Solider Klimaroman mit actionreichem Finale
“Es war, als würde er in ein geheimnisvolles Kraftfeld eintauchen, in eine Aura aus Gewissheit und Gleichmut, wie sie nur in der Krone eines alten Baumes zu finden war, der tief in der Erde wurzelte.” (Tage am Fluss, S. 92)
Oben zitiert steht der schönste, poetischste Satz, den ich in Jochen Mariss’ Roman “Tage am Fluss” gefunden habe. Das muss und soll aber nicht heißen, dass alle anderen weniger gut sind, dieser hat mir nur einfach am besten gefallen und einen Nerv bei mir getroffen.
Von der Existenz dieses Buches habe ich erst erfahren, als ich es in den Händen hielt. Es wollte, es musste wohl von mir gelesen werden. Ich wäre von selbst jedenfalls nicht darauf gekommen: Junger hübscher Mann aus gutem Hause vom Typ “Klimakleber” trifft auf grumpy middleaged Flussfährfrau - irgendwo im niederdeutschen Flachland. Natürlich wird aus der anfänglichen leichten Abneigung im Laufe des Romans eine Kollaboration, ein klassisches Win-Win. Er hilft ihr “aufzutauen” und bei der Arbeit, sie hilft ihm sich zu verstecken und endgültig “erwachsen” zu werden. Man packe zwei ungleiche, aber doch attraktive Menschen mit einer Last auf den Schultern und ungelösten Problemen in ein schönes Sehnsuchtssetting und wartet ab, was passiert bzw. wo das Narrativ einen hinträgt. Das klingt schon nach einem gewissen Schema F, das derzeit gern in der deutschen Gegenwartsliteratur abgespielt wird.
Man denkt vielleicht auch an den Romantasy-Trope “Enemies to lovers”, allerdings verhindert die ständige Erwähnung des verlorenen jüngeren Bruders Jan der Fährfrau Sara, der dem Eindringling Leon vom Wesen sehr ähnlich ist, sowie der schon recht beträchtliche Altersunterschied von 20 Jahren, dass man am Anfang in die romantische Richtung denken könnte. Ich will nicht zu viel verraten, aber so ein wenig knistert es dann schon zwischen den beiden. Ein wenig, zu wenig, glaubwürdig, braucht es das? - Das dürfen die Lesenden selbst entscheiden. “Tage am Fluss” ist jedenfalls kein “Die Brücken am Fluss 2.0”. Puh, ich bekomme rote Ohren wenn ich nur an den Film denke. Oder hab nur ich den so spicy in Erinnerung? Egal und sorry für den Exkurs nach Hollywood.
Der Roman stellt viele Fragen, die heute brisanter denn je sind: Wie viel Egoismus verträgt unser angeschlagener Planet noch? Sollte man nicht endlich anfangen, globaler zu denken und ernsthaft über den Tellerrand der eigenen Bequemlichkeit und des eigenen Wohlstands hinaus zu blicken und die Sache selbst in die Hand nehmen? Ich fühle jedenfalls nach der Lektüre von “Tage am Fluss” ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass ich noch nicht in einem Baumhaus lebe, um die Abholzung eines bedrohten Waldes zu verhindern. Oder dass mir der Asphalt doch zu heiß ist, um mich auf die Straße zu kleistern und die Autos daran zu hindern, weiter ihre Abgase in die Umwelt zu pusten. Ja, dieser Roman ist bei allem Wohlfühlsetting mit Hühnern und Hexenhaus schon ein wenig unbequem und stellenweise unangenehm zu lesen. Einfach weil der Autor ja recht hat. Wir müssen uns von unserem Allerwersten erheben - jeder einzelene Mensch - und etwas tun gegen die Verschmutzung unseres Planeten.
Besonders gefallen hat mir das actiongeladene Finale, das war schon cool irgendwie. Ganz zum Schluss hätte ich mir etwas mehr Klarheit gewünscht, wo es denn jetzt wirklich hingehen soll, aber das wird nur angedeutet. Für alle, die gerne was über Klimaschutz lesen, ist dieser Roman auf jeden Fall einen Abstecher wert.
Herzlichen Dank an den Kiwi-Verlag für das Rezensionsexemplar!
