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Mittwoch, 30. Oktober 2024

"Tage einer Hexe" von Genoveva Dimova

Schmutzige Tage und schaurige Nächte

“Sie ging zum Fenster. Die Vorhänge waren zurückgezogen und gaben den Blick auf die verschneite Straße frei. Auf dem Dach gegenüber glitzerte etwas. Der Schatten einer großen Frau duckte sich hinter den nächstbesten Schornstein. Nur der Rauch ihrer Pfeife kräuselte sich noch erkennbar im Wind.” (Genoveva Dimova: Tage einer Hexe. Aus dem Englischen von Wieland Freund und Andrea Wandel, Klett-Cotta, S. 386)

Die Handlung spielt in einer fiktiven Version eines slawischen Landes (die Autorin wurde in Bulgarien geboren) während der zwölf “Schmutzigen Tage”, beginnend in der Silvesternacht, die den Start dieser Tage im Roman markiert. Bei uns gibt es ja die Raunächte, die von Weihnachten bzw. in der heidnischen Tradition von der Wintersonnenwende bis ca. zum 6. Januar andauern. Beide Zeiten haben gemeinsam, dass man ihnen nachsagt, der “Schleier zwischen den Welten” würde dünner werden und Magie in der Luft liegen. In Chernograd, einem ummauerten Ort, der aus Schwarzweiß-Tönen, Rauch, Traurigkeit und Magie zu bestehen scheint, treiben während der "Schmutzigen Tage” waschechte Monster und Geister ihr Unwesen: Upire, Karakonjule, Ruba, Rusalken, Samodiven, Varkolaks… Um die Stadt vor diesen Monstern zu beschützen, braucht es Magie und die wird dort von Hexen ausgeübt. Bzw. die Hexen versorgen die “normalen” Chernograder*innen mit Amuletten, Talismanen, Zaubertränken und anderen magischen Artefakten zur Verteidigung gegen die bösen Kreaturen.

Unsere Protagonistin Kosara Popova aus Chernograd ist eine Feuerhexe. Aber dummerweise verzockt sie ihren Schatten in der Neujahrsnacht an einen Fremden, weil er sie vor dem Zmey, dem Zar der Monster, beschützen soll. Welche Vorgeschichte Kosara mit dem Zmey hat, erfahren wir erst nach und nach. Der Fremde teleportiert Kosara nach Belograd, die Stadt auf der anderen Seite der Mauer, in der alles anders und vor allem positiver ist als in Chernograd. Wie es Roxana, eine andere Hexe aus Chernograd formuliert: “Alles ist so neu und aufgeräumt und sauber. Und die Leute sind so nett. Das ist irgendwie unheimlich. Warum lächeln sie die ganze Zeit? Was ist so verdammt lustig? Was haben sie zu verbergen?” (S. 68) Der erste Teil des Buches besteht aus dem Spiel mit der dichotomen Topographie der beiden Städte: Chernograd vs. Belograd. Aber obwohl Belograd so viel angenehmer und bunter ist als Chernograd, weiß Kosara, wo sie hingehört und vor allem, dass sie als Hexe ohne Schatten nicht überleben kann…

Der Plot dieses Fantasy-Romans, der den ersten von bislang zwei Teilen markiert, ist actionreich und spannend. Wir fiebern mit Kosara mit, wie sie versucht, den Zmey zu besiegen und ihre Magie zurückzuerobern. Dabei treffen wir nicht nur die blutrünstigen Monster und Geister, sondern auch allerlei schräge menschliche Gestalten an. Wir hängen auch das ein oder andere Mal auf dem Friedhof ab, denn viele der Monster sind nichts anderes als Zombies. Bei allem Gruselfaktor, der hier zum Tragen kommt: Ein bisschen “Romantasy” ist auch dabei, denn in Belograd lernt Kosara den schmucken Bullen Able kennen, wobei es der ansonsten einsamen (mal vom Geist ihrer Schwester abgesehen) Feuerhexe etwas wärmer ums Herz wird. Das alles ist gewürzt mit einer ordentlichen Portion Humor und Augenzwinkern. 

