“Jemand hat mir mal gesagt, dass man die Erinnerung beim Erinnern jedes Mal verfälscht. Sie wird dann wie die Kopie einer Kopie immer verschwommener. Bis man sehr viel Fantasie braucht, um noch etwas zu erkennen.” (S. 7)
Die erste Hälfte von “Dopamin und Pseudoretten” hat richtig Spaß gemacht. Es geht um Janis, der auf dem Papier noch Jana heißt und mitten in der Transition steckt. Er ist 25, in einer Existenzkrise, hat keine Kohle und lebt als Exil-Schwabe in Berlin am Kotti (Kottbusser Tor) in einer WG mit zwei hetero-cis-Frauen. Sein erfolgreicher jüngerer Model-Bruder Marcel hat ihm einen Job als Assistent am Theater verschafft, wo er der Kostümbildnerin Irina zuarbeiten darf. Sie verlieben sich, aber die Beziehung entwickelt sich anders als erhofft.
Ich mag es, dass das Thema Transsein hier auf unverkrampfte und dennoch ernsthafte Weise besprochen wird. Außerdem fand ich die Kodderschnauze und unverblümte Art, die Jannis ausmachen, supi erfrischend. Allerdings muss ich sagen, dass das Ganze dann irgendwann gekippt ist - die Handlung sich mit einem mal zu konstruiert, zu schwer angefühlt hat. Ich habe dem Leichten, “Ungehobelten” der ersten Hälfte nachgetrauert. Es wird auch zunehmend “verworrener” - ich bin nicht mehr ganz durchgestiegen bei manchen Handlungssträngen, z.B. das mit Joachim Schmettau - und die kurzen Kapitel fühlen sich trotzdem lang und etwas zäh an. Trotzdem hat mich das Ende dann emotional doch wieder abgeholt. Irgendwie schon ein kleiner Trip, dieses Buch und um Drogen und unterschiedliche Bewusstseinszustände geht es ja letztlich auch.
Ob die Roman-Klischee-Aussage “Irgendwo bellt ein Hund” (S. 64) bzw. 104 (“Irgendwo fängt ein Hund an zu bellen.”) - gegen Ende kläfft er dann auch nochmal - ganz unironisch eingeworfen wurde oder schon Literatursatire ist, werde ich wohl nie erfahren.
Alles in allem interessant und mit Abstrichen lesenswert.
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