Sonntag, 11. Oktober 2026

"Blendwerk" (Kluftinger) von Volker Klüpfel und Michael Kobr

 


Häschtäg Allgäu


Also vor Jahren hätten wir “Kluftingerianer/innen” uns das niemals träumen lassen, dass unser Allgäuer Lieblingskommissar, On-Off-Freind von Dr. Langhammer und Ex-Polizeipräsident irgendwann bei Instagram ist und sich dort sogar halbwegs auskennt. Vorbei die Zeiten, als er noch hilflos auf seinem Tastenhandy rumgedrückt hat - er ist jetzt fast schon so sicher im Umgang mit den neuen Medien wie ein “Digital Native”. Er bekommt aber auch Unterstützung und virale Inspiration von allen Seiten: sein Kollege Richard Meier, der die Herren vom Cybercrime ob ihrer scheinbaren Omnipräsenz kritisch beäugt, ist jetzt Social-Media-Beauftragter der Kemptener Kripo. Und derzeit ist auch noch die Schwester von Kluftingers Schwiegertochter Yumiko zu Besuch, die immerhin 8000 Follower hat. Aber warum ist das im neuesten Fall “Blendwerk” überhaupt so wichtig? Weil bei einem kluftingerischen Familienausflug mit ebendieser “Schwiegerdings” zum Allgäuer Eistobel - wo eine Szene einer total hippen Serie aus Korea gedreht wurde - eine Allgäu-Influencerin namens tot aufgefunden wird - natürlich vom Kommissar und seiner Familie höchstselbst, wie könnte es anders sein?


Dieser Band spielt im Herbst, rund um Halloween und dementsprechend gibt es auch ein paar lustige Szenen bezüglich des von Kluftinger kritisch beäugten, in seinen Augen amerikanisierten heidnischen Festes. Gerade diese fand ich gelungen, sie haben mir aber leider keine wirklichen Lachkrämpfe entlocken können wie z.B. die “Wäscheszene” aus “Funkenmord” das geschafft hat. Aber sei's drum. Vom Aufeinandertreffen der Regionalgiganten Kommissar Kluftinger vs. Arzt und Alltagsphilosoph Dr. Langhammer im Altusrieder Gemeinderat habe ich mir rein komödiantisch natürlich auch eines erhofft, aber das war leider auch ein bisschen zu zahm für meinen Geschmack. Wurde nicht im Verlauf der Handlung versprochen, dass sie eine Klausurtagung abhalten, wo sie dann vielleicht zusammen im Stockbett übernachten müssen. Naja, vielleicht kommt das im nächsten Klufti. Und noch einiges andere mehr, hoffe ich.


Nun zum Fall mit der Influencerin. Hier hat das Autorenduo wieder ganze Arbeit geleistet. Er war spannend, ungewöhlich in der Auflösung und nahm genau den richtigen Platz zwischen Kluftis Heißhunger, seiner Verwunderung über Social Media und den sonstigen Auswüchsen der Kommissar-Handlung ein. Klar, es werden wie immer ein paar Verdächtige eingeführt, die einfach zu “verdächtig” sind, als dass sie es hätten gewesen sein können. Fair enough. Ich war über die Auflösung trotzdem überrascht, hätte allerdings ein anderes Motiv erwartet.


Was soll ich sagen: es war ein solider “Klufti”, ohne große Höhen und Tiefen. Sehr lesenswert und für die Fans natürlich ein absolutes Muss. Hefele hat mich ein bisschen genervt, aber das ist nichts Neues. Auch die Sache mit Miyako war ein wenig drüber. Ein bisschen awkward, vielleicht sogar cringe. Aber lest unbedingt selber, dann werdet ihr verstehen, was ich meine. 4 von 5 Sternen.


Herzlichen Dank an Ullstein für das Rezensionsexemplar!