Besonders hervorheben möchte ich die wirklich beeindruckend “herbeigeschriebene” winterliche Atmosphäre, die dieser Roman von der ersten Zeile an ausstrahlt. Man möchte sich als Leser*in sofort mit einer Decke und einem Punsch/Tee einkuscheln und noch tiefer in die fantastisch-magische Welt eintauchen, die Genoveva Dimova sich ausgedacht hat.

Wer actionreiche Fantasy-Geschichten mag, die etwas gruselig sind und dabei oft ins Skurrile und Groteske gehen, eine tolle winterliche Atmosphäre aufweisen und eine starke, etwas “andere” (weibliche) Protagonistin haben, die auch dem ein oder anderen Love Interest nicht abgeneigt ist, der ist mit “Tage einer Hexe” an genau der richtigen Adresse. Zum absoluten Mega-Highlight hat es bei zwar nicht gereicht, aber es ist ein sehr unterhaltsamer Fantasy-Roman, der mit Sicherheit viele begeisterte Leser*innen finden wird.

Herzlichen Dank an Hobbitpresse/Klett-Cotta und vorablesen für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch gibt es: hier


Sonntag, 27. September 2020

"Das Buch der gelöschten Wörter - Die letzten Zeilen" von Mary E. Garner

 
Das Ende der Geschichte(n)

Bei Fantasy-Reihen ist der letzte, finale Band oft von großer Bedeutung: Hier werden meist die großen Geheimnisse aufgelöst, die sich durch die Handlung gezogen haben, hier wird zwischen Gut und Böse "abgerechnet" und - in der Regel - ein für den Leser zufriedenstellendes Happy End erzeugt. Außerdem lässt sich mit Beendigung der Lektüre des letzten Bandes die ganze Reihe im Nachhinein besser bewerten: War das "Worldbuildung" in sich stimmig? Sind die Handlungsstränge bis zum Ende geführt und schließlich aufgelöst worden? Waren die Figuren plausibel und ihre Beweggründe nachvollziehbar?

Wenn ich mir nach diesen Kriterien Mary E. Garners “Das Buch der gelöschten Wörter - Die letzten Zeilen” sowie zusätzlich die ganze Reihe anschaue, kann ich für mich persönlich behaupten, dass in diesem letzten Band der Trilogie alles nach den obigen Kriterien zu meiner Zufriedenheit aufgelöst und erfüllt wurde. Noch einmal ist mir in diesem letzten Teil aufgefallen, wie raffiniert die Autorin die geschilderten Buchwelten - sowohl die Klassiker als auch die “erfundene” um den Bösewicht Quan Surt - ausgewählt und in ihr persönliches Fantasy-Setting integriert hat. Selbst in diesem letzten Band kommen noch neue Buchwelten dazu, die Hope und ihre Kollegen besuchen. Allen voran natürlich “Sturmhöhe” von Emily Brontë. Dass wir ein “Eye-to-eye” mit Heathcliff bekommen, ist für mich persönlich das Highlight dieses Bandes. Wer möchte ihn nicht einmal “außerhalb seiner Geschichte” kennenlernen, den berühmt-berüchtigten Liebhaber von “Wuthering Heights”? Attraktiv-dramatisch-dunkel-impulsiv - der Prototyp des “tall, dark, stranger” - ja, so hab ich mir ihn vorgestellt und so passt er auch zur klassischen Vorlage.

Auch einige Überraschungen und Wendungen hält die Autorin in diesem Band für uns parat und es wird zudem - passend zum Auftauchen von Heathcliff - ziemlich dramatisch. Aber so gehört es sich ja schließlich auch für den letzten Band einer Fantasy-Reihe. Da bleibt kein Auge trocken und am Ende können wir uns auch auf ein richtiges Happy End freuen, mit ein paar Wermutstropfen - auch das bleibt natürlich nicht aus. Schließlich ist mit diesem Band alles vorbei: Schluss, Aus, Ende der Geschichte(n).

Wir alle wissen noch (also die wir es gelesen haben), mit welchem Gefühl wir den letzten “Harry Potter”-Band zugeschlagen haben. Obwohl es mir mit “Das Buch der gelöschten Wörter” nicht ganz so erging, denn an die Geschichte des Jungen Harry reicht ja kaum eine andere Fantasy-Geschichte heran [auch wenn die Äußerungen der Autorin von “HP” zu gewissen Themen natürlich nicht zu billigen sind], war ich doch etwas traurig, als ich Hope, Rufus und Co. ziehen lassen musste. Fünf Monate haben mich die Protagonisten, Neben- und Buchfiguren der Fantasy-Geschichte von Mary E. Garner nun begleitet. Nochmal ein Lob an die Verlagspolitik, alle drei Bände innerhalb kürzester Zeit auf den Markt zu bringen. Danke Mary E. Garner für diese schöne Geschichte, ich hoffe es werden noch weitere folgen.

Weitere Infos zum Buch (Klick aufs Cover):


Sonntag, 19. Juli 2020

"Mit Dir für alle Zeit" von Lisa Grunwald



Paranormale nostalgische Romanze

Die Autorin Lisa Grunwald war mir vor der Lektüre kein Begriff. Mich hat hauptsächlich das wunderschöne nostalgische Cover angesprochen. Reine Liebesgeschichten lese ich nur, wenn sie wirklich vielversprechend klingen und das war hier auch der Fall. Eine Liebe "durch alle Zeiten" verlautbarte eine Pressestimme, das klang ein wenig nach "Outlander". Auch in “Mit dir für alle Zeit” gibt es eine Liebe, die eigentlich nicht sein kann und darf, weil sie die Gesetzmäßigkeiten von Raum und Zeit aus den Angeln hebt.

Die Liebe zwischen Joe und Nora beginnt im Jahr 1937, als der Weichenmechaniker aus Queens am Grand Central Bahnhof in New York die junge Frau aus gutem Hause kennenlernt. Er ist 33, sie 23, alles könnte so schön sein, doch da ist die unverbrüchliche Tatsache, dass Nora eigentlich tot ist. Sie ist 1925 bei einem Subway-Unglück im Grand Central, dem Hauptbahnhof von New York City, ums Leben gekommen und taucht in manchen Jahren an ihrem Todestag im Dezember wieder auf. Ja, Fantasy-Elemente spielen in diese Liebesgeschichte hinein und sollten alle potenziellen Leser außen vor lassen, die mit so etwas nicht klar kommen. Auch ich musste mich auf das Buch einlassen und hinnehmen, dass es eine quasi “magische” Geschichte ist und manche Handlungselemente eben so sind wie sie sind. Wenn man anfängt, die Dinge zu hinterfragen, wird es nämlich problematisch. Also: “willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit” (”willing suspension of disbelief”), wie es der englische Dichter Samuel Taylor Coleridge zum Thema unrealistischer Szenen sagte. Es ist schließlich eine Liebesgeschichte, Intention dürfte es also sein, das Herz des Lesers zu berühren. Das hat die Autorin bei mir nur bedingt geschafft. Ich muss sagen, die Geschichte war schon tragisch, aber ich hätte mir noch etwas mehr Intensität und Leidenschaft gewünscht. Die Protagonisten Joe und Nora machen doch viel mit sich selbst aus, hadern mit sich und ihrer Situation oder setzen sich mit ihrer Familie (Joe) oder ihrer Vergangenheit bzw. merkwürdigen Gegenwart (Nora) auseinander. Manchmal leben sie richtig nebeneinander her und ihre innige Verbundenheit kommt nur in sehr wenigen Szenen kurz zum Vorschein.

