Donnerstag, 26. März 2026

"Die Geister von La Spezia" von Oliver Plaschka

 


Nur für hartgesottene “Englische-Romantik-Nerds”


“Wir tragen eine ganze Welt in uns herum! Und diese Welt kann man bereisen - wenn man weiß, wie. Letztlich ist eine Kunst wie jede andere.” (Die Geister von La Spezia, S. 31)


Die englischen Romantiker haben mich schon während meines Studiums der Englischen Literaturwissenschaft sehr interessiert und deswegen war es keine Frage, dass ich “Die Geister von La Spezia” lesen wollen würde. Das Cover ist ganz in der Tradition der damaligen Schauerromane gestaltet, also mystisch angehaucht, mit den typisch nebulösen Rückenfiguren a la Caspar David Friedrich. Auch der Titel lässt vermuten, dass es hier um das Übernatürliche und Irrationale geht, mit dem sich die Romantiker des 19. Jahrhunderts ausführlich beschäftigt haben.


Im Roman geht es darum, dass die trauernde Witwe Mary Shelley im Italien des Jahres 1822 auf Pat Colombari trifft, eine Privatermittlerin, die vom Vater des verstorbenen Percy Bysshe Shelley beauftragt wurde, den frühen Tod seines Sohnes bei einem Segelunfall im Golf von La Spezia aufzuklären. Pat kann auf eine übersinnliche und doch gleichzeitig wissenschaftliche Art und Weise mittels Elektroden und Galvanismus auf die Erinnerungen von Mary zugreifen und findet sich somit in Situationen der Vergangenheit wieder, als wäre sie dabei gewesen. Wir lernen also alle kennen, mit denen sich die Shelleys damals umgaben - und natürlich “treffen” wir auch auf den großen Shelley selbst. Und letztlich gibt es ein riesiges Handlungskuddelmuddel mit Segeleskapaden an italienischen Küsten, Schauergeschichten am Genfer See, polyamourösen Affären, Kindern (Triggerwarnung: einige davon sterben), dubiosen Ärzten (Dr. Polidori), “Namensdoppel- und dreifachungen”, Lord Byrons kapriziösem Charakter, Ladanum-Exzessen, Experimenten mit Menschen und auch immer wieder ein bisschen Poesie - Letzteres ist für mich eigentlich das Highlight gewesen.


Ich hab wirklich lange durchgehalten in diesem prosaischen Konglomerat - aber irgendwann bin ich ausgestiegen. Klar, die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, aber dennoch wurde sie so krude verformt, dass mir das daraus Getöpferte leider gar nicht mehr zugesagt hat. Irgendwann sind sie mir alle nur noch auf die Nerven gegangen: Mary, Byron, Claire, Elise, Pat, Trelawney, Polidori, Williams und selbst Shelley sehe ich jetzt gar nicht mehr mit romantischen Augen aus der Ferne - was für ein nerviger Typ (zumindest durch den Spiegel von Oliver Plaschka). Der Autor ist promovierter Akademiker und droppt hier so viele Fakten in seine Erzählung, dass man am Ende selbst als studierte englische Literaturwissenschaftlerin, der die meisten genannten Personen und Geschehnisse etwas gesagt haben, nur noch lost ist: wer spricht hier, wann passiert das und wer ist jetzt überhaupt gemeint? 

Ein Glossar und Personenverzeichnis wäre für dieses Buch Pflicht gewesen und hätte bestimmt geholfen, sich durch diesen Erzähldschungel durchzukämpfen. 


Ein intellektuelles Kettenkarussell, das sich total verworren hat und ich empfehle nur absoluten Byron-Shelley-Mary-Ultras, hier einzusteigen.


Herzlichen Dank an Klett Cotta Hobbit Presse und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!



Mittwoch, 18. März 2026

"Bella Barks letztes Like" von Michael Buchinger

 



Nett, aber auch mehr ned


Ja ja, die lieben Influencer und ihre Buchveröffentlichungen. Seien wir doch mal ehrlich: hohe Reichweite ist heutzutage oft gleichbedeutend mit der Möglichkeit eines Buchvertrages, so influencer denn einen will. Aber die allermeisten wollen ihn. So auch Michi Buchinger aus Wien, einer der Influencer, die ich schon lange verfolge und auch mag, sonst hätte ich wohl kaum seine bereits vor einiger Zeit veröffentlichten Sachbücher über Dinge, die er nicht mag, gelesen. Ich schätze einfach seinen schrägen Humor, er hat mich tatsächlich schon oft zum Lachen gebracht. Auch dass er seine eigene Bubble - die der Influencer - aufs Korn nimmt, hat ihm bei mir schon einige Pluspunkte eingebracht. Er ist sehr transparent, sagt, dass er in seinem Job natürlich annimmt, was er bekommen kann und das macht ihn für mich sympathisch und menschlich. 


