Sonntag, 23. August 2026

"Weiterleben" von Patrick Charnley

 


Leben im Moment - ein Roman der Entschleunigung


Wir leben nur im Jetzt, es gibt kein Morgen, auch das Gestern ist eine Illusion. Für Jago Trevarno, den Protagonisten von “Weiterleben” (Originaltitel: “This, My Second Life”. Übersetzt aus dem Englischen von Michaela Grabinger) von Patrick Charnley gilt diese Aussage nur zu Teilen. Er lebt mittlerweile zwar einerseits nur im Jetzt und zwar auf dem Hof seines Onkels Jacob in Cornwall. Doch sein Leben ist sehr wohl in ein Gestern und Heute zu teilen. Gestern, das war als der heute 20-jährige noch voll im Leben stand. Als er gearbeitet hat, auf Wellen gesurft ist und mit seiner Freundin Sarah ein unbeschwertes Leben geführt hat. Heute ist er ein versehrter junger Mann, der aufgrund eines Komas nach einem Herzstillstand einen Hirnschaden erlitten hat. Er empfindet jetzt das stumpfe und gleichzeitig befreiende Gefühl des Seins im Augenblick, ohne große Emotionen, nur die pure Existenz, das Gefühl zu leben.


Die Tagesabläufe sind ritualisiert und immer gleich: Der Onkel steht auf und macht ihm Frühstück, sie essen zusammen und manchmal, wenn er nicht zu müde ist - die Fatigue hat Jago fest im Griff - hilft er Jacob auf dem Hof oder reitet mit einem der Pferde aus. Auch wenn Jago keine großen Gefühle mehr empfinden kann, so ist ihm dieses Leben im vorhersehbaren Gleichschritt angenehm, ein Trost und Balsam für die Seele. 


Der Autor spricht aus eigener Erfahrung, auch er hat das gleiche durchgemacht wie sein Protagonist, nur in höherem Lebensalter, als Familienvater, der mitten aus dem Leben gerissen wurde. Dieses Wissen, die “Own-Voice-Stimme” spürt man zwischen den Zeilen hindurch. Man merkt auch, dass der Autor langsam geschrieben hat, sich viele Passagen abringen musste und das macht das Ganze so authentisch. Entschleunigung ist hier Poetik und Programm zugleich und dennoch ist dieser Roman niemals langatmig oder gar -weilig. Im Gegenteil: Er hat sogar Züge von einem Krimi, denn der zwielichtige Nachbar Bill Sligo ist Jago ein Dorn im Auge. Warum will er seinem Onkel ein vermeintlich wertloses Grundstück abkaufen? Jago beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und wird bald an seine körperlichen und seelischen Grenzen getrieben…


Also ich muss sagen, ich habe dieses Buch wirklich genossen. Nicht nur weil ich zuletzt auch ein einschneidendes Gesundheitserlebnis hatte und dieses Gefühl dass sich das Leben, das Ich plötzlich wie neu anfühlt. Die Ich-Perspektive ist ohnehin eine meiner liebsten Erzählperspektiven. Ich mag das Unmittelbare, die höchstmögliche Nähe zu einer Figur. Die Sprache ist stellenweise sehr poetisch, die Übersetzung geschliffen und niemals krumm. Ich denke, dass sie sehr am Original bleibt. 


“Weiter leben” ist ein Roman, der einem viele Impulse gibt und den Anspron, viel mehr im Hier und Jetzt zu leben, das schätzen zu lernen, was man hat und vor allem die Tatsache, dass man lebt und atmet, ein gutes Essen genießen und in die Sterne blicken darf. Ein Buch, das meine Bibliothek sicher nicht verlassen wird und von dem ich mir sehr gut vorstellen kann, es mehr als einmal zu lesen. Absolute Leseempfehlung!


Herzlichen Dank an vorablesen.de und Dumont für das Rezensionsexemplar!



