Dienstag, 24. Februar 2026

"Drei Tage im Schnee" von Ina Bhatter

 


Everybodys Darling is everybodys Depp


Der Winter neigt sich dem Ende zu und doch habe ich es erst jetzt geschafft, das Hypebuch des letzten Herbstprogramms “Drei Tage im Schnee” von Ina Bhatter zu lesen. Wahrscheinlich hätte ich es gar nicht gelesen, wäre es mir nicht überraschend zugeschickt worden. Bei der ersten Recherche zu dem Buch dachte ich an Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform wie die von Paulo Coelho. Aber jeder möchte ja auf irgendeine Weise sein Leben optimieren und raus aus dem Hamsterrad Alltag. Zudem kommt die Autorin wirklich sehr sympathisch rüber und ein erneuter Wintereinbruch im Februar hat jetzt dazu geführt, dass ich zu diesem schmalen, sehr schön gestalteten Büchlein gegriffen habe. Atmosphäre ist schließlich alles, ne?


Im Roman geht es um wenig anderes als um die Städterin Hannah, die an einem nicht genannten Ort auf dem Land drei Tage im Schnee verbringt - ein verlängertes Wochenende. Sie mietet sich für die Zeit als Selbstversorgerin ein Häuschen an einem See und ist komplett vom Winterzauber umgeben. Ja, es ist so idyllisch, wie es klingt. Sie denkt über ihr Leben nach und währenddessen trifft sie die kleine Sophie, von der wir bis zum Ende nicht erfahren werden, ob sie ihrer Fantasie entsprungen oder ein reales Kind aus Fleisch und Blut ist. Das hat mich ein wenig gestört, dass das Geheimnis um Sophie nicht aufgelöst wird. Magischer Realismus ist ja okay, aber ich mag es nicht, in der Unwissenheit darüber gelassen zu werden. So kann ich die Begegnung zwischen Sophie und ihrem kindlichen Alter Ego (denn das ist sie für mich und auch laut der vergleichenden Beobachtungen, die Hannah macht) nicht richtig einschätzen. Andere Figuren kommen nicht als handelnde Personen im Plot vor. Es ist also ein ziemlich internalisiertes Drama, dem wir hier beiwohnen.


Hannah fragt sich in a nutshell: Kann es das schon gewesen sein? Ist sie mit Mitte 30 (Single und kinderlos), dazu verdammt, ein Leben als einsame Workaholikerin zu führen? Zwar in sicheren Verhältnissen, aber nicht wirklich glücklich und frei. Ist sie die Erwachsene, die sie als Kind zu werden hoffte?

Ich denke mit diesen Fragen können sich viele identifizieren, deswegen ist das Buch auch so erfolgreich - es spricht einfach fast jeden an. Und aus diesem Grund wird man auch nichts falsch machen, wenn man das Buch verschenkt oder selbst liest. Aber das Ganze hat natürlich auch eine Kehrseite. In Bayern gibt es so ein Sprichwort: “Everybodys Darling is everybodys Depp.” Ja, mir ist das alles zu lieblich, zu allgemein. Die Protagonistin und das Kind haben beliebte Allerweltsnamen aus den Top-10-Listen, die Knud Bielefeld in seinem Leben schon zigfach analysiert und gelesen hat: Hannah und Sophie. Hannah hat eine Persönlichkeit, die einfach 0815 ist. No shame, aber ich will lieber etwas über Leute lesen, die anders sind. Aber Hannah ist nicht anders, sie ist eine weiße Hetera mit gutem Bürojob, der plötzlich einfällt wie gerne sie mal gelesen und geschrieben hat und die sich schon mal mit ihrer besten Freundin wegen eines Mannes gestritten hat. Aber Moment, sie hat doch Synästhesie! Ja, das stimmt, sie hat Synästhesie und das wirkt, als wäre der Autorin auch eingefallen, dass sie sonst zu langweilig ist, also haben wir ihr diese besonders charmante neurologische Besonderheit mitgegeben. Ich finde das wirkt hier leider sehr aufgesetzt. Schade.


Ich finde es auch schade, dass der durchaus vorhandene Humor der Autorin nur zaghaft angewandt wird, zum Ende hin musste ich nämlich doch noch schmunzeln, ich sage nur “Aktenzeichen XY”. Und die Gerichte, die Hannah so kocht, wollte ich gerne sofort nachkochen - der Roman hat Kochbuchpotenzial!


