Mittwoch, 18. März 2026

"Bella Barks letztes Like" von Michael Buchinger

 



Nett, aber auch mehr ned


Ja ja, die lieben Influencer und ihre Buchveröffentlichungen. Seien wir doch mal ehrlich: hohe Reichweite ist heutzutage oft gleichbedeutend mit der Möglichkeit eines Buchvertrages, so influencer denn einen will. Aber die allermeisten wollen ihn. So auch Michi Buchinger aus Wien, einer der Influencer, die ich schon lange verfolge und auch mag, sonst hätte ich wohl kaum seine bereits vor einiger Zeit veröffentlichten Sachbücher über Dinge, die er nicht mag, gelesen. Ich schätze einfach seinen schrägen Humor, er hat mich tatsächlich schon oft zum Lachen gebracht. Auch dass er seine eigene Bubble - die der Influencer - aufs Korn nimmt, hat ihm bei mir schon einige Pluspunkte eingebracht. Er ist sehr transparent, sagt, dass er in seinem Job natürlich annimmt, was er bekommen kann und das macht ihn für mich sympathisch und menschlich. 


Genau diese ihm so gut bekannte Welt der Influencer bespricht er in seinem ersten Roman “Bella Barks letztes Like”. Hauptfigur Leo Escher ist bzw. war mal einer. Er hat es immerhin zu um die 50 000 Abonnenten auf YouTube geschafft, aber das war einmal. Leo und sein Kanal befinden sich auf dem absteigenden Ast, denn sein Content ist nicht mehr wirklich gefragt. Längst hat sich vieles auch auf Instagram und Tiktok verlagert und Leo überlegt, wie es mit Ende 20 jetzt für ihn weitergehen soll. Da flattert eine Einladung seiner ehemaligen Bekanntschaft, der Influencerin Isabella, genannt “Bella Barks”, bei ihm ins Haus. Er soll sie auf ein kostenloses “Barkend” begleiten in der österreichischen Provinz. “Barkend” weil Bella mittlerweile Dogfluencerin ist und ihren Content rund um ihre acht Vierbeiner und sonstige Hundethemen gestaltet. Das kommt beim Publikum gut an: mit über 1 Mio Followern gehört sie zu den bekanntesten Influencer:innen Österreichs. Doch als Bella am ersten Tag des Wochenendes tot umfällt, nachdem sie einen von ihr kreierten, auch für Menschen geeigneten, Bella Bite-Hundekeks gegegessen hat, wird Leo plötzlich zum Ermittler in der Welt des schönen Internet-Scheins…


Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich mir ein humorvolles Cosy-Crime-Erlebnis mit typisch buchingerischem Humor erkaufen wollte. Teilweise wurde das auch erfüllt, aber leider nur teilweise eben. Ja, es war witzig, aber nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war harmloser und weniger eckig/kantig. Buchinger light würde ich sagen. Ziegenyoga hin oder her - da hätte man noch einige Lacher rausholen können, das ganze Setting und Personal war perfekt dafür. Vom Krimiaspekt her aber muss ich sagen, dass es durchaus spannend war. Ich wäre nicht auf die mordende Person gekommen, obwohl es im Nachhinein eigentlich offensichtlich ist - es ist immer derjenige, der…aber lassen wir das, vielleicht wollt ihr es ja auch noch lesen. Alles in allem ein schöner kleiner Influencer-Krimi für zwischendurch.


Montag, 2. März 2026

"Böser, böser Wolf" von Alexandra Benedict


Metamäßig anstrengend


Ja, auch ich bin auf Alexandra Benedict reingefallen, die Autorin der von mir hoch geschätzten Weihnachtskrimis/Christmas Mysteries, die mir seit einigen Jahren jeden Dezember eine spannende Vorweihnachtszeit beschert. Zum ersten Mal ein Nicht-Weihnachtsbuch von ihr - das klang durchaus interessant. Und auch das Thema: Märchenmorde. 


Hierzulande gehört es für viele Eltern zum guten Ton, ihre Kinder unter dem Deckmantel der Kulturvermittlung schon früh mit literarischen Grausamkeiten zu konfrontieren. Das zentrale Horrorbuch, das sie ihnen dabei auftischen, nennt sich “Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm” und steht einem Horror-Klassiker von Stephen King in nichts nach - nur das der gemeinhin unter 5-Jährigen nicht vorgelesen wird. (Deutsche) Märchen sind grausam. Punkt. Es geht um Tod und Verstümmelung, um Giftmord und Aufschlitzen von Tieren und vieles mehr, das einem viele Stunden bei einer psychiatrischen Fachkraft einbringen könnte. Eigentlich auch für mich viel zu traumatisch, aber wegen der mir bekannten Autorin habe ich mir das Buch dennoch mit einiger Vorfreude geholt und dem Thema eine Chance gegeben. Nach einer sich viel zu lange hin ziehenden, zähen Lektüre eines verworrenen Plots, in dem sich die Autorin wie in einer klebrigen märchenhaften Bohnenranke verheddert hat, weiß ich es besser: es war ein Fehler dieses Buch auch nur aufschlagen. Es hat mich Lebenszeit und Nerven gekostet, die ich gerne anderweitig ausgegeben hätte.


Der Anfang war noch durchaus spannend und man fragte sich: wer ist dieser “Wolf” und Mörder und was hat es mit der Autorin auf sich, die die Geschichten bzw. wie Märchen inszenierten Morde schreiben soll, damit der Täter mit der Wolfsmaske sie ausführen kann. Auch die Ermittlerin, DI Lyla Rondell, war sympathisch und die Geschichte rund um ihre verschollene Jugendliebe bzw. Freundin Allison hatte durchaus Potential. Aber wie schon so viele andere geschrieben haben: irgendwann ist es gekippt. Von einem durchaus originellen Thriller mit Pageturner-Qualitäten zu einem mit Metabenenen überfrachteten Fantasy-Konstrukt, das mich ab einem gewissen Punkt überhaupt nicht mehr abgeholt hat. Zu anstrengend war es, dem Ganzen zu folgen - ich habe mehrfach Seiten überblättert. Hier wollte jemand ganz klar zu viel: besonders clever, besonders “anders”, besonders besonders sein. Aber unverständlich und spröde, überfrachtet und stellenweise unlesbar ist einfach nicht toll und deswegen muss ich leider abschließend sagen: 


Schuster: Bleib bei deinen Leisten!

Benedict: Bleib bei deinen Weihnachtskrimis!


Herzlichen Dank an vorablesen und Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Dienstag, 24. Februar 2026

"Drei Tage im Schnee" von Ina Bhatter

 


Everybodys Darling is everybodys Depp


Der Winter neigt sich dem Ende zu und doch habe ich es erst jetzt geschafft, das Hypebuch des letzten Herbstprogramms “Drei Tage im Schnee” von Ina Bhatter zu lesen. Wahrscheinlich hätte ich es gar nicht gelesen, wäre es mir nicht überraschend zugeschickt worden. Bei der ersten Recherche zu dem Buch dachte ich an Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform wie die von Paulo Coelho. Aber jeder möchte ja auf irgendeine Weise sein Leben optimieren und raus aus dem Hamsterrad Alltag. Zudem kommt die Autorin wirklich sehr sympathisch rüber und ein erneuter Wintereinbruch im Februar hat jetzt dazu geführt, dass ich zu diesem schmalen, sehr schön gestalteten Büchlein gegriffen habe. Atmosphäre ist schließlich alles, ne?