Montag, 28. September 2026

"Scandalbury Park" von Ellen Damerau



Ein Wohlfühlbuch für Herz und Verstand

Haben wir nicht alle schon mal insgeheim davon geträumt, auf einer Burg, einem Schloss oder einem verfallenen Herrenhaus auf echte Geister zu treffen? Nein? Na dann waren es wohl nur noch nicht die richtigen Geister. Die Protagonistin von “Scandalbury Park”, Karo, ist Ende zwanzig und wird zur Hochzeit ihrer Schwester und deren Verlobten Louise auf ein Schlosshotel in den Ardennen eingeladen. Es sind sogar ganze zwei Wochen, in denen sie den beiden Frauen hilft, sich seelisch, mental und organisatorisch auf die Vermählung im Regency Style vorzubereiten, denn deren Lieblingsserie ist “Scandalbury Park” (ihr alle kennt sicher das Vorbild dafür). Schon bereits am ersten Tag macht Karo dann die Bekanntschaft der sympathischen Schlossgespenster Massimo, Félix, Éléonore und Sacha. Vor allem Letztere lässt sie nicht nur an ihrem Verstand zweifeln, sondern bringt auch ihr Gefühlsleben gehörig durcheinander. Kann man sich in einen Geist verlieben -  und wenn ja, darf man das überhaupt?


Also ich bin sehr beGEISTert von dieser Geschichte, weil sie - wie bei einem echten Regency-Schmöker - Verstand und Gefühl aufs Vortrefflichste vereint, wenn man so sagen will. Der Verstand der Lesenden wird stimuliert, weil der Plot allerlei Rätsel aufgibt, vor allem was die (Vor-)Leben der vier Geister betrifft. Zusammen mit der Protagonistin Karo dürfen wir nach und nach aufdecken, wie sie gelebt haben und wie sie gestorben sind. Zum Ende hin wird es dann nochmal richtig spannend und ich muss schon sagen: ich habe sehr mitgefiebert und den Plot-Twist nicht wirklich kommen sehen: Chapeau!

Das Gefühl wird selbstverständlich durch die Tatsache angesprochen, dass es einerseits um eine Hochzeit geht, die abgehalten werden soll und zum anderen um eine sich anbahnende Liebesgeschichte, die zwischen Karo und der “Geistin” Sacha. Dass das hier alles ganz zahm ist und gänzlich ohne Spice auskommt, dürfte vielen gefallen, ein kleines bisschen mehr hätte in der Beziehung aber für meinen Geschmack auch nicht geschadet. Es ist also ein Buch, das ihr auch getrost euren Teenienachwuchs lesen lassen könnt, ohne dass irgendjemand rot wird. Obwohl Gespenster auftreten, ist das Buch auch zu keinem Zeitpunkt wirklich gruselig und ich denke, das ist bewusst so gewählt und passt auch besser zum Überthema Regency, wo wir anders als bei der literarischen Romantik keinen Grusel oder gar Horror erwarten dürfen.


Gut gefallen hat mir auch, dass die Situation von LGBTQ+-Personen zu früheren Zeiten angesprochen wird, inklusive der Vorurteile, denen sie ausgesetzt waren. Aber auch andere alternative Lebensformen wie das freiwillige Singledasein bzw. die Kinderlosigkeit als Frau und die Schwierigkeiten, die damit früher verbunden waren, kommen zur Sprache. Ebenso werden generell gesellschaftliche/familiäre Erwartungen thematisiert und wie man als Individuum damit umgeht und trotz allem sein Lebensglück findet.

All das gibt dem Ganzen eine Ernsthaftigkeit, die aber keineswegs erdrückend ist. Es ist schließlich ein Buch mit Happy End und keine Tragödie.


“Scandalbury Park” beweist: Auch deutsche AutorInnen können Romantasy und haben mich als Skeptikern des Genres davon überzeugt, zwischendurch auch mal etwas zu lesen, das ein wenig “anders” ist als das, was ich sonst lese. Gerne schau ich mir das weitere Programm des mucverlags an und auch die anderen Bücher von Ellen Damerau. Eine schöne, positive Leseerfahrung, die ich euch ans Herz (und den Verstand ;-) legen kann.


Herzlichen Dank an den muc Verlag für das Rezensionsexemplar!