Man kann eigentlich nichts Schlechtes über dieses Buch sagen und ich komme mir hier schon schlecht vor, weil ich wieder meine echte Meinung sage. Aber it is what it is. Die Autorin ist wirklich super sympathisch und das Buch an sich nicht verkehrt, nur fehlt mir hier das gewisse Etwas und das ist nicht, dass der Dienstag (oder war es ein anderer Tag) für Hannah grau mit schwarzen Punkten ist oder dass statt eines Schneemannes ein Schneeinhorn gebaut wird.


Herzlichen Dank an Kiwi für das unangeforderte Rezensionsexemplar!

Dienstag, 17. Februar 2026

"Himmelsfeuer" von Moa Backe Åstot

 


Jugendroman mit viel Herz und nordic flair

Über die Sami in Nordskandinavien gibt es einige Bücher und Romane. Mich hat allerdings noch keiner so berührt wie “Himmelsfeuer” von Moa Backe Åstot (1998), die selbst Sami und Rentierzüchterin ist. Der Roman ist bereits 2021 im Original erschienen, hat viel positives Feedback von der Kritik bekommen und wurde jetzt für den dtv Verlag Reihe Hanser von Anu Stohner ins Deutsche übersetzt.


“Gibt es homosexuelle Rentierzüchter?” Diese Frage stellt sich jemand in einem Forum im Internet. Der junge Sami Ánte liest sie und stellt sie sich auch, denn er ahnt, dass er selbst einer sein könnte.


Ánte ist ein samischer Schüler, 16 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Jokkmokk, einem Zentrum der samischen Kultur und Lebensweise in Schweden, wo er zur Schule geht. Seine Eltern sind Rentierzüchter, er hat noch eine Schwester, Ida. In letzter Zeit hat Ánte Gefühle für seinen besten Freund Erik, (der ebenfalls Rentierzüchter-Background hat) entwickelt. Der ist allerdings in einer Beziehung mit Julia und eben: sein bester Freund. Ánte ist nicht geoutet und seine Eltern eher konservativ. Im Roman wird ganz in der Tradition der Coming-of-Age-Thematik die Frage gestellt: Findet Ánte zu sich selbst und kann das mit ihm und Erik etwas werden?


Sehr behutsam, sehr sanft geht es hier zu. Ein Sensitivity Reading war hier sicher nicht nötig. Man merkt, dass die Autorin sich voll und ganz mit der Kultur auskennt, über die sie schreibt - sie ist ein Teil davon. Die Kulturhistorie der Sami und auch die dunklen Seiten davon werden sehr gut ausgeleuchtet. Ante setzt sich - unfreiwillig - mit seiner Kultur auseinander und stellt dabei fest, dass er beides sein möchte: Sami und dennoch er selbst, was auch seine sexuelle Orientierung beinhaltet. Das Thema queere Liebe wird mit großem Respekt von der Autorin behandelt, ohne die nötige Lockerheit und Leichtigkeit dabei zu verlieren. Also einfach perfekt, sonst hätte der Roman auch nicht so einen Erfolg gehabt. Auch die Gefühle, die Ánte empfindet, kommen wunderbar rüber. Die Prosa der Autorin ist ganz zart und doch mit einer gewissen Kraft versehen. Ich würde sagen, sie hat als Mensch ein großes Herz, das man zwischen den Zeilen pulsieren spürt.


Der Roman ist für Jugendliche gedacht, die selbst in der Findungsphase sind, aber auch Erwachsene können, so wie ich, davon profitieren und nochmal in Erinnerungen schwelgen: erste Liebe, Auseinandersetzungen mit den Eltern, etc. Wenn man Skandinavien und die nordische Kultur mag, dann ist dieser zauberhafte Jugendroman auch perfekt, denn hier findet man die Sehnsuchtsorte für die Sonnenmüden und die Nordlicht-Suchenden perfekt beschrieben. Man ist wirklich nach der Lektüre kurz davor, eine Reise nach Jokkmokk zu buchen und einen Kolt anziehen zu wollen. Um Rentiere und deren Zucht geht es allerdings nur am Rande, aber dafür gibt es ja die Bücher von Ann-Helén Laestadius, die das sehr ausführlich beleuchten. 


