Sonntag, 27. September 2026

"Jesus liebt uns alle" von Gylfi Almgren, Kurzgeschichte aus der Anthologie "Verborgene Welten", Hrsg. von Martina Zöchinger

 




Kalte Gedanken für die trübe Jahreszeit

Manche Kürbissorten sind ziemlich hässlich, haben seltsame Warzen, sind abschreckend für das Auge, aber ihr Inneres ist dennoch schmackhaft und bekömmlich. Beim Menschen verhält es sich oft genau umgekehrt: Während das Äußere unauffällig oder sogar ganz ansprechend ist, möchte niemand einen Blick auf die Abgründe werfen, die sich im Inneren dieser Menschen abspielen. Die soeben erschienene Kurzgeschichten-Anthologie “Verborgene Welten”, hrsg. von Martina Zöchinger, beschäftigt sich im Dunstkreis der Genres “Thriller, Horror und Dystopie” mit eben solchen inneren Horror-Welten, die wir normalerweise nicht betreten. "Gut", dass es Literatur und Sprache gibt. Sie haben uns schon immer das im Menschen Verborgene dargelegt und das ist auch gut so. Denn was wäre die Welt ohne Gegensätze - ohne Böse kein Gut, ohne Grausamkeit, keine Sanftmut und ohne Hässlichkeit, keine Schönheit.

Der vielleicht größte Folterknecht, den wir in diesem Leben haben, ist (wenn wir das Glück haben, dass uns physische Folter erspart bleibt), unser eigener Kopf. Oder vielmehr die Gedanken, die darin unkontrolliert herumschwirren und ein Eigenleben gewinnen, das mit unserem anderen Ich, das wir der Gesellschaft präsentieren, oft gar nicht mehr viel zu tun hat. Ängste, Sorgen und andere surreale Konstrukte, die uns belasten und in der Entfaltung unseres wahren Seins einschränken - sie sind real und wir alle kennen sie. 

Wenn Blicke töten könnten, darum geht es in der Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Gylfi Almgren. Ein Mensch, der denkt, er könnte mit seinen Blicken andere ins Jenseits befördern. Ein Mensch, der daran zugrunde geht - oder vielleicht doch nicht? Vielleicht kann ja die Begegnung mit Jesus Abhilfe schaffen? Immerhin bedeutet doch das Göttliche die Erlösung - oder?
“Jesus liebt uns alle” ist eine bildgewaltige, konzise und oftmals harte, sarkastische sowie groteske Kurzgeschichte, die sich auf das Wesentliche konzentriert und uns mit dem Horror unserer eigenen Gedanken konfrontiert. Obwohl drastische Bilder und Metaphern verwendet werden, speist sich das Grauen, das wir bei der Lektüre empfinden, ganz allein aus der Imaginationskraft des Ich-Erzählers. 

“Verborgene Welten” ist eine Anthologie mit 20 Kurzgeschichten von 20 Autor*innen, die perfekt ist, um sie in der düster werdenden Jahreshälfte zu lesen. Natürlich mit Triggerwarnungen versehen und independently published. Ich habe leider nicht die ganze Anthologie gelesen, sondern lediglich die Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Glyfi Almgren, die mir dankenswerterweise als digitales Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür!





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