Donnerstag, 20. Juni 2024

"Bolla" von Pajtim Statovci


“...the sensation as I kiss his neck, the person I am as I smell his hair, the gazes we cast upon each other, the taste of beer left on the balcony table, the way our lips touch right there in the flames of the fading evening, it will never end, even if there's nothing left of it by morning.” (65)

Wenn ihr euch die tragischste Liebesgeschichte aller Zeiten vorstellen müsstet, dann denkt ihr, wenn ihr “Bolla” von Pajtim Statovici (aus dem Finnischen ins Englische übersetzt von David Hackston) gelesen habt, bestimmt nicht mehr an Romeo und Julia, sondern nur noch an Miloš und Arsim! Eine extrem tragische, unendlich traurige Liebesgeschichte mit zwei “star-crossed lovers”, die mir für immer in Erinnerung bleiben werden. 

Sie lernen sich zur falschen Zeit am falschen Ort kennen - oder war es genau der Richtige, weil sie sich woanders nie kennengelernt hätten? 

Pristina, Kosovo, 1995. Ganz Kosovo ist besetzt von serbischen Truppen, der Krieg lauert am Horizont, viele Albaner fliehen aus dem Land, das keine Zukunft mehr zu verheißen scheint. Auch der 25-jährige Student der Geisteswissenschaften, Arsim, ist Albaner. In einem Café lernt er den ein Jahr jüngeren Medizinstudenten Miloš kennen - einen Serben. Sie verlieben sich ineinander und beginnen eine heimliche Beziehung. Nicht nur ist Homophobie im damaligen zerrütteten Jugoslawien allgegenwärtig, auch die Feindschaft und die alltäglichen Spannungen zwischen Albanern und Serben befinden sich auf einem Höhepunkt. Zudem kommt, dass Arsim frisch verheiratet ist und seine Frau Ajshe ein Kind erwartet. Doch die Anziehung von Miloš und Arsim ist stärker als alle Widerstände und sie genießen den einen Sommer, der ihnen vergönnt ist. Bis sich ihre Wege wieder trennen - für immer?

Der Text ist heftig. Die genauen Beschreibungen des Massakers von Zivilisten im Krieg sind definitiv nichts für sensible Gemüter und ich musste diese Stellen ein wenig “überlesen”, um nicht in eine extrem depressive Stimmung zu verfallen. “Bolla” ist zum einen ganz klar ein Antikriegsroman. Er zeigt, wie Krieg und die daraus resultierenden Traumata einen Menschen - in diesem Fall Miloš - zerstören können, so dass er nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Das Beispiel von Arsim zeigt, was Entwurzelung und das Leugnen der eigenen Identität mit einem machen. Er, aus dessen Ich-Perspektive das Geschehen erzählt ist (von Milos gibt es immer wieder zwischengeschaltete Textpassagen), ist kein sympathischer Protagonist. Und das ist besonders bezeichnend, denn einen Antihelden zu erschaffen, mit dem sich die Lesenden dennoch identifizieren können, ist definitiv kein Kinderspiel. Arsim ist egoistisch, weil er ein Doppelleben führt. Er ist gewalttätig gegenüber seiner Frau und seinen Kindern. Er hat oft Gedanken, die nicht gerade menschenfreundlich sind. Er möchte eigentlich nur Schriftsteller und mit Miloš zusammen sein, er kann und darf es aber nicht. Die Tragik dieses Lebens, das er führt, ist abgrundtief und schwer zu ertragen - auch für die Lesenden.

Trotz der Schwere der Thematik mochte ich dieses Buch, denn es ist einfach brillant. Das Motiv der Schlange (Bolla) bzw. des verlorenen Paradieses zieht sich leitmotivisch durch den Roman (man denke nur an Miloš’ Leidenschaft für Äpfel) und macht es auch für semiotisch interessierte Lesende sehr interessant. Die klare und dennoch poetische Prosa hat mir unglaublich gut gefallen, natürlich auch mit ein Verdienst des Übersetzers. Ich möchte jetzt unbedingt noch mehr von Pajtim Statovici lesen, vielleicht auch die Sachen, die bereits auf Deutsch übersetzt wurden. “Bolla” ist bislang (Juni 24) nur auf Englisch erhältlich.

Triggerwarnungen: Krieg, Beschreibungen von extremer Gewalt, Inzest, Missbrauch, Homophobie, psychische Krankheit, etc.