Samstag, 1. August 2026

"Tage am Fluss" von Jochen Mariss

 


Solider Klimaroman mit actionreichem Finale


“Es war, als würde er in ein geheimnisvolles Kraftfeld eintauchen, in eine Aura aus Gewissheit und Gleichmut, wie sie nur in der Krone eines alten Baumes zu finden war, der tief in der Erde wurzelte.” (Tage am Fluss, S. 92)


Oben zitiert steht der schönste, poetischste Satz, den ich in Jochen Mariss’ Roman “Tage am Fluss” gefunden habe. Das muss und soll aber nicht heißen, dass alle anderen weniger gut sind, dieser hat mir nur einfach am besten gefallen und einen Nerv bei mir getroffen.


Von der Existenz dieses Buches habe ich erst erfahren, als ich es in den Händen hielt. Es wollte, es musste wohl von mir gelesen werden. Ich wäre von selbst jedenfalls nicht darauf gekommen: Junger hübscher Mann aus gutem Hause vom Typ “Klimakleber” trifft auf grumpy middleaged Flussfährfrau - irgendwo im niederdeutschen Flachland. Natürlich wird aus der anfänglichen leichten Abneigung im Laufe des Romans eine Kollaboration, ein klassisches Win-Win. Er hilft ihr “aufzutauen” und bei der Arbeit, sie hilft ihm sich zu verstecken und endgültig “erwachsen” zu werden. Man packe zwei ungleiche, aber doch attraktive Menschen mit einer Last auf den Schultern und ungelösten Problemen in ein schönes Sehnsuchtssetting und wartet ab, was passiert bzw. wo das Narrativ einen hinträgt. Das klingt schon nach einem gewissen Schema F, das derzeit gern in der deutschen Gegenwartsliteratur abgespielt wird.


Man denkt vielleicht auch an den Romantasy-Trope “Enemies to lovers”, allerdings verhindert die ständige Erwähnung des verlorenen jüngeren Bruders Jan der Fährfrau Sara, der dem Eindringling Leon vom Wesen sehr ähnlich ist, sowie der schon recht beträchtliche Altersunterschied von 20 Jahren, dass man am Anfang in die romantische Richtung denken könnte. Ich will nicht zu viel verraten, aber so ein wenig knistert es dann schon zwischen den beiden. Ein wenig, zu wenig, glaubwürdig, braucht es das? - Das dürfen die Lesenden selbst entscheiden. “Tage am Fluss” ist jedenfalls kein “Die Brücken am Fluss 2.0”. Puh, ich bekomme rote Ohren wenn ich nur an den Film denke. Oder hab nur ich den so spicy in Erinnerung? Egal und sorry für den Exkurs nach Hollywood.


Der Roman stellt viele Fragen, die heute brisanter denn je sind: Wie viel Egoismus verträgt unser angeschlagener Planet noch? Sollte man nicht endlich anfangen, globaler zu denken und ernsthaft über den Tellerrand der eigenen Bequemlichkeit und des eigenen Wohlstands hinaus zu blicken und die Sache selbst in die Hand nehmen? Ich fühle jedenfalls nach der Lektüre von “Tage am Fluss” ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass ich noch nicht in einem Baumhaus lebe, um die Abholzung eines bedrohten Waldes zu verhindern. Oder dass mir der Asphalt doch zu heiß ist, um mich auf die Straße zu kleistern und die Autos daran zu hindern, weiter ihre Abgase in die Umwelt zu pusten. Ja, dieser Roman ist bei allem Wohlfühlsetting mit Hühnern und Hexenhaus schon ein wenig unbequem und stellenweise unangenehm zu lesen. Einfach weil der Autor ja recht hat. Wir müssen uns von unserem Allerwersten erheben - jeder einzelene Mensch - und etwas tun gegen die Verschmutzung unseres Planeten.


