen besitzenden Geldadels, der den “echten” Adel in Österreich seit dem Adelsaufhebungsgesetz inoffiziell abgelöst hat, nur eine der sozialen Ungereimtheiten, die im Roman angesprochen werden. Das titelgebende “schwarze Band” fungiert dabei als Falkenmotiv und zieht die Erzählstränge am Ende zusammen.

Damit wären wir auch schon bei unserem “Antihelden-Ermittler”. Was August Emmerich angelangt, so macht er sich keine Illusionen über die gesellschaftlichen Zustände. Aus seiner Perspektive ist “das Leben, dieses elende Verräterschwein”, eine ungerechte Ausweglosigkeit. Um die Vergangenheit des ehemaligen Waisenkindes Emmerich besser zu verstehen, sollte man wohl die Vorgänger-Bände gelesen haben (auch ich werde und will das unbedingt nachholen). Es geht in diesem Band um seine private Situation als alleinerziehender Stiefvater dreier Kinder, der über seine Herkunft nur spekulieren kann. Schon lange habe ich keine literarische Figur mehr so “echt” und attraktiv gefunden wie Emmerich. Seine Figur ist einmal mehr Beweis dafür, dass Frauen glaubwürdige und anziehende männliche Protagonisten schreiben können.

Wenn es nicht so furchtbar kitschig klingen würde, würde ich sagen: Ich bin wie atemlos durch die Seiten geflogen. Aber irgendwie beschreibt es mein Leseerlebnis am besten. Ich war an einer Stelle richtig erschrocken, als ich plötzlich bei der Hälfte des Buches angekommen war.

Das Buch endet mit einem sehr fiesen Cliffhanger und ich kann nur hoffen, dass Alex Beer in der nächsten Zeit ganz viel Zeit zum Schreiben findet! Top - unbedingt lesen!

Herzlichen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse, das mich auch mit diesem Rezensionsexmplar unterstützt hat!
Nähere Infos zum Buch: hier

Donnerstag, 18. Juni 2020

"Fräulein Gold. Schatten und Licht" von Anne Stern



Sozialkritischer Histo-Krimi mit Berliner Schnauze



Historische Hebammenromane gibt es ja zuhauf, ist doch die Hebamme eine archetypische weibliche Figur in der Literatur: Der erste Mensch, mit dem ein neuer Mensch Kontakt hat - die “Auf-die-Welt-Holerin” schlechthin. Muss man also unbedingt den “zigten” Hebammenroman lesen, gar noch eine Reihe? Man muss nicht, aber wenn man “Fräulein Gold” nicht gelesen hat, entgeht einem zumindest sehr viel historisches Berliner Flair der 1920er Jahre.

Der Roman spielt im Frühsommer des Jahres 1922 in Berlin. Der Krieg ist seit wenigen Jahren vorbei, aber seine Verletzungen sind überall sichtbar. Viele Menschen leben in Armut in der jungen Republik, sind physisch oder psychisch versehrt. Das rigide Moralkonstrukt des Wilhelminischen Kaiserreichs lebt noch in vielen Köpfen weiter. Dass Schwangerschaft und Geburt als natürliche Vorgänge behandelt werden, dafür kämpft die junge, fortschrittlich denkende Hebamme Hulda Gold. Als ledige Frau von 26 Jahren wird sie von der Gesellschaft bereits als "spätes Mädchen" abgestempelt. Ihre Beziehung zum Cafébesitzer Felix Winter ging vor Jahren in die Brüche. Seitdem schlägt sie sich als “Fräulein” alleine durch, denn auch ihre Familie ist quasi nicht mehr vorhanden.

Hulda ist eine vielschichtige, sympathische Protagonistin mit viel Potenzial und einigen Ecken und Kanten. Sie ist empathisch, hat aber auch eine schwierige Vergangenheit und einen ungefestigten Charakter. Ich kann mir sehr gut vorstellen, ihre Geschichte, die als Trilogie angelegt ist, noch über zwei weitere Bände zu verfolgen. Ihr Gegenpart, Kommissar Karl North, ist ebenfalls kein eindimensionaler Charakter. Er ist ein sehr verletzlicher Mensch, der sich durch eigene Kraft aus einer niedrigen Herkunft heraus eine Beamtenexistenz aufgebaut hat.

Auch die anderen Figuren sind sehr schön ausgearbeitet worden. Wir bekommen sogar die Sicht von "Nebenfiguren" wie der Hausmeisterin, der Pensionswirtin, etc., präsentiert, was dem erzählerischen Konstrukt zusätzliches Leben einhaucht.

