Mittwoch, 28. Januar 2026

"Wishkeeper 3. In der Eiswelt von Eterna" von Barbara Laban

 


Was wäre die Welt ohne Wünsche?


Dass ich euch Kinder- und Jugendbücher vorstelle, kommt eher selten vor, immerhin bin ich nicht die Zielgruppe. Allerdings passiert es doch ab und zu mal, dass mich die Bücher, die meine 9-jährige Tochter liest, auch selbst interessieren. Im Fall der Wishkeeper-Trilogie von Barbara Laban war das so. Ich hatte das Glück, die Klasse meiner Tochter letztes Jahr zur Münchner Bücherschau zu begleiten, wo Barbara Laban “Wishkeeper” vorgestellt hat. Sie hat uns in die Welt von Everwish entführt - ein Ort, an dem unerfüllte Wünsche zu niedlich-fantastischen Wunschwesen werden. Wo es einen sprechenden Baum namens “Cascadia” gibt und ein sprechendes Buch namens “Libros” - das Gedächtnis von Everwish. Die Kinder, die die Inklinge - flatternde Wünsche - aufspüren und nach Everwish begleiten, wo sie zu Wunschwesen werden, heißen “Wishkeeper”. Lexi, Milo und Talon aus London sind solche Wishkeeper. Sie können aufgrund ihrer Fähigkeit nach Everwish reisen, wo sie viele Abenteuer erleben und dort mitunter eine lange Zeit verbringen. In der echten Welt sind sie dafür nur ein paar Stunden weg.


Es empfiehlt sich mit Band 1 anzufangen, weil dort natürlich die ganzen Backgroundinfos zur fantastischen Welt von Everwish erklärt werden. Dort wird  auch auf die Hintergrundstorys der Wishkeeper eingegangen: aus welchen Familien kommen sie, was sind ihre Wünsche, etc. Ich habe das nur übers Vorlesen mitbekommen, den dritten Band habe ich aber selbst gelesen. Hier ist Everwish bereits an einem Punkt angekommen, an dem es knackt im magischen Gebälk. Wo man sich vorher alles wünschen konnte, funktioniert das Erinnern jetzt nicht mehr. Das liegt daran, dass Libros verschwunden ist. Und ohne Buch, ohne Gedächtnis, ohne Libros: kein Wünschen und somit auch kein Everwish. Die Wishkeeper müssen aus allen Landstrichen Everwishs - der Heimat der vier Wunschwesenarten Lumix, Neverlinge, Fireflash und Crimsons - vier besondere magische Gegenstände zusammentragen, um einen Neverwish zu erhalten. Und dieser könnte Everwish vor dem bösen Tremoris und seinen Horroxern beschützen. Aber das ist gar nicht so einfach…


Dieser dritte und letzte Band von Wishkeeper stellt kindgerecht philosophische Fragen, wie zum Beispiel: Was wäre eine Welt ohne Wünsche? Wunschlos zu sein - wäre das nicht ein schrecklicher Zustand? Was wäre der Mensch ohne Streben nach Glück und Erfüllung. 


Die Idee, dass Wünsche zu eigenen Entitäten, Wunschwesen werden, fand ich von Anfang an so toll an dieser Reihe. Wer würde nicht gern ein luchsartiges Wesen mit Flügeln an seiner Seite haben, das mit einem sprechen und kuscheln kann. Oder so einen süßen Neverling? Auf dem limitiert erhältlichen Farbschnitt und auch in vielen Illustrationen im Innenteil sind sie abgebildet. Illustriert wurde das Buch übrigens von Alessia Trunfio.


Wishkeeper ist eine Buchreihe, die zum Träumen und Nachdenken einlädt. Natürlich in erster Linie für Kinder um die 10 Jahre, aber so machen Erwachsenen schadet es auch ganz sicher nicht, mal in die Welt von Everwish abzutauchen und der Fantasie das Ruder in die Hand zu geben - im Gegenteil.


Herzlichen Dank an Barbara Laban und Ravensburger für das Rezensionsexemplar!

Montag, 26. Januar 2026

"Half His Age" von Jennette McCurdy

 


Be careful what you wish for


“Die Leute messen dem Menschsein zu viel Bedeutung bei. Wir sind einfach Menschen. Wir sind einfach widerwärtige, unbedeutende Menschenwesen, die scheißen, furzen und ficken.” 