Sonntag, 27. September 2026

"Jesus liebt uns alle" von Gylfi Almgren, Kurzgeschichte aus der Anthologie "Verborgene Welten", Hrsg. von Martina Zöchinger

 




Kalte Gedanken für die trübe Jahreszeit

Manche Kürbissorten sind ziemlich hässlich, haben seltsame Warzen, sind abschreckend für das Auge, aber ihr Inneres ist dennoch schmackhaft und bekömmlich. Beim Menschen verhält es sich oft genau umgekehrt: Während das Äußere unauffällig oder sogar ganz ansprechend ist, möchte niemand einen Blick auf die Abgründe werfen, die sich im Inneren dieser Menschen abspielen. Die soeben erschienene Kurzgeschichten-Anthologie “Verborgene Welten”, hrsg. von Martina Zöchinger, beschäftigt sich im Dunstkreis der Genres “Thriller, Horror und Dystopie” mit eben solchen inneren Horror-Welten, die wir normalerweise nicht betreten. "Gut", dass es Literatur und Sprache gibt. Sie haben uns schon immer das im Menschen Verborgene dargelegt und das ist auch gut so. Denn was wäre die Welt ohne Gegensätze - ohne Böse kein Gut, ohne Grausamkeit, keine Sanftmut und ohne Hässlichkeit, keine Schönheit.

Der vielleicht größte Folterknecht, den wir in diesem Leben haben, ist (wenn wir das Glück haben, dass uns physische Folter erspart bleibt), unser eigener Kopf. Oder vielmehr die Gedanken, die darin unkontrolliert herumschwirren und ein Eigenleben gewinnen, das mit unserem anderen Ich, das wir der Gesellschaft präsentieren, oft gar nicht mehr viel zu tun hat. Ängste, Sorgen und andere surreale Konstrukte, die uns belasten und in der Entfaltung unseres wahren Seins einschränken - sie sind real und wir alle kennen sie. 

Wenn Blicke töten könnten, darum geht es in der Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Gylfi Almgren. Ein Mensch, der denkt, er könnte mit seinen Blicken andere ins Jenseits befördern. Ein Mensch, der daran zugrunde geht - oder vielleicht doch nicht? Vielleicht kann ja die Begegnung mit Jesus Abhilfe schaffen? Immerhin bedeutet doch das Göttliche die Erlösung - oder?
“Jesus liebt uns alle” ist eine bildgewaltige, konzise und oftmals harte, sarkastische sowie groteske Kurzgeschichte, die sich auf das Wesentliche konzentriert und uns mit dem Horror unserer eigenen Gedanken konfrontiert. Obwohl drastische Bilder und Metaphern verwendet werden, speist sich das Grauen, das wir bei der Lektüre empfinden, ganz allein aus der Imaginationskraft des Ich-Erzählers. 

“Verborgene Welten” ist eine Anthologie mit 20 Kurzgeschichten von 20 Autor*innen, die perfekt ist, um sie in der düster werdenden Jahreshälfte zu lesen. Natürlich mit Triggerwarnungen versehen und independently published. Ich habe leider nicht die ganze Anthologie gelesen, sondern lediglich die Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Glyfi Almgren, die mir dankenswerterweise als digitales Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür!





Mittwoch, 9. September 2026

"Abfahrt ins Jenseits" von Salvatore Simonetti

 


Italienische Mamma ermittelt verdeckt


Eine “Cosy-Crime-Phase” hatte ich in der Vergangenheit immer mal wieder. Lustige und spannende Plots zum Abschalten - das tut schon mal gut. Vor allem im Urlaub greife ich gerne zu Krimis und wenn sie dann auch noch im besuchten Urlaubsland spielen - umso besser. Da es wie so oft nach Italien ging - ich bin auch gerade tatsächlich dort - kam mir der im August 2026 erschienene Krimi “Abfahrt ins Jenseits” von Salvatore Simonetti (Pseudonym) gerade recht.

Er stammt aus dem ersten Belletristik-Programm des bisherigen Sachbuch-Verlags EMF. Ein gestreifter Farbschnitt in den Farben der italienischen Flagge macht das Leseerlebnis besonders - “apart”, möchte ich sagen.