Die Autorin ist sehr gut darin, Zwischentöne durch ihre dichte, atmosphärische Prosa lebendig werden zu lassen. Für mich wirkt der Roman manchmal wie eine historische Milieustudie: Die Berliner Welt der "einfachen Leute" wird überaus anschaulich beschrieben und auch die gesellschaftlichen Randbereiche dieser Welt der Ottonormalbürger (Nervenheilanstalt, Künstler und Nachtleben, Prostituierte, Straßenkinder, kriminelle Unterwelt, etc.) werden aufgefangen.

Mir persönlich waren es inhaltlich dann aber doch etwas zu viel Düsternis und eine Anhäufung von schlimmen, tragischen Schicksalen. Hin und wieder hätte ich mir ein wenig mehr Leichtigkeit gewünscht. Fast jede handelnde Figur hat eine tragische Vergangenheit im Gepäck, fast alle kommen aus dysfunktionalen Familien. Selbst der Zeitungsverkäufer, der alles etwas aufzulockern schien, kommt später mit einer weniger schönen Story um die Ecke. Ich sehe schon den Sinn dahinter, die Autorin will sozialkritisch das Elend der kleinen Leute damals spürbar machen, aber heutzutage muss man fast schon eine “Triggerwarnung” an dieses Buch heften. Mit Not und Elend wird nicht gespart und Themen wie Suizid, Euthanasie, psychische Krankheiten, Missbrauch, Abtreibung, etc., sind so geballt wie hier für manche Leser in einem Unterhaltungsroman sicher nur schwer zu ertragen.

Meine Kritik an der Krimihandlung ist, dass sie stark von Zufällen bestimmt wird. Hulda ist immer genau dort, wo ihr Informationen zugeführt werden, die zur Aufklärung des Verbrechens führen. Natürlich gelangt sie auch durch Eigeninitiative an Infos, aber die Zufälle sind doch in der Überzahl. Hier ist Berlin dann tatsächlich ein sehr kleines Dorf.

Was mir sehr gefallen hat, ist, dass Huldas Kiez erzählerisch sehr schön “abgegangen” wird. Durch die Karte in der vorderen Klappe können wir als Leser ihren Radius mitverfolgen und die Topographie Berlins besser kennenlernen.

Trotz der vielen düsteren Stellen habe ich den Roman insgesamt sehr gerne gelesen. Er ist ein stimmiger, atmosphärischer Auftakt zu einer historischen Krimi-Trilogie.

Fun fact: Ich habe schon lange (wenn überhaupt) keinen Roman mehr gelesen, in dem so viel geraucht wird wie in diesem hier.

Herzlichen Dank an den Rowohlt Verlag sowie vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!
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Montag, 11. Mai 2020

"Der Offizier der Kaiserin" von Christine Neumeyer


 


Krimi mit Kaiserin und K. u. k.-Kulisse

Das Jahr 1898 sollte für Franz Joseph I., Kaiser von Österreich-Ungarn, ein Jahr des Triumphes werden. Sein 50stes Regierungsjubiläum wurde gefeiert und ihm zu Ehren eine Weltausstellung abgehalten. Stattdessen wurde es ein "annus horribilis" mit Rebellionsherden im ganzen Land, das mit der Ermordung der Kaiserin Elisabeth im September durch einen Anarchisten seinen traurigen Höhepunkt erreichte.

In diesem Jahr also lässt Christine Neumeyer ihren top recherchierten historischen Roman spielen. Allerdings zum Großteil nicht in der Kaiserstadt Wien, sondern im niederösterreichischen Marchfeld, wo sich Schloss Hof befindet. Diese ehemalige Sommerresidenz der Habsburger ist der Dreh- und Angelpunkt dieses vielschichtigen Histo-Krimis. Schloss Hof ist zum Zeitpunkt der Handlung nur noch ein Schatten seines ehemaligen prunkvollen Selbst. Überall sind Ratten und Staub und kaputter Putz - K. u. k.-Romantik dekonstruiert gewissermaßen. Das dem Schloss angeschlossene Dorf Groißenbrunn ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Armut und Tristesse, seit es keine opulenten Hofgesellschaften mehr zu bewirten, bedienen und betreuen gibt.

Im August 1898 soll aber ein kleines Dragonerregiment von fünf Offizieren dort zu Gast sein, um die weiteren Möglichkeiten der Nutzung von Schloss Hof als Reit- und Fahrschule auszukundschaften. Selbst Kaiserin Sisi höchstpersönlich wird in diesen Tagen auf der Durchreise für eine Nacht dort erwartet. Als einer der Offiziere tot aufgefunden wird, nehmen die Geschehnisse von Schloss Hof ausgehend ihren Lauf und der Polizeiagent Pospischil aus Wien muss in der Causa “toter Offizier” ermitteln.