Auch von der Struktur her habe ich mir diesen Roman ein wenig anders vorgestellt [evtl. Spoiler]. Ich dachte wirklich, dass Nora nur an ihren Todestagen, also einmal im Jahr, auftauchen und dann wieder verschwinden würde. Tatsächlich ist es aber so, dass sie nach ein paar Jahren bereits über ein Jahr mit Joe im Bereich des Terminals zusammenlebt, ohne zu verschwinden. Warum das so ist, erfahren wir zwar mit der Zeit, aber es wird erstmal so hingenommen von den Protagonisten. Ich hätte mir eine größere Zeitspanne gewünscht, in der Nora wirklich nur einmal pro Jahr auftaucht und nur diesen einen Tag bleibt. Erzählt werden nämlich nur die Jahre 1937-1947 (mit einigen Rückblenden in Noras Vergangenheit). Der Autorin hat es aber wohl gereicht, die Problematik des Alterns bei Joe nur anzuschneiden. Es wäre spannend gewesen zu erfahren, wie Nora mit einem z.B. 86-jährigen Joe umgegangen wäre bzw. er mit ihr.

Was thematisch sehr interessant ist, ist das Phänomen "Manhattanhenge", das im Buch eine wichtige Rolle spielt. Jeder, der schon mal einen Sonnenauf- oder -untergang in Manhattan erlebt hat, weiß, wie mystisch und eindrucksvoll sich dieses Erlebnis auf den Betrachter ausnimmt. Von daher fand ich es sehr schön, dass dieses Ereignis, das sich durch das Aufeinandertreffen des Urbanen mit dem Natürlichen speist, einmal in einem Roman gewürdigt wird.

Fazit: Ein ganz netter paranormal-historischer Liebesroman, der aber meines Erachtens noch besser und intensiver hätte sein können.

Herzlichen Dank an den Harper Collins Verlag für das Rezensionsexemplar!


Nähere Infos zum Buch (Klick aufs Cover):


Dienstag, 7. Juli 2020

"Das Buch der gelöschten Wörter - Zwischen den Seiten" von Mary E. Garner


Mit Action, Witz und einer Prise Düsternis geht’s weiter mit Hope & Co.
 
(Enthält naturgemäß Spoiler für alle, die Band 1 nicht gelesen haben)

Nachdem ich von der Grundidee der Trilogie rund um das Buch der gelöschten Wörter sehr angetan war und nach dem eklatanten Cliffhanger am Ende von Band 1, war für mich Band 2 - “Zwischen den Seiten” - ein Muss. Oft sind mittlere Bände einer Trilogie bzw. Reihe ja eher schwächer, selbst bei “Harry Potter” gab es meiner Meinung mal zwischendurch ein Buch mit einer weniger starken Storyline. Also hatte ich für diesen zweiten Band jetzt nicht die allerhöchsten Erwartungen, aber doch Erwartungen, die ein Anwachsen des Tempos der Handlung betreffen.

Die Idee, um die herum sich der Plot gruppiert, ist für mich nach wie vor sehr reizvoll und ich freute mich, wieder mit Hope Turner und ihren Kollegen in die Buchwelten abtauchen zu dürfen. Diesmal kommen ein paar neue Settings der Weltliteratur hinzu (u.a. “Anne of Green Gables”, “Der Zauberer von Oz”, “Gullivers Reisen”, etc.) und dementsprechend auch neue Figuren dieser Geschichten, mit denen die Verwandler, Wanderer und Gehilfen des “Bundes” interagieren können. Natürlich bleiben uns auch die “alten Bekannten” aus Band 1 weitestgehend erhalten.