Genau diese ihm so gut bekannte Welt der Influencer bespricht er in seinem ersten Roman “Bella Barks letztes Like”. Hauptfigur Leo Escher ist bzw. war mal einer. Er hat es immerhin zu um die 50 000 Abonnenten auf YouTube geschafft, aber das war einmal. Leo und sein Kanal befinden sich auf dem absteigenden Ast, denn sein Content ist nicht mehr wirklich gefragt. Längst hat sich vieles auch auf Instagram und Tiktok verlagert und Leo überlegt, wie es mit Ende 20 jetzt für ihn weitergehen soll. Da flattert eine Einladung seiner ehemaligen Bekanntschaft, der Influencerin Isabella, genannt “Bella Barks”, bei ihm ins Haus. Er soll sie auf ein kostenloses “Barkend” begleiten in der österreichischen Provinz. “Barkend” weil Bella mittlerweile Dogfluencerin ist und ihren Content rund um ihre acht Vierbeiner und sonstige Hundethemen gestaltet. Das kommt beim Publikum gut an: mit über 1 Mio Followern gehört sie zu den bekanntesten Influencer:innen Österreichs. Doch als Bella am ersten Tag des Wochenendes tot umfällt, nachdem sie einen von ihr kreierten, auch für Menschen geeigneten, Bella Bite-Hundekeks gegegessen hat, wird Leo plötzlich zum Ermittler in der Welt des schönen Internet-Scheins…


Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich mir ein humorvolles Cosy-Crime-Erlebnis mit typisch buchingerischem Humor erkaufen wollte. Teilweise wurde das auch erfüllt, aber leider nur teilweise eben. Ja, es war witzig, aber nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war harmloser und weniger eckig/kantig. Buchinger light würde ich sagen. Ziegenyoga hin oder her - da hätte man noch einige Lacher rausholen können, das ganze Setting und Personal war perfekt dafür. Vom Krimiaspekt her aber muss ich sagen, dass es durchaus spannend war. Ich wäre nicht auf die mordende Person gekommen, obwohl es im Nachhinein eigentlich offensichtlich ist - es ist immer derjenige, der…aber lassen wir das, vielleicht wollt ihr es ja auch noch lesen. Alles in allem ein schöner kleiner Influencer-Krimi für zwischendurch.


Montag, 2. März 2026

"Böser, böser Wolf" von Alexandra Benedict


Metamäßig anstrengend


Ja, auch ich bin auf Alexandra Benedict reingefallen, die Autorin der von mir hoch geschätzten Weihnachtskrimis/Christmas Mysteries, die mir seit einigen Jahren jeden Dezember eine spannende Vorweihnachtszeit beschert. Zum ersten Mal ein Nicht-Weihnachtsbuch von ihr - das klang durchaus interessant. Und auch das Thema: Märchenmorde. 


Hierzulande gehört es für viele Eltern zum guten Ton, ihre Kinder unter dem Deckmantel der Kulturvermittlung schon früh mit literarischen Grausamkeiten zu konfrontieren. Das zentrale Horrorbuch, das sie ihnen dabei auftischen, nennt sich “Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm” und steht einem Horror-Klassiker von Stephen King in nichts nach - nur das der gemeinhin unter 5-Jährigen nicht vorgelesen wird. (Deutsche) Märchen sind grausam. Punkt. Es geht um Tod und Verstümmelung, um Giftmord und Aufschlitzen von Tieren und vieles mehr, das einem viele Stunden bei einer psychiatrischen Fachkraft einbringen könnte. Eigentlich auch für mich viel zu traumatisch, aber wegen der mir bekannten Autorin habe ich mir das Buch dennoch mit einiger Vorfreude geholt und dem Thema eine Chance gegeben. Nach einer sich viel zu lange hin ziehenden, zähen Lektüre eines verworrenen Plots, in dem sich die Autorin wie in einer klebrigen märchenhaften Bohnenranke verheddert hat, weiß ich es besser: es war ein Fehler dieses Buch auch nur aufschlagen. Es hat mich Lebenszeit und Nerven gekostet, die ich gerne anderweitig ausgegeben hätte.


Der Anfang war noch durchaus spannend und man fragte sich: wer ist dieser “Wolf” und Mörder und was hat es mit der Autorin auf sich, die die Geschichten bzw. wie Märchen inszenierten Morde schreiben soll, damit der Täter mit der Wolfsmaske sie ausführen kann. Auch die Ermittlerin, DI Lyla Rondell, war sympathisch und die Geschichte rund um ihre verschollene Jugendliebe bzw. Freundin Allison hatte durchaus Potential. Aber wie schon so viele andere geschrieben haben: irgendwann ist es gekippt. Von einem durchaus originellen Thriller mit Pageturner-Qualitäten zu einem mit Metabenenen überfrachteten Fantasy-Konstrukt, das mich ab einem gewissen Punkt überhaupt nicht mehr abgeholt hat. Zu anstrengend war es, dem Ganzen zu folgen - ich habe mehrfach Seiten überblättert. Hier wollte jemand ganz klar zu viel: besonders clever, besonders “anders”, besonders besonders sein. Aber unverständlich und spröde, überfrachtet und stellenweise unlesbar ist einfach nicht toll und deswegen muss ich leider abschließend sagen: 


Schuster: Bleib bei deinen Leisten!

Benedict: Bleib bei deinen Weihnachtskrimis!


Herzlichen Dank an vorablesen und Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar!