Montag, 28. September 2026

"Scandalbury Park" von Ellen Damerau



Ein Wohlfühlbuch für Herz und Verstand

Haben wir nicht alle schon mal insgeheim davon geträumt, auf einer Burg, einem Schloss oder einem verfallenen Herrenhaus auf echte Geister zu treffen? Nein? Na dann waren es wohl nur noch nicht die richtigen Geister. Die Protagonistin von “Scandalbury Park”, Karo, ist Ende zwanzig und wird zur Hochzeit ihrer Schwester und deren Verlobten Louise auf ein Schlosshotel in den Ardennen eingeladen. Es sind sogar ganze zwei Wochen, in denen sie den beiden Frauen hilft, sich seelisch, mental und organisatorisch auf die Vermählung im Regency Style vorzubereiten, denn deren Lieblingsserie ist “Scandalbury Park” (ihr alle kennt sicher das Vorbild dafür). Schon bereits am ersten Tag macht Karo dann die Bekanntschaft der sympathischen Schlossgespenster Massimo, Félix, Éléonore und Sacha. Vor allem Letztere lässt sie nicht nur an ihrem Verstand zweifeln, sondern bringt auch ihr Gefühlsleben gehörig durcheinander. Kann man sich in einen Geist verlieben -  und wenn ja, darf man das überhaupt?


Also ich bin sehr beGEISTert von dieser Geschichte, weil sie - wie bei einem echten Regency-Schmöker - Verstand und Gefühl aufs Vortrefflichste vereint, wenn man so sagen will. Der Verstand der Lesenden wird stimuliert, weil der Plot allerlei Rätsel aufgibt, vor allem was die (Vor-)Leben der vier Geister betrifft. Zusammen mit der Protagonistin Karo dürfen wir nach und nach aufdecken, wie sie gelebt haben und wie sie gestorben sind. Zum Ende hin wird es dann nochmal richtig spannend und ich muss schon sagen: ich habe sehr mitgefiebert und den Plot-Twist nicht wirklich kommen sehen: Chapeau!

Das Gefühl wird selbstverständlich durch die Tatsache angesprochen, dass es einerseits um eine Hochzeit geht, die abgehalten werden soll und zum anderen um eine sich anbahnende Liebesgeschichte, die zwischen Karo und der “Geistin” Sacha. Dass das hier alles ganz zahm ist und gänzlich ohne Spice auskommt, dürfte vielen gefallen, ein kleines bisschen mehr hätte in der Beziehung aber für meinen Geschmack auch nicht geschadet. Es ist also ein Buch, das ihr auch getrost euren Teenienachwuchs lesen lassen könnt, ohne dass irgendjemand rot wird. Obwohl Gespenster auftreten, ist das Buch auch zu keinem Zeitpunkt wirklich gruselig und ich denke, das ist bewusst so gewählt und passt auch besser zum Überthema Regency, wo wir anders als bei der literarischen Romantik keinen Grusel oder gar Horror erwarten dürfen.


Gut gefallen hat mir auch, dass die Situation von LGBTQ+-Personen zu früheren Zeiten angesprochen wird, inklusive der Vorurteile, denen sie ausgesetzt waren. Aber auch andere alternative Lebensformen wie das freiwillige Singledasein bzw. die Kinderlosigkeit als Frau und die Schwierigkeiten, die damit früher verbunden waren, kommen zur Sprache. Ebenso werden generell gesellschaftliche/familiäre Erwartungen thematisiert und wie man als Individuum damit umgeht und trotz allem sein Lebensglück findet.

All das gibt dem Ganzen eine Ernsthaftigkeit, die aber keineswegs erdrückend ist. Es ist schließlich ein Buch mit Happy End und keine Tragödie.