Wir alle kennen sie: die älteren Damen der Krimiliteratur, die Mordfälle lösen. Auch in diesem Fall ist die Protagonistin und gleichzeitig ermittelnde Instanz in Personalunion eine Dame um die 60 namens Marcella. Nachdem sie nach vielen Jahren in Deutschland, genauer gesagt Stuttgart-Untertürkheim, in ihr ligurisches Heimatdorf Dolceacqua zurückkehrt, ist eigentlich alles tutto bene. Sie lebt über dem Eiscafé ihrer Eltern, das mittlerweile von dem sympathischen Männerpärchen Dino und Gino betrieben wird. Ihr unterhaltsamer Untermieter Harry ist ein lässiger Alt-Hippie und Gelegenheitsmaler, Sohn Domenico, der in Deutschland geboren wurde, ist 34 und bei der örtlichen Polizei. Als plötzlich mehrere Altersgenossen und Altersgenossinnen aus ihrem Bekanntenkreis das Zeitliche segnen und ihr Sohn die aufgemotzte Influencerin Romina anschleppt, ist plötzlich doch nicht mehr alles “tutto bene”. Da ihr Polizistensohn die rosarote Brille aufhat, muss Marcella den Fall mit Hilfe von Dino, Gino und Harry lösen - und am Ende ganz alleine ihre Frau stehen.


Die Idee, eine italienische “Mamma”, die natürlich fabelhaft gut kochen kann, zur Ermittlerin zu machen, ist wirklich mal erfrischend anders. Ich habe oft sehr geschmunzelt, weil die Situationskomik hier echt gekonnt angewandt wurde. Manchmal haben mich die witzigen Begebenheiten des Plots an Louis-de Funès-Filme erinnert, die ja auch im ländlichen Milieu spielen oder an “Don Camillo & Peppone” - nur halt mit Smartphone und MacBook.


Natürlich ist es perfekt, den Krimi in Italien zu lesen, auch wenn ich derzeit im Veneto und nicht in Ligurien bin. Man lernt sehr viel über die dortigen Gepflogenheiten, die Spezifika der Touristen und die Nachbarn aus dem reichen Monaco, die in der Marina von Ventimiglia ihre Yachten parken. Dass die Mafia vorkommt, ist bei einem italienischen Cosy Crime fast schon ein Muss. Ihr werdet schreien, wenn ihr rausfindet, warum das Buch “Abfahrt ins Jenseits” heißt - wo doch gar keine Skipiste vorkommt und der Roman im Frühsommer an der italienischen Küste spielt.


Es kommen einige italienische Ausdrücke vor, die gleich nach dem Wort auf Deutsch übersetzt werden. Das stört den Lesefluss ein wenig und wirkt unnatürlich. Im Zweifel kann man ja einfach googeln. Den ein oder anderen Tippfehler durfte ich auch behalten, aber sonst habe ich eigentlich keine Kritik. Also alles "tutto bene", wirklich. Ich will mich echt nicht mit Mamma Marcella anlegen...


Ein wirklich lustiger Krimi, für den Urlaub oder einfach zwischendurch. Hab ich gerne gelesen. 


Herzlichen Dank an den EMF-Verlag sowie ehrlich&anders für das Rezensionsexemplar!


Sonntag, 23. August 2026

"Weiterleben" von Patrick Charnley

 


Leben im Moment - ein Roman der Entschleunigung


Wir leben nur im Jetzt, es gibt kein Morgen, auch das Gestern ist eine Illusion. Für Jago Trevarno, den Protagonisten von “Weiterleben” (Originaltitel: “This, My Second Life”. Übersetzt aus dem Englischen von Michaela Grabinger) von Patrick Charnley gilt diese Aussage nur zu Teilen. Er lebt mittlerweile zwar einerseits nur im Jetzt und zwar auf dem Hof seines Onkels Jacob in Cornwall. Doch sein Leben ist sehr wohl in ein Gestern und Heute zu teilen. Gestern, das war als der heute 20-jährige noch voll im Leben stand. Als er gearbeitet hat, auf Wellen gesurft ist und mit seiner Freundin Sarah ein unbeschwertes Leben geführt hat. Heute ist er ein versehrter junger Mann, der aufgrund eines Komas nach einem Herzstillstand einen Hirnschaden erlitten hat. Er empfindet jetzt das stumpfe und gleichzeitig befreiende Gefühl des Seins im Augenblick, ohne große Emotionen, nur die pure Existenz, das Gefühl zu leben.