Das Personal dieses Romans könnte einem österreichischen Historienfilm der 1950er Jahre entsprungen sein. Vom Herrn Verwalter über die belesene Küchenmagd, die Gärtnersfamilie und ihre Tochter, den Herrn Kaplan, den feschen Offizier mit ungarisch klingendem Namen, dem österreichischen Staatsbeamten und seinem entomologisch gebildeten Assistenten bis in die höchsten Adels- und Regierungskreise mit den kaiserlichen Hoheiten (“Allerhöchstdieselben”) sind so ziemlich alle Gesellschaftsschichten vertreten, die die österreichische Jahrhundertwende aufbieten kann. Selbst die ganz Armen kommen vor, wenn z.B. von “Bettgängern” die Rede ist, mit denen sich Pospischil demnächst seine bescheidene Kammer in Wien teilen müssen wird, wenn es mit der Wirtschaft noch weiter bergab gehen sollte.

Die Autorin war um große Authentizität bemüht, was man im Roman an fast allen Stellen spürt. Sie hat eine Atmosphäre geschaffen, die einfach lebendig und ungekünstelt wirkt - nicht zuletzt durch die großzügige Verwendung des Altwiener Dialekts (ein Glossar im Anhang erklärt zentrale Begriffe). Auch wenn die Handlung manchmal mit skurrilen Szenen und (unfreiwilliger) Komik aufwartet, war der Humor für meinen Geschmack an keiner Stelle unpassend. Den Ermittler Pospischil - ein ewiger Junggeselle, der sich trotz passablem Beatengehalt eine kleine Wohnung mit seiner Schwester teilen muss, habe ich aufgrund seiner Tierliebe und des leicht träumerischen Wesens, besonders liebgewonnen. Ich würde mich über weitere Kriminalromane mit ihm als Ermittler sehr freuen.


Herzlichen Dank für die Leserunde bei Lovelybooks mit der Autorin sowie dem grafit-Verlag für das Rezensionsexemplar!
Nähere Infos zum Buch: hier

Sonntag, 26. April 2020

"Die Tote in der Sommerfrische" von Elsa Dix



Leichter historischer Krimi mit schönem Setting

Historische Cosy-Krimis sind mit meine bevorzugten Lektüren, denn ich liebe die Kombination aus historischem Setting, Leichtigkeit und Spannung - am liebsten unterlegt mit einer Prise Humor. "Die Tote in der Sommerfrische. Ein Seebad-Krimi" von Elsa Dix fiel damit genau in mein Beuteschema und ich wurde nicht enttäuscht.

Der historische Kriminalroman spielt ganz im Norden des damaligen (Jahr der Handlung: 1912) deutschen Kaiserreichs, nämlich auf der Insel Norderney. Nur die gehobenen Gesellschaftsschichten des Adels und des Großbürgertums konnten sich damals die sogenannte "Sommerfrische" leisten, also den Aufenthalt auf dem Land während der heißen Sommermonate. Natürlich war das Reiseziel davon abhängig, wo genau man urban residierte, also ob man von der Stadt aus in Richtung Berge, Meer oder Heide, etc., aufbrach.

Im Personalkarussel des Krimis finden sich also Vertreter der damaligen gehobenen Schichten wieder, die auf Norderney ihren Sommer verbrachten. Aber diese mussten auch bedient und bewirtet werden, weshalb auch Personen aus der Arbeiterschicht eine Rolle spielen. Es ist also ein historischer Gesellschaftskrimi könnte man sagen, da die damalige Gesellschaft in ihrer Breite abgebildet wird.

Die Protagonistin des Romans ist Viktoria Berg, unverheiratete Tochter eines Oberstaatsanwalts. Die selbstbewusste junge Frau möchte als Lehrerin an einer Reformschule unterrichten, der Wunsch ihres Vaters dagegen ist, dass sie sich einen standesgemäßen Mann sucht. Im Moment herrscht eine Pattsituation, aber Viktoria ist gewillt, ihren unabhängigen Weg weiter zu verfolgen. Wäre da nicht der junge Journalist Christian Hinrichs, der aufgrund eines Rechercheaufenthalts für eine Frauenzeitschrift auf der Insel und in Viktorias Hotel weilt. Die beiden sind sich auf Anhieb sympathisch. Gemeinsam ermitteln sie im Mordfall an einer jungen Frau, die mit Viktoria eine gemeinsame Vergangenheit teilt.