Kurzum: Ein absolut lesenswertes Buch, dem mal wieder viel mehr Aufmerksamkeit gebührt als es derzeit noch bekommt - zumindest hier in Deutschland. Eine Mini-Serie könnte ich mir auch sehr gut vorstellen. Herzlichen Dank an dtv für das Rezensionsexemplar! Fotocredits Nordlichter: impackt.de


Mittwoch, 4. Februar 2026

"Eine Frau zu sehen" von Annemarie Schwarzenbach

 


Eindringliche Kurzprosa einer Frühvollendeten


“Es ist beruhigend, den Hörer neben sich zu sehen, ich lächle ein wenig aus Dankbarkeit, denn was sind Möglichkeiten: Bedeuten sie nicht Verheißung, wenn man nur mutig ist, bedeuten sie nicht eine große Herrlichkeit des Willens” (Eine Frau zu sehen, S. 25)


Wie immer bei klassischen Werken gibt es statt einer Rezension einen Leseeindruck von mir. Heute ist er auch dem vorgestellten Buch entsprechend kurz, denn es ist eine Erzählung von nur 65 Seiten, der Anhang ist fast nochmal genauso lang.


Wenn man an Gott glaubt, könnte man mit Fug und Recht sagen, “er” hätte einen guten Tag gehabt, als er Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) erschaffen hat - einen sehr guten. Sie war wunderschön, stammte aus einer für damalige Verhältnisse schwerreichen Industriellenfamilie, sie war super intelligent und gebildet. Sie war mit den spannendsten Leuten aus der damaligen Kunst- und Kulturszene (u.a. Erika und Klaus Mann) befreundet. Sie war frei, um um die Welt zu reisen und in Paris zu studieren. Sie durfte schreiben und das Geschriebene sogar veröffentlichen. Und sie war lesbisch und das wurde auch - weitestgehend - akzeptiert, immerhin hatte auch ihre eigene Mutter Verhältnisse mit Frauen. Man sagt: “Only the good die young” und so musste auch Annemarie Schwarzenbach einen frühen Tod mit nur 34 Jahren infolge eines Fahrradunfalls und ihrer jahrelangen Drogensucht erleiden. 


Diese biografischen Infos sind wichtig, wenn man vorhat, “Eine Frau zu sehen” zu lesen, denn es ist eine autofiktionale Erzählung. Man kann davon ausgehen, dass die namenlose Ich-Erzählerin Schwarzenbach selbst ist. Sie ist in einem Ski-Resort, wahrscheinlich in St. Moritz und verliebt sich im schicken Hotel in eine Frau, Erna Bernstein. Es ist also eine Geschichte über Sehnsucht und Verlangen, denn die Ich-Erzählerin möchte Erna Bernstein, sie will sie mit jeder Faser ihres Herzens und jeder Zelle ihres Körpers. Und am Ende? Bekommt sie sie. 


“Eine Frau zu sehen” ist der Coming-Out-Text von Schwarzenbach, der bis in die 2000er Jahre unveröffentlicht und titellos blieb. Alexis Schwarzenbach, ein Nachfahre von Annemarie, hat ihn im Nachlass in Zürich entdeckt, bearbeitet und herausgegeben. Auch das Nachwort hat er geschrieben und dort wird auch erwähnt, dass der Text entfernt an den “Tod in Venedig” erinnere, nur mit positivem Ende. Auch ich habe in Schwarzenbachs melodischer Prosa Anklänge an den Altmeister der Melancholik wahrgenommen. Es ist wirklich ein wunderschöner kleiner Text, aber leider viel zu kurz. Dennoch kann ich ihn in dieser Winterzeit sehr empfehlen. Für alle, die sich für Coming-Out- und queere Texte generell interessieren, ist er sowieso ein Muss.


Den Text gibt es bei Kein und Aber.


