Wortgewebte Romanperfektion
“John of John” von Douglas Stuart ist ein makellos schönes, ein perfektes Buch. Eines, wie ich es schon lange nicht mehr gelesen habe. Es hat eine Würde und Anmut, die eigentlich nur im Nichtgesagten, also jenseits von Worten existieren kann. Und doch sind hier Worte, so viele schöne Worte, die genau das beschreiben, was Menschlichkeit ausmacht. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes ein Mikrokosmos gewebt, der erzähltechnisch interessanter kaum sein könnte.
Aber zunächst zum Setting: Der Roman spielt zum Großteil auf den Äußeren Hebriden Schottlands. Hier im Atlantischen Ozean leben die Menschen hauptsächlich von der Fischerei, Schafzucht und vom Torfabbau. Weberei und Tourismus sind ebenfalls Einnahmequellen. Die wenigen Einwohner kennen sich alle untereinander, es ist eine mikroskopisch kleine Inselgesellschaft. Douglas Stuart hat die Äußereren Hebriden selbst besucht, sich in Landschaft und Menschen verliebt und so ist ihm die Idee zu “John of John” gekommen. Der Ort, Falaby, wo seine Protagonisten ansässig sind, ist fiktiv, aber nach den realen Inselorten modelliert.
“John of John” ist eine Heimkehrgeschichte, denn im Mittelpunkt der Handlung steht die Heimkehr des “verlorenen Sohnes” Cal (eigentlich John Calvin) zu seinem Vater John, der als Weber mit seiner ehemaligen Schwiegermutter das ehemalige Wohnhaus der Familie von Cals Oma Ella gewohnt. Cal war zum Studieren auf dem Festland und kehrt jetzt wieder nach Hause zurück, weil er nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Biblische Motive wie eben die Heimkehr eines verlorenen Sohnes finden sich zuhauf im Roman, ist die Inselgesellschaft doch vom calvinistischen Glauben geprägt. Der Glaube ist Anker und Problem zugleich, denn sowohl Cal als auch John selbst dürfen nicht offen zu ihrer Homosexualität stehen.
Vor allem John ist die Tatsache, dass er Männer liebt, selbst ein Dorn im Auge. Seit Jahrzehnten führt er eine heimliche Beziehung mit seinem Nachbarn Innes, einem Schafzüchter und Amateurfunker, der mit seinem dementen Vater und seinem gebildeten, aber in praktischen Dingen “nutzlosen” Bruder Sorley zusammenlebt. Innes würde gerne mit John zusammenziehen, aber der tut alles dafür, den Schein zu wahren… Die Rückkehr des ungeouteten Cal reißt alte Wunden auf und führt dazu, dass sich alles neu finden und zusammensetzen muss und dass so manches Geheimnis endlich ans Licht kommt.
Das Buch hat 555 Seiten, aber ich fand keine davon langweilig. Es ist zum Teil sogar richtig spannend geworden, man fiebert mit Cal (John of John) und seinem Vater mit, aber auch mit Innes baut sich eine starke Verbindung auf. Die Geschichte mit Doll hat mich überrascht und auch wie sich die Beziehung zwischen Cal und Innes sowie Cal und Isla entwickelt. Auch den Handlungsstrang mit Cals Mutter Grace fand ich interessant. Dass die Beziehung mit seiner Oma Ella so intensiv ist, wie sie ist, war auch nicht zu erwarten.
Dass Cal Farben liebt, aber nicht gleich Synästhetiker ist, finde ich sehr clever gelöst von Stuart. Es bietet ihm die Möglichkeit, poetisch und bildhaft zu werden, ohne daraus eine große Sache zu machen.
Dass das von Cal, John, Innes und vielen anderen Inselbewohnern gesprochene Gälisch unübersetzt wiedergegeben wird, trägt absolut zur Intensität des Ganzen bei. Außerdem ist es der Übersetzerin Sophie Zeitz zu verdanken, dass das Buch auch in der deutschen Übersetzung funktioniert und man gar nicht das Gefühl hat, es wäre besser, das Original zu lesen.
Fazit: ein wunderschönes Buch, das ich mir vorstellen könnte, nochmal zu lesen.