Ein historischer Cosy Krimi, der im deutschen Kaiserreich spielt, ist mal eine schöne Abwechslung in diesem Genre. Leider war ich noch nie auf Norderney, aber ich habe durch die Lektüre durchaus Lust auf einen Urlaub dort bekommen. Man spürt die Begeisterung der Autorin für diese Insel überall zwischen den Zeilen.

Die historischen Verhältnisse werden lebendig geschildert und man merkt, dass die Autorin gründlich recherchiert hat, um dem Roman einen authentischen Anstrich zu verleihen. Es werden immer wieder Gepflogenheiten oder Dinge eingestreut, die um 1912 üblich waren, wie z.B. eine Aussteuertruhe oder bestimmte Modelle von historischen Fotoapparaten.

Die Kriminalhandlung an sich ist wie üblich bei einem Cosy-Krimi nicht übermäßig, aber durchaus leicht spannend. Man kann durch viele Verdächtige und Indizien als Leser “mitermitteln”. Dafür ist die Auflösung des Ganzen dann wirklich sehr überraschend.

Alles in allem ein wunderbar kurzweiliger Krimi, der sich wie eine frische Brise anfühlt und leicht lesen lässt. Übrigens wird es der erste Band einer Reihe, der zweite Teil ist schon in Arbeit.

Herzlichen Dank an das Bloggerportal von Randomhouse und Goldmann für das Rezensionsexemplar!
Nähere Infos zum Buch: hier

Montag, 20. April 2020

"Die Herren der Zeit" von Eva García Sáenz



Dynastische Verwicklungen


“Die Herren der Zeit” ist der letzte Teil der Thriller-Trilogie um den Kriminalprofiler Unai López de Ayala (genannt Kranken) aus dem Baskenland. Ich habe die ersten beiden Bände nicht gelesen, konnte aber aufgrund der Rückblenden-Informationen, die die Autorin einstreut, gut ins Geschehen finden. Um die Persönlichkeitsentwicklung der Hauptfigur Kraken und die komplexen Zusammenhänge der Geschichte besser zu verstehen, ist es aber sicher hilfreich, wenn man mit dem ersten Band beginnt.

Die baskischen Orts- und Personennamen waren für mich, die ich bislang wenig mit der Sprache und Kultur Navarras in Berührung gekommen bin, gewöhnungsbedürftig. Teilweise war es schwer zu erfassen, ob ein Vorname männlich oder weiblich ist. Die Verwandtschaftsverhältnisse, die in beiden Handlungssträngen vorkommen, sind aufgrund der vielen Namensähnlichkeiten sehr schwer zu durchschauen. Eine Familie, in der jedes männliche Mitglied über mehrere Generationen den gleichen Vornamen trägt, puh! Dazu kommt noch die spezielle Wesensart des Hauptverdächtigen. Das hilfreiche und sehr ausführliche Personenregister sowie das Glossar, das die wichtigsten Begriffe erklärt, habe ich durch die Lektüre des Ebooks leider erst am Ende gesehen.

Das Interessante an "Die Herren der Zeit" ist die Tatsache, dass es zwei Bücher in einem sind: zum einen ein Thriller in der Gegenwart des Septembers 2019, zum anderen ein historischer Roman, der im 12. Jahrhundert spielt. Die beiden Handlungsstränge sollen sich gegenseitig spiegeln. Während aber in der Gegenwart recht schnell einige Morde passieren, nimmt die Vergangenheitshandlung einen eher gemächlichen Verlauf. Erst ab der Hälfte des Buches etwa überholt die Vergangenheit die Gegenwart was die kriminellen Vorkommnisse angeht. Um es dann noch etwas komplizierter zu machen, kommt nach etwa zwei Dritteln des Romans eine dritte Zeitebene, gegen Ende noch eine vierte hinzu.

Normalerweise lese ich Krimis/Thriller recht schnell, weil man ja natürlich wissen möchte, wer der Mörder/Täter ist. Für diesen Thriller habe ich verhältnismäßig lange gebraucht. Durch die Rückblenden in die Jahre 1190 ff. wird außerdem beständig auf die Bremse getreten, die Gegenwartshandlung wird angehalten, wenn sie gerade Fahrt aufgenommen hat. Ich verstehe schon den Sinn dahinter, allerdings habe ich innerlich manchmal schon gestöhnt, wenn wieder mal ein Cliffhanger in 2019 von einem Handlungsstrang aus dem Mittelalter abgelöst wurde. Dennoch ist das komplexe Konstrukt, das die Autorin mit diesem letzten Teil der Kraken-Trilogie erschaffen hat, aller Ehren wert. Allein die Recherchearbeit im Vorfeld hat, wie sie im Nachwort sagt, sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Die Auflösung des Ganzen ist dann auch recht überraschend gewesen, wie ich finde. Man fiebert mit der Hauptfigur Kraken mit und bekommt einen hoch komplexen, extrem verschachtelten Krimi mit dynastischen Verwicklungen serviert, der mir aber auch einiges an Durchhaltevermögen abverlangt hat.


Herzlichen Dank an den S.Fischer-Verlag/Scherz und netgalley für das Rezensionsexemplar!
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Samstag, 11. April 2020

"The Doll Factory" von Elizabeth Macneal



Präparatoren, Präraffaeliten & Püppchen

Wenn ich gewusst hätte, dass es in diesem Buch um die Künstlergruppe der Präraffaeliten geht, dann hätte “The Doll Factory” noch eine größere Anziehungskraft auf mich gehabt als ohnehin schon. Das Versprechen einer viktorianischen Geschichte mit Gothic-Elementen war schon Leseanreiz genug für mich, aber das Thema Präraffaeliten ist das Tüpfelchen auf dem "i". Noch nie habe ich deren Geschichte in einem fiktionalen Werk verarbeitet gefunden (obwohl es bestimmt solche Romane gibt).

Die Handlung beginnt im London des Jahres 1850. Die Stadt bereitet sich auf die große Weltausstellung im Kristallpalast vor, die Ausstellungsstücke aus Kunst und Wissenschaft vereinen soll.

Im Gegensatz zu vielen anderen historischen Romanen kommt dieser hier mit einem sehr überschaubaren Personal aus. Im Zentrum stehen die drei Hauptfiguren Silas, Iris und Albie, aus deren Sicht die Geschichte abwechselnd erzählt wird. Wichtig sind auch noch Louis Frost, ein fiktionaler Präraffaelit, Iris’ “Love Interest” und künstlerischer Mentor sowie ihre Zwillingsschwester Rose. Die fiktiven Protagonisten werden von einigen historischen Charakteren aus dem Kreis der Präraffaeliten flankiert. Da wären der Maler John Everett Millais, mit dem der fiktive Louis Frost im Roman eng zusammenarbeitet, sowie der Dichter/Maler Dante Gabriel Rossetti und dessen Muse Lizzie Siddal.

Silas Reed ist Tierpräparator und besitzt einen Kuriositätenladen, in dem er seine Artefakte, wie z.B. Broschen aus echten Schmetterlingen, verkauft. Sogenannte Kuriositätenkabinette waren im England Königin Viktorias sehr beliebt. Jeder Haushalt, der etwas auf sich hielt, besaß eine Sammlung an kuriosen seltenen Dingen, die man zur Schau stellen konnte. Ein weiterer Absatzmarkt ist für Silas der Verkauf seiner ausgestopften Tierkörper an Kunstmaler, die die Tiere als Modelle für ihre Gemälde benötigen. Außerdem träumt er von der Ausstellung seiner “Kunstwerke” bei der Weltausstellung.

Silas ist der Vertreter des “Gothic” im Roman, ein merkwürdiger Zeitgenosse, der vom Charakter zwischen Frankenstein und einem Marquis de Sade changiert. Er ist der ungeliebte Sohn und Einzelgänger, der kein Glück in der Liebe hat.

Die weibliche Hauptfigur des Romans ist die 21-jährige Iris, die von einer Existenz als Kunstmalerin träumt. Bislang bemalte sie hauptsächlich Puppen in der Puppenmanufaktur von Mrs Salter (einer eher unangenehmen Person, die ständig im Laudanum-Rausch ist). Iris hat eine Zwillingsschwester, Rose, die ebenfalls dort arbeitet. Sie geben den Großteil ihres kärglichen Lohns abends an ihre Eltern ab, mit denen sie in ärmlichen Verhältnissen leben, um über die Runden zu kommen. Beide Schwestern sind körperlich versehrt, die eine durch ihre Pockennarben (Rose), die andere nur an einer Stelle durch ihren geburtsbedingten Schlüsselbeinbruch (Iris). Als Iris den präraffaelitischen Maler Louis Frost kennenlernt, bietet sich ihr die Gelegenheit, dem Elend der Puppenfabrik zu entkommen...

Sympathieträger des Buches ist sicher der ehrbare Straßenjunge bzw. “Urchin” Albie, der mit seiner älteren Schwester im Kohlenkeller eines Bordells haust und mit ansehen muss, wie sie sich der Prostitution hingibt, um über die Runden zu kommen. Er ist das Verbindungsglied zwischen Silas und Iris, denn er übernimmt sowohl für den Präparator als auch für die Puppenfabrik kleine Aufträge.