Sonntag, 1. Februar 2026

"Mo & Moritz" von Julya Rabinowich

 


Lässt einen wieder an die große Liebe glauben


“Mo & Moritz” ist eine moderne Adaption bzw. Variante des "Romeo & Julia"-Stoffes für junge Lesende in Form eines Jugendromans. Es geht wie im großen Vorbild, das im Buch auch mehrfach zitiert wird, um die Themen Liebe, Moral und Verantwortung bzw. das Pflichtgefühl, das wir gegenüber unseren Blutsverwandten empfinden. Weil Mo und Moritz zwei junge Männer sind, kommt noch das Thema Homophobie bzw. die Angst davor hinzu. Auch haben die beiden Liebenden einen unterschiedlichen kulturell-religiösen Hintergrund, was zusätzlich zu Konfliktpotenzial in der Handlung führt.  


Wien 2023: Nachdem Mo (eigentlich Mojad) unrechtmäßig von der Schule geflogen ist, fängt er eine Lehre bei einem Wiener Nobelfriseur an. Mo stammt aus einer muslimischen Familie, die durch Flucht und Vertreibung traumatisiert wurde. Aus welchem muslimischen Land er kommt, wird bis zum Ende der Handlung nicht aufgeklärt. Die Lesenden müssen es sich erschließen. Mo lebt in einer kleinen Mietwohnung mit seinem Vater, seiner Mutter, seinem großen Bruder Faris und der 13-jährigen Schwester Maryam. Faris ist ein unsympathischer Zeitgenosse, der durch polarisierende Parolen sowie homophobe und antisemitische Äußerungen ganz klar negativ gezeichnet wurde. Beim berühmten Wiener Opernball darf eine Abordnung des Friseursalons die Debütantinnen frisieren. Mo ist wie berauscht von der ganz besonderen Atmosphäre und findet im Gewühle der Ballroben seine eigene “Cinderella” - nur dass die einen Frack trägt und Moritz heißt…


Nicht nur der Opernball und die Begegnung der beiden jungen Männer ist märchenhaft, das ganze Buch durchzieht ein gewisser Zauber. Bei Mo ist es der Zauber der Unschuld und Unwissenheit, er ist zart, sanft und schön. Moritz hingegen ist der selbstbewusste, attraktive Typ, ein klassischer Märchenprinz. Seine Wohnung kommt Mo wie ein Schloss vor, er ist geoutet und akzeptiert, er genießt Freiheiten, die Mo sich nur träumen kann. Auch sprachlich hat mich der Roman oftmals in eine märchenhafte Stimmung versetzt. Die Sprache von Julya Rabinowich ist sehr blumig und voller Ausdrücke wie “Donnerwetterbruder”, “Moritzgeruch”, etc. Aber sie schreckt auch nicht vor Kraftausdrücken zurück, was zur Authentizität beiträgt und beim jugendlichen Publikum gut ankommen dürfte.


Überhaupt: Dass das Buch ein Jugendroman ist, ist ganz leicht zu erkennen. Die Autorin verzichtet auf die erzählerische Darstellung von Se*ualität, das bleibt alles der Fantasie der Lesenden überlassen. Außerdem werden manche Sachverhalte sehr schwarz-weiß dargestellt, so auch der Charakter des Bruders Faris. Aber wer sich an diesen Vereinfachungen nicht stört, der kann das Buch auch als Erwachsener wunderbar konsumieren und sich mal wieder in die Welt der Jugendlichen hineinversetzen. 


Ein kleiner Kritikpunkt zum “Spoiler” im Klappentext. Ich hätte es besser gefunden, die Sache mit Taylor Swift den potenziellen Lesenden zu “verheimlichen”, denn so kann man sich schon früh denken, worauf die ganze Geschichte mit dem Bruder hinauslaufen wird. Ich hätte es mir lieber als “Aha-Effekt” und spannende Wendung in der Handlung selbst erlesen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.


Das mit dem gleichen Namenskürzel der beiden hätte ich jetzt auch nicht unbedingt gebraucht und war manchmal verwirrend. Aber wegen der Analogie zu “Romeo & Julia” habe ich dann schon verstanden, warum es so gemacht wurde.


Ein ganz wunderbarer, queerer Jugendroman, der einen tatsächlich wieder an die große Liebe glauben lässt. 


Herzlichen Dank an Hanser und vorablesen für das Rezensionsexemplar!






Mittwoch, 28. Januar 2026

"Wishkeeper 3. In der Eiswelt von Eterna" von Barbara Laban

 


Was wäre die Welt ohne Wünsche?