An die Story aus Band 1 wird nahtlos angeknüpft, in der “Echtwelt” sind seit den Geschehnissen vom Anfang aber zwei Monate vergangen. Nach wie vor müssen Hope und ihre Gefährten gegen die bösen “Absorbierer” und deren Anführer kämpfen, derer sie aber zunächst nicht habhaft werden können. Deswegen werden die düsteren Settings der Weltliteratur auf der Jagd nach den Bösewichten abgesucht, wo unsere Protagonistin Hope aber zunächst nicht mitmachen darf, denn sie ist ja “sterblich”. Die spannende Suche nach dem Anführer der Absorbierer wird also im ersten Teil dieses Bandes bloß “aus dem Off” angedeutet, ohne dass die Hauptfigur der Geschichte in eine prekäre Gefahrensituation gebracht wird. Einzig in Tralala-Buchwelten, die höchstens einen leichten Nervenkitzel versprechen, darf sie eintauchen. Doch dann kommt plötzlich alles ganz anders und die Handlung nimmt - wie gewünscht - an Fahrt auf. Ich muss sagen, mir hat der zunehmend düstere und temporeichere Verlauf der Handlung sehr gefallen, der immer wieder mit dem der Autorin ureigenen Humor gespickt ist - das Stilmittel des “comic relief” ist typisch für diese Reihe und hat mir das ein oder andere Schmunzeln entlockt. Actiongeladene, James-Bond-artige Szenen und Mittelalter-Protagonistinnen im Catsuit verleihen der soliden Urban fantasy noch einen Touch von Agententhriller.

Am Anfang hat Hope mich ein wenig genervt mit ihrer Belesenheit, denn sie kennt jeden Klassiker der Weltliteratur genau, auch wenn es Jahre her ist, dass sie ihn gelesen hat (“Wer kennt sie nicht, die Geschichte von…”, “Das weiß doch jedes Kind…”), aber mit zunehmendem Verlauf der Handlung bin ich nicht mehr darüber gestolpert. Eigentlich ist sie ja eine recht sympathische Protagonistin und wenig selbstsicher, auch wenn das in Bezug auf ihre Belesenheit manchmal so rüberkommt.

Wie schon in Band 1 hat mich dagegen die Belesenheit und Imaginationskraft der Autorin Mirjam Müntefering alias Mary E. Garner sehr begeistert! Das alles so zu schreiben und zu konstruieren, wie sie es getan hat, verdient höchsten Respekt und ich werde natürlich auch Band 3 noch lesen, denn ich will ja wissen, wie die Geschichte um Hope und das Buch der gelöschten Wörter zu Ende geht.

Weitere Infos zum Buch: hier

Samstag, 13. Juni 2020

"Das Buch der gelöschten Wörter. Der erste Federstrich" von Mary E. Garner



Wohlfühl-Fantasy für Literaturliebhaber

Lange habe ich keine Fantasy gelesen. Mich hat einfach kaum etwas aus diesem Genre angesprochen in letzter Zeit. Das Buch von Mary E. Garner hat mich aus meiner Fantasy-Leseflaute aber definitiv herausgeholt!

Zugegeben, die Fantasy-Idee, via Portale in die Klassiker der Weltliteratur einzudringen, ist keine neue. Wer zum Beispiel die “Thursday-Next-Romane von Jasper Fforde gelesen hat, weiß wovon ich rede. Nun hat sich auch die deutsche Autorin Mirjam Müntefering unter dem Pseudonym Mary E. Garner an diese Storyline herangewagt und eine Fantasy-Triologie vorgelegt, deren erster Band "Das Buch der gelöschten Wörter - Der erste Federstrich" ist.