Besonders gefallen hat mir das actiongeladene Finale, das war schon cool irgendwie. Ganz zum Schluss hätte ich mir etwas mehr Klarheit gewünscht, wo es denn jetzt wirklich hingehen soll, aber das wird nur angedeutet. Für alle, die gerne was über Klimaschutz lesen, ist dieser Roman auf jeden Fall einen Abstecher wert.


Herzlichen Dank an den Kiwi-Verlag für das Rezensionsexemplar!




Sonntag, 5. Juli 2026

"Yesteryear" von Caro Claire Burke



Nein. Nein nein. Und nochmals: Nein! So haben wir nicht gewettet. Kann ich es bitte ungelesen, ungeschehen machen, dieses (hochnäsig betont) “Yesteryear” (ganz fein übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn). Revision. Kann ich bitte einfach so tun, als hätte ich es nie gelesen? Nein? Na gut, dann soll es wenigstens raus aus meinem System und die beste Möglichkeit dies zu tun, ist, eine Rezension dazu zu schreiben. 


Aber was soll ich dazu sagen? Echt? Es hätte in meiner “Lese-ich-NICHT”-Kategorie landen sollen. Warum musste ich ausgerechnet auf diesen Trend aufspringen? Du weißt doch, dass Hypebücher nichts für dich sind, Vicky!! Ja, ist ja gut, aber das klang so interessant: Mom-Influencerin fällt vom Insta-Millionenerfolg in ein selbstausgehobenes schwarzes Zeit-Loch, muss plötzlich wie die Pioniere im 19. Jahrhundert leben und überleben. Der schöne Schein zerbricht und so weiter und so fort.


Wie es so oft bei mir ist, hatte mich das Buch am Anfang relativ schnell an der Angel: Wow, diese Natalie Heller-Mills (so heißt die doch?) ist eine echte Bitch, eine Protagonistin, die man wunderbar hassen kann. Sowas mag man doch. Oder, oder??! Diese Arroganz gegenüber Andersendenken. Geht gar nicht! Diese abgrundtief ablehnenswerte weißamerikanisch-christliche-geldadelige-mid-western Rückständigkeit. Republikaner mit Stock im Allerwertesten und haufenweise Leichen im Poolfundament, neureiche MAGAs, Steuerhinterzieher - und *innen auch. Pfui, Spinne! Man kann sich so toll besser fühlen. Moralisch überlegen. Ach ist das herrlich, man sieht schon, wie sie in ihr Verderben rennt. Was die ihren Kindern und ihrem netten Ehemann da alles antut. Einfach grauenvoll.


Aber dann…Längen. Längen um Längen, Prärie der Längen. Dramen, die einer billig produzierten Vorabendserie in nichts nachstehen, außer vielleicht in puncto Unterhaltung. Ach Natalie, langsam wird es anstrengend dich zu hassen. Ich mag dich nicht, aber wann ist die Geschichte jetzt endlich aus und wohin führt das Ganze? Musst du wirklich nochmal deinen "Ladys" guten Morgen sagen? Deine Familie zu einem Reel nötigen?

Diese Zeitsprünge, diese Storyline: immer verworrener und ich fühle mich auf dem Walmart-Parkplatz im Auto von dir allein gelassen bei 30 Grad während du Selfies mit deinen ungeliebten Followerinnen und dem Bio-Rotkohl macht, den du an dich drückst. Warum verfärbt er nicht wenigstens dein reinweißes Leinenkleid? Why?…Daedalus, entlasse mich bitte aus diesem Labyrinth aus Worten und wirf mir einen roten Faden zu! Ich. Halte. Es. Nicht. Mehr. Aus!!