Im Roman geht es um wenig anderes als um die Städterin Hannah, die an einem nicht genannten Ort auf dem Land drei Tage im Schnee verbringt - ein verlängertes Wochenende. Sie mietet sich für die Zeit als Selbstversorgerin ein Häuschen an einem See und ist komplett vom Winterzauber umgeben. Ja, es ist so idyllisch, wie es klingt. Sie denkt über ihr Leben nach und währenddessen trifft sie die kleine Sophie, von der wir bis zum Ende nicht erfahren werden, ob sie ihrer Fantasie entsprungen oder ein reales Kind aus Fleisch und Blut ist. Das hat mich ein wenig gestört, dass das Geheimnis um Sophie nicht aufgelöst wird. Magischer Realismus ist ja okay, aber ich mag es nicht, in der Unwissenheit darüber gelassen zu werden. So kann ich die Begegnung zwischen Sophie und ihrem kindlichen Alter Ego (denn das ist sie für mich und auch laut der vergleichenden Beobachtungen, die Hannah macht) nicht richtig einschätzen. Andere Figuren kommen nicht als handelnde Personen im Plot vor. Es ist also ein ziemlich internalisiertes Drama, dem wir hier beiwohnen.


Hannah fragt sich in a nutshell: Kann es das schon gewesen sein? Ist sie mit Mitte 30 (Single und kinderlos), dazu verdammt, ein Leben als einsame Workaholikerin zu führen? Zwar in sicheren Verhältnissen, aber nicht wirklich glücklich und frei. Ist sie die Erwachsene, die sie als Kind zu werden hoffte?

Ich denke mit diesen Fragen können sich viele identifizieren, deswegen ist das Buch auch so erfolgreich - es spricht einfach fast jeden an. Und aus diesem Grund wird man auch nichts falsch machen, wenn man das Buch verschenkt oder selbst liest. Aber das Ganze hat natürlich auch eine Kehrseite. In Bayern gibt es so ein Sprichwort: “Everybodys Darling is everybodys Depp.” Ja, mir ist das alles zu lieblich, zu allgemein. Die Protagonistin und das Kind haben beliebte Allerweltsnamen aus den Top-10-Listen, die Knud Bielefeld in seinem Leben schon zigfach analysiert und gelesen hat: Hannah und Sophie. Hannah hat eine Persönlichkeit, die einfach 0815 ist. No shame, aber ich will lieber etwas über Leute lesen, die anders sind. Aber Hannah ist nicht anders, sie ist eine weiße Hetera mit gutem Bürojob, der plötzlich einfällt wie gerne sie mal gelesen und geschrieben hat und die sich schon mal mit ihrer besten Freundin wegen eines Mannes gestritten hat. Aber Moment, sie hat doch Synästhesie! Ja, das stimmt, sie hat Synästhesie und das wirkt, als wäre der Autorin auch eingefallen, dass sie sonst zu langweilig ist, also haben wir ihr diese besonders charmante neurologische Besonderheit mitgegeben. Ich finde das wirkt hier leider sehr aufgesetzt. Schade.


Ich finde es auch schade, dass der durchaus vorhandene Humor der Autorin nur zaghaft angewandt wird, zum Ende hin musste ich nämlich doch noch schmunzeln, ich sage nur “Aktenzeichen XY”. Und die Gerichte, die Hannah so kocht, wollte ich gerne sofort nachkochen - der Roman hat Kochbuchpotenzial!


Man kann eigentlich nichts Schlechtes über dieses Buch sagen und ich komme mir hier schon schlecht vor, weil ich wieder meine echte Meinung sage. Aber it is what it is. Die Autorin ist wirklich super sympathisch und das Buch an sich nicht verkehrt, nur fehlt mir hier das gewisse Etwas und das ist nicht, dass der Dienstag (oder war es ein anderer Tag) für Hannah grau mit schwarzen Punkten ist oder dass statt eines Schneemannes ein Schneeinhorn gebaut wird.


Herzlichen Dank an Kiwi für das unangeforderte Rezensionsexemplar!