Die Tagesabläufe sind ritualisiert und immer gleich: Der Onkel steht auf und macht ihm Frühstück, sie essen zusammen und manchmal, wenn er nicht zu müde ist - die Fatigue hat Jago fest im Griff - hilft er Jacob auf dem Hof oder reitet mit einem der Pferde aus. Auch wenn Jago keine großen Gefühle mehr empfinden kann, so ist ihm dieses Leben im vorhersehbaren Gleichschritt angenehm, ein Trost und Balsam für die Seele. 


Der Autor spricht aus eigener Erfahrung, auch er hat das gleiche durchgemacht wie sein Protagonist, nur in höherem Lebensalter, als Familienvater, der mitten aus dem Leben gerissen wurde. Dieses Wissen, die “Own-Voice-Stimme” spürt man zwischen den Zeilen hindurch. Man merkt auch, dass der Autor langsam geschrieben hat, sich viele Passagen abringen musste und das macht das Ganze so authentisch. Entschleunigung ist hier Poetik und Programm zugleich und dennoch ist dieser Roman niemals langatmig oder gar -weilig. Im Gegenteil: Er hat sogar Züge von einem Krimi, denn der zwielichtige Nachbar Bill Sligo ist Jago ein Dorn im Auge. Warum will er seinem Onkel ein vermeintlich wertloses Grundstück abkaufen? Jago beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und wird bald an seine körperlichen und seelischen Grenzen getrieben…


Also ich muss sagen, ich habe dieses Buch wirklich genossen. Nicht nur weil ich zuletzt auch ein einschneidendes Gesundheitserlebnis hatte und dieses Gefühl dass sich das Leben, das Ich plötzlich wie neu anfühlt. Die Ich-Perspektive ist ohnehin eine meiner liebsten Erzählperspektiven. Ich mag das Unmittelbare, die höchstmögliche Nähe zu einer Figur. Die Sprache ist stellenweise sehr poetisch, die Übersetzung geschliffen und niemals krumm. Ich denke, dass sie sehr am Original bleibt. 


“Weiter leben” ist ein Roman, der einem viele Impulse gibt und den Anspron, viel mehr im Hier und Jetzt zu leben, das schätzen zu lernen, was man hat und vor allem die Tatsache, dass man lebt und atmet, ein gutes Essen genießen und in die Sterne blicken darf. Ein Buch, das meine Bibliothek sicher nicht verlassen wird und von dem ich mir sehr gut vorstellen kann, es mehr als einmal zu lesen. Absolute Leseempfehlung!


Herzlichen Dank an vorablesen.de und Dumont für das Rezensionsexemplar!



Samstag, 1. August 2026

"Tage am Fluss" von Jochen Mariss

 


Solider Klimaroman mit actionreichem Finale


“Es war, als würde er in ein geheimnisvolles Kraftfeld eintauchen, in eine Aura aus Gewissheit und Gleichmut, wie sie nur in der Krone eines alten Baumes zu finden war, der tief in der Erde wurzelte.” (Tage am Fluss, S. 92)


Oben zitiert steht der schönste, poetischste Satz, den ich in Jochen Mariss’ Roman “Tage am Fluss” gefunden habe. Das muss und soll aber nicht heißen, dass alle anderen weniger gut sind, dieser hat mir nur einfach am besten gefallen und einen Nerv bei mir getroffen.


Von der Existenz dieses Buches habe ich erst erfahren, als ich es in den Händen hielt. Es wollte, es musste wohl von mir gelesen werden. Ich wäre von selbst jedenfalls nicht darauf gekommen: Junger hübscher Mann aus gutem Hause vom Typ “Klimakleber” trifft auf grumpy middleaged Flussfährfrau - irgendwo im niederdeutschen Flachland. Natürlich wird aus der anfänglichen leichten Abneigung im Laufe des Romans eine Kollaboration, ein klassisches Win-Win. Er hilft ihr “aufzutauen” und bei der Arbeit, sie hilft ihm sich zu verstecken und endgültig “erwachsen” zu werden. Man packe zwei ungleiche, aber doch attraktive Menschen mit einer Last auf den Schultern und ungelösten Problemen in ein schönes Sehnsuchtssetting und wartet ab, was passiert bzw. wo das Narrativ einen hinträgt. Das klingt schon nach einem gewissen Schema F, das derzeit gern in der deutschen Gegenwartsliteratur abgespielt wird.


Man denkt vielleicht auch an den Romantasy-Trope “Enemies to lovers”, allerdings verhindert die ständige Erwähnung des verlorenen jüngeren Bruders Jan der Fährfrau Sara, der dem Eindringling Leon vom Wesen sehr ähnlich ist, sowie der schon recht beträchtliche Altersunterschied von 20 Jahren, dass man am Anfang in die romantische Richtung denken könnte. Ich will nicht zu viel verraten, aber so ein wenig knistert es dann schon zwischen den beiden. Ein wenig, zu wenig, glaubwürdig, braucht es das? - Das dürfen die Lesenden selbst entscheiden. “Tage am Fluss” ist jedenfalls kein “Die Brücken am Fluss 2.0”. Puh, ich bekomme rote Ohren wenn ich nur an den Film denke. Oder hab nur ich den so spicy in Erinnerung? Egal und sorry für den Exkurs nach Hollywood.


Der Roman stellt viele Fragen, die heute brisanter denn je sind: Wie viel Egoismus verträgt unser angeschlagener Planet noch? Sollte man nicht endlich anfangen, globaler zu denken und ernsthaft über den Tellerrand der eigenen Bequemlichkeit und des eigenen Wohlstands hinaus zu blicken und die Sache selbst in die Hand nehmen? Ich fühle jedenfalls nach der Lektüre von “Tage am Fluss” ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass ich noch nicht in einem Baumhaus lebe, um die Abholzung eines bedrohten Waldes zu verhindern. Oder dass mir der Asphalt doch zu heiß ist, um mich auf die Straße zu kleistern und die Autos daran zu hindern, weiter ihre Abgase in die Umwelt zu pusten. Ja, dieser Roman ist bei allem Wohlfühlsetting mit Hühnern und Hexenhaus schon ein wenig unbequem und stellenweise unangenehm zu lesen. Einfach weil der Autor ja recht hat. Wir müssen uns von unserem Allerwersten erheben - jeder einzelene Mensch - und etwas tun gegen die Verschmutzung unseres Planeten.


Besonders gefallen hat mir das actiongeladene Finale, das war schon cool irgendwie. Ganz zum Schluss hätte ich mir etwas mehr Klarheit gewünscht, wo es denn jetzt wirklich hingehen soll, aber das wird nur angedeutet. Für alle, die gerne was über Klimaschutz lesen, ist dieser Roman auf jeden Fall einen Abstecher wert.


Herzlichen Dank an den Kiwi-Verlag für das Rezensionsexemplar!




Sonntag, 5. Juli 2026

"Yesteryear" von Caro Claire Burke



Nein. Nein nein. Und nochmals: Nein! So haben wir nicht gewettet. Kann ich es bitte ungelesen, ungeschehen machen, dieses (hochnäsig betont) “Yesteryear” (ganz fein übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn). Revision. Kann ich bitte einfach so tun, als hätte ich es nie gelesen? Nein? Na gut, dann soll es wenigstens raus aus meinem System und die beste Möglichkeit dies zu tun, ist, eine Rezension dazu zu schreiben. 


Aber was soll ich dazu sagen? Echt? Es hätte in meiner “Lese-ich-NICHT”-Kategorie landen sollen. Warum musste ich ausgerechnet auf diesen Trend aufspringen? Du weißt doch, dass Hypebücher nichts für dich sind, Vicky!! Ja, ist ja gut, aber das klang so interessant: Mom-Influencerin fällt vom Insta-Millionenerfolg in ein selbstausgehobenes schwarzes Zeit-Loch, muss plötzlich wie die Pioniere im 19. Jahrhundert leben und überleben. Der schöne Schein zerbricht und so weiter und so fort.


Wie es so oft bei mir ist, hatte mich das Buch am Anfang relativ schnell an der Angel: Wow, diese Natalie Heller-Mills (so heißt die doch?) ist eine echte Bitch, eine Protagonistin, die man wunderbar hassen kann. Sowas mag man doch. Oder, oder??! Diese Arroganz gegenüber Andersendenken. Geht gar nicht! Diese abgrundtief ablehnenswerte weißamerikanisch-christliche-geldadelige-mid-western Rückständigkeit. Republikaner mit Stock im Allerwertesten und haufenweise Leichen im Poolfundament, neureiche MAGAs, Steuerhinterzieher - und *innen auch. Pfui, Spinne! Man kann sich so toll besser fühlen. Moralisch überlegen. Ach ist das herrlich, man sieht schon, wie sie in ihr Verderben rennt. Was die ihren Kindern und ihrem netten Ehemann da alles antut. Einfach grauenvoll.


Aber dann…Längen. Längen um Längen, Prärie der Längen. Dramen, die einer billig produzierten Vorabendserie in nichts nachstehen, außer vielleicht in puncto Unterhaltung. Ach Natalie, langsam wird es anstrengend dich zu hassen. Ich mag dich nicht, aber wann ist die Geschichte jetzt endlich aus und wohin führt das Ganze? Musst du wirklich nochmal deinen "Ladys" guten Morgen sagen? Deine Familie zu einem Reel nötigen?

Diese Zeitsprünge, diese Storyline: immer verworrener und ich fühle mich auf dem Walmart-Parkplatz im Auto von dir allein gelassen bei 30 Grad während du Selfies mit deinen ungeliebten Followerinnen und dem Bio-Rotkohl macht, den du an dich drückst. Warum verfärbt er nicht wenigstens dein reinweißes Leinenkleid? Why?…Daedalus, entlasse mich bitte aus diesem Labyrinth aus Worten und wirf mir einen roten Faden zu! Ich. Halte. Es. Nicht. Mehr. Aus!!


Nein, ich habe das Buch nicht abgebrochen, sondern tapfer durchgezogen. Es ist auch per se kein schlechtes Buch, nur es war halt nix für mich. Ich kann verstehen, warum es andere mögen, aber ich kann auch verstehen, warum ich es nicht mag. Es ist einfach zu bemüht, zu gewollt, zu sehr “auf Erfolg geschrieben”. Es fließt nicht, es beschreibt nicht schön, es ist vulgär und am Ende: habe ich nur Bahnhof verstanden. [Füge gedanklich ein: Schulterzuckender Obama-GIF]


Ich darf nicht spoilern, aber wie viele Kinder hat sie jetzt eigentlich im Ganzen bekommen? Und wieso ist sie jetzt so alt und vorher war sie noch jung und was ist dazwischen passiert und: häh?? I don’t get it. Klärt mich auf. Bitte! Das ist mir zu viel “Der Vorhang auf und alle Fragen offen.” Wobei - I don’t care anymore. Really, I don’t. Ich habe das Bedürfnis, “Yesteryear” im Garten zu vergraben, damit auf dem papierreichen Humus noch ein schönes Pflänzchen wächst. Wahrscheinlich stell ich es aber der Einfachheit halber - und um meinen Rücken zu schonen - in den nächsten Bücherschrank, damit ein anderer seine “Freude” (häh, häh, told you so) daran hat. Und wir tun einfach so, als hätte ich es nie gelesen. Okay? 


“Yesteryear”? Also das würde ich niemals nicht lesen, weil…


Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!