“Scandalbury Park” beweist: Auch deutsche AutorInnen können Romantasy und haben mich als Skeptikern des Genres davon überzeugt, zwischendurch auch mal etwas zu lesen, das ein wenig “anders” ist als das, was ich sonst lese. Gerne schau ich mir das weitere Programm des mucverlags an und auch die anderen Bücher von Ellen Damerau. Eine schöne, positive Leseerfahrung, die ich euch ans Herz (und den Verstand ;-) legen kann.


Herzlichen Dank an den muc Verlag für das Rezensionsexemplar!


Sonntag, 27. September 2026

"Jesus liebt uns alle" von Gylfi Almgren, Kurzgeschichte aus der Anthologie "Verborgene Welten", Hrsg. von Martina Zöchinger

 




Kalte Gedanken für die trübe Jahreszeit

Manche Kürbissorten sind ziemlich hässlich, haben seltsame Warzen, sind abschreckend für das Auge, aber ihr Inneres ist dennoch schmackhaft und bekömmlich. Beim Menschen verhält es sich oft genau umgekehrt: Während das Äußere unauffällig oder sogar ganz ansprechend ist, möchte niemand einen Blick auf die Abgründe werfen, die sich im Inneren dieser Menschen abspielen. Die soeben erschienene Kurzgeschichten-Anthologie “Verborgene Welten”, hrsg. von Martina Zöchinger, beschäftigt sich im Dunstkreis der Genres “Thriller, Horror und Dystopie” mit eben solchen inneren Horror-Welten, die wir normalerweise nicht betreten. "Gut", dass es Literatur und Sprache gibt. Sie haben uns schon immer das im Menschen Verborgene dargelegt und das ist auch gut so. Denn was wäre die Welt ohne Gegensätze - ohne Böse kein Gut, ohne Grausamkeit, keine Sanftmut und ohne Hässlichkeit, keine Schönheit.

Der vielleicht größte Folterknecht, den wir in diesem Leben haben, ist (wenn wir das Glück haben, dass uns physische Folter erspart bleibt), unser eigener Kopf. Oder vielmehr die Gedanken, die darin unkontrolliert herumschwirren und ein Eigenleben gewinnen, das mit unserem anderen Ich, das wir der Gesellschaft präsentieren, oft gar nicht mehr viel zu tun hat. Ängste, Sorgen und andere surreale Konstrukte, die uns belasten und in der Entfaltung unseres wahren Seins einschränken - sie sind real und wir alle kennen sie. 

Wenn Blicke töten könnten, darum geht es in der Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Gylfi Almgren. Ein Mensch, der denkt, er könnte mit seinen Blicken andere ins Jenseits befördern. Ein Mensch, der daran zugrunde geht - oder vielleicht doch nicht? Vielleicht kann ja die Begegnung mit Jesus Abhilfe schaffen? Immerhin bedeutet doch das Göttliche die Erlösung - oder?
“Jesus liebt uns alle” ist eine bildgewaltige, konzise und oftmals harte, sarkastische sowie groteske Kurzgeschichte, die sich auf das Wesentliche konzentriert und uns mit dem Horror unserer eigenen Gedanken konfrontiert. Obwohl drastische Bilder und Metaphern verwendet werden, speist sich das Grauen, das wir bei der Lektüre empfinden, ganz allein aus der Imaginationskraft des Ich-Erzählers. 

“Verborgene Welten” ist eine Anthologie mit 20 Kurzgeschichten von 20 Autor*innen, die perfekt ist, um sie in der düster werdenden Jahreshälfte zu lesen. Natürlich mit Triggerwarnungen versehen und independently published. Ich habe leider nicht die ganze Anthologie gelesen, sondern lediglich die Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Glyfi Almgren, die mir dankenswerterweise als digitales Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür!





Mittwoch, 9. September 2026

"Abfahrt ins Jenseits" von Salvatore Simonetti

 


Italienische Mamma ermittelt verdeckt


Eine “Cosy-Crime-Phase” hatte ich in der Vergangenheit immer mal wieder. Lustige und spannende Plots zum Abschalten - das tut schon mal gut. Vor allem im Urlaub greife ich gerne zu Krimis und wenn sie dann auch noch im besuchten Urlaubsland spielen - umso besser. Da es wie so oft nach Italien ging - ich bin auch gerade tatsächlich dort - kam mir der im August 2026 erschienene Krimi “Abfahrt ins Jenseits” von Salvatore Simonetti (Pseudonym) gerade recht.

Er stammt aus dem ersten Belletristik-Programm des bisherigen Sachbuch-Verlags EMF. Ein gestreifter Farbschnitt in den Farben der italienischen Flagge macht das Leseerlebnis besonders - “apart”, möchte ich sagen.


Wir alle kennen sie: die älteren Damen der Krimiliteratur, die Mordfälle lösen. Auch in diesem Fall ist die Protagonistin und gleichzeitig ermittelnde Instanz in Personalunion eine Dame um die 60 namens Marcella. Nachdem sie nach vielen Jahren in Deutschland, genauer gesagt Stuttgart-Untertürkheim, in ihr ligurisches Heimatdorf Dolceacqua zurückkehrt, ist eigentlich alles tutto bene. Sie lebt über dem Eiscafé ihrer Eltern, das mittlerweile von dem sympathischen Männerpärchen Dino und Gino betrieben wird. Ihr unterhaltsamer Untermieter Harry ist ein lässiger Alt-Hippie und Gelegenheitsmaler, Sohn Domenico, der in Deutschland geboren wurde, ist 34 und bei der örtlichen Polizei. Als plötzlich mehrere Altersgenossen und Altersgenossinnen aus ihrem Bekanntenkreis das Zeitliche segnen und ihr Sohn die aufgemotzte Influencerin Romina anschleppt, ist plötzlich doch nicht mehr alles “tutto bene”. Da ihr Polizistensohn die rosarote Brille aufhat, muss Marcella den Fall mit Hilfe von Dino, Gino und Harry lösen - und am Ende ganz alleine ihre Frau stehen.


Die Idee, eine italienische “Mamma”, die natürlich fabelhaft gut kochen kann, zur Ermittlerin zu machen, ist wirklich mal erfrischend anders. Ich habe oft sehr geschmunzelt, weil die Situationskomik hier echt gekonnt angewandt wurde. Manchmal haben mich die witzigen Begebenheiten des Plots an Louis-de Funès-Filme erinnert, die ja auch im ländlichen Milieu spielen oder an “Don Camillo & Peppone” - nur halt mit Smartphone und MacBook.


Natürlich ist es perfekt, den Krimi in Italien zu lesen, auch wenn ich derzeit im Veneto und nicht in Ligurien bin. Man lernt sehr viel über die dortigen Gepflogenheiten, die Spezifika der Touristen und die Nachbarn aus dem reichen Monaco, die in der Marina von Ventimiglia ihre Yachten parken. Dass die Mafia vorkommt, ist bei einem italienischen Cosy Crime fast schon ein Muss. Ihr werdet schreien, wenn ihr rausfindet, warum das Buch “Abfahrt ins Jenseits” heißt - wo doch gar keine Skipiste vorkommt und der Roman im Frühsommer an der italienischen Küste spielt.


Es kommen einige italienische Ausdrücke vor, die gleich nach dem Wort auf Deutsch übersetzt werden. Das stört den Lesefluss ein wenig und wirkt unnatürlich. Im Zweifel kann man ja einfach googeln. Den ein oder anderen Tippfehler durfte ich auch behalten, aber sonst habe ich eigentlich keine Kritik. Also alles "tutto bene", wirklich. Ich will mich echt nicht mit Mamma Marcella anlegen...


Ein wirklich lustiger Krimi, für den Urlaub oder einfach zwischendurch. Hab ich gerne gelesen. 


Herzlichen Dank an den EMF-Verlag sowie ehrlich&anders für das Rezensionsexemplar!