Dass ich euch Kinder- und Jugendbücher vorstelle, kommt eher selten vor, immerhin bin ich nicht die Zielgruppe. Allerdings passiert es doch ab und zu mal, dass mich die Bücher, die meine 9-jährige Tochter liest, auch selbst interessieren. Im Fall der Wishkeeper-Trilogie von Barbara Laban war das so. Ich hatte das Glück, die Klasse meiner Tochter letztes Jahr zur Münchner Bücherschau zu begleiten, wo Barbara Laban “Wishkeeper” vorgestellt hat. Sie hat uns in die Welt von Everwish entführt - ein Ort, an dem unerfüllte Wünsche zu niedlich-fantastischen Wunschwesen werden. Wo es einen sprechenden Baum namens “Cascadia” gibt und ein sprechendes Buch namens “Libros” - das Gedächtnis von Everwish. Die Kinder, die die Inklinge - flatternde Wünsche - aufspüren und nach Everwish begleiten, wo sie zu Wunschwesen werden, heißen “Wishkeeper”. Lexi, Milo und Talon aus London sind solche Wishkeeper. Sie können aufgrund ihrer Fähigkeit nach Everwish reisen, wo sie viele Abenteuer erleben und dort mitunter eine lange Zeit verbringen. In der echten Welt sind sie dafür nur ein paar Stunden weg.


Es empfiehlt sich mit Band 1 anzufangen, weil dort natürlich die ganzen Backgroundinfos zur fantastischen Welt von Everwish erklärt werden. Dort wird  auch auf die Hintergrundstorys der Wishkeeper eingegangen: aus welchen Familien kommen sie, was sind ihre Wünsche, etc. Ich habe das nur übers Vorlesen mitbekommen, den dritten Band habe ich aber selbst gelesen. Hier ist Everwish bereits an einem Punkt angekommen, an dem es knackt im magischen Gebälk. Wo man sich vorher alles wünschen konnte, funktioniert das Erinnern jetzt nicht mehr. Das liegt daran, dass Libros verschwunden ist. Und ohne Buch, ohne Gedächtnis, ohne Libros: kein Wünschen und somit auch kein Everwish. Die Wishkeeper müssen aus allen Landstrichen Everwishs - der Heimat der vier Wunschwesenarten Lumix, Neverlinge, Fireflash und Crimsons - vier besondere magische Gegenstände zusammentragen, um einen Neverwish zu erhalten. Und dieser könnte Everwish vor dem bösen Tremoris und seinen Horroxern beschützen. Aber das ist gar nicht so einfach…


Dieser dritte und letzte Band von Wishkeeper stellt kindgerecht philosophische Fragen, wie zum Beispiel: Was wäre eine Welt ohne Wünsche? Wunschlos zu sein - wäre das nicht ein schrecklicher Zustand? Was wäre der Mensch ohne Streben nach Glück und Erfüllung. 


Die Idee, dass Wünsche zu eigenen Entitäten, Wunschwesen werden, fand ich von Anfang an so toll an dieser Reihe. Wer würde nicht gern ein luchsartiges Wesen mit Flügeln an seiner Seite haben, das mit einem sprechen und kuscheln kann. Oder so einen süßen Neverling? Auf dem limitiert erhältlichen Farbschnitt und auch in vielen Illustrationen im Innenteil sind sie abgebildet. Illustriert wurde das Buch übrigens von Alessia Trunfio.


Wishkeeper ist eine Buchreihe, die zum Träumen und Nachdenken einlädt. Natürlich in erster Linie für Kinder um die 10 Jahre, aber so machen Erwachsenen schadet es auch ganz sicher nicht, mal in die Welt von Everwish abzutauchen und der Fantasie das Ruder in die Hand zu geben - im Gegenteil.


Herzlichen Dank an Barbara Laban und Ravensburger für das Rezensionsexemplar!

Montag, 26. Januar 2026

"Half His Age" von Jennette McCurdy

 


Be careful what you wish for


“Die Leute messen dem Menschsein zu viel Bedeutung bei. Wir sind einfach Menschen. Wir sind einfach widerwärtige, unbedeutende Menschenwesen, die scheißen, furzen und ficken.” 