Sonntag, 16. Juni 2024

"Verwirrung der Gefühle" von Stefan Zweig


Stefan Zweigs Novelle “Verwirrung der Gefühle” von 1927 wird von Reclam als “einer der wichtigsten Coming-out-Texte der Weltliteratur” bezeichnet. Wahrscheinlich ist er auch einer der ersten. 

Ich wünschte, ich hätte diesen Text schon viel früher gelesen, denn er ist nicht nur ein wichtiger Klassiker der queeren Literatur, sondern es geht in ihm auch um die Leidenschaft für Literatur. Der Ich-Erzähler, mittlerweile ein renommierter Literatur-Professor, der mit 60 Jahren seine Festschrift entgegen nimmt, erinnert sich in der Rahmenhandlung an seinen Mentor, einen Professor, der in der Festschrift ungenannt bleibt. Der 19-jährige Roland ist Student der englischen Literaturwissenschaft in einer deutschen Kleinstadt, in die er von seinem Vater geschickt wurde, nachdem er sich vorher in Berlin eher den Mädchen als den Studien verschrieben hatte. Hier an der Kleinstadt-Uni trifft er auf einen Professor, der leidenschaftlich über Shakespeare und seine Zeit spricht. “Wer nicht passioniert ist, wird bestenfalls ein Schulmann - von innen her muss man an die Dinge kommen, immer, immer von der Leidenschaft her.” (S. 31) Roland studiert bei dem Professor und wohnt sogar im selben Haus wie er und seine junge Frau. Schnell stellt Roland fest dass etwas nicht stimmt, denn viele wissenschaftliche Werke hat der mitreißende Prof nicht zu bieten. Und warum ist der Professor manchmal so abweisend zu ihm? Wie bei jeder Novelle gibt es einen Höhe- bzw. Wendepunkt und einen Paukenschlag zum Schluss.

Stefan Zweig hat eine hervorragende Novelle geschrieben, die zu ihrer Zeit tatsächlich hochaktuell und brisant war, war Homosexualität doch unter Strafe gestanden. Er umkreist das Thema sehr behutsam (Spoiler), um dann am Ende zu offenbaren, dass der Ich-Erzähler für den Professor ebenfalls diese Gefühle hatte: “Keinen habe ich mehr geliebt.” (S. 96) So lautet der letzte Satz. Ob der Ich-Erzähler im Laufe seines Lebens noch weitere homosexuelle Erfahrungen gemacht hat, erfahren wir nicht.

Die Novelle stellt exemplarisch am Beispiel des alten Professors dar, wie fatal es ist, die eigene Persönlichkeit, zu der auch die sexuelle Orientierung gehört, unterdrücken zu müssen. Das Versteckspiel, das der Professor - mitsamt Albi-Ehefrau - aufrechterhält, hat direkte Auswirkungen auf seine Kreativität und damit seinen wissenschaftlichen Erfolg. Dass er ausgerechnet die Abhandlung über Shakespeares “Globe”-Theater nicht fertigstellen kann, ist bezeichnend, war doch die elisabethanische Theaterwelt ein Ort der künstlerischen Freiheit, in der Männer - zumindest auf der Bühne - Frauen darstellen konnten und so unter der Maske der Fiktion und im geschützten Backstage-Bereich andere Männer “lieben” durften.

Ein wirklich beeindruckender, fast 100 Jahre alter Text, den ich euch allen unbedingt ans Herz legen kann. In der Reclam-Ausgabe natürlich mit ausführlichem Nachwort und Worterläuterungen.