Für alle LiebhaberInnen ist es eine mehr als verlockende Vorstellung, in die fiktive Welt eines Buches einzudringen und die berühmten Protagonisten und Figuren dieser Werke persönlich kennenzulernen. Wer möchte nicht mal ein Pläuschchen mit Hamlet über den Sinn des Lebens halten oder den “echten” Mr. Darcy aus “Stolz und Vorurteil” kennenlernen? Auch der Protagonistin aus Mary E. Garners Trilogie, Hope Turner, haben es die Romane von Jane Austen und besonders der letztgenannte angetan. Dass sie aber tatsächlich einmal durch die Gärten und Räume des berühmten Herrenhauses wandeln wird, hätte sich die 42-jährige Angestellte einer Londoner Online-Dating-Agentur in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen können... Mehr möchte ich über die Handlung gar nicht verraten - sie ist hochkomplex und das Fantasy-Gerüst, dass sich Mary E. Garner ausgedacht hat, steckt voller Metafiktion und literarischer Anspielungen. Es regt dazu an, sich die genannten Klassiker selbst einmal wieder zu Gemüte zu führen - oder sie sogar zum ersten Mal zur Hand zu nehmen. Allein aufgrund der Belesenheit und des Einfallsreichtums der Autorin, habe ich dieses Buch sehr genossen. Der augenzwinkernde Humor, den die Autorin bei der Vorstellung der literarischen Figuren an den Tag legt, ist einfach toll. Auch wenn die Handlung im ersten Band nur langsam Fahrt aufnimmt, ist es ein großes Vergnügen, zusammen mit Hope Turner die Buchwelt und ihre Möglichkeiten zu erforschen. Die Figuren werden eingeführt und am Ende wird die Welt, die sich der Leser langsam erschlossen hat, wieder aus den Fugen geworfen. Dieser Cliffhanger ist so aufregend, dass ich sehr froh bin, dass der zweite Band schon fertig geschrieben wurde und bereits Ende Juni erscheint. Sonst wäre es wirklich eine lange “Lesefolter”, die man da durchstehen müsste.

Ein paar Fehler sind durchs Lektorat gerutscht: So werden die Figuren aus Theaterstücken im Buch regelmäßig "Dramafiguren" genannt, obwohl der korrekte Plural "Dramenfiguren" lautet. Auch die "Tweethosen" (erstmals S. 227) sind mir negativ aufgefallen, es sei denn sie rühren nicht von einem Stoff namens "Tweed" her, sondern von einem Internet-Kurznachrichtendienst. Aber: wir alle machen Fehler, von daher: für die nächste Auflage sollte man vielleicht etwas genauer hinschauen.

Alles in allem ist dieser erste Teil der Fantasy-Trilogie von Mary E. Garner ein großes Lesevergnügen für alle, die gerne in literarische Welten eintauchen und die Weltliteratur und ihre Figuren und Settings auch mal aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachten möchten.