Der Titel "The Doll Factory" ist etwas irreführend, geht es doch eher um Silas' Fabrik der ausgestopften Tiere bzw. um die "Kunstfabrik" der Präraffaeliten. Die Puppenfabrik ist nur der Aufhänger bzw. ein Nebenschauplatz des Geschehens.

"The Doll Factory" ist die düstere Geschichte einer Obsession, die einen nicht mehr loslässt. Es geht um Stalking, um unerwiderte Liebe - ein großes, altes Thema in der Literatur. Hier wurde es mal wieder mit Bravour aufbereitet. Dieses Buch ist etwas für Fans des viktorianischen London, für Liebhaber von Jess Kidds’ Büchern oder den Filmen von Tim Burton (allerdings ohne Fantasy-Elemente, die Realität ist hier creepy genug). Und natürlich für alle, die die präraffaelitischen Gemälde oder einfach eine sehr gute historische Geschichte mit Thriller-Elementen lieben.

Herzlichen Dank an die Bloggerjury und den Eichborn-Verlag für das Rezensionsexemplar!
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Mittwoch, 29. Januar 2020

"Tod in Baden" von Beate Maly



Anton und Ernestine auf Kur - ein Hochgenuss!



Mit "Tod am Semmering" hat damals alles begonnen: Beate Maly hat mit Ernestine Kirsch und Anton Böck ein hoch sympathisches Ermittlerpaar erschaffen, das seinesgleichen sucht. Ich habe mich einfach Hals über Kopf verliebt in die Figuren und die ganze Buchreihe, die im Wien (und Umgebung) der 1920er Jahre spielt. Maly gelingt es auf ganz besondere Weise, ihre Figuren schriftlich zum Leben zu erwecken. Sie sind einfach lebendig und strahlen eine Authentizität aus, die mir oft fehlt in anderen Büchern.

Darüberhinaus hat die Autorin als gebürtige Wienerin eine bestechende Ortskenntnis. Durch gute Recherchearbeit hat sie es geschafft, dass das Wien um 1920 absolut glaubhaft rüberkommt, mit seinen verschiedenen schönen und weniger schönen Gesichtern. Die Kriegsversehrten aus dem 1. Weltkrieg sind ein großes Thema, die Schere zwischen Arm und Reich (Industrielle und Kriegsgewinnler vs. Arbeiterschicht), Luxusdenken vs. Überlebenskampf, Kulturbeflissenheit vs. Armenalltag.

Anton als Apotheker und Ernestine als pensionierte Lehrerin gehören eher der Mittelschicht an und bewegen sich u.a. durch Ernestines Zubrot als Nachhilfelehrerin in den unterschiedlichsten sozialen Kreisen. So kommen sie in "Tod in Baden" auch in den Genuss einer Kur im noblen Kurort der Wiener High Society. Auch hier passiert - wie immer wenn die beiden verreisen oder zusammen etwas unternehmen - ein Mord. Und wie immer überredet Ernestine den zurückhaltenden Anton dazu, die "Ermittlungen" aufzunehmen.

Diesmal kommt Antons (der wie immer ganz entzückend ist mit seiner Vorliebe für gutes Essen und seine Ruhe) Fußballbegeisterung zum Tragen, denn ein berühmter Spieler von Rapid Wien ist mit auf ihnen auf Kur…

Wieder einmal ist das Personalkarussell, das Beate Maly hier versammelt, ganz wunderbar arrangiert. Viele Verdächtige mit unterschiedlichen Motiven und eine fulminante Auflösung direkt am Ende, die auch einer Miss Marple würdig gewesen wäre.

Auch skurrile und humorvolle Situationen kommen wie immer nicht zu kurz. Unterstützt wird dies durch die dezente Verwendung des Wiener Dialekts und die liebevolle Dynamik zwischen Anton und Ernestine.

Das Cover des Krimis, der im Emons Verlag erschienen ist, wurde wieder einmal wunderbar mit - diesmal in Gold gehaltenen - Jugendstil-Ranken illustriert.

Ich kann nur hoffen, das es noch viele Fälle gibt, die Anton und Ernestine bearbeiten werden! Aber ich bin auch ein echter Fan.

Nähere Infos zum Buch: hier
Homepage von Beate Maly: hier

Persönliche Anmerkung:

Letztes Jahr hatte ich die Möglichkeit, Beate Maly auf der LitLove in München zu treffen. Sie ist wirklich eine äußerst sympathische Autorin, die sich viel Zeit für ihre Leser nimmt. Die Lesung von "Lottes Träume" war toll und hat neugierig gemacht auf das Buch und seine Hintergünde. Außerdem signiert sie ihre Werke so wunderschön und persönlich, wie ich es vorher noch nie gesehen habe. Ich hoffe dass ich mal wieder die Gelegenheit haben werde, auf eine ihrer Lesungen zu gehen, vielleicht sogar in ihrer Heimatstadt Wien.