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Donnerstag, 13. Juni 2024

"Königsherz" von Markus Richter


Manchmal stiehlt die (historische) Realität der Fiktion einfach die Show. Man stelle sich vor: Ein exzentrischer, unangepasster, schöngeistiger König, der lieber Opern für sich alleine aufführen lässt, als sich um die Belange des Volkes zu kümmern. Der lieber kostspielige Märchenschlösser bauen lässt, als die Staatskasse gut gefüllt zu wissen. Der lieber nicht seine Cousine aus Gründen der Staatsraison heiratet und einen Erben zeugt, sondern sich mit kernigen Männern niederen Standes umgibt, weil er homosexuell ist, sich aber deswegen schämt. Der lieber ausschweifende Feste auf seinen abgelegenen Bergresidenzen feiert, als Politik zu machen. Der lieber mitten in der Nacht dekadente Menüs vom “Tischleindeckdich” diniert, als seinen Repräsentationspflichten in der Residenzstadt nachzukommen. Und dann stelle man sich vor, dass er abgesetzt und entmündigt wird, von einem alternden Prinzen-Onkel, denn einen Sohn hat der königliche Junggeselle nicht und sein jüngerer Bruder ist aufgrund seiner schlechten geistigen Verfassung nicht in der Lage, Regent zu sein. Er wird also abgesetzt und im Rahmen dieser Absetzung kommt er unter unerklärlichen Umständen im Starnberger See ums Leben. Sein geistig umnachteter Bruder, der gerne Erdbeeren im Garten des Schlosses sucht, in dem er eingesperrt ist und Vögel beobachtet, wird zwar König, aber er weiß nichts davon. Die Amtsgeschäfte führt für viele Jahre sein alter Onkel, der Prinzregent. 

Ja, die Geschichte von König Ludwig II. von Bayern (25.8.1845-13.6.1886) klingt in der Tat, als hätte sie sich jemand ausgedacht, der mit viel Fantasie und Vorstellungsvermögen gesegnet ist. Aber es kommt noch besser. Ca. 130 Jahre nach diesen Ereignissen gibt es einen Autor, Markus Richter, der 20 Jahre lang auf dem Märchenschloss des Königs - Neuschwanstein - als Kastellan angestellt war. Nach Beendigung seiner Tätigkeit 2013 schreibt er zwei historische Thriller, die in Bezug zum Schloss stehen. Nach Beendigung des zweiten Teils tauchen in der Apotheke von Füssen bislang unbekannte Dokumente des damaligen Stadtapothekers auf, der die Ereignisse um die Absetzung Ludwigs hautnah miterlebte. Markus Richter wertet die Dokumente aus und verwendet sie letzten Endes für den dritten Teil seiner Neuschwanstein-Trilogie. Während der Fertigstellung ereignen sich mysteriöse Dinge im Umfeld des Autors, die er in einem Nachwort beschreibt und die mir eine ziemliche Gänsehaut beschert haben.

Wie von den anderen beiden Teilen bin ich auch von “Königsherz” restlos überzeugt. Die fiktionale Thriller-Handlung rund um Lenz Baumgartner, seine Frau, Kammerzofe Klara, und den Geheimpolizisten Heiland (in den ich ein bisschen verknallt bin) fügen sich nahtlos und spannend in das historische Geschehen rund um Ludwig II. und seine Absetzung ein. Hier trifft geballtes Faktenwissen eines absoluten Kenners der Materie auf unterhaltsame Fabulierkunst. Chapeau Markus Richter, ich hoffe, Sie schreiben “an anderer Stelle” weiter.



Dienstag, 11. Juni 2024

"Experienced" von Kate Young


Leichte queere Rom-Com für den Sommer

“Experienced” von Kate Young mit dem etwas kitschigen deutschen Untertitel “Die Liebe bietet unbegrenzte Möglichkeiten” (Übersetzung: Christiane Sipeer) ist eine queere “Rom Com” - romantische Komödie - und will auch nichts anderes sein. Dauernd gibt es im Text Referenzen zum Thema “Rom Com”, vor allem zu den romantischen Komödien der späten 90er Jahre von Nora Ephron, wie “Email für dich”. Die fiktionale “Realität” des Romans wird dabei oftmals mit der Fiktion dieser Filme verglichen, also nach dem Motto “in der romantischen Komödie würde jetzt das und das passieren”. Wer also einen Text mit literarischem Anspruch erwartet, wird hier nicht fündig. Wer allerdings eine locker-leichte queere Lovestory sucht, vielleicht für den Urlaub, darf hier getrost zugreifen.

Um was geht es? Der Roman spielt hauptsächlich im englischen Bristol. Die 30-jährige Anglo-Italienerin Elisabetta (genannt Bette) hat sich gerade erst von ihrem Hetero-Dasein verabschiedet und erlebt die ersten Monate ihrer ersten Beziehung mit einer Frau (Mae). Bette könnte glücklicher nicht sein, denn Mae ist die perfekte Freundin. Bis diese eines Morgens eine mehrmonatige Beziehungspause vorschlägt, in der Bette sich mit anderen Frauen treffen und Erfahrungen machen soll. Widerwillig stimmt Bette dem Vorschlag zu und begibt sich per Dating-App und mit mentaler Unterstützung Ihrer Mitbewohnerin Ash auf die Suche nach Abenteuern. Natürlich gestaltet sich das alles schwieriger als es ist und am Ende muss sich Bette die Frage stellen, ob Mae wirklich die Richtige für sie ist.

Der Roman spiegelt sehr gut unseren aktuellen Zeitgeist in Hinblick auf das Thema Dating und Beziehungen wider. Er bildet dabei die Generation der späten Millenials/frühen Gen Z ab, die heute so um die 30 sind. Diese Generation ist quasi mit Dating-Apps ins erwachsene Beziehungsleben gestartet und damit ist es auch die “Kontaktanbahnungsmethode” Nummer 1 für sie. Dating-Apps versprechen Unverbindlichkeit und die Erfüllung schneller Bedürfnisse, wobei das “Nach-rechts-swipen” immer auch die Möglichkeit einer potenziellen Beziehung am Horizont erscheinen lässt. Letztlich sind es scheinbar unendliche Möglichkeiten, die uns die heutige Dating-Welt suggerieren möchte. Schwierig, da nicht den Überblick zu verlieren. Auch Bette merkt schnell, dass man nach der perfekten Partnerin suchen muss wie nach der berühmten Nadel im Heuhafen - oder hat sie sie mit Mae vielleicht eben doch schon gefunden?

Auch wenn der Roman kaum zitierwürdige Sätze oder bemerkenswerte Prosa bieten kann, so strahlt er doch eine gewisse queere Warmherzigkeit aus, die bei mir gepunktet hat. Ich mochte das Feeling dieses Buches, die Protagonistin war auch sehr in Ordnung, fast möchte ich sagen, sympathisch. Ihre Gefühle waren oft nachvollziehbar und wenn es um das Zwischenmenschliche geht, sind wir doch alle nur Menschen - egal ob wir uns im queeren oder heteronormativen Spektrum nach Partner:innen umsehen. Auch die “spice Szenen” waren hier nicht unangenehm, sondern haben sich gut in den restlichen Plot eingefügt.

Ein wirklich angenehmer “Zwischendurchroman”, übrigens von der britischen Food-Autorin, die auch die tollen  “Little Library Cookbooks” herausgegeben hat.

Herzlichen Dank an Harper Collins Germany für das Rezensionsexemplar!

Freitag, 7. Juni 2024

"Cinema Love" von Jiaming Tang


Bei dem Titel “Cinema Love” (also “Kinoliebe”) in Kombination mit dem englischen pink-lila Cover könnte man glauben, dass es sich bei diesem Buch um eine locker-leichte Rom-Com handelt. Doch dieser Roman ist alles andere als das. “Cinema Love”, der Debütroman des queeren New Yorker Schriftstellers Jiaming Tang ist ein vielschichtiger literarischer Roman über die Lebenswelt queerer chinesischer Arbeiter in der chinesischen Provinz Fuzhou und im New Yorker “Chinatown”. Aber es ist auch ein Roman über ihre “Alibi-Frauen”. Denn Queerness bzw. Homosexualität ist bzw. war in China gesellschaftlich weit davon entfernt akzeptiert zu sein. Ich weiß nicht, wie die Situation heute, im Jahr 2024 ist, aber die Geschichte startet viel früher und zwar in den 1980er Jahren. Sie endet während der Corona-Pandemie 2020 in New York.

Das Arbeiterkino in Mawei City ist der namensgebende Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Die Filme, die in diesem Kino gezeigt werden, interessieren eigentlich nur den cineastischen Projektionisten. Die Besucher aber wollen hier nur eins: ihre Homosexualität ausleben, andere Männer kennen und lieben lernen. Ein Safe Space, an dem sie selbst sein und “out of the closet” existieren können. Bao Mei, deren Bruder das Kino auch frequentierte, ist die Ansprechpartnerin für die Sorgen und Nöte der Männer. Sie hat eine Beziehung mit dem Projektionisten und sie begleiten wir dann auch in ihr neues Leben in New York. 

Ebenso Old Second, ein weiterer Protagonist des Romans. Er erinnert sich an sein unfreiwilliges Coming-Out als Teenager und an die glücklichen Jahre danach. Diese Zeit verbrachte er mit seinem Lebenspartner Shun-Er, den er im Kino kennenlernte. Doch Shun-Er ist mit einer Frau verheiratet, Yan Hua. Eine problematische Dreiecksbeziehung, die nicht nur die Ehe von Shun-Er und Yan Hua, sondern auch die Existenz des Arbeiterkinos bedroht…

Das Buch hat eine allwissende Erzählinstanz, die zwischen den personalen Perspektiven hin- und herschwankt. Ich mag das sehr. Nicht nur weil es mich an viele Werke der klassischen Literatur erinnert, sondern auch weil der Roman dadurch einen zeitlosen Anstrich bekommt.