Dienstag, 17. Februar 2026

"Himmelsfeuer" von Moa Backe Åstot

 


Jugendroman mit viel Herz und nordic flair

Über die Sami in Nordskandinavien gibt es einige Bücher und Romane. Mich hat allerdings noch keiner so berührt wie “Himmelsfeuer” von Moa Backe Åstot (1998), die selbst Sami und Rentierzüchterin ist. Der Roman ist bereits 2021 im Original erschienen, hat viel positives Feedback von der Kritik bekommen und wurde jetzt für den dtv Verlag Reihe Hanser von Anu Stohner ins Deutsche übersetzt.


“Gibt es homosexuelle Rentierzüchter?” Diese Frage stellt sich jemand in einem Forum im Internet. Der junge Sami Ánte liest sie und stellt sie sich auch, denn er ahnt, dass er selbst einer sein könnte.


Ánte ist ein samischer Schüler, 16 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Jokkmokk, einem Zentrum der samischen Kultur und Lebensweise in Schweden, wo er zur Schule geht. Seine Eltern sind Rentierzüchter, er hat noch eine Schwester, Ida. In letzter Zeit hat Ánte Gefühle für seinen besten Freund Erik, (der ebenfalls Rentierzüchter-Background hat) entwickelt. Der ist allerdings in einer Beziehung mit Julia und eben: sein bester Freund. Ánte ist nicht geoutet und seine Eltern eher konservativ. Im Roman wird ganz in der Tradition der Coming-of-Age-Thematik die Frage gestellt: Findet Ánte zu sich selbst und kann das mit ihm und Erik etwas werden?


Sehr behutsam, sehr sanft geht es hier zu. Ein Sensitivity Reading war hier sicher nicht nötig. Man merkt, dass die Autorin sich voll und ganz mit der Kultur auskennt, über die sie schreibt - sie ist ein Teil davon. Die Kulturhistorie der Sami und auch die dunklen Seiten davon werden sehr gut ausgeleuchtet. Ante setzt sich - unfreiwillig - mit seiner Kultur auseinander und stellt dabei fest, dass er beides sein möchte: Sami und dennoch er selbst, was auch seine sexuelle Orientierung beinhaltet. Das Thema queere Liebe wird mit großem Respekt von der Autorin behandelt, ohne die nötige Lockerheit und Leichtigkeit dabei zu verlieren. Also einfach perfekt, sonst hätte der Roman auch nicht so einen Erfolg gehabt. Auch die Gefühle, die Ánte empfindet, kommen wunderbar rüber. Die Prosa der Autorin ist ganz zart und doch mit einer gewissen Kraft versehen. Ich würde sagen, sie hat als Mensch ein großes Herz, das man zwischen den Zeilen pulsieren spürt.


Der Roman ist für Jugendliche gedacht, die selbst in der Findungsphase sind, aber auch Erwachsene können, so wie ich, davon profitieren und nochmal in Erinnerungen schwelgen: erste Liebe, Auseinandersetzungen mit den Eltern, etc. Wenn man Skandinavien und die nordische Kultur mag, dann ist dieser zauberhafte Jugendroman auch perfekt, denn hier findet man die Sehnsuchtsorte für die Sonnenmüden und die Nordlicht-Suchenden perfekt beschrieben. Man ist wirklich nach der Lektüre kurz davor, eine Reise nach Jokkmokk zu buchen und einen Kolt anziehen zu wollen. Um Rentiere und deren Zucht geht es allerdings nur am Rande, aber dafür gibt es ja die Bücher von Ann-Helén Laestadius, die das sehr ausführlich beleuchten. 


