Nur für hartgesottene “Englische-Romantik-Nerds”
“Wir tragen eine ganze Welt in uns herum! Und diese Welt kann man bereisen - wenn man weiß, wie. Letztlich ist eine Kunst wie jede andere.” (Die Geister von La Spezia, S. 31)
Die englischen Romantiker haben mich schon während meines Studiums der Englischen Literaturwissenschaft sehr interessiert und deswegen war es keine Frage, dass ich “Die Geister von La Spezia” lesen wollen würde. Das Cover ist ganz in der Tradition der damaligen Schauerromane gestaltet, also mystisch angehaucht, mit den typisch nebulösen Rückenfiguren a la Caspar David Friedrich. Auch der Titel lässt vermuten, dass es hier um das Übernatürliche und Irrationale geht, mit dem sich die Romantiker des 19. Jahrhunderts ausführlich beschäftigt haben.
Im Roman geht es darum, dass die trauernde Witwe Mary Shelley im Italien des Jahres 1822 auf Pat Colombari trifft, eine Privatermittlerin, die vom Vater des verstorbenen Percy Bysshe Shelley beauftragt wurde, den frühen Tod seines Sohnes bei einem Segelunfall im Golf von La Spezia aufzuklären. Pat kann auf eine übersinnliche und doch gleichzeitig wissenschaftliche Art und Weise mittels Elektroden und Galvanismus auf die Erinnerungen von Mary zugreifen und findet sich somit in Situationen der Vergangenheit wieder, als wäre sie dabei gewesen. Wir lernen also alle kennen, mit denen sich die Shelleys damals umgaben - und natürlich “treffen” wir auch auf den großen Shelley selbst. Und letztlich gibt es ein riesiges Handlungskuddelmuddel mit Segeleskapaden an italienischen Küsten, Schauergeschichten am Genfer See, polyamourösen Affären, Kindern (Triggerwarnung: einige davon sterben), dubiosen Ärzten (Dr. Polidori), “Namensdoppel- und dreifachungen”, Lord Byrons kapriziösem Charakter, Ladanum-Exzessen, Experimenten mit Menschen und auch immer wieder ein bisschen Poesie - Letzteres ist für mich eigentlich das Highlight gewesen.
Ich hab wirklich lange durchgehalten in diesem prosaischen Konglomerat - aber irgendwann bin ich ausgestiegen. Klar, die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, aber dennoch wurde sie so krude verformt, dass mir das daraus Getöpferte leider gar nicht mehr zugesagt hat. Irgendwann sind sie mir alle nur noch auf die Nerven gegangen: Mary, Byron, Claire, Elise, Pat, Trelawney, Polidori, Williams und selbst Shelley sehe ich jetzt gar nicht mehr mit romantischen Augen aus der Ferne - was für ein nerviger Typ (zumindest durch den Spiegel von Oliver Plaschka). Der Autor ist promovierter Akademiker und droppt hier so viele Fakten in seine Erzählung, dass man am Ende selbst als studierte englische Literaturwissenschaftlerin, der die meisten genannten Personen und Geschehnisse etwas gesagt haben, nur noch lost ist: wer spricht hier, wann passiert das und wer ist jetzt überhaupt gemeint?
Ein Glossar und Personenverzeichnis wäre für dieses Buch Pflicht gewesen und hätte bestimmt geholfen, sich durch diesen Erzähldschungel durchzukämpfen.
Ein intellektuelles Kettenkarussell, das sich total verworren hat und ich empfehle nur absoluten Byron-Shelley-Mary-Ultras, hier einzusteigen.
Herzlichen Dank an Klett Cotta Hobbit Presse und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!

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