Montag, 25. Juni 2012

Dawn French: Irgendwas geht immer


Englischer Humor: man mag ihn oder man mag ihn nicht. Ich gehöre zu denen die ihn vergöttern. Da habe ich natürlich sofort gedacht dass das Buch von Dawn French (das durch vorablesen.de zu mir kam-vielen Dank an dieser Stelle) etwas für mich wäre, immerhin ist sie eine britische Komikerin (und Schauspielerin) und auch der Klappentext hörte sich nach einer bissigen Komödie aus dem Bereich „Chick-lit“ mit Familienfokus an.

Ob das Buch von Dawn French eins zu eins mit dem typisch bitterbösen, oftmals politisch unkorrekten Humor gleichzusetzen ist? Nein, es ist eher eine abgemilderte Version, aber man kann zu jeder Zeit den kulturellen Background der Autorin erahnen. Laut gelacht habe ich eigentlich kaum, höchstens geschmunzelt, was auch daran gelegen hat, dass sich das Buch – gerade in der Schlussphase – etwas zu ernst nimmt und die satirischen Elemente durch einen Mantel von Sentimentalität zugedeckt werden.

Es handelt sich bei „Irgendwas geht immer“ um einen Tagebuchroman, also die Handlung ist in Ich-Erzählung von unterschiedlichen Personen verfasst – den Mitgliedern der Familie Battle – und umfasst einen chronologisch nachvollziehbaren Zeitabschnitt (ca. Silvester der Gegenwart – das kann man an Angaben im Buch (z.B: es sind 18 Jahre seit dem „annus horribilis“ der Queen 1992 vergangen) festmachen – bis zum 50. Geburtstag von Mo Battle, der Mutter der Familie). In dieser Zeit entwickeln sich die Charaktere und es passieren einige Sachen, die die Battles beschäftigen.

Die Battles bestehen aus der gerade erwähnten Mo Battle (49). Sie ist neben ihrem Dasein als Ehefrau und Mutter noch ausgebildete Psychotherapeutin für Kinder- und Jugendtherapie. Darin liegt auch schon viel von der Ironie der Geschichte, denn: obwohl sie ein Buch mit dem Titel „Teenager-ein Handbuch“ schreibt ist sie mit ihren eigenen Kindern (16/18) mehr als überfordert. Die Verständnislosigkeit für das Verhalten ihrer Tochter Dora ist symptomatisch. Auch für das exaltierte Dandytum des Sohnes hat sie nur ein Kopfschütteln übrig, weshalb sie ihm demnächst einen Termin bei ihrem überheblichen Praxiskollegen George machen will, damit dieser herausfindet warum er so ist wie er ist.

Dieser Sohn heißt eigentlich Peter, nennt sich aber „Oscar“ nach seinem großen Vorbild, dem Dichter Oscar Wilde. Dass er sich gerne gut kleidet (was ihm aber angesichts seiner bescheidenen finanziellen Möglichkeiten und dem fehlenden Angebot mitunter sehr schwer gemacht wird) und im amourösen Bereich dem eigenen Geschlecht zugeneigt ist wird schnell klar.

Dora hingegen, die fast achtzehnjährige Tochter der Battles, steht kurz vor ihrem Schulabschluss und muss sich mit dem Unverständnis ihrer Mutter für ihre Probleme, ihrer Figur (die sie hasst) und dem Wunsch auseinandersetzen, gern eine berühmte Sängerin zu sein. Am liebsten hängt sie auf Facebook herum und chattet mit Jungs, manchmal mit solchen, die sie gar nicht kennt.

Es werden Konflikte auf- und wieder abgebaut. Dabei spielen u.a. Noel, der Therapeut aus Neuseeland, der ein Praxisjahr bei Mo und George macht sowie Lottie, die beste Freundin von Dora und Luke Wilson, Mitglied in Oscars elitärem „Club der Verzauberten“ und Patient von Mo eine Rolle. Außerdem noch der am Titel präsente Hund Poo, der ein Stelldichein mit Folgen hatte.

Der Vater der Familie kommt nur ein einziges Mal in Ich-Form zu Wort, gegen Ende des Buches. Von diesem Eintrag war ich sehr irritiert und muss sagen, dass er eigentlich nicht in das allgemeine Gefühl des Romans hineingepasst hat. Was Frau French sich bei dieser Handlungsführung gedacht hat wird mir ein Rätsel bleiben.

Durch seine Multiperspektivität hat mir das Buch unterschiedlich gut gefallen, denn die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Familie sind einem auch unterschiedlich sympathisch und ihre Sichtweise je nach dem ebenfalls. Die von Peter aka. „Oscar“ erzählten Stellen fand ich sehr köstlich, seinen an Wilde angelehnten, elaborierten Sprachgebrauch fand ich erfrischend amüsant, von Dora und ihrem anstrengenden „Ich bin fast erwachsen und weiß alles besser“-Gerede war ich stellenweise sehr angeödet. Bei Mo war es so mittendrin: ich kann mich einfach nicht genug in eine 49 (bald 50)jährige Kinder- und Jugendtherapeutin hineinversetzen, der die eigenen Kinder ein Rätsel sind. Dennoch war es mitunter ganz amüsant wie sie ihr Leben kurz vor der Menopause beschreibt. Zum Ende hin wird aber alles sehr sentimental und anstrengend, so dass ich das Buch nicht uneingeschränkt empfehlen kann.

Vom haptisch-optischen Aspekt ist dieses Buch hingegen ein echtes Erlebnis. Ich finde es toll dass Verlage immer mehr dazu übergehen den Schnitt eines Taschenbuchs (bisher habe ich das nur bei Taschenbüchern gesehen) mit Motiven zu verzieren. Das ist ein Highlight für alle bibliophilen Menschen und verleiht dem Kulturgut Buch einen echten Mehrwert, den das schnöde digitale Dokument eben nicht bieten kann. Auch den erhabenen Titel und die Umrandung finde ich sehr schön, ich habe während der Lesepausen ziemlich oft das Cover gestreichelt J. Entzückend sind auch die Rezepte für Backwaren aus dem Text, die im Anhang zum Nachkochen wiedergegeben werden.

Meine Ausgabe:
Originaltitel: A Tiny Bit Marvellous
Verlag: Ullstein
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2012
Erstausgabe: 2011
Seiten: 368
ISBN:  978-3-548-28377-7

Dienstag, 19. Juni 2012

"Die Shakespeare Schwestern" von Eleanor Brown



Ich habe wieder an einer Leserunde für Lovelybooks.de teilgenommen, weil das Schlagwort „Shakespeare“ bei mir immer Begeisterungsstürme auslöst. Seit mittlerweile 8 Jahren bin ich ganz vernarrt in den berühmtesten aller Barden, fahre regelmäßig in seine Geburtsstadt Stratford-upon-Avon um mir seine Stücke im Original auf der Bühne anzusehen. Da kam mir ein Roman in dem die drei Frauen um die es geht nach Shakespeare-Charakteren benannt sind gerade recht und da ich ohnehin mal wieder einen schönen langen Familienroman lesen wollte war das mein Buch!

Die drei „Shakespeare“-Schwestern um die es geht heißen Bianca (eine Randfigur aus „Othello“), genannt Bean; Cordelia (die jüngste der drei Schwestern aus „King Lear“), genannt Cordy und Rosalind (aus „As you like it“/“Wie es euch gefällt“), genannt Rose. Rose ist mit 33 die Älteste. Sie lebt zu Beginn des Romans als einzige der Drei im amerikanischen Heimatort Barnwell (mit einer Mischung aus Liebe und Hass von den Schwestern „Barney“ genannt) und ist Dozentin für Mathematik. Sie ist diejenige die ihre Eltern am meisten sieht und muss nun eine schwere Entscheidung treffen: soll sie mit ihrem Verlobten Jonathan nach England ziehen, weil dieser eine Stelle in Oxford bekommen hat?
Bean (30) ist die mittlere Tochter, die jahrelang einen Bürojob in New York hatte und nun rausgeworfen wurde, weil sie bei der Firma, bei der sie gearbeitet hat Geld gestohlen hat. Völlig verschuldet und desillusioniert kehrt sie nach Barnwell zurück. Dort flirtet sie zunächst mit dem neuen Pastor und mit ihrem ehemaligen Lehrer…
Auch Cordy kehrt nach Jahren der Rastlosigkeit und des ziellosen Vagabundierens zurück in ihre Heimat. Mit 27 ohne Collegeabschluss will sie kellnern und sich überlegen wie sie das Kind, das in ihrem Bauch heranwächst, großziehen soll.
Sie alle vereint aber überdies noch ein gemeinsames Schicksal: ihre Mutter ist an Brustkrebs erkrankt.
Der Vater, ein Shakespeare-Philologe, hat dem allen vor allem Ratschläge und einen unerschöpflichen Vorrat an Zitaten des Barden entgegenzusetzen.

