Haben wir nicht alle schon mal insgeheim davon geträumt, auf einer Burg, einem Schloss oder einem verfallenen Herrenhaus auf echte Geister zu treffen? Nein? Na dann waren es wohl nur noch nicht die richtigen Geister. Die Protagonistin von “Scandalbury Park”, Karo, ist Ende zwanzig und wird zur Hochzeit ihrer Schwester und deren Verlobten Louise auf ein Schlosshotel in den Ardennen eingeladen. Es sind sogar ganze zwei Wochen, in denen sie den beiden Frauen hilft, sich seelisch, mental und organisatorisch auf die Vermählung im Regency Style vorzubereiten, denn deren Lieblingsserie ist “Scandalbury Park” (ihr alle kennt sicher das Vorbild dafür). Schon bereits am ersten Tag macht Karo dann die Bekanntschaft der sympathischen Schlossgespenster Massimo, Félix, Éléonore und Sacha. Vor allem Letztere lässt sie nicht nur an ihrem Verstand zweifeln, sondern bringt auch ihr Gefühlsleben gehörig durcheinander. Kann man sich in einen Geist verlieben - und wenn ja, darf man das überhaupt?
Also ich bin sehr beGEISTert von dieser Geschichte, weil sie - wie bei einem echten Regency-Schmöker - Verstand und Gefühl aufs Vortrefflichste vereint, wenn man so sagen will. Der Verstand der Lesenden wird stimuliert, weil der Plot allerlei Rätsel aufgibt, vor allem was die (Vor-)Leben der vier Geister betrifft. Zusammen mit der Protagonistin Karo dürfen wir nach und nach aufdecken, wie sie gelebt haben und wie sie gestorben sind. Zum Ende hin wird es dann nochmal richtig spannend und ich muss schon sagen: ich habe sehr mitgefiebert und den Plot-Twist nicht wirklich kommen sehen: Chapeau!
Das Gefühl wird selbstverständlich durch die Tatsache angesprochen, dass es einerseits um eine Hochzeit geht, die abgehalten werden soll und zum anderen um eine sich anbahnende Liebesgeschichte, die zwischen Karo und der “Geistin” Sacha. Dass das hier alles ganz zahm ist und gänzlich ohne Spice auskommt, dürfte vielen gefallen, ein kleines bisschen mehr hätte in der Beziehung aber für meinen Geschmack auch nicht geschadet. Es ist also ein Buch, das ihr auch getrost euren Teenienachwuchs lesen lassen könnt, ohne dass irgendjemand rot wird. Obwohl Gespenster auftreten, ist das Buch auch zu keinem Zeitpunkt wirklich gruselig und ich denke, das ist bewusst so gewählt und passt auch besser zum Überthema Regency, wo wir anders als bei der literarischen Romantik keinen Grusel oder gar Horror erwarten dürfen.
Gut gefallen hat mir auch, dass die Situation von LGBTQ+-Personen zu früheren Zeiten angesprochen wird, inklusive der Vorurteile, denen sie ausgesetzt waren. Aber auch andere alternative Lebensformen wie das freiwillige Singledasein bzw. die Kinderlosigkeit als Frau und die Schwierigkeiten, die damit früher verbunden waren, kommen zur Sprache. Ebenso werden generell gesellschaftliche/familiäre Erwartungen thematisiert und wie man als Individuum damit umgeht und trotz allem sein Lebensglück findet.
All das gibt dem Ganzen eine Ernsthaftigkeit, die aber keineswegs erdrückend ist. Es ist schließlich ein Buch mit Happy End und keine Tragödie.
“Scandalbury Park” beweist: Auch deutsche AutorInnen können Romantasy und haben mich als Skeptikern des Genres davon überzeugt, zwischendurch auch mal etwas zu lesen, das ein wenig “anders” ist als das, was ich sonst lese. Gerne schau ich mir das weitere Programm des mucverlags an und auch die anderen Bücher von Ellen Damerau. Eine schöne, positive Leseerfahrung, die ich euch ans Herz (und den Verstand ;-) legen kann.
Herzlichen Dank an den muc Verlag für das Rezensionsexemplar!