Nein, ich habe das Buch nicht abgebrochen, sondern tapfer durchgezogen. Es ist auch per se kein schlechtes Buch, nur es war halt nix für mich. Ich kann verstehen, warum es andere mögen, aber ich kann auch verstehen, warum ich es nicht mag. Es ist einfach zu bemüht, zu gewollt, zu sehr “auf Erfolg geschrieben”. Es fließt nicht, es beschreibt nicht schön, es ist vulgär und am Ende: habe ich nur Bahnhof verstanden. [Füge gedanklich ein: Schulterzuckender Obama-GIF]


Ich darf nicht spoilern, aber wie viele Kinder hat sie jetzt eigentlich im Ganzen bekommen? Und wieso ist sie jetzt so alt und vorher war sie noch jung und was ist dazwischen passiert und: häh?? I don’t get it. Klärt mich auf. Bitte! Das ist mir zu viel “Der Vorhang auf und alle Fragen offen.” Wobei - I don’t care anymore. Really, I don’t. Ich habe das Bedürfnis, “Yesteryear” im Garten zu vergraben, damit auf dem papierreichen Humus noch ein schönes Pflänzchen wächst. Wahrscheinlich stell ich es aber der Einfachheit halber - und um meinen Rücken zu schonen - in den nächsten Bücherschrank, damit ein anderer seine “Freude” (häh, häh, told you so) daran hat. Und wir tun einfach so, als hätte ich es nie gelesen. Okay? 


“Yesteryear”? Also das würde ich niemals nicht lesen, weil…


Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!



Sonntag, 17. Mai 2026

"John of John" von Douglas Stuart

 


Wortgewebte Romanperfektion


“John of John” von Douglas Stuart ist ein makellos schönes, ein perfektes Buch. Eines, wie ich es schon lange nicht mehr gelesen habe. Es hat eine Würde und Anmut, die eigentlich nur im Nichtgesagten, also jenseits von Worten existieren kann. Und doch sind hier Worte, so viele schöne Worte, die genau das beschreiben, was Menschlichkeit ausmacht. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes ein Mikrokosmos gewebt, der erzähltechnisch interessanter kaum sein könnte.


Aber zunächst zum Setting: Der Roman spielt zum Großteil auf den Äußeren Hebriden Schottlands. Hier im Atlantischen Ozean leben die Menschen hauptsächlich von der Fischerei, Schafzucht und vom Torfabbau. Weberei und Tourismus sind ebenfalls Einnahmequellen. Die wenigen Einwohner kennen sich alle untereinander, es ist eine mikroskopisch kleine Inselgesellschaft. Douglas Stuart hat die Äußereren Hebriden selbst besucht, sich in Landschaft und Menschen verliebt und so ist ihm die Idee zu “John of John” gekommen. Der Ort, Falaby, wo seine Protagonisten ansässig sind, ist fiktiv, aber nach den realen Inselorten modelliert.


“John of John” ist eine Heimkehrgeschichte, denn im Mittelpunkt der Handlung steht die Heimkehr des “verlorenen Sohnes” Cal (eigentlich John Calvin) zu seinem Vater John, der als Weber mit seiner ehemaligen Schwiegermutter das ehemalige Wohnhaus der Familie von Cals Oma Ella gewohnt. Cal war zum Studieren auf dem Festland und kehrt jetzt wieder nach Hause zurück, weil er nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Biblische Motive wie eben die Heimkehr eines verlorenen Sohnes finden sich zuhauf im Roman, ist die Inselgesellschaft doch vom calvinistischen Glauben geprägt. Der Glaube ist Anker und Problem zugleich, denn sowohl Cal als auch John selbst dürfen nicht offen zu ihrer Homosexualität stehen.


Vor allem John ist die Tatsache, dass er Männer liebt, selbst ein Dorn im Auge. Seit Jahrzehnten führt er eine heimliche Beziehung mit seinem Nachbarn Innes, einem Schafzüchter und Amateurfunker, der mit seinem dementen Vater und seinem gebildeten, aber in praktischen Dingen “nutzlosen” Bruder Sorley zusammenlebt. Innes würde gerne mit John zusammenziehen, aber der tut alles dafür, den Schein zu wahren… Die Rückkehr des ungeouteten Cal reißt alte Wunden auf und führt dazu, dass sich alles neu finden und zusammensetzen muss und dass so manches Geheimnis endlich ans Licht kommt.


Das Buch hat 555 Seiten, aber ich fand keine davon langweilig. Es ist zum Teil sogar richtig spannend geworden, man fiebert mit Cal (John of John) und seinem Vater mit, aber auch mit Innes baut sich eine starke Verbindung auf. Die Geschichte mit Doll hat mich überrascht und auch wie sich die Beziehung zwischen Cal und Innes sowie Cal und Isla entwickelt. Auch den Handlungsstrang mit Cals Mutter Grace fand ich interessant. Dass die Beziehung mit seiner Oma Ella so intensiv ist, wie sie ist, war auch nicht zu erwarten.


Dass Cal Farben liebt, aber nicht gleich Synästhetiker ist, finde ich sehr clever gelöst von Stuart. Es bietet ihm die Möglichkeit, poetisch und bildhaft zu werden, ohne daraus eine große Sache zu machen. 


Dass das von Cal, John, Innes und vielen anderen Inselbewohnern gesprochene Gälisch unübersetzt wiedergegeben wird, trägt absolut zur Intensität des Ganzen bei. Außerdem ist es der Übersetzerin Sophie Zeitz zu verdanken, dass das Buch auch in der deutschen Übersetzung funktioniert und man gar nicht das Gefühl hat, es wäre besser, das Original zu lesen.


Fazit: ein wunderschönes Buch, das ich mir vorstellen könnte, nochmal zu lesen.


Herzlichen Dank an Hanser Berlin und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!


Donnerstag, 26. März 2026

"Die Geister von La Spezia" von Oliver Plaschka

 


Nur für hartgesottene “Englische-Romantik-Nerds”


“Wir tragen eine ganze Welt in uns herum! Und diese Welt kann man bereisen - wenn man weiß, wie. Letztlich ist eine Kunst wie jede andere.” (Die Geister von La Spezia, S. 31)


Die englischen Romantiker haben mich schon während meines Studiums der Englischen Literaturwissenschaft sehr interessiert und deswegen war es keine Frage, dass ich “Die Geister von La Spezia” lesen wollen würde. Das Cover ist ganz in der Tradition der damaligen Schauerromane gestaltet, also mystisch angehaucht, mit den typisch nebulösen Rückenfiguren a la Caspar David Friedrich. Auch der Titel lässt vermuten, dass es hier um das Übernatürliche und Irrationale geht, mit dem sich die Romantiker des 19. Jahrhunderts ausführlich beschäftigt haben.


Im Roman geht es darum, dass die trauernde Witwe Mary Shelley im Italien des Jahres 1822 auf Pat Colombari trifft, eine Privatermittlerin, die vom Vater des verstorbenen Percy Bysshe Shelley beauftragt wurde, den frühen Tod seines Sohnes bei einem Segelunfall im Golf von La Spezia aufzuklären. Pat kann auf eine übersinnliche und doch gleichzeitig wissenschaftliche Art und Weise mittels Elektroden und Galvanismus auf die Erinnerungen von Mary zugreifen und findet sich somit in Situationen der Vergangenheit wieder, als wäre sie dabei gewesen. Wir lernen also alle kennen, mit denen sich die Shelleys damals umgaben - und natürlich “treffen” wir auch auf den großen Shelley selbst. Und letztlich gibt es ein riesiges Handlungskuddelmuddel mit Segeleskapaden an italienischen Küsten, Schauergeschichten am Genfer See, polyamourösen Affären, Kindern (Triggerwarnung: einige davon sterben), dubiosen Ärzten (Dr. Polidori), “Namensdoppel- und dreifachungen”, Lord Byrons kapriziösem Charakter, Ladanum-Exzessen, Experimenten mit Menschen und auch immer wieder ein bisschen Poesie - Letzteres ist für mich eigentlich das Highlight gewesen.


