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Donnerstag, 23. September 2021

"Der Brand" von Daniela Krien

 

Erdrückend wie ein zäher Hochsommertag [Kurzrezension]

"Der Brand" war in der Schmökerbox Juni, sonst hätte ich wohl eher nicht dazu gegriffen. Aber ich habe es gelesen und muss sagen, ich bin leider enttäuscht. Es gab viele euphorische Rezensionen zu diesem Roman, aber was ich vorfand war eine für meine Begriffe langweilige Story über ein "um die 50"-Paar, dem die Leidenschaft abhanden gekommen ist. Erst dachte ich es würde sich um ein viel älteres Ehepaar handeln und war dann doch sehr überrascht dass die Protagonistin "erst" 49 ist, mitten in den Wechseljahren und noch voll im Berufsleben (sie ist Psychologin) steckt. “Er” ist zu allem Überfluss auch noch Literaturprofessor im besten Professorenalter (55). Psychologin und Literaturprofessor, das klingt wie am Reißbrett entworfen und schon tausendmal gehört. Noch dazu wirken sie in diesen "Rollen" nicht besonders authentisch, denn welcher Literaturprofessor muss Hölderlins "Hälfte des Lebens" erst memorieren? Und “sie” wirkt eher wie eine Küchenpsychologin auf mich wenn sie ihrer Tochter dauernd unterstellt aus allem ein Drama zu machen. Aber generell verhalten sich die beiden eher wie zwei Leute, die bereits das Rentenalter überschritten haben. Auch ihr Denken wirkt altbacken und schwerfällig. Die Handlung spielt sich an drei schwülen Augustwochen ab und man wünscht sich als Leserin in der Tat die Kühle des Herbstes in Form eines Endes der zähen und ereignisarmen Handlung herbei.

Der titelgebende Brand des Ferienhauses, der die Pläne des Paares in die Uckermark statt nach Bayern führt, wird nur am Anfang kurz erwähnt. Das macht das Buch für mich zur Mogelpackung, denn der Titel klingt deutlich spektakulärer als es der Roman zu halten vermag. Letztendlich läuft alles wieder auf die Themen "Älterwerden", "Memento mori", etc. hinaus. Ein bisschen ostdeutsche Eigenheiten und Corona-Pandemie (nur "die Pandemie" genannt) unterfüttern das ganze sehr deprimierende Konstrukt.

Für mich leider keine Leseempfehlung!




Samstag, 6. Februar 2021

"Tiger" von Polly Clark

 

Düsterer Roman mit starken Naturbeschreibungen

Raubkatzen faszinieren seit jeher den Menschen. Auch einige Künstler und Schriftsteller konnten sich der Faszination, die die erhabenen Jäger ausstrahlen, nicht entziehen und setzten ihnen mit ihren Bildern und Worten ein Denkmal. Man denke nur an den eckigen gelben Tiger von Franz Marc, Rainer Maria Rilkes Gedicht "Der Panther" oder an Giuseppe Tomasi di Lampedusas einzigen Roman "Der Leopard", in dem der gepunkteten Raubkatze aber als Wappentier des Fürsten nur eine symbolische Rolle zuteil wird. Nun also Polly Clarks "Tiger", ein wilder Roman über das gespaltene Verhältnis zwischen Mensch und Tier, zwischen Kultur und Natur. Es geht für mich vor allem darum, welchen Preis der Mensch zahlen muss, wenn er sich ganz auf die Natur und die Gefahren, die in ihr lauern, einlassen möchte bzw. muss.

Der Roman besteht aus mehreren Erzählsträngen, in der das Geschehen aus der Perspektive von verschieden Protagonisten wiedergegeben wird. Sie alle haben etwas mit den Amur-Tigern aus der Sibirischen Taiga zu tun, die die eigentlichen “Stars” dieses “Natur-Romans” sind. "Tiger" ist wie das titelgebende Tier: anmutig, roh, archaisch, ernst und "in your face".

Die erste Protagonistin ist die englische Primatenforscherin Dr. Frieda Bloom. Die Biografie der jungen Frau Anfang dreißig ist geprägt von Brüchen und Schicksalsschlägen. Weil sie Drogen zur Bekämpfung ihrer zahlreichen Traumata nimmt, verliert sie ihren Job an einem Londoner Forschungsinstitut. Sie bekommt eine neue Chance an einem Privatzoo in Devon, wo sie ihre Nemesis in Form des Zoogründer-Sohnes Gabriel trifft. Die Begegnung mit dem Tiger Luna ist der Mittelpunkt der Geschichte, die abrupt endet und erst zum Ende des Romans wieder aufgegriffen wird. Ich fand Friedas Verhalten teilweise sehr befremdlich. Ich weiß nicht ob ihre Denkweise der einer drogenabhängigen Person entspricht, aber sie kommt für eine promovierte Biologin stellenweise sehr naiv und fatalistisch rüber. Überhaupt ist die Geschichte, die hier erzählt wird, sehr destruktiv und negativ, aber ohne dass sie mich berührt hätte.

Ganz anders hingegen die zweite Geschichte rund um Tomas, die durchaus Potenzial zur Einfühlung durch de Leser hat. Abgeschieden von der Zivilisation lebt der 41-jährige Jäger ein karges Dasein in den Wäldern der russischen Taiga. Zusammen mit seinem Vater Iwan, anderen Jägern und Holzfällern lebt er in einem Camp bzw. Naturreservat am Rande des Wades. Er und seine Kollegen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Tiger der russischen Taiga vor Wilderern zu schützen und erhoffen sich durch ihr Engagement das Prädikat “Tigerreservat” und dadurch Unterstützung vom russischen Staat zu bekommen. Tomas hat eine schwierige Beziehung zu seinem narzisstischen Vater Iwan. Tomas' Mutter starb, als er 10 war, von seinem Vater Iwan wurde er verprügelt und mit Verachtung gestraft, wenn ihm etwas missfiel. Nichtsdestotrotz verschaffte Tomas seinem damals arbeitslosen Vater eine Position in seinem Waldarbeiter-Lager, wo dieser schnell zum Chef aufsteigt. Immer wieder reflektiert Iwan, ganz allein in der Natur, seine eigene Vergangenheit, die ihn belastende Familienlosigkeit, das toxische Verhältnis zu seinem Vater und die gescheiterte Beziehung zu seiner großen Liebe Marta. Auch ihn wird eine Begegnung mit einem Tiger - und einem Menschen - aus der Bahn werfen.

Der dritte Teil kommt sehr märchenhaft daher. Es war einmal eine sibirische Indigene aus dem Volk der Udehe namens Edit, die verließ das Dorf, in das sie zugezogen war und ihren Alkoholkranken Mann Wasili und zog mit ihrer kleinen Tochter Sina in eine Hütte in den Wäldern. Dort sahen die beiden jahrelang keine Menschenseele, sie lebten von den Früchten und Tieren des Waldes. Bis sie eines Tages beschlossen, ihr Eremitendasein zu beenden und dabei auf einen Tiger und seine Jungen trafen, deren Sicht im vierten Teil des Romans aufgenommen wird.

Alle drei Handlungsstränge mit den menschlichen Protagonisten sind ziemlich starker Tobak und für meinen Geschmack viel zu dramatisch. Man könnte meinen die Autorin hat alles, was es an Leid und Elend in einem Menschenleben geben kann, in ihren Roman gepackt und an ihre Protagonisten ausgeteilt: Drogensucht, toxische Beziehungen, Narzissmus, rohe Gewalt, unberechenbare Natur, Depression, Abtreibung, Alkoholismus, Vergewaltigung, Hunger, Krankheit und Tod. Nicht mal ein bisschen, ein kleines bisschen Leichtigkeit oder Positivität ist in all dem zu finden. Erst am Ende, dort, wo alle Erzählstränge zusammenlaufen, darf der Leser/die Leserin aufatmen: Ein Licht am Ende des langen dunklen Tunnels.

In Clarks Prosa blitzen zuweilen sehr poetische Momente auf. Wie sie die Erhabenheit der Natur beschreibt ist ihre große Stärke. Man merkt, dass die Autorin eigentlich Lyrikerin ist und im dichterischen Schreiben mehr zu Hause als in der Roman-Schriftstellerei. Sie kann Momentaufnahmen sprachlich einfangen und sie wie in einem Gemälde oder Foto festhalten. Weil die lyrischen Momente mit ihren starken Naturbeschreibungen über die Schwächen im Plot, die erzählerische Überdramatisierung und das gelegentlich angewandte Pathos hinwegtrösten und man wirklich viel über die Amur-Tiger und ihren bedrohten Lebensraum in der sibirischen Taiga erfährt, bekommt der Roman als Gesamtpaket von mir noch knappe 4 Sterne.

Danke an den Eisele Verlag für das digitale Rezensionsexemplar, das Print-Buch habe ich bei der Schmökerbox gekauft.

Nähere Infos zum Buch (Klick aufs Cover):

Dienstag, 11. August 2020

"Daisy Jones & The Six" von Taylor Jenkins Reid

Eher “Mittelmaßallee” als Walk-of-Fame

Mehrere Wochen über hat mir “Daisy Jones & The Six” als Einschlaflektüre gedient und als solche ihren Zweck voll erfüllt: Schon nach ein paar Seiten habe ich das Buch ohne Probleme weglegen und in einen entspannten Schlaf driften können. Ein “wilder Ritt”, wie es in einer der begeisterten Besprechungen hieß? Naja, für mich war das eher Ponyreiten auf dem Jahrmarkt. Aber von vorne.

“Daisy Jones and The Six” erzählt die Geschichte einer fiktiven Band in den 1970ern. Man wird also keine Songs dieser Band irgendwo auf Platte oder im Netz finden, auch nicht die Fotos von den Cover-Shootings, die ausführlich beschrieben werden und schon gar nicht die Artikel im “Rolling Stone”, die der Band im Buch zu ihrem berühmt-berüchtigten Ruf verhalfen.

Die Erzählweise, zugegeben, ist mal was anderes. Das Buch ist komplett im Interviewstil verfasst worden. Heißt in diesem Fall, alle Band-Mitglieder und einige wichtige Bezugspersonen derselben, kommen in Ich-Perspektive zu Wort. Einen Interviewer als solchen gibt es zunächst nicht, nur gegen Ende des Buches werden wir überrascht mit der Erkenntnis, wer eigentlich der Verantwortliche für diese "Memoiren" ist. Die einzige Unterteilung, die vorgenommen wird, ist eine chronologische in Form von Kapiteln, die den Werdegang von “Daisy Jones and the Six” anhand von wichtigen Stationen der Bandgeschichte nachzeichnen. Also von der Gründung bis zum Zerfall der Band mit einem Ausblick in die Gegenwart.

So und jetzt kommen wir zum Inhalt und zu Sex, Drugs & Rock n’Roll. Ja, jedes der drei Attribute, die wir mit der Musikgeschichte der wilden Siebziger verbinden, finden wir auf die ein oder andere Weise in der Handlung widergespiegelt. In Billy Dunne, dem Frontmann sowie in der Frontfrau Daisy Jones, finden wir alle Eigenschaften, die einen Musikstar dieser Zeit vermeintlich kennzeichnen: Immer zugedröhnt, ständig auf der Suche nach dem schnellen Kick, ein hohes Geltungsbedürfnis und natürlich ein außergewöhnliches musikalisches Talent. Billy und Daisy sind quasi amerikanische Klischee-Rockstars der Siebziger Jahre. Um ein wenig “Tragik” in die Handlung zu bringen, versucht Billy von Alkohol und Dope loszukommen und einen konservativen Weg als treusorgender Familienvater einzuschlagen. Seine Nemesis taucht dann in Form von Daisy auf, die ihren Rockstar-Weg einfach durchzieht, ohne Rücksicht auf Verluste. Dass die beiden wie magnetisch voneinander angezogen sind und ihre Zuneigung vor sich selbst und anderen als Abneigung, ja sogar als Hass definieren, ist schon ein wenig melodramatisch. "Wir waren zwei Hälften. Wir waren dieselbe Person." Sie dürfen ihre Liebe nicht leben, denn Billy ist ja verheiratet und Daisy eine zugedröhnte Ikone. Das ganze Buch dreht sich eigentlich um die (Hass-)Liebe der beiden, die anderen Bandmitglieder spielen eine untergeordnete Rolle. Bis auf Graham und Karen, die als Figuren ein wenig profilierter sind, sind alle anderen eher Klischeetypen, die eine Band halt braucht: der Säufer, der Groupie-Liebhaber, der misanthrope Gitarrist, der Über-Manager, etc.

Ich muss leider sagen, das Buch hat mich nicht abgeholt. Die Abgründe waren mir zu flach, die Story zu platt und die Figuren zu klischeehaft. Einzig die Idee und Erzählweise fand ich recht innovativ.

Danke an netgalley und Ullstein für das Ebook-Rezensionsexemplar. Als Hardcover (auch das abgebildete Lesezeichen stammt daher) habe ich das Buch im Rahmen der Schmökerbox Juli käuflich erworben.

Nähere Infos zum Buch (Klick aufs Cover):


Freitag, 18. Oktober 2019

"Gespräche mit Freunden" von Sally Rooney


Wir schreiben das Jahr 2019 und “Gespräche” sind eigentlich aus der Mode gekommen - also die tiefgründigen, echten. Wir zeigen heute übers Internet, anhand von Fotos und Texten was uns bewegt - auf ein Gegenüber gehen wir kaum noch ein, allenfalls noch durch ein “Like” oder höchstens einen Kommentar. Aber der Beitrag muss uns schon sehr “triggern”, wie man heute sagt, im positiven oder negativen, um zu kommentieren.

Vor diesem Hintergrund mutet es dann doch ein wenig anachronistisch an, dass einer der literarischen Shootingstars dieses Jahres ausgerechnet “Gespräche mit Freunden” (OT: “Conversations with friends”) heißt. Wie herrlich altmodisch und so “Parisienne” mutet dann auch noch das deutsche Cover dieses Buches an - da sitzt tatsächlich eine Frau im Fenster, dem Betrachter mit dem Rücken zugewandt und sie macht etwas ganz Außergewöhnliches - sie telefoniert! Mit einem Festnetzapparat!

Im Buch selber finden die “Gespräche” tatsächlich als “richtige” Gespräche - manchmal sind es auch Selbstgespräche - der 4 Hauptfiguren (3 Frauen und 1 Mann) sowie einiger Nebenfiguren statt. Aber die modernen Kommunikationsmittel wie Chats übers Internet und Smartphones sowie Email-Nachrichten werden trotzdem fast gleichwertig verwendet.

Dass man dieses Buch so wie eine bekannte Schauspielerin, die deutlich über das Alter der Protagonistinnen hinaus ist, an einem Tag durchliest, kann ich nicht verstehen. Für mich zog sich die durchweg repetitive Handlung wie Kaugummi. Es passiert einfach sehr wenig und die Essenz der titelgebenden Gespräche sind pseudo-intellektuelle Gemeinplätze und Beobachtungen der Protagonistinnen über ihr Gefühlsleben und das der anderen, aber lange nicht auf dem Niveau von Marcel Proust oder James Joyce - das Buch spielt lediglich in Irland und auch mal für eine Weile in Frankreich, der jeweiligen Heimat dieser beiden großen Autoren.
Die Autorin will sich und ihrem Buch einen besonders intellektuellen Anstrich geben, aber es reicht nicht den Protagonisten Namen wie Slavoj Žižek, Jaques Lacan oder Gilles Deleuze in den Mund zu werfen oder ihre Ablehnung für Yeats kundzutun, um ein kluges und "intellektuelles" Buch zu schreiben.

Die 21-jährige Literaturstudentin und Schriftstellerin Frances als Ich-Erzählerin ist egozentrisch, sehr von sich überzeugt ("Dafür würden sich meine Biografen später nicht interessieren." S. 339) und nervig. Die ständigen Selbstverletzungen (ich drücke irgendwelche Gliedmaßen gegen Gegenstände oder wasche mich mit zu heißem Wasser um mich dann zu spüren, sie nennt es "sich ausleben") wirken aufgesetzt und postpubertär. Aber sie ist halt auch erst 21. Sie gibt sich betont cool und gefühllos, dabei ist sie eigentlich ein Häuflein Elend, das sich über ihre Gefühle definiert. Natürlich hatte sie keine schöne Kindheit, stammt aus einfachen Verhältnissen, ein Scheidungs- und Einzelkind: Selbstläufer!

Melissa, die 37-jährige Widersacherin von Frances und Ehefrau von Nick bleibt als Persönlichkeit ziemlich blass. Man fragt sich echt: wer lädt die junge Geliebte des eigenen Ehemannes zum Abendessen ein und plaudert dann mit ihr als wäre nichts gewesen?

Nick, der Hahn im Korb, ist ein supertoll aussehnder, in der Blüte seines Erfolgs und Lebens stehender Schauspieler. Auch er bleibt leider profillos, denn seine Schwäche für junge Lyrikerinnen scheint seine einzige besondere Eigenschaft neben seiner Schönheit zu sein.

Die einzige mit etwas Charakter und annähernd menschlich-sympathisch ist die lesbische Bobbi, die gut zu Frances ist und es immer war. Bedingungslose Liebe? Vielleicht. Sie ist links, kommt aber aus einem "reichen" Elternhaus des irischen Establishment.

Diese 4 Personen also befinden sich in unterschiedlich geprägten Beziehungen zueinander, die immer neu ausgelotet werden. Liebe spielt dabei eine gewisse Rolle.

Zum Formalen: Es ist ziemlich anstrengend ein Buch über "Gespräche" zu lesen, in dem die Dialoge nicht durch Anführungszeichen gekennzeichnet sind.

Alles in allem: viel Lärm um sehr, sehr wenig! Ich kann den Hype um dieses Buch leider nicht nachvollziehen.


Dieses Buch war übrigens in der Schmökerbox von August 2019. Oben sieht man einige der beigelegten "Goodies", vor allem die Schale und den Goethe-Kühlschrankmagneten fand ich toll. Ich wusste vorher, welches Buch drin war ;-) Die Schmökerbox finde ich übrigens sehr empfehlenswert und toll, leider habe ich so manche Bücher dieses Jahr schon gehabt, bevor die Schmökerbox erschienen ist, weswegen ich bis jetzt auch nur 3 gekauft habe.