Wenn mich das Buch nicht schon vorher gehabt hätte, hätte es mich spätestens mit diesem pseudo-philosophischen Erguss einer 17-jährigen Schülerin/BH-Verkäuferin aus Anchorage, Alaska gekriegt. Waldo. Waldo ist eine Protagonistin und Ich-Erzählerin, deren Authentizität mich sofort um den Finger gewickelt hat. Sie ist direkt, ehrlich, altklug und vor allem: lost. Sie hat keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt aus der amerikanischen weißen Unterschicht und auch der Roman kann (konnte) am Anfang in jede Richtung führen. So beginnen meiner Meinung nach die besten Geschichten.


Waldo ist hinter ihrem Lehrer für kreatives Schreiben her, Mr. Korgy. Nein, liebes Textverarbeitungsprogramm, ich meine nicht die präferierte Hunderasse der Queen, das schreibt man schon so. Mit Vornamen heißt er eigentlich Theodore, von seiner Frau liebevoll (oder hasserfüllt) “Teddy” genannt. Aber sein Vorname taucht eigentlich so gut wie nie auf, wahrscheinlich, um das Machtgefälle zu illustrieren. Denn Lehrer*innen-Schüler*innen-Verhältnisse sind natürlich tabu und deswegen läuft auch zunächst alles geheim ab. F**ken auf dem Klo in aller Heimlichkeit, beim Schulball im leeren Lehrerbüro, im Putzkämmerchen. Waldo ist getrieben, sie will den verheirateten Vierzigjährigen, der Vater eines kleinen Sohnes ist, für sich allein. Sie will nicht die Geliebte sein. Sie will ihn “erwerben”, so wie sie immer die Billigklamotten und das Makeup beim Onlineshopping erwirbt, nur um nachher davon enttäuscht zu sein. Natürlich ist die mit ihr lebende, alleinerziehende Mutter, die einst mit ihr “teenagerschwanger” war, mit ihren stets wechselnden Männerbekanntschaften kein gutes Vorbild.


Ich feiere unter anderem die geradlinige Prosa, die hier zum Einsatz kommt. Kein pseudo-intellektuelles Geschwafel, nichts Affektiertes - der Erzählton ist so authentisch und glaubwürdig wie die Figur Waldo selbst. Und sie sagt es sogar mal, als sie mit Mr. Korgy über Literatur redet: “Ich mag einfache Texte. Klar formulierte, schnörkellose Beobachtungen.” (S. 286) Hier enthüllt die Autorin ein Stück weit ihre eigene Poetik. Ich mag ja sowas. Ich mag diese Schreibe, diese unprätentiöse Art. Das ist so erfrischend, einfach weil es in der deutschen Belletristik so selten geworden ist einfach zu sagen, was man meint. Alles muss immer diesen “wichtigen”, gehobenen Touch, eine höhere Bedeutung, eine verklausulierte Aussage haben. Vieles wird so geschrieben, um eine Chance auf die Buchpreis-Listen zu haben. Das meiste davon ist unwitzig, weil deutschen Autor*innen der Gegenwart einfach oftmals der Mut fehlt, witzig zu sein. Jennette McCurdy nicht. Jennette McCurdy ist anders. 


Auch dass im Roman gegessen und wieder ausgeschieden wird, trägt zur Echtheit des Ganzen bei. Menschen essen nun mal, sie gehen aufs Klo und sind ein bisschen eklig. Waldo fühlt sich vom Ekligen bei Mr. Korgy angezogen, vom Animalischen. Erst als sie ihn bekommt, stellt sich Waldo die Frage, die man auch ihren fatalen Shopping-Kreislauf übertragen kann: Liegt im Nicht-Haben vielleicht der größere Reiz? Sollten wir nicht besser vorsichtig sein, was wir uns wünschen? Denn was machen wir, wenn wir es bekommen?


In “Half his Age” geht es um den langen kurzen Weg einer jungen Frau zur Selbstgenügsamkeit. Ein großes, ein saugeiles, ein echt schmutziges Romandebüt der Autorin des Sachbuch-Bestsellers “I’m glad my mom died”.


Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Olivia Kuderewski. Herzlichen Dank an die Aufbau Verlage/Blumenbar für das Rezensionsexemplar!


Mittwoch, 21. Januar 2026

"Meine Freunde" von Hisham Matar

 


Große Literatur, die man sich erarbeiten muss


“Auf dem Rückweg spürte ich Leere in mir aufwallen, ein Nichts, das trotz allem eine Präsenz besaß. Diese Leere weckte den Wunsch in mir, davonzulaufen, tiefer in mich zu tauchen, in jene kalte Trostlosigkeit, bis auf ihren Grund. Ich fühlte mich angezogen vom Schmerz, ähnlich wie wenn ein Zahn wehtut und man ihn am besten in Ruhe lassen sollte, stattdessen aber auf ihm herumbeißt." (Hisham Matar, Meine Freunde, S. 192)


Wenn ich jetzt sagen würde, ich hätte “Meine Freunde/My Friends” von Hisham Matar in einem Zug verschlungen, weil ich so gefesselt war von der Handlung, dass ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht, dann wäre das ziemlich unwahr. Würde ich aber sagen, ich hätte nicht hinterher das Gefühl gehabt, 100% mehr zu wissen als vorher über Libyen, das Terrorregime von Gaddafi und seine traumatischen Folgen, dann wäre auch das unwahr. Und ebenso nicht wahr wäre es zu behaupten, dass ich nach der Lektüre nicht das Gefühl habe, hier großer Literatur begegnet zu sein. Große Literatur lähmt uns immer ein wenig, lässt uns ahnen, dass das, was wir da zu verdauen versuchen viel größer ist als vieles, was wir bisher in einem immer wieder neuen Mix aus 26 Buchstaben schon verdaut und gedanklich wieder ausgeschieden haben.


Aber Bücher wie “Meine Freunde” sind gekommen, um zu bleiben. Um Zeugnis abzulegen von Schicksalen, die einem so nahe gehen, als wären es die Schicksale der eigenen Freunde oder zumindest von jemand Echtem aus Fleisch und Blut. Der Roman geht der Frage nach: Was macht (politisches) Exil mit einem Menschen? Einem Menschen wie Khaled, einem ganz normalen Libyer, der eigentlich nur in Großbritannien studieren wollte, um danach wieder in sein Land zurückzukehren. Doch als er zusammen mit seinen Freunden Mustafa und Hosam eines Tages im April 1984 vor der libyschen Botschaft in London für Freiheit und Menschenrechte demonstriert, ist nichts mehr wie zuvor: Khaled wird angeschossen, überlebt und kann fortan nicht mehr riskieren in seine Heimat zu seinen Eltern und seiner Schwester zurückzukehren. 


Der Roman ist mit 535 Seiten wirklich umfangreich. Wir nehmen sehr ausführlich teil an Khaleds Schicksal. Er reflektiert immer wieder seine Vergangenheit, die eigene Situation und die seiner Freunde. Der Titel ist meines Erachtens vielleicht etwas unglücklich gewählt. Und das ist nicht nur dem Fakt geschuldet, dass, wenn ich “Meine Freunde” in die Suchfenster der Onlinebuchhandlungen eingebe, zunächst nur Freundebücher für Kinder angezeigt werden. Ich denke die Freundschaften zu Hosam und Mustafa sind zwar wichtig, aber identitätsstiftend für Khaled ist vielmehr die Erfahrung des Vertriebenseins, des Exils. Stell dir vor, dein Land hasst dich weil du mit dem Regime nicht konform gehst und wenn du dort einfach leben willst, musst du riskieren, verschleppt und umgelegt zu werden. Unvorstellbar. Die Männer werden einander im Exil dennoch zum Familienersatz, von daher hätte ich mir wahrscheinlich trotzdem keinen besseren Titel ausdenken können.


Ein Exilroman, ein London-Roman, ein Roman über den Arabischen Frühling. Ein Buch für Intellektuelle und für solche, die sich mehr mit Libyen, seiner Kultur und Geschichte auseinandersetzen möchten. Und ja, auch für solche, die Libyen immer falsch schreiben. Zwinkersmiley. Große Literatur, für die man aber Zeit und Geduld aufbringen muss und die man nicht mal eben zwischendurch weglesen kann. Könnerhaft aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.


Herzlichen Dank an Luchterhand und Team Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!