Nähere Infos zum Buch: hier

Montag, 1. Juli 2013

"Sommernachtszauber" von Ellen Alpsten



Das Theater ist nicht nur eine uralte Kunstform der Menschheit, es ist auch schon immer Gegenstand von Theaterstücken selbst - man muss nur an "Hamlet" denken, wo dieser zur Überführung seines Onkels als Mörder ein Stück aufführen lässt. Auch in Romanen wird das Theater als Sehnsuchtsort der Menschen immer wieder zum Gegenstand der Handlung. Hinter der Bühne spielen sich nämlich oft die größeren Dramen ab - unter Akteuren und Machern des Theaters selbst.
Auch "Sommernachtszauber" von Ellen Alpsten versteht sich in der Tradition des Metatheaters, des "Spiels im Spiel", das hier in Prosaform gleich mehrere Ebenen reflektiert. Da wäre zum einen die "reale Ebene" im Roman, die Lebenswelt von Caroline und ihrer besten Freundin Mia, die beide ein Semester Schauspiel an der renommierten "Ernst-Busch" hinter sich haben und nun in den Semesterferien ein Engagement an einer Berliner Bühne suchen. Da trifft es sich gut dass das alte Theater in der Fasanenstraße, das seit der Zeit kurz vor dem zweiten Weltkrieg nicht mehr bespielt wird, als Bühne wiederbelebt werden soll. Dafür will der Jungregisseur Carols sorgen, der mit einer Neuinszenierung von "Romeo & Julia" für Furore machen und so den Berliner Senat davon überzeugen will das "Bimah" (jiddisch für "Bühne") als neuen Schmelztigel der Berliner Theaterszene zu fördern. Caroline, die vom Schicksal durch den Selbstmord ihres Vaters, die daraus resultierenden Depressionen ihrer Mutter und das Großziehen ihres kleinen Bruders schon viel abbekommen hat, will ihr Glück beim Vorsprechen versuchen. Ebenso wie ihre Freundin Mia, die aus einer bekannten Berliner Theaterdynastie mit Villa am Wannsee stammt und als Schauspielerin ebenfalls Erfolge feiern will. Außerdem hat sie einen Blick auf den attraktiven Ben Behrens, Jungstar und Mädchenschwarm geworfen, der den Romeo geben soll. Caroline ergattert die Rolle durch ihre intensive und unpretentiöse Art zu spielen, während Mia gerade mal den Job als Maskenfrau und Garderobiere ausüben darf. Als Caroline eines Abends auf der Bühne alleine proben will steht plötzlich ein wunderschöner junger Mann vor ihr, der vorgibt "Romeo" zu sein und Johannes heißt - und der eine riesige blutende Wunde hat...
Nun kommt die zweite, fanatstische Ebene des Buches ins Spiel: das Theater an der Fasanenstraße wird von einem Geist bewohnt. Das ist Johannes, der hier 1935 auf der Bühne als Romeo während einer Aufführung von "Romeo & Julia" zu Tode kam. Wie das alles geschah und die Hintergründe seiner Geschichte sei dem Buch vorbehalten. Die zweite Ebene ist die Geschichte von Johannes und Caroline, ihre gemeinsame Zeit im Theater und auf der Bühne.
Die dritte Ebene ist die gegenwärtige Aufführung von "Romeo & Julia", für die geprobt wird.
Die vierte Ebene ist die der Vergangenheit - die Geschichte von Johannes, die sich vor und hinter der Bühne abspielt.
Wir haben also vier Ebenen, die prosaisch vermittelt werden müssen. Das ist gar nicht so einfach, aber Ellen Alpsten versteht es mit Bravour zwischen den vier Ebenen zu wechseln ohne das der Leser verwirrt ist.
Es ist ein Buch voller theatraler Referenzen, in dem viele Situationen und Personen gespiegelt werden und in dem Realität und Realität der Theaters bzw. des Schauspiels mitunter verschwimmen. Genau diese Intertextualität bzw. Intertheatralität macht für mich die Qualität und die Faszination dieses Jugendromans aus.
Die Wahl der Vergangenheitszeit ist sicher mutig, ist sie doch die dunkelste Zeit die Deutschland und Berlin durchstehen musste.
Diese Roman ist für mich eine der Entdeckungen dieses Sommers, den nicht nur 18jährige angehende Jungschauspieler lesen sollten. Chapeau Frau Alpsten, Sie haben mich nicht enttäuscht - im Gegenteil!

Vielen herzlichen Dank an vorablesen.de und den Coppenrath Verlag für das Rezensionsexemplar!

Meine Ausgabe: 
Verlag: Coppenrath
Erscheinungsjahr: 2013
Seiten: 412
ISBN: 978-3-649-61056-4

Freitag, 3. Mai 2013

"Die Flüsse von London" von Ben Aaronovitch (Peter Grant, Bd. 1)



Das Buch ist für mich wie aus dem Nichts aufgetaucht (hier der Bericht vom mysteriösen Fund desselben) – so wie der Geist, der in der Handlung von „Die Flüsse von London“ eine wesentliche Rolle spielt. Ich muss sagen es lässt mich auch nach der Lektüre etwas schwebend, in einer Art Lektüre-Zwischenwelt zurück, in der ich mich vor allem mit der einen wesentlichen Frage beschäftige: hat es mir nun gefallen oder nicht? Dass ich mich mit dieser Frage nach Beendigung einer Lektüre beschäftige ist äußerst selten, meistens merke ich schon im ersten Drittel eines Buches ob es etwas für mich ist oder nicht.
Das Seltsame ist: während des Lesens hatte ich immer wieder Phasen in denen mir das Buch keineswegs gefallen, mich verwirrt oder gelangweilt hat und genau diese Phasen wurden kurz danach wie durch Geisterhand ins Gegenteil verkehrt und ich war dann wieder dabei – so als hätte der Autor gemerkt dass ich mich gerade nicht auf seiner Seite befinde und die Handlung an mich angepasst.
„Weird“ kann man da nur sagen, um mal dieses schöne englische Wort zu benutzen, das man mit „komisch-seltsam-verrückt“ nur annähernd übersetzen kann ohne den Sinn zu treffen.
Allerdings habe ich jetzt nach wie vor das Gefühl dass ich nicht sagen kann ob das Buch jetzt toll war oder nicht. Es war auf jeden Fall „nicht schlecht“, aber was heißt das schon?
Ich kann mir durchaus vorstellen dass es Leser gibt die absolut davon begeistert sind, ebenso aber dass es welche gibt die sich unter der Gabaldon-Aussage „ein erwachsen gewordener Harry Potter“ etwas völlig anderes vorgestellt haben.