Wenn mich das Buch nicht schon vorher gehabt hätte, hätte es mich spätestens mit diesem pseudo-philosophischen Erguss einer 17-jährigen Schülerin/BH-Verkäuferin aus Anchorage, Alaska gekriegt. Waldo. Waldo ist eine Protagonistin und Ich-Erzählerin, deren Authentizität mich sofort um den Finger gewickelt hat. Sie ist direkt, ehrlich, altklug und vor allem: lost. Sie hat keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt aus der amerikanischen weißen Unterschicht und auch der Roman kann (konnte) am Anfang in jede Richtung führen. So beginnen meiner Meinung nach die besten Geschichten.


Waldo ist hinter ihrem Lehrer für kreatives Schreiben her, Mr. Korgy. Nein, liebes Textverarbeitungsprogramm, ich meine nicht die präferierte Hunderasse der Queen, das schreibt man schon so. Mit Vornamen heißt er eigentlich Theodore, von seiner Frau liebevoll (oder hasserfüllt) “Teddy” genannt. Aber sein Vorname taucht eigentlich so gut wie nie auf, wahrscheinlich, um das Machtgefälle zu illustrieren. Denn Lehrer*innen-Schüler*innen-Verhältnisse sind natürlich tabu und deswegen läuft auch zunächst alles geheim ab. F**ken auf dem Klo in aller Heimlichkeit, beim Schulball im leeren Lehrerbüro, im Putzkämmerchen. Waldo ist getrieben, sie will den verheirateten Vierzigjährigen, der Vater eines kleinen Sohnes ist, für sich allein. Sie will nicht die Geliebte sein. Sie will ihn “erwerben”, so wie sie immer die Billigklamotten und das Makeup beim Onlineshopping erwirbt, nur um nachher davon enttäuscht zu sein. Natürlich ist die mit ihr lebende, alleinerziehende Mutter, die einst mit ihr “teenagerschwanger” war, mit ihren stets wechselnden Männerbekanntschaften kein gutes Vorbild.


Ich feiere unter anderem die geradlinige Prosa, die hier zum Einsatz kommt. Kein pseudo-intellektuelles Geschwafel, nichts Affektiertes - der Erzählton ist so authentisch und glaubwürdig wie die Figur Waldo selbst. Und sie sagt es sogar mal, als sie mit Mr. Korgy über Literatur redet: “Ich mag einfache Texte. Klar formulierte, schnörkellose Beobachtungen.” (S. 286) Hier enthüllt die Autorin ein Stück weit ihre eigene Poetik. Ich mag ja sowas. Ich mag diese Schreibe, diese unprätentiöse Art. Das ist so erfrischend, einfach weil es in der deutschen Belletristik so selten geworden ist einfach zu sagen, was man meint. Alles muss immer diesen “wichtigen”, gehobenen Touch, eine höhere Bedeutung, eine verklausulierte Aussage haben. Vieles wird so geschrieben, um eine Chance auf die Buchpreis-Listen zu haben. Das meiste davon ist unwitzig, weil deutschen Autor*innen der Gegenwart einfach oftmals der Mut fehlt, witzig zu sein. Jennette McCurdy nicht. Jennette McCurdy ist anders. 


Auch dass im Roman gegessen und wieder ausgeschieden wird, trägt zur Echtheit des Ganzen bei. Menschen essen nun mal, sie gehen aufs Klo und sind ein bisschen eklig. Waldo fühlt sich vom Ekligen bei Mr. Korgy angezogen, vom Animalischen. Erst als sie ihn bekommt, stellt sich Waldo die Frage, die man auch ihren fatalen Shopping-Kreislauf übertragen kann: Liegt im Nicht-Haben vielleicht der größere Reiz? Sollten wir nicht besser vorsichtig sein, was wir uns wünschen? Denn was machen wir, wenn wir es bekommen?


In “Half his Age” geht es um den langen kurzen Weg einer jungen Frau zur Selbstgenügsamkeit. Ein großes, ein saugeiles, ein echt schmutziges Romandebüt der Autorin des Sachbuch-Bestsellers “I’m glad my mom died”.


Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Olivia Kuderewski. Herzlichen Dank an die Aufbau Verlage/Blumenbar für das Rezensionsexemplar!