Ich hab wirklich lange durchgehalten in diesem prosaischen Konglomerat - aber irgendwann bin ich ausgestiegen. Klar, die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, aber dennoch wurde sie so krude verformt, dass mir das daraus Getöpferte leider gar nicht mehr zugesagt hat. Irgendwann sind sie mir alle nur noch auf die Nerven gegangen: Mary, Byron, Claire, Elise, Pat, Trelawney, Polidori, Williams und selbst Shelley sehe ich jetzt gar nicht mehr mit romantischen Augen aus der Ferne - was für ein nerviger Typ (zumindest durch den Spiegel von Oliver Plaschka). Der Autor ist promovierter Akademiker und droppt hier so viele Fakten in seine Erzählung, dass man am Ende selbst als studierte englische Literaturwissenschaftlerin, der die meisten genannten Personen und Geschehnisse etwas gesagt haben, nur noch lost ist: wer spricht hier, wann passiert das und wer ist jetzt überhaupt gemeint? 

Ein Glossar und Personenverzeichnis wäre für dieses Buch Pflicht gewesen und hätte bestimmt geholfen, sich durch diesen Erzähldschungel durchzukämpfen. 


Ein intellektuelles Kettenkarussell, das sich total verworren hat und ich empfehle nur absoluten Byron-Shelley-Mary-Ultras, hier einzusteigen.


Herzlichen Dank an Klett Cotta Hobbit Presse und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!



Mittwoch, 18. März 2026

"Bella Barks letztes Like" von Michael Buchinger

 



Nett, aber auch mehr ned


Ja ja, die lieben Influencer und ihre Buchveröffentlichungen. Seien wir doch mal ehrlich: hohe Reichweite ist heutzutage oft gleichbedeutend mit der Möglichkeit eines Buchvertrages, so influencer denn einen will. Aber die allermeisten wollen ihn. So auch Michi Buchinger aus Wien, einer der Influencer, die ich schon lange verfolge und auch mag, sonst hätte ich wohl kaum seine bereits vor einiger Zeit veröffentlichten Sachbücher über Dinge, die er nicht mag, gelesen. Ich schätze einfach seinen schrägen Humor, er hat mich tatsächlich schon oft zum Lachen gebracht. Auch dass er seine eigene Bubble - die der Influencer - aufs Korn nimmt, hat ihm bei mir schon einige Pluspunkte eingebracht. Er ist sehr transparent, sagt, dass er in seinem Job natürlich annimmt, was er bekommen kann und das macht ihn für mich sympathisch und menschlich. 


Genau diese ihm so gut bekannte Welt der Influencer bespricht er in seinem ersten Roman “Bella Barks letztes Like”. Hauptfigur Leo Escher ist bzw. war mal einer. Er hat es immerhin zu um die 50 000 Abonnenten auf YouTube geschafft, aber das war einmal. Leo und sein Kanal befinden sich auf dem absteigenden Ast, denn sein Content ist nicht mehr wirklich gefragt. Längst hat sich vieles auch auf Instagram und Tiktok verlagert und Leo überlegt, wie es mit Ende 20 jetzt für ihn weitergehen soll. Da flattert eine Einladung seiner ehemaligen Bekanntschaft, der Influencerin Isabella, genannt “Bella Barks”, bei ihm ins Haus. Er soll sie auf ein kostenloses “Barkend” begleiten in der österreichischen Provinz. “Barkend” weil Bella mittlerweile Dogfluencerin ist und ihren Content rund um ihre acht Vierbeiner und sonstige Hundethemen gestaltet. Das kommt beim Publikum gut an: mit über 1 Mio Followern gehört sie zu den bekanntesten Influencer:innen Österreichs. Doch als Bella am ersten Tag des Wochenendes tot umfällt, nachdem sie einen von ihr kreierten, auch für Menschen geeigneten, Bella Bite-Hundekeks gegegessen hat, wird Leo plötzlich zum Ermittler in der Welt des schönen Internet-Scheins…


Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich mir ein humorvolles Cosy-Crime-Erlebnis mit typisch buchingerischem Humor erkaufen wollte. Teilweise wurde das auch erfüllt, aber leider nur teilweise eben. Ja, es war witzig, aber nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war harmloser und weniger eckig/kantig. Buchinger light würde ich sagen. Ziegenyoga hin oder her - da hätte man noch einige Lacher rausholen können, das ganze Setting und Personal war perfekt dafür. Vom Krimiaspekt her aber muss ich sagen, dass es durchaus spannend war. Ich wäre nicht auf die mordende Person gekommen, obwohl es im Nachhinein eigentlich offensichtlich ist - es ist immer derjenige, der…aber lassen wir das, vielleicht wollt ihr es ja auch noch lesen. Alles in allem ein schöner kleiner Influencer-Krimi für zwischendurch.


Montag, 2. März 2026

"Böser, böser Wolf" von Alexandra Benedict


Metamäßig anstrengend


Ja, auch ich bin auf Alexandra Benedict reingefallen, die Autorin der von mir hoch geschätzten Weihnachtskrimis/Christmas Mysteries, die mir seit einigen Jahren jeden Dezember eine spannende Vorweihnachtszeit beschert. Zum ersten Mal ein Nicht-Weihnachtsbuch von ihr - das klang durchaus interessant. Und auch das Thema: Märchenmorde. 


Hierzulande gehört es für viele Eltern zum guten Ton, ihre Kinder unter dem Deckmantel der Kulturvermittlung schon früh mit literarischen Grausamkeiten zu konfrontieren. Das zentrale Horrorbuch, das sie ihnen dabei auftischen, nennt sich “Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm” und steht einem Horror-Klassiker von Stephen King in nichts nach - nur das der gemeinhin unter 5-Jährigen nicht vorgelesen wird. (Deutsche) Märchen sind grausam. Punkt. Es geht um Tod und Verstümmelung, um Giftmord und Aufschlitzen von Tieren und vieles mehr, das einem viele Stunden bei einer psychiatrischen Fachkraft einbringen könnte. Eigentlich auch für mich viel zu traumatisch, aber wegen der mir bekannten Autorin habe ich mir das Buch dennoch mit einiger Vorfreude geholt und dem Thema eine Chance gegeben. Nach einer sich viel zu lange hin ziehenden, zähen Lektüre eines verworrenen Plots, in dem sich die Autorin wie in einer klebrigen märchenhaften Bohnenranke verheddert hat, weiß ich es besser: es war ein Fehler dieses Buch auch nur aufschlagen. Es hat mich Lebenszeit und Nerven gekostet, die ich gerne anderweitig ausgegeben hätte.


Der Anfang war noch durchaus spannend und man fragte sich: wer ist dieser “Wolf” und Mörder und was hat es mit der Autorin auf sich, die die Geschichten bzw. wie Märchen inszenierten Morde schreiben soll, damit der Täter mit der Wolfsmaske sie ausführen kann. Auch die Ermittlerin, DI Lyla Rondell, war sympathisch und die Geschichte rund um ihre verschollene Jugendliebe bzw. Freundin Allison hatte durchaus Potential. Aber wie schon so viele andere geschrieben haben: irgendwann ist es gekippt. Von einem durchaus originellen Thriller mit Pageturner-Qualitäten zu einem mit Metabenenen überfrachteten Fantasy-Konstrukt, das mich ab einem gewissen Punkt überhaupt nicht mehr abgeholt hat. Zu anstrengend war es, dem Ganzen zu folgen - ich habe mehrfach Seiten überblättert. Hier wollte jemand ganz klar zu viel: besonders clever, besonders “anders”, besonders besonders sein. Aber unverständlich und spröde, überfrachtet und stellenweise unlesbar ist einfach nicht toll und deswegen muss ich leider abschließend sagen: 


Schuster: Bleib bei deinen Leisten!

Benedict: Bleib bei deinen Weihnachtskrimis!


Herzlichen Dank an vorablesen und Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar!