Be careful what you wish for
“Die Leute messen dem Menschsein zu viel Bedeutung bei. Wir sind einfach Menschen. Wir sind einfach widerwärtige, unbedeutende Menschenwesen, die scheißen, furzen und ficken.”
Wenn mich das Buch nicht schon vorher gehabt hätte, hätte es mich spätestens mit diesem pseudo-philosophischen Erguss einer 17-jährigen Schülerin/BH-Verkäuferin aus Anchorage, Alaska gekriegt. Waldo. Waldo ist eine Protagonistin und Ich-Erzählerin, deren Authentizität mich sofort um den Finger gewickelt hat. Sie ist direkt, ehrlich, altklug und vor allem: lost. Sie hat keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt aus der amerikanischen weißen Unterschicht und auch der Roman kann (konnte) am Anfang in jede Richtung führen. So beginnen meiner Meinung nach die besten Geschichten.
Waldo ist hinter ihrem Lehrer für kreatives Schreiben her, Mr. Korgy. Nein, liebes Textverarbeitungsprogramm, ich meine nicht die präferierte Hunderasse der Queen, das schreibt man schon so. Mit Vornamen heißt er eigentlich Theodore, von seiner Frau liebevoll (oder hasserfüllt) “Teddy” genannt. Aber sein Vorname taucht eigentlich so gut wie nie auf, wahrscheinlich, um das Machtgefälle zu illustrieren. Denn Lehrer*innen-Schüler*innen-Verhältnisse sind natürlich tabu und deswegen läuft auch zunächst alles geheim ab. F**ken auf dem Klo in aller Heimlichkeit, beim Schulball im leeren Lehrerbüro, im Putzkämmerchen. Waldo ist getrieben, sie will den verheirateten Vierzigjährigen, der Vater eines kleinen Sohnes ist, für sich allein. Sie will nicht die Geliebte sein. Sie will ihn “erwerben”, so wie sie immer die Billigklamotten und das Makeup beim Onlineshopping erwirbt, nur um nachher davon enttäuscht zu sein. Natürlich ist die mit ihr lebende, alleinerziehende Mutter, die einst mit ihr “teenagerschwanger” war, mit ihren stets wechselnden Männerbekanntschaften kein gutes Vorbild.
Ich feiere unter anderem die geradlinige Prosa, die hier zum Einsatz kommt. Kein pseudo-intellektuelles Geschwafel, nichts Affektiertes - der Erzählton ist so authentisch und glaubwürdig wie die Figur Waldo selbst. Und sie sagt es sogar mal, als sie mit Mr. Korgy über Literatur redet: “Ich mag einfache Texte. Klar formulierte, schnörkellose Beobachtungen.” (S. 286) Hier enthüllt die Autorin ein Stück weit ihre eigene Poetik. Ich mag ja sowas. Ich mag diese Schreibe, diese unprätentiöse Art. Das ist so erfrischend, einfach weil es in der deutschen Belletristik so selten geworden ist einfach zu sagen, was man meint. Alles muss immer diesen “wichtigen”, gehobenen Touch, eine höhere Bedeutung, eine verklausulierte Aussage haben. Vieles wird so geschrieben, um eine Chance auf die Buchpreis-Listen zu haben. Das meiste davon ist unwitzig, weil deutschen Autor*innen der Gegenwart einfach oftmals der Mut fehlt, witzig zu sein. Jennette McCurdy nicht. Jennette McCurdy ist anders.
Auch dass im Roman gegessen und wieder ausgeschieden wird, trägt zur Echtheit des Ganzen bei. Menschen essen nun mal, sie gehen aufs Klo und sind ein bisschen eklig. Waldo fühlt sich vom Ekligen bei Mr. Korgy angezogen, vom Animalischen. Erst als sie ihn bekommt, stellt sich Waldo die Frage, die man auch ihren fatalen Shopping-Kreislauf übertragen kann: Liegt im Nicht-Haben vielleicht der größere Reiz? Sollten wir nicht besser vorsichtig sein, was wir uns wünschen? Denn was machen wir, wenn wir es bekommen?
In “Half his Age” geht es um den langen kurzen Weg einer jungen Frau zur Selbstgenügsamkeit. Ein großes, ein saugeiles, ein echt schmutziges Romandebüt der Autorin des Sachbuch-Bestsellers “I’m glad my mom died”.
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Olivia Kuderewski. Herzlichen Dank an die Aufbau Verlage/Blumenbar für das Rezensionsexemplar!

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