Kurzum: Ein absolut lesenswertes Buch, dem mal wieder viel mehr Aufmerksamkeit gebührt als es derzeit noch bekommt - zumindest hier in Deutschland. Eine Mini-Serie könnte ich mir auch sehr gut vorstellen. Herzlichen Dank an dtv für das Rezensionsexemplar! Fotocredits Nordlichter: impackt.de


Mittwoch, 4. Februar 2026

"Eine Frau zu sehen" von Annemarie Schwarzenbach

 


Eindringliche Kurzprosa einer Frühvollendeten


“Es ist beruhigend, den Hörer neben sich zu sehen, ich lächle ein wenig aus Dankbarkeit, denn was sind Möglichkeiten: Bedeuten sie nicht Verheißung, wenn man nur mutig ist, bedeuten sie nicht eine große Herrlichkeit des Willens” (Eine Frau zu sehen, S. 25)


Wie immer bei klassischen Werken gibt es statt einer Rezension einen Leseeindruck von mir. Heute ist er auch dem vorgestellten Buch entsprechend kurz, denn es ist eine Erzählung von nur 65 Seiten, der Anhang ist fast nochmal genauso lang.


Wenn man an Gott glaubt, könnte man mit Fug und Recht sagen, “er” hätte einen guten Tag gehabt, als er Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) erschaffen hat - einen sehr guten. Sie war wunderschön, stammte aus einer für damalige Verhältnisse schwerreichen Industriellenfamilie, sie war super intelligent und gebildet. Sie war mit den spannendsten Leuten aus der damaligen Kunst- und Kulturszene (u.a. Erika und Klaus Mann) befreundet. Sie war frei, um um die Welt zu reisen und in Paris zu studieren. Sie durfte schreiben und das Geschriebene sogar veröffentlichen. Und sie war lesbisch und das wurde auch - weitestgehend - akzeptiert, immerhin hatte auch ihre eigene Mutter Verhältnisse mit Frauen. Man sagt: “Only the good die young” und so musste auch Annemarie Schwarzenbach einen frühen Tod mit nur 34 Jahren infolge eines Fahrradunfalls und ihrer jahrelangen Drogensucht erleiden. 


Diese biografischen Infos sind wichtig, wenn man vorhat, “Eine Frau zu sehen” zu lesen, denn es ist eine autofiktionale Erzählung. Man kann davon ausgehen, dass die namenlose Ich-Erzählerin Schwarzenbach selbst ist. Sie ist in einem Ski-Resort, wahrscheinlich in St. Moritz und verliebt sich im schicken Hotel in eine Frau, Erna Bernstein. Es ist also eine Geschichte über Sehnsucht und Verlangen, denn die Ich-Erzählerin möchte Erna Bernstein, sie will sie mit jeder Faser ihres Herzens und jeder Zelle ihres Körpers. Und am Ende? Bekommt sie sie. 


“Eine Frau zu sehen” ist der Coming-Out-Text von Schwarzenbach, der bis in die 2000er Jahre unveröffentlicht und titellos blieb. Alexis Schwarzenbach, ein Nachfahre von Annemarie, hat ihn im Nachlass in Zürich entdeckt, bearbeitet und herausgegeben. Auch das Nachwort hat er geschrieben und dort wird auch erwähnt, dass der Text entfernt an den “Tod in Venedig” erinnere, nur mit positivem Ende. Auch ich habe in Schwarzenbachs melodischer Prosa Anklänge an den Altmeister der Melancholik wahrgenommen. Es ist wirklich ein wunderschöner kleiner Text, aber leider viel zu kurz. Dennoch kann ich ihn in dieser Winterzeit sehr empfehlen. Für alle, die sich für Coming-Out- und queere Texte generell interessieren, ist er sowieso ein Muss.


Den Text gibt es bei Kein und Aber.


Sonntag, 1. Februar 2026

"Mo & Moritz" von Julya Rabinowich

 


Lässt einen wieder an die große Liebe glauben


“Mo & Moritz” ist eine moderne Adaption bzw. Variante des "Romeo & Julia"-Stoffes für junge Lesende in Form eines Jugendromans. Es geht wie im großen Vorbild, das im Buch auch mehrfach zitiert wird, um die Themen Liebe, Moral und Verantwortung bzw. das Pflichtgefühl, das wir gegenüber unseren Blutsverwandten empfinden. Weil Mo und Moritz zwei junge Männer sind, kommt noch das Thema Homophobie bzw. die Angst davor hinzu. Auch haben die beiden Liebenden einen unterschiedlichen kulturell-religiösen Hintergrund, was zusätzlich zu Konfliktpotenzial in der Handlung führt.  