Der Roman spricht viele gesellschaftliche Missstände an. Unter anderem ist er auch eine Abrechnung mit dem chinesischen Patriarchat, in dem die heterosexuelle Ehe als Fundament einer Gesellschaft dient, in der die Unterdrückung der Frau System hat. Der Mann darf sich gegenüber seiner Familie alles erlauben, was bedeutet: psychische und physische Gewalt und wird dennoch als “echter Mann” gefeiert. Dass dieses System krankt, in dem weibliche Kinder gezielt abgetrieben werden, weil ein Sohn so viel mehr wert ist, ist mehr als offensichtlich - nur nicht für die, die das System aufrechterhalten.

Und selbstverständlich erzeugt dieses kranke System auch eine Situation, in der queere Menschen ausgegrenzt werden, weil sie nicht der Norm entsprechen. Am Beispiel Yan Huas wird deutlich, wie falsch die gesellschaftliche Situation ist. Bis zum unfreiwilligen Outing ihres Mannes wächst sie in einem heteronormativen Umfeld auf, das sie als ein gewaltvolles erlebt hat. Die Ironie des Ganzen: Erst durch ihren homosexuellen Ehemann lernt Yan Hua - ganz ohne Körperlichkeit - eine liebevolle Beziehung auf Augenhöhe zu führen.

Eine tragische Geschichte über Verlust und Ausgrenzung, die dennoch einen Funken Hoffnung in sich trägt: Die Hoffnung, dass menschlicher Kontakt uns Trost spenden kann und in der Lage ist, Wunden erträglich zu machen, die selbst die Zeit nicht zu heilen vermag.

[Unbezahlte Werbung, selbstgekauft] 


Dienstag, 4. Juni 2024

"Auf allen vieren" von Miranda July


Von "Auf allen vieren” von Miranda July (Übersetzung Stefanie Jacobs) musste ich mich erstmal erholen, bevor ich darüber schreiben konnte. Ich hatte komplett falsche Erwartungen und dachte, es wäre ein Roman, der sich mit der physischen und psychischen Transformation einer 45-jährigen Frau auseinandersetzt, die in die Wechseljahre mit einem existenziell bedeutsamen Roadtrip hineinschlittert. Das ist es zwar schon irgendwie im Kern, aber der Fokus wurde fast hauptsächlich auf den s*xuellen Aspekt dieser Lebensphase gelegt. Leider auf eine sehr unangenehme, pornöse Art und Weise, die mir angesichts der expliziten Beschreibungen viel zu viel war.

Ich will nicht zu viel von der Handlung preisgeben, weil sie so viele Überraschungsmomente enthält, die ihr am besten selbst entdeckt. Nur so viel: Eine etablierte Medienkünstlerin (45) und namenlose Ich-Erzählerin möchte sich eine zweieinhalbwöchige Auszeit nehmen, ihren Mann und ihr siebenjähriges Kind in deren Zuhause in Malibu lassen und quer durch die USA nach New York mit dem Auto fahren, dort 6 Tage die Metropole genießen und wieder heimfahren. Doch es kommt alles anders als sie denkt: Kurz nach Los Angeles begegnet sie dem attraktiven 31-jährigen Davey und das Damoklesschwert Wechseljahre mit Bonustrack Östrogenabfall senkt sich immer tiefer auf sie herab. Wird sie eine Affäre haben und den Rest ihres Lebens davon zehren?

Aufgrund der Parallelen zwischen der Ich-Erzählerin und der Autorin kann man davon ausgehen, dass es sich hier um ein weitgehend  autofiktionales Buch handelt. Welche Teile davon wirklich der Realität entsprechen, weiß wohl nur sie selbst. Autorin und Ich-Erzählerin sind jedenfalls beide bisexuelle Künstlerinnen, in Amerika relativ bekannt (die Ich-Erzählerin bezeichnet sich als “B-Promi”), sie haben beide einen im Medienbusiness erfolgreichen Ehemann und ein nonbinäres Kind. Diesen letztgenannten Aspekt fand ich beispielsweise sehr interessant, darüber liest man viel zu selten etwas. An die Verwendung der nonbinären Pronomen “dey/demm/deren” habe ich mich sehr schnell gewöhnt. Allerdings wird das alles nur anerzählt und ich hätte sehr gern mehr dazu erfahren. Sie schreibt irgendwann, dass ihr Kind Sam vielleicht selbst Östrogene bräuchte irgendwann und da könnte man vielleicht daraus schließen, dass das Thema Transsexualität im Raum steht. Allerdings wird das nicht wirklich klar und überhaupt fand ich wurde viel zu wenig auf die Bedürfnisse von Sam geachtet. Dey müssen das kapriziöse Verhalten und letztlich den Egotrip von deren Eltern, vor allem der Mutter, einfach hinnehmen. Klar kann man auch Eltern sein und Mensch bleiben, aber das was hier abgeht war mir in dem Zusammenhang einfach viel zu egozentrisch.

Ich mochte den ersten Teil, in dem sich die Geschichte aufbaut, am liebsten. Hier geht es wirklich noch um existenzielle Fragen und die Protagonistin versucht sich an den neuen Lebensabschnitt anzunähern: “Das könnte der Wendepunkt meines Lebens werden. Falls ich neunzig wurde, hatte ich jetzt genau die Hälfte. Oder wenn man es als zwei Leben betrachtete, stand ich jetzt am Beginn meines zweiten.” (S. 23) Die etwas “schräge” Persönlichkeit konnte man in diesem Anfangsteil noch als “verschroben/liebenswert besonders/witzig” abtun. Ihre Einfälle sind nämlich stellenweise sehr originell und man fliegt zeitweise förmlich durch die Geschichte. Als das Buch dann allerdings seinen Höhepunkt überschritten hat, geht es leider erzählerisch - wie beim Östrogenabfall - nur noch bergab. Jedenfalls empfand ich das so. Es wurde zunehmend unangenehm, denn die Protagonistin hatte quasi in jeder zweiten Szene die Hand zwischen ihren Beinen. Kann man machen, muss man aber in einem literarischen Roman für meinen Geschmack nicht, zumindest in der Frequenz. Spätestens bei der Szene mit der Inzest-Fantasie bin ich dann komplett ausgestiegen, da hat die Autorin für mich den Bogen überspannt und ich habe den ganzen Roman immer mehr in Frage gestellt.

Allein aufgrund meines Alters, das sich dem der Protagonistin unaufhaltsam nähert, interessieren mich Romane über die mittleren Lebensjahre/Midlife Crisis/Wechseljahre immer mehr. Hier war es aber sehr schwer, sich mit der exzentrischen Protagonistin zu identifizieren. Außerdem ist dieses Buch aus einer sehr elitären Perspektive in Bezug auf die Ich-Erzählerin heraus geschrieben. Sie ist erfolgreiche freischaffende Künstlerin, finanziell absolut unabhängig. Auch ihr Mann, in dessen Villa in Malibu sie leben, verdient gutes Geld als Musikproduzent. Sie hat soeben zwanzigtausend Dollar für einen einzigen Werbespruch bekommen, die sie jetzt ganz dekadent allein auf den Kopf hauen darf. Ihr Road Trip aka Selbstfindungstrip ist purer Luxus, den sie sich einfach mal zur Feier der Mitte ihres Lebens gönnen darf. Hier spricht eine privilegierte Frau über ein Leben, das gefühlt keine Grenzen kennt. Natürlich hat auch sie Traumata, vor allem die Horror-Geburt von Sam, erlebt, aber sie kann sich zu deren Überwindung die besten Therapeut:innen leisten und hat familiären und freundschaftlichen Rückhalt (vor allem ihre beste Freundin und ihren esoterisch-philosophisch angehauchten Vater). Nicht dass das die Traumata besser oder schlechter machen würde, aber für die Durchschnittsperson dürfte das alles deutlich schwieriger sein. 

Ein Roman, den sicher sehr viele feiern und feiern werden. Ich persönlich kann mich leider nicht in diese Stimmen einreihen, aber macht euch bei Interesse natürlich gerne selbst ein Bild. “One (wo)man's trash is annother (wo)man's treasure”, wie man so schön sagt. 😉

Herzlichen Dank an Kiwi Verlag für das Rezensionsexemplar!

Hier geht es zum Buch.