Mittwoch, 21. Januar 2026

"Meine Freunde" von Hisham Matar

 


Große Literatur, die man sich erarbeiten muss


“Auf dem Rückweg spürte ich Leere in mir aufwallen, ein Nichts, das trotz allem eine Präsenz besaß. Diese Leere weckte den Wunsch in mir, davonzulaufen, tiefer in mich zu tauchen, in jene kalte Trostlosigkeit, bis auf ihren Grund. Ich fühlte mich angezogen vom Schmerz, ähnlich wie wenn ein Zahn wehtut und man ihn am besten in Ruhe lassen sollte, stattdessen aber auf ihm herumbeißt." (Hisham Matar, Meine Freunde, S. 192)


Wenn ich jetzt sagen würde, ich hätte “Meine Freunde/My Friends” von Hisham Matar in einem Zug verschlungen, weil ich so gefesselt war von der Handlung, dass ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht, dann wäre das ziemlich unwahr. Würde ich aber sagen, ich hätte nicht hinterher das Gefühl gehabt, 100% mehr zu wissen als vorher über Libyen, das Terrorregime von Gaddafi und seine traumatischen Folgen, dann wäre auch das unwahr. Und ebenso nicht wahr wäre es zu behaupten, dass ich nach der Lektüre nicht das Gefühl habe, hier großer Literatur begegnet zu sein. Große Literatur lähmt uns immer ein wenig, lässt uns ahnen, dass das, was wir da zu verdauen versuchen viel größer ist als vieles, was wir bisher in einem immer wieder neuen Mix aus 26 Buchstaben schon verdaut und gedanklich wieder ausgeschieden haben.


Aber Bücher wie “Meine Freunde” sind gekommen, um zu bleiben. Um Zeugnis abzulegen von Schicksalen, die einem so nahe gehen, als wären es die Schicksale der eigenen Freunde oder zumindest von jemand Echtem aus Fleisch und Blut. Der Roman geht der Frage nach: Was macht (politisches) Exil mit einem Menschen? Einem Menschen wie Khaled, einem ganz normalen Libyer, der eigentlich nur in Großbritannien studieren wollte, um danach wieder in sein Land zurückzukehren. Doch als er zusammen mit seinen Freunden Mustafa und Hosam eines Tages im April 1984 vor der libyschen Botschaft in London für Freiheit und Menschenrechte demonstriert, ist nichts mehr wie zuvor: Khaled wird angeschossen, überlebt und kann fortan nicht mehr riskieren in seine Heimat zu seinen Eltern und seiner Schwester zurückzukehren. 


Der Roman ist mit 535 Seiten wirklich umfangreich. Wir nehmen sehr ausführlich teil an Khaleds Schicksal. Er reflektiert immer wieder seine Vergangenheit, die eigene Situation und die seiner Freunde. Der Titel ist meines Erachtens vielleicht etwas unglücklich gewählt. Und das ist nicht nur dem Fakt geschuldet, dass, wenn ich “Meine Freunde” in die Suchfenster der Onlinebuchhandlungen eingebe, zunächst nur Freundebücher für Kinder angezeigt werden. Ich denke die Freundschaften zu Hosam und Mustafa sind zwar wichtig, aber identitätsstiftend für Khaled ist vielmehr die Erfahrung des Vertriebenseins, des Exils. Stell dir vor, dein Land hasst dich weil du mit dem Regime nicht konform gehst und wenn du dort einfach leben willst, musst du riskieren, verschleppt und umgelegt zu werden. Unvorstellbar. Die Männer werden einander im Exil dennoch zum Familienersatz, von daher hätte ich mir wahrscheinlich trotzdem keinen besseren Titel ausdenken können.


Ein Exilroman, ein London-Roman, ein Roman über den Arabischen Frühling. Ein Buch für Intellektuelle und für solche, die sich mehr mit Libyen, seiner Kultur und Geschichte auseinandersetzen möchten. Und ja, auch für solche, die Libyen immer falsch schreiben. Zwinkersmiley. Große Literatur, für die man aber Zeit und Geduld aufbringen muss und die man nicht mal eben zwischendurch weglesen kann. Könnerhaft aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.


Herzlichen Dank an Luchterhand und Team Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!