Samstag, 10. Januar 2026

"Rauhnächte" von Ellen Sandberg

 


Vom Spiel mit dem Feuer zwischen den Jahren


Vorab: “Rauhnächte” von Ellen Sandberg erschien in anderer Form unter dem Klarnamen der Autorin, Inge Löhnig, bereits vor über zehn Jahren als Jugendroman. Die Geschichte forderte laut Nachwort “neue Perspektiven, verlangte mehr Tiefe, mehr Dunkelheit und mehr Reife.” (S. 344) Ich persönlich kannte sie noch nicht, da dies mein erstes Buch der Autorin ist.


Es geht um Pia, sie ist 22 und orientierungslos. Sie lebt bei ihren Eltern Kathrin und Paul in München-Haidhausen und theoretisch fehlt es ihr an nichts, außer einer liebevollen Kindheit, die sich in ihrer Erinnerung nicht einstellen will. Ihre Eltern kommen ihr stets distanziert vor, sie empfindet sich selbst als rothaarige Außenseiterin, die nur eine Freundin hat, Tami. Mit Männern hat sie auch nur eine einzige - negative - Erfahrung gemacht. An Weihnachten eskaliert die Situation in der scheinbar heilen Familie, als ihr Vater zugibt, dass er eine Affäre hat, diese schwanger von ihm ist und er sich von Kathrin trennen möchte. Während der zwölf Rauhnächte, die auf den Heiligen Abend folgen, wird Pias Welt komplett aus den Angeln gehoben. Sie muss ihre Identität neu finden und sich in Wasserburg am Inn und dem benachbarten Dorf Galsterried ihrer Vergangenheit stellen. Was ist hier vor 18 Jahren geschehen? Und: Hat die Tatsache, dass sie die Nachfahrin einer legendären “Hexe” ist, wirklich Einfluss auf die Gegenwart?


“Rauhnächte” ist ein Spannungsroman und ich muss sagen, die Geschichte hat mich wirklich in ihren Bann gezogen. Passenderweise habe ich sie auch während der Rauhnächte gelesen, was dem Ganzen einen zusätzlichen Kick gegeben hat. Hier findet sich alles, was wir mit dieser mystischen Zeit “zwischen der Zeit” verknüpfen: Eis und Feuer, Schnee und Kälte, Nebel und Dunkelheit, Perchten, Hexen, Aberglauben, “die wilde Jagd”. Ich fand es super, wie die Autorin diese ganzen Elemente ins erzählerische Geschehen eingebaut hat. Der Aufbau des Buches (Rauhnacht 1-12) hat mich überzeugt und auch die letztendliche Auflösung der Geschichte. Ich hätte es nicht gedacht.


Über manche Ausdrücke und Wendungen bin ich allerdings trotzdem “negativ gestolpert”. Wie zum Beispiel: “Ein sehnsuchtsvolles Ziehen setzte sich hinter Pias Brustbein.” (314) Erstens: wie kann sich ein Ziehen setzen? Und zweitens: Ich hatte noch nie ein “Ziehen” hinter dem Brustbein, schon gar kein sehnsuchtsvolles. Der Ausdruck kommt zweimal. Auch sonst sind manche Dialoge etwas hölzern, aber nicht so, dass es unlesbar wäre. Man merkt dem Buch an vielen Stellen an, dass es sich hierbei ursprünglich um einen Jugendroman handelte. Pia wirkt oft naiv und überschätzt sich. Auch bei den anderen Figuren hat es mir ein wenig an Tiefe gemangelt. Man merkt irgendwie, dass hier eine erwachsene Frau über eine verloren wirkende Zwanzigjährige schreibt. 

Schön finde ich, dass die Geschichte vom “Fuxerl” von Ilona Picha-Höberth, die Inge Löhnig zu ihrem Roman inspiriert hat, hinten abgedruckt ist. Wirklich eine gute Idee. Dadurch versteht man den Roman und die ganzen Zusammenhänge noch besser. Das auf der allerletzten Seite des Buches ein Fuchs abgebildet ist, finde ich als kleines Gimmick sehr apart.


Alles in allem ist “Rauhnächte” von Ellen Sandberg aus dem Penguin Verlag ein toller Spannungsroman, der uns in den dunklen Stunden des Winters dazu ermahnt, auf jeden Fall im Warmen zu bleiben und nicht mit dem Feuer zu spielen. Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.