Freitag, 31. Mai 2024

"Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" von Saša Stanišić

Um das, was ist und das, was hätte sein können, darum geht es in den Geschichten von Saša Stanišić in diesem Buch (nachfolgend aus ökonomischen Platzgründen “Witwe” genannt). Der Ausgangspunkt: Die Träumereien von ein paar 16-jährigen Jungen, darunter der Autor selbst, in den Heidelberger Weinbergen des Jahres 1994, werden zu einem philosophischen Parforceritt, bei dem wir viele ganz unterschiedliche Menschen kennenlernen, die sich alle die mehr oder weniger gleichen Fragen stellen: Lebe ich das richtige Leben? Was wäre jetzt, wenn die Vergangenheit anders gelaufen wäre? Und wie würden wir uns entscheiden, wenn wir einen kleinen Sneak-Peak auf unser Leben bekommen würden? Würden wir nach dem Ansehen dieses random Moments aus unserer Zukunft auf Einloggen (= Ja, dieses Leben nehme ich!) drücken?

Wenn ein Piraten-Memory-Spiel - das im Buch übrigens längst nicht mehr so schwer zu bekommen ist wie in der britischen Comedy-Serie “Little Britain” beschrieben (dennoch @ravensburger - wo ist eure Version) - und dessen Entsorgung zur Erz-Nemesis eines ganz normalen Familienvaters (Georg Horvath) wird, dann gehört das exakt zu den Dingen, die ich unter anderem literarisch verarbeitet sehen möchte. Ich frage mich nur, woher Saša Stanišić das wusste.

Die Geschichte mit Helgoland, ja die ist wunderbar meta-, inter- und was sonst noch alles -textuell, dass man als Leser:in gar nicht mehr hinterkommt sich zu fragen was jetzt genau Wahrheit und was Fiktion ist/war/gewesen sein sollte. Ein herrlich witziges Kuddelmuddel. Nicht nur zitiert der Autor hier und dort und da Heine (was für ein cooler Typ Heine doch war, danke fürs wieder-bewusst-machen) und andere, er gibt uns auch selbst wunderbare Einblicke in seine Poetik aka seine Autorenhacks: “Bei ‘mastodon’ hat der Autor mal erzählt, er füge gelegentlich nur deswegen Sätze hinzu, damit der letzte Absatz auf der Seite glatt abschließt, also nicht noch die erste Zeile des nächsten Absatzes dranhängt (S. 116). Erfrischend ehrlich, oder? Und sinngemäß: Googelt doch selbst, was “Lange Anna” ist, ich kann euch nicht alles auf dem Silbertablett meiner Prosa servieren, etc.

Ich müsste jetzt lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte die zwei Geschichten mit den - waren es vier? - Freunden in Winsen an der Luhe verstanden. Also Doppelkopf,Tigermücken, Hitzschlag, Lego-Eisenbahn, Reichsbürger etc. Ne, da war ich mal kurz raus weil ich nicht verstanden habe, was uns der Autor mit dieser Geschichte sagen wollte. Vielleicht ja auch gar nichts, aber das Gedicht in der Hitzschlagszene fand ich schön. Echt.

Und dann ist da natürlich Gisela, die titelgebende Witwe mit der zeichenhaften Gießkanne. Sie, ich kann es nicht anders als pathetisch sagen, gießt sich auf dem nebligen Friedhof buchstäblich in unser aller Herz und lässt es auftauen (wenn es das denn nötig haben sollte) wie die zugefrorenen Blumen auf dem Grab ihres Ehemannes.

Ich habe oft gelacht, als ich dieses Buch gelesen habe. Ich habe mich in Gedankenspielen verloren und sie wieder verworfen. Ich habe mich ertappt gefühlt und mich gefreut. Und ja: gerührt war ich auch und manchmal wurde ich auch geschüttelt - ich wurde sozusagen zum lesenden Martini.

Mehr kann ich euch jetzt gar nicht sagen. Ich habe keine anderen Rezensionen gelesen und auch das Interview von Denis Scheck mit dem Autor bei “Druckfrisch” nicht angeschaut. Unvoreingenommen, aber ich freue mich trotzdem, wenn ihr meine Rezension bis hierhin gelesen und dann vielleicht deswegen zu der “Witwe” greift. Es lohnt sich. Und ich würde sagen: Plastikummantelung gelbe Tonne soweit vorhanden, der Rest: Restmüll.