Samstag, 26. Oktober 2019

"Ohne Herz. Neuschwanstein-Thriller" von Markus Richter



Der "Neuschwanstein-Tragödie" zweiter Teil


“Ohne Herz” ist der zweite, von mir lang ersehnte Teil der historischen Neuschwanstein-Thriller-Trilogie des Autors Markus Richter, der selbst 20 Jahre auf Schloss Neuschwanstein arbeitete und einige Zeit sogar als Kastellan dort wohnte. Er weiß also worüber er schreibt. Das erste Buch “Ins Herz” (erschienen 2017) habe ich ganz begeistert gelesen, allerdings damals nicht rezensiert.

Markus Richter ist ein Autor, der eigentlich auf den Bestsellerlisten stehen sollte. Warum? Weil seine Bücher es schaffen den Spagat zwischen anspruchsvollem Historienroman und spannendem Thriller mühelos auszuagieren. Dabei wird eine Atmosphäre und Sprachgewalt erzeugt, die ihresgleichen sucht.

10 Jahre nach der Handlung des ersten Teils "Ins Herz", der 1875 auf der Baustelle Neuschwanstein spielte, setzt die Geschichte von "Ohne Herz" ein. Im August 1885 also, ein knappes Jahr vor dem Tod Ludwigs II. Wieder ist der Ort der Handlung am Anfang die "Neue Burg", die von Einheimischen und Hofbediensteten jetzt zunehmend "Neuschwanstein" genannt wird. Außerdem gibt es kurze Abstecher nach Schloss Hohenschwangau nebenan und diesmal auch nach Linderhof, das besondere Kleinod des Monarchen mit der im 19. Jahrhundert schon hoch technisierten "Venusgrotte". Doch damit nicht genug. Als besonderes “Schmankerl” hätte ich fast gesagt, begleiten wir den König - und auch unsere "Helden" - ins Gebirge, auf eine sehr, sehr gefährliche Bergwanderung. Immerhin besaß Ludwig II. 12 Bergresidenzen, von denen einige in “Ohne Herz” eine wichtige Rolle als Schauplatz der weiteren Handlung spielen.

Die Szenen, in denen Ludwig II. höchstpersönlich auftritt, sind besonders eindringlich. Man merkt dem Autor seine jahrelange intensive Beschäftigung mit dem bayerischen "Märchenkönig", der berühmt ist wie kaum ein anderer, mit jedem Wort an, das er ihm in den Mund legt und auch immer, wenn der Erzähler über ihn berichtet oder andere Figuren über ihn reden lässt. Markus Richter zeichnet ein realistisch-humanes Bild Ludwigs ohne dabei jemals in Verklärung oder gar deren Gegenteil abzudriften. Besonders lebendig beschrieben sind dabei die häufigen Meinungswechsel des sehr emotionalen Monarchen, der wohl so schnell verurteilt wie wieder verziehen hat.

Der Rest und Hauptteil der Story wird dann dem Titel “Ohne Herz” wie auch der Genrebezeichnung “Thriller” mehr als gerecht. Wieder ist ein historisch verbürgtes Detail bzw.  ein Neuschwanstein-Mysterium oder eine Geschichtslücke Aufhänger für eine hoch spannende, ja diesmal sogar “explosive” Thrillerhandlung. Im Fokus stehen dabei wieder die Kammerzofe der Königsmutter Klara Grünspan, der nunmehr Kastellan der “Neuen Burg” Lorenz Baumgartner sowie der Soldat Heiland, der die letzten Jahre damit verbracht hatte den in Schloss Fürstenried “weggesperrten” Bruder des Königs, Otto, zu betreuen. Das Trio gerät abermals ins Zentrum einer anti-monarchistischen Verschwörung, die sich wieder in der sonst so idyllischen bayrischen Bergwelt abspielt - und jetzt im zweiten Band eben weitere Kreise zu anderen königlichen Residenzen zieht.

Besonders hervorheben möchte ich die hochwertige Gestaltung des Buches durch die edition tingeltangel. Das mit Klappenbroschur hergestellte Buch zeigt in der ersten Umschlagklappe farbige Abbildungen von Bauabschnitten des Schlosses. Markus Richter illustriert mit diesen historischen Dokumenten die Lücke, in die er seine Fiktion eingesponnen hat. In der hinteren Umschlagklappe findet sich zur Orientierung des Lesers ein Landkartenausschnitt mit einem Lageplan der Schauplätze und einigen historischen Fotos derselben.

Fazit: Obwohl mir persönlich der Plot von "Ins Herz" einen kleinen Tick besser gefallen hat, ist "Ohne Herz" ein absolut würdiger Nachfolger und ich freue mich riesig darüber, dass es eine Trilogie wird. Ich habe wieder wahnsinnig viel Neues über Ludwig II., seine Zeit und die historischen Umstände damals dazugelernt. Nebenbei wurde ich bestens unterhalten!

Jedem, der historische Thriller, die Königsschlösser und den “Kini” selber mag und interessant findet, möchte ich diese Reihe wärmstens empfehlen.

Ich bedanke mich dafür, dass ich bei der Leserunde von Lovelybooks, die vom Autor Markus Richter und dem Verleger Thomas Endl, begleitet wurde, noch teilnehmen durfte.

Nähere Infos zum Buch: Homepage edition tingeltangel
Homepage von Markus Richter: Link

Montag, 17. Februar 2014

"Karfreitagsmord" von Bea Rauenthal (= Kommissare auf Zeitreise, Bd. 2)

 
Obwohl sich die beiden Kommissare Jo Weber und Lutz Jäger eigentlich nach ihrer ersten Zeitreise (ins Mittelalter) im Vorgängerband "Dreikönigsmord" von dem Ereignis erholen, es verarbeiten und sich mit Polizeipsychologen herumschlagen müssten, die ihre Zurechnungsfähigkeit anzweifeln, hadert das Schicksal nicht lange mit ihnen und prompt landen sie wieder gemeinsam in einer längst vergangenen Zeit. Diesesmal ist die Zeit allerdings "nur" ein wenig mehr als 100 Jahre her - sie finden sich im Preußen des 19. Jahrhunderts wieder, nach der Ära Bismarck, während des deutschen Kaiserreichs. Während Jo plötzlich ihre eigene Urahnin ist, die bei ihrer adeligen Großmutter und ihrem seltsamen Onkel lebt und an der äußerst kurzen Leine gehalten wird, muss Lutz sich mit den reaktionären Denkweisen und Ermittlungsverfahren der Polizei des 19. Jahrhunderts herumschlagen. Dass die Leiche, die sie in ihrer eigenen Gegenwart des Jahres 2013 gefunden haben das Opfer eines Serienmörders ist wird für die beiden neuzeitlich ausgebildeten Beamten schnell klar. Mit Hilfe eines damals fortschrittlichen Psychologen, der bei dem noch unbekannten Wiener Sigmund Freud studiert hat, soll das psychologische Profil des Täters aufgedeckt und so seine Identität ermittelt werden. So leicht so wunderbar, wäre da nicht die Gefahr dass Jo selbst ein potentielles Opfer des gestörten Täters werden könnte... Ich muss sagen dieser zweite Band der Reihe um die "Zeitreise-Kommissare" hat mir genauso viel Spaß gemacht wie der erste Teil. Die Idee der zeitreisenden Ermittler trägt auch diesen Band und das biedermeierlich-wilhelminische Setting ist perfekt geeignet um einen Fall drumherum zu bauen. Auch die Verdächtigenanzahl ist ähnlich überschaubar und man kann das Geschehen als Leser immer perfekt überblicken. Dass hier mit so unterschiedlichen Milieus gespielt wird wie dem geadelten Bürgertum, der Arbeiterschaft zu Beginn der Industrialisierung und der akademischen Intelligenz, die sich gegen das reaktionäre Gegdankengut ihrer Zeit durchsetzen will ist äußerst interessant. Auch der Gedanke dass Lutz und Jo auf Personen treffen, die sie reinkarniert wähnen und aus ihrer Zeit im Mittelalter vermeintich kennen ist gut und gibt dem großen Ganzen einen kontinuierlichen Zusammenhang. Auch die ständige Spannung und Interaktion zwischen den beiden Protagonisten finde ich sehr prickelnd. Wie sich der Fall entwickelt war ziemlich überraschend und zeitweise auch erschreckend (ich sag nur: Sanatorium). Weil ich den ersten Band dennoch von der Atmosphäre etwas authentischer und in sich stimmiger fand - vielleicht auch weil die Situation neu - war, gebe ich 4 statt 5 Sterne.

Vielen Dank an vorablesen.de und den Ullstein Verlag für das Rezensionsexemplar!

Meine Ausgabe: 
Verlag: Ullstein
Seiten: 352
ISBN: 9783548611839
Erscheinungsjahr: 2014