Aber genug der Unsicherheiten in der Bewertung und kurz zur Handlung: es geht um den englischen Constable Peter Grant, der seine Polizeiausbildung gerade beendet hat und nun in der Londoner Met (Metropolitan Police) seinen Dienst tut. Dort wird er plötzlich als eine Art Zauberlehrling vom Leiter des Zauberei-Departments der Met angeheuert, einem Detective Chief Inspector Thomas Nightingale. Dieser ist ein Zauberer, der polizeiliche Ermittlungsarbeit leistet und seit einiger Zeit tot. Peter soll von ihm ausgebildet werden und muss sich gleich mal mit einem Fall auseinandersetzen, in dem ein Geist scheinbar andere manipuliert und zum Töten animiert. Nebenbei muss er sich noch mit den beiden verfeindeten Göttern des Flusses Themse herumschlagen und lernt auch deren „Nachwuchs“ kennen.

Ja, die Handlung ist wirklich mal erfrischend anders! Ich fand vor allem die Passagen in denen die historischen Zeiten ineinanderfließen interessant und lesenswert.
Gestört hat mich allerdings dass alles ein wenig inkohärent und teilweise verwirrend daherkommt wodurch ich öfters mal den Faden verloren habe: wer ist jetzt wer? Ist das eine fiktive/mythische/magische oder reale Person, ist sie tot oder lebendig? etc. Dieses „Zuviel“ passt aber auch wieder gut zu dem Chaos, das im Plot des Buches vorherrscht, es wird gewissermaßen auf die Erzählebene heruntergebrochen – Inhalt und Form  passen demnach eigentlich perfekt zueinander.

Die Verbrechen waren mir zu brutal und zu detailliert beschrieben – ich mag es ja eher weniger blutig und gewalttätig bei Krimis, mir reicht es zu erfahren dass es eine Leiche gibt und dass kurz erklärt bzw. dazu ermittelt wird woran sie gestorben ist (wie in klassischen Agatha Christie-Krimis üblich). Allerdings konnte man auch das irgendwie abstrahieren zumal die Handlung ja viele fantastische Elemente aufweist und man sich einreden konnte: vielleicht ist das ja alles nicht real (in der Realität des Romans).

Die Mischung einer Fantasyhandlung mit Auswirkungen in der realen „Hier-und-Jetzt“-Welt fand ich ziemlich gelungen. Die Hauptfigur Peter Grant wird von seinen magischen Fähigkeiten überrascht, lernt aber schnell damit umzugehen und sie in seinem normalen (Polizei-)Alltag anzuwenden. Den sozialkritischen Hintergrund und die Tatsache, dass Peter aus einer „Problemfamilie“ stammt finde ich tun wenig für die Handlung (aber anscheinend muss man als Zauberlehrling einen dysfunktionalen Background haben, siehe Harry Potter).

Ich werde die Reihe (mittlerweile ist auf Englisch ja schon der vierte Band erschienen, den dritten gibt es gerade bei vorablesen.de zu rezensieren) wahrscheinlich erst mal nicht weiterverfolgen, aber wer weiß, vielleicht greife ich wieder dazu wenn ein wenig Wasser die Themse hinuntergeflossen ist.

Meine Ausgabe:

Originaltitel: Rivers of London
Verlag: dtv

Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2013
Erstausgabe: 2011
Seiten: 480
ISBN: 978-3423213417