Wien 2023: Nachdem Mo (eigentlich Mojad) unrechtmäßig von der Schule geflogen ist, fängt er eine Lehre bei einem Wiener Nobelfriseur an. Mo stammt aus einer muslimischen Familie, die durch Flucht und Vertreibung traumatisiert wurde. Aus welchem muslimischen Land er kommt, wird bis zum Ende der Handlung nicht aufgeklärt. Die Lesenden müssen es sich erschließen. Mo lebt in einer kleinen Mietwohnung mit seinem Vater, seiner Mutter, seinem großen Bruder Faris und der 13-jährigen Schwester Maryam. Faris ist ein unsympathischer Zeitgenosse, der durch polarisierende Parolen sowie homophobe und antisemitische Äußerungen ganz klar negativ gezeichnet wurde. Beim berühmten Wiener Opernball darf eine Abordnung des Friseursalons die Debütantinnen frisieren. Mo ist wie berauscht von der ganz besonderen Atmosphäre und findet im Gewühle der Ballroben seine eigene “Cinderella” - nur dass die einen Frack trägt und Moritz heißt…


Nicht nur der Opernball und die Begegnung der beiden jungen Männer ist märchenhaft, das ganze Buch durchzieht ein gewisser Zauber. Bei Mo ist es der Zauber der Unschuld und Unwissenheit, er ist zart, sanft und schön. Moritz hingegen ist der selbstbewusste, attraktive Typ, ein klassischer Märchenprinz. Seine Wohnung kommt Mo wie ein Schloss vor, er ist geoutet und akzeptiert, er genießt Freiheiten, die Mo sich nur träumen kann. Auch sprachlich hat mich der Roman oftmals in eine märchenhafte Stimmung versetzt. Die Sprache von Julya Rabinowich ist sehr blumig und voller Ausdrücke wie “Donnerwetterbruder”, “Moritzgeruch”, etc. Aber sie schreckt auch nicht vor Kraftausdrücken zurück, was zur Authentizität beiträgt und beim jugendlichen Publikum gut ankommen dürfte.


Überhaupt: Dass das Buch ein Jugendroman ist, ist ganz leicht zu erkennen. Die Autorin verzichtet auf die erzählerische Darstellung von Se*ualität, das bleibt alles der Fantasie der Lesenden überlassen. Außerdem werden manche Sachverhalte sehr schwarz-weiß dargestellt, so auch der Charakter des Bruders Faris. Aber wer sich an diesen Vereinfachungen nicht stört, der kann das Buch auch als Erwachsener wunderbar konsumieren und sich mal wieder in die Welt der Jugendlichen hineinversetzen. 


Ein kleiner Kritikpunkt zum “Spoiler” im Klappentext. Ich hätte es besser gefunden, die Sache mit Taylor Swift den potenziellen Lesenden zu “verheimlichen”, denn so kann man sich schon früh denken, worauf die ganze Geschichte mit dem Bruder hinauslaufen wird. Ich hätte es mir lieber als “Aha-Effekt” und spannende Wendung in der Handlung selbst erlesen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.


Das mit dem gleichen Namenskürzel der beiden hätte ich jetzt auch nicht unbedingt gebraucht und war manchmal verwirrend. Aber wegen der Analogie zu “Romeo & Julia” habe ich dann schon verstanden, warum es so gemacht wurde.


Ein ganz wunderbarer, queerer Jugendroman, der einen tatsächlich wieder an die große Liebe glauben lässt. 


Herzlichen Dank an Hanser und vorablesen für das Rezensionsexemplar!






Mittwoch, 28. Januar 2026

"Wishkeeper 3. In der Eiswelt von Eterna" von Barbara Laban

 


Was wäre die Welt ohne Wünsche?


Dass ich euch Kinder- und Jugendbücher vorstelle, kommt eher selten vor, immerhin bin ich nicht die Zielgruppe. Allerdings passiert es doch ab und zu mal, dass mich die Bücher, die meine 9-jährige Tochter liest, auch selbst interessieren. Im Fall der Wishkeeper-Trilogie von Barbara Laban war das so. Ich hatte das Glück, die Klasse meiner Tochter letztes Jahr zur Münchner Bücherschau zu begleiten, wo Barbara Laban “Wishkeeper” vorgestellt hat. Sie hat uns in die Welt von Everwish entführt - ein Ort, an dem unerfüllte Wünsche zu niedlich-fantastischen Wunschwesen werden. Wo es einen sprechenden Baum namens “Cascadia” gibt und ein sprechendes Buch namens “Libros” - das Gedächtnis von Everwish. Die Kinder, die die Inklinge - flatternde Wünsche - aufspüren und nach Everwish begleiten, wo sie zu Wunschwesen werden, heißen “Wishkeeper”. Lexi, Milo und Talon aus London sind solche Wishkeeper. Sie können aufgrund ihrer Fähigkeit nach Everwish reisen, wo sie viele Abenteuer erleben und dort mitunter eine lange Zeit verbringen. In der echten Welt sind sie dafür nur ein paar Stunden weg.


Es empfiehlt sich mit Band 1 anzufangen, weil dort natürlich die ganzen Backgroundinfos zur fantastischen Welt von Everwish erklärt werden. Dort wird  auch auf die Hintergrundstorys der Wishkeeper eingegangen: aus welchen Familien kommen sie, was sind ihre Wünsche, etc. Ich habe das nur übers Vorlesen mitbekommen, den dritten Band habe ich aber selbst gelesen. Hier ist Everwish bereits an einem Punkt angekommen, an dem es knackt im magischen Gebälk. Wo man sich vorher alles wünschen konnte, funktioniert das Erinnern jetzt nicht mehr. Das liegt daran, dass Libros verschwunden ist. Und ohne Buch, ohne Gedächtnis, ohne Libros: kein Wünschen und somit auch kein Everwish. Die Wishkeeper müssen aus allen Landstrichen Everwishs - der Heimat der vier Wunschwesenarten Lumix, Neverlinge, Fireflash und Crimsons - vier besondere magische Gegenstände zusammentragen, um einen Neverwish zu erhalten. Und dieser könnte Everwish vor dem bösen Tremoris und seinen Horroxern beschützen. Aber das ist gar nicht so einfach…


Dieser dritte und letzte Band von Wishkeeper stellt kindgerecht philosophische Fragen, wie zum Beispiel: Was wäre eine Welt ohne Wünsche? Wunschlos zu sein - wäre das nicht ein schrecklicher Zustand? Was wäre der Mensch ohne Streben nach Glück und Erfüllung. 


Die Idee, dass Wünsche zu eigenen Entitäten, Wunschwesen werden, fand ich von Anfang an so toll an dieser Reihe. Wer würde nicht gern ein luchsartiges Wesen mit Flügeln an seiner Seite haben, das mit einem sprechen und kuscheln kann. Oder so einen süßen Neverling? Auf dem limitiert erhältlichen Farbschnitt und auch in vielen Illustrationen im Innenteil sind sie abgebildet. Illustriert wurde das Buch übrigens von Alessia Trunfio.


Wishkeeper ist eine Buchreihe, die zum Träumen und Nachdenken einlädt. Natürlich in erster Linie für Kinder um die 10 Jahre, aber so machen Erwachsenen schadet es auch ganz sicher nicht, mal in die Welt von Everwish abzutauchen und der Fantasie das Ruder in die Hand zu geben - im Gegenteil.


Herzlichen Dank an Barbara Laban und Ravensburger für das Rezensionsexemplar!