Das Buch heißt im Original „Weird Sisters“, was die drei Hexen aus Shakespeares „Macbeth“ bezeichnet. Dies ist vom Wortspielcharakter ziemlich passend, denn das englische Wort „weird“ heißt ja merkwürdig, komisch. Sie sind auch irgendwie komisch, diese drei Schwestern, die nicht so recht wissen was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Einzig das Lesen scheint für sie – so wie auch für ihre Eltern – essentiell und der feste Anker in ihrem Leben zu sein. Auf das Lesen, auf die Literatur können sie sich immer verlassen, egal welche Art von Hurrikane sie in ihrer realen Existenz gerade bedroht. Das ist ein tröstlicher und schöner Gedanke: die Literatur rettet einen über alle Krisen hinweg.

Leider muss ich sagen dass die Geschichte sehr viel unnötig Konstruiertes hat, was oftmals gestelzt und unnatürlich wirkt. Zunächst muss man hier die seltsame pluralisierende Erzählsituation eines auktorialen „Schwestern-Erzählers“ erwähnen, der immer aus der „Wir“-Perspektive berichtet, auch wenn es um das Innenleben einer einzelnen Schwester geht. Dies wirkt als seien die Schwestern eine Schicksalsgemeinschaft, die zwar aus Individuen besteht, im Grunde aber ein Wesen ist. Die eingeflochtenen Shakespeare-Zitate, die den Protagonisten zu jeder erdenklichen Situation passend herausrutschen, wirken stellenweise ebenfalls sehr bemüht – außer vielleicht beim Vater selbst – und das obwohl die Frauen als Töchter eines Shakespeare-Forschers ihr ganzes Leben lang von ihnen berieselt wurden. Ansonsten ist die Dreier-Konstellation natürlich typisch und häufig in der Literatur – natürlich auch bei Shakespeare – zu finden. Anfangs tat dieses Bemühte dem Lesespaß – jedenfalls bei mir – kaum Abbruch. Mit der Zeit aber geht einem die pathetische Erzählweise und der belehrende Unterton, der leider auch durch die Shakespeare-Zitate kommt, ein wenig auf die Nerven.
Dann ist auch die Geschichte selbst nicht gerade innovativ: die Schwestern kehren – bis auf eine – an einem schicksalhaften Moment zu ihren Wurzeln zurück und alle drei müssen ihr Leben neu ordnen. Natürlich ist es dabei die Sesshafte, die die Flügel ausstrecken wird und die beiden anderen, die umhergewandert sind, erkennen als zurückgekehrte verlorene Töchter dass sie in der Heimat alles finden was sie immer gesucht haben.
Obwohl der erste Teil sehr retrospektiv und handlungsarm erschien hat mich der Roman gefesselt und mich am „Schicksal“ der Schwestern teilhaben lassen. Leider nahm der Plot im zweiten Teil nur wenig an Fahrt auf. Alle Konflikte die sich im ersten Teil entwickelt haben wurden zwar aufgelöst, ich hätte mir aber ein paar mehr spektakuläre Wendungen und Plot-Verschnörkelungen gewünscht. Stattdessen gab es zum Ende hin einige Längen und Momente, in denen man als hoffender Leser denkt: das kann sich doch jetzt nicht wirklich so „platt“ auflösen. Der Roman selbst ist sicher keine Hochliteratur und dadurch dass ständig der größte Literat aller Zeiten heraufbeschworen wird merkt man leider auch, wie trivial die ganze Geschichte im Gegensatz zu seinen unsterblichen Worten dann doch erscheint.
Dennoch: es ist ein netter (langer) Familienroman, den ich nicht bereut habe zu lesen.

Meine Ausgabe:
Originaltitel: Weird Sisters
Verlag: Insel
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2012
Erstausgabe: 2011
Seiten: 374
ISBN:  3458358358

Dienstag, 12. Juni 2012

"Schatten" von Robert Schneider



Auf einem aktuellen Blog über Bücher zu schreiben die nicht mehr im Buchhandel, sondern nur noch antiquarisch erhältlich sind, ist sicher etwas retrospektiv und dekadent von mir. Dennoch: ich habe mich ja hier entschieden Bücher vorzustellen die ich lese und die ich mochte, egal ob sie gerade en vogue sind oder nicht.
Letzteres trifft auf den Roman „Schatten“ von Robert Schneider zu. Das Buch liegt seit genau 9 Jahren auf meinem SUB, denn ich habe es auf einer Lesung von Schneider im Mai 2003 (Datum der Widmung) erworben. Robert Schneider ist der typische „One-Bestseller-Autor“, in der Dimension etwa zu vergleichen mit Patrick Süskind: man hat einen ganz großen Bestseller auf den Markt gebracht und kann danach nie wieder an diesen Erfolg anknüpfen. Auch Schneider ist es so ergangen, er publiziert wenig, das letzte Buch („Die Offenbarung“, ein Roman über Johann Sebastian Bach) stammt aus dem Jahr 2007.
Nichtsdestotrotz: „Schatten“ (2002) ist ein lesenswerter Roman. Es geht im Wesentlichen um eine einseitige, unglückliche Liebe einer Frau zu einem Mann.
Die Handlung, die in Sydney, Australien spielt, ist sehr reduziert: Florence, Geigerin in einem Rundfunkorchester trifft sich mit Kasha, einer promovierten Psychoanalytikerin. Sie haben gemeinsam, dass beide in Australien Töchter von polnischen Juden sind und in dem gleichen Pensionat erzogen wurden. Und: denselben Mann, Collin.
Florence fängt am Anfang an zu erzählen und tut dies bis zum Ende des ersten Kapitels (das sehr lang ist) auf eine monologische Art und Weise. Sie wollte sich mit Kasha treffen, weil sie Collin immer noch liebt und nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Collin, ihr Geliebter und der spätere Mann von Kasha hat nicht sie, sondern Kasha vor vielen Jahren geheiratet, vor 15 Jahren ist er gestorben. Florence ist eine leidenschaftliche Persönlichkeit, die unglückliche Liebe zu Collin hat sie so geprägt wie nichts in ihrem Leben. Im zweiten, kürzeren Kapitel bringt Kasha ihre Sicht der Dinge vor. Sie hat Collin, der als Patient in ihre Praxis kam, aus Verlegenheit geheiratet und Zeit ihrer Ehe versucht, sich in ihn zu verlieben.
Hier entwickelt sich die Tragik des Romans, die wie so oft eine des echten Lebens ist: die, die ihn geliebt hat wollte er nicht und die die er wollte liebte ihn nicht.
Beide Frauen tun einem auf ihre Weise leid, aber warum sollte man ein Buch lesen dass nur von zwei alten traurigen Frauen handelt? Weil es eine Message bzw. viele Messages hat.
Das Buch ist von seiner Erzählweise gehoben, Schneider hat eine besondere Ausdrucksform, die manchmal ins eigentümlich-altmodische bzw. pathetische abgleitet. Wer seinen Bestseller „Schlafes Bruder“ gelesen hat weiß wovon ich rede. Nichtsdestotrotz ist die Sprache trotz ihrer Elaboriertheit angenehm. Das wirklich besondere an dem Buch ist, dass es viele Aussagen (meist von Florence getroffen) enthält, die sentenzenhaft sind. Allgemeine Sinnsprüche über die Liebe und das Leben, die man sich gerne merken möchte. Ich habe z.B. viel unterstrichen.

Mein Lieblingszitat aus dem Buch:
„Wenn ich manchmal nachts nicht schlafen kann und in den Park gehe, der ja gleich bei mir um die Ecke ist, und ich sehe zwei Menschen, die sich küssen, erfüllt es mich mit einem unsäglichen Glück. Am liebsten würde ich auf sie zugehen und sagen: Hört nicht auf, euch zu küssen! Hört nicht auf, euch festzuhalten! Lasst einander nie mehr los! Ihr ahnt ja nicht, wie sehr ihr jetzt über das Leben triumphiert!“

Da das Buch nicht mehr erhältlich ist muss man eigentlich keine Werbung dafür machen. Ich möchte lediglich Robert Schneider als Autor wieder einmal erwähnen und hoffe, dass seine Bücher (die die da sind und die, die er hoffentlich noch schreiben wird) ein paar Leser finden.

Meine Ausgabe:
 
Verlag: Reclam Leipzig
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2002
Seiten: 207
ISBN:  3379007927

Dienstag, 5. Juni 2012

Bloggen umweltfreundlich?


Ich habe ja in meiner Blog-Beschreibung festgehalten dass ich keine Sachbücher rezensieren werde, obwohl ich gelegentlich gerne welche lese. Das kommt daher weil ich finde, dass man ein großes Wissen über das Thema und seinen Einflussrahmen haben muss, welches in einem Sachbuch verhandelt wird, um es adäquat rezensieren zu können. Will man beispielsweise etwas über eine Beethoven-Monographie sagen sollte man von Musikgeschichte eine gewisse Ahnung haben und mindestens fünf andere Bücher über ihn gelesen haben. So verhält es sich eigentlich mit den meisten Themen - auch mit dem Thema Umweltbewusstsein? Ich denke alle die in den 80er Jahren schon etwas mitgekriegt haben, haben auch etwas zum Thema Mülltrennung, Recyclingpapier und Jutetasche zu sagen, zur Gefährdung durch Atom, Ozon, sauren Regen, Waldsterben und CO2. Heutzutage gehört es für einen ganzheitlich gebildeten, an der Welt interessierten Menschen dazu dass er darüber nachdenkt, was er mit seinem Verhalten der Umwelt antut und ob er dies nicht verbessern kann um dann seiner Nachwelt einen weniger großen „Fußabdruck“ von sich zu hinterlassen. Im Rahmen des Blogprojekts „Mach’s grün!“, das für jeden teilnehmenden Blog einen Baum pflanzt um so die CO2-Emissionen, die das Betreiben des Blogs verursacht auszugleichen, möchte nun auch ich einen kleinen Beitrag für die Umwelt leisten. Außerdem möchte ich zu dem Thema ein Buch empfehlen, welches ich vor kurzem gelesen habe: „Alles Öko!“ (erschienen im Aufbau Verlag, 978-3-7466-7100-0) Der Originaltitel „No Impact Man“ passt insofern besser, als er das bezeichnet was der Autor vorhatte: seinen ökologischen Fußabdruck (und den seiner Familie) für ein Jahr so gering wie möglich zu halten – und das als Bewohner von New York City. Ein wirklich gutes Buch über ein Projekt, das eigentlich jeder von uns immer praktizieren oder zumindest anstreben sollte.

Nachtrag: ich verweise auf Leo Hickmans Buch, das ich hier besprochen habe und das sich mit dem selben Thema auseinandersetzt.

Mittwoch, 30. Mai 2012

"Ghost (The Ghostwriter)" von Robert Harris



Vorbemerkung: Das Buch ist bereits 2007 erschienen, mittlerweile gibt es auch einen Film mit Ewan McGregor und Pierce Brosnan (Regisseur: Roman Polanski, 2010) dazu. Eigentlich lautet der Titel des Buches schlicht "Ghost", er wurde aber für das Film Tie-In in „The Ghostwriter“ geändert. Bis auf das veränderte Filmcover ist meine Ausgabe inhaltlich absolut identisch mit "Ghost".

"(The)Ghost(writer)" ist eines der atmosphärisch stärksten Bücher, die ich in jüngerer Zeit gelesen habe. Man hat von Anfang an dieses spannungsgeladen-düstere Gefühl dass irgendwas nicht stimmt und im Laufe der Lektüre wird es immer stärker. Die Ich-Erzählperspektive trägt außerdem dazu bei, dass man als Leser auf eine eingeschränkte Sicht der Dinge angewiesen ist, nämlich auf die Sichtweise des Ghostwriters. Dieser ist für den Leser die einzige Informationsquelle, wir verfolgen das Geschehen mit seinen Augen. Das ist vielleicht ein wenig nervenaufreibend, gibt aber auch einen besonderen Kick.
Die Handlung: Ein in London lebender Autor, der für B-Prominente als Ghostwriter arbeitet, wird von einem Verlag angeheuert die Autobiographie von Adam Lang, ehemaliger Premierminister Englands, zu erarbeiten. Dieser hat seinen letzten Ghostwriter Mike McAra kurz zuvor verloren, weil dieser auf Martha‘s Vineyard von einer Fähre ins Wasser gefallen ist (angeblich ein Unfall mit Alkoholeinfluss). Sehr kurzfristig wird der Ich-Erzähler (seinen Namen erfahren wird nicht), dem vertraglich ein großes Honorar zugesichert wird, in die USA abgeordnet. Er soll auf Martha‘s Vineyard mit dem Ex-Premier und seiner Entourage zusammentreffen, um Interviews für die Autobiographie, die er dort auch verfassen bzw. umschreiben soll, zu machen. Alle treffen im düsteren Januar, in dem das Leben auf Martha’s Vineyard einer gespenstischen Stille gewichen ist (man hat das Gefühl nur die Gezeiten geben einen gewissen Rhythmus vor) im Haus des amerikanischen Verlegers von Lang zusammen. In der Zwischenzeit ist in der Presse ruchbar geworden, dass Lang scheinbar während des Irakkrieges Gefangene foltern ließ. Sein ehemaliger Außenminister Richard Rycart untermauert diese Behauptung. Der neue „Ghost“ hat den Verdacht, dass Mike McAra Kontakt zu ihm aufgenommen hatte, kurz bevor er starb…
Was dieses Buch neben der atmosphärischen Dichte so gut macht ist die Charakterisierung, mit der Harris seinen Haupt- und auch den Nebenfiguren der Handlung Leben eingehaucht hat. Lang ist dabei der schöngeistige Dampfplauderer, der eigentlich Schauspieler werden wollte, aber dann wegen seiner Freundin und späteren Frau Ruth in die Politik gewechselt ist und dort ob seines Charismas große Karriere gemacht hat. Interessant ist wie Ruth, die eigentlich der politische Kopf ist, als ausgetrocknet, eigenbrötlerisch und doch zerbrechlich, eine moderne Lady Macbeth (der Vergleich erfolgt auch durch den „Ghost“), dargestellt wird.
Auch der Ghost selbst lässt einen mitfiebern, obwohl er als Person immer ein wenig unangreifbar bleibt, schließlich erfahren wir auch seinen Namen nicht.
"(The) Ghost(writer)" ist ein Buch, das einen nicht kalt lässt. Ein machiavellistischer Thriller über Politik und Moral, über Schein und Sein und natürlich über Wahrheit und Fiktion.
 
Meine Ausgabe:
Originaltitel: Ghost
Verlag: Pocket Books
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2010 (Film Tie-In Edition)
Erstausgabe: 2007
Seiten: 448
ISBN:  1439130477


Mittwoch, 23. Mai 2012

"Vino Rosso" von Roswitha Wildgans



 Wenn ich verreise nehme ich am liebsten ein Buch mit in den Urlaub, das einen Bezug zu dem Ort hat, an dem ich temporär verweile. Auch letzte Woche hat sich das so ergeben, denn ich war für ein paar Tage am Gardasee, genauer gesagt in Limone sul Garda, dem Ort wo die Zitronen blühen. Glücklicherweise habe ich im Vorfeld ein Buch gefunden das in Limone spielt und durch die Münchner Hauptfigur auch noch einen Bezug zu meiner Heimatstadt hat.
Es handelt sich wieder mal um einen Krimi, eigentlich sogar um einen Regionalkrimi, denn die Handlung spielt ausschließlich am Gardasee, in den Orten Limone und Malcesine. Auch andere bekannte Urlaubsorte rund um den Gardasee wie Torbole, Sirmione, Bardolino, Garda, Riva und Salò werden erwähnt, so dass ein jeder der schon einmal das Glück hatte dort zu sein die Handlung geografisch genau verorten kann.
Zur Handlung: Rosi Holzwurm ist eine ehemalige Münchner Rechtsanwaltsgehilfin, die ihrer Heimat vor drei Monaten den Rücken gekehrt hat um ein neues Leben als Inhaberin einer Putzagentur (mit bisher nur einer Mitarbeiterin, nämlich ihr) im Ferienort Limone sul Garda zu beginnen. Bei einem Urlaub im September des Vorjahres hatte sie sich dort in den Gastronomen Antonio verliebt, der ihr einige unvergessliche Nächte in einem Boot auf dem Gardasee beschert hatte. Der Kontrast zu ihrem verstockten urbayerischen Verlobten Leopold und die Sehnsucht nach Antonio war so groß, dass sie kurzerhand beschloss in die Nähe ihres Geliebten, der zu allem Überfluss verheiratet ist, zu ziehen.
Zu Beginn des Krimis lernen wir eine Rosi Holzwurm kennen, die die Vorzüge ihrer neuen Heimat (Sonne, See & dolce vita) sowie die ausgiebigen Mahlzeiten mit ihrer Vermieterin Signora Bruna genießt sowie den ein oder anderen Spritz im Ristorante ihres Lovers Antonio oder der Bar von Fabio. Außerdem hat sie vier gutsituierte private Klienten, die sich als Ausgleich zu ihrem stressigen Münchner Leben eine Ferienwohnung am Gardasee leisten können. Dort putzt sie gründlich um danach die Vorzüge von deren Wohnungen (große Küche, Bibliothek, Musiksammlung Whirlpool, Fitnessgeräte) in vollen Zügen zu genießen. Dies ist aber nie penetrant, denn als Gegenzug erweist sie den Besitzern auch eine kleine Gefälligkeit. Man merkt: Rosi Holzwurm ist eine unorthodoxe Lebemännin, die einem schnell sympathisch ist.
Ihr Neukunde Otto Simon, ein Weinhändler aus München, hat eine alte Bratsche in Besitz, die vom Geigenbauer Gasparo da Salò (es gab ihn wirklich, seine Lebensdaten sind 1540-1609) stammen soll. Durch das Auftauchen des Instruments wird die eigentliche Krimihandlung in Gang gesetzt. Otto Simon verschwindet, Rosi bekommt merkwürdige Anrufe von dessen Hausmeister. Was haben ihre Klienten Dr. König, ein bekannter Musikkritiker und eine Herzspezialistin aus München, die auffällig viele Bratschen-CDs zu Hause hat, damit zu tun? Warum wird Rosi von diesem Signor Prati, einem Antiquitätenhändler aus Malcesine, verfolgt? Und warum hat ihr Geliebter Antonio plötzlich keine Zeit mehr für sie?

Dieses Buch ist ein echter Geheimtipp für alle Freunde von humorvollen Regionalkrimis, die das gewisse Etwas und eine spritzige Erzählweise zu schätzen wissen. Es trägt angenehm zur Lesefreude bei dass die Autorin ihre Geschichte zwar gut durchdacht und kennerisch unterfüttert hat, sie bei alldem aber nicht allzu ernst nimmt. Dieses Buch soll unterhalten, nicht mehr und nicht weniger (auch wenn man nebenbei etwas über die Geschichte des Gardasees und die Typica dieser Region sowie über Musikgeschichte lernt).

Ein heiterer Sommerkrimi der so gut mundet wie ein Spritz mit Blick auf den Gardasee gepaart mit einer angenehmen Unterhaltung über Gott und die Welt.

Wie ich im Anhang sehe hat Roswitha Wildgans noch einige andere Krimis geschrieben die mit Musik zu tun haben bzw. mit Bayern. Der Emons-Verlag hat auch noch andere Regionalkrimis im Angebot, ich werde sie mal durchschauen.

 
Meine Ausgabe:
 
Verlag: emons:
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2011
Erstausgabe: 2011
Seiten: 171
ISBN: 978-3-89705-799-9

Dienstag, 15. Mai 2012

"Rotes Gold" von Tom Hillenbrand


Essen ist ein existentielles Thema, wie auch der Tod eines, ja das existentielle Thema schlechthin ist. Wenn Essen und Tod in einem Krimi zusammenkommen kann man nicht umhin dass einen das an das Leben erinnert.

Aber von Anfang an: ich habe den ersten Roman „Teufelsfrucht“ nicht gelesen, in dem der Luxemburger Koch Xafier Kieffer als Ermittler einer kulinarischen Krimireihe eingeführt wird. Dennoch habe ich mich erneut für eine Lovelybooks-Leserunde für den Nachfolgeband "Rotes Gold" beworben. Der zweite Band beginnt jedenfalls damit, dass einer der weltbesten Sushiköche (Mifune) bei einem ihm gewidmeten Abend im Pariser Museum Orsay tot umfällt. Xavier Kieffer ist zugegen und wird schnell in den Fall hineingezogen, da der exzentrische und schwerreiche Pariser Bürgermeister ihn bittet privat zu ermitteln.

Xavier Kieffer ist einem in seiner Technikskepsis („Wiffi“) und seiner Vorliebe für ein dolce vita (Alkohol, Essen, Wein, Ruhe, schönes Ambiente, schöne natürliche Frauen) ohne Gesundheitsdogmatismus sympathisch. Bei all dem hat er aber stets im Gefühl, wenn der schmale Grat von Genuss überschritten und zur lukullischen Dekandenz wird. Diesen überschreitet beispielsweise der (natürlich fiktive) Pariser Bürgermeister François Allegret, der sich gerne vom Aussterben bedrohte Singvögel und Gänsestopfleber ohne den Hauch eines Skrupels genehmigt.
Von diesen Gourmets ohne Gewissen leben diejenigen, die mit den exotischen Lebensmitteln handeln. Eines dieser schwer zu bekommenden Lebensmittel ist der Blauflossenthun (Blue fin). Vom Handel mit ihm handelt auch der Krimi „Rotes Gold“, eine Umschreibung für diesen Fisch, der als Sushi-Spezialität gilt.

Gemeinsam mit seinem finnischen Freund Pekka, der bei der EU arbeitet und seinem ehemaligen japanischen Kollegen und immer noch Freund Toro versucht Kieffer herauszufinden, was es mit der Thunfisch-Mafia und dem Tod des Sushikochs auf sich haben könnte. Dabei wird der Leser in die düstere – und mitunter auch recht bigotte – Welt des Thunfischfangs entführt. Man lernt Lusoburges (Luxemburger Staatsbürger mit portuguiesischem Migrationshintergrund) kennen und erfährt wie die Sizilianer seit Jahrhunderten mit und durch den Thunfisch leben.
Für Vegetarier und Veganer, zu denen ich mich zähle, ist die kulinarische Verstiegenheit und der (schlechte) Geschmack der Gourmets mitunter schwer zu verkraften. Es wird sehr deutlich wie egozentrisch und moralisch bedenklich die Welt bzw. Industrie des hemmungslosen Genusses ist und welche Gefahr sie darstellt.

Kieffer ist als Ermittler wie gesagt eine sympathische Figur, die ein angenehmes „Jedermann“-Image hat. So gar nicht passt seine 36jährige Freundin Valerie zu ihm, möchte man meinen. Sie ist die Erbin des Restaurantführerimperiums Guide Gabin (man braucht nicht lange um das Vorbild in der realen Welt zu entschlüsseln) und als solche im Bermudadreieck der Sternegastronomie beheimatet. Kieffer ist da eigentlich eine komische Wahl, als luxemburgischer Eigenbrötler und momentan ohne Stern sowie leicht ergraut, wie es im Roman heißt. Aber das macht den Reiz aus: Paare, die scheinbar nicht zueinander passen kommen in der Literatur immer gut. Und auch in diesen Krimi bringt die Liebeshandlung ein wenig zusätzlichen Pep und Menschlichkeit, die den skrupellosen Thunfischdealern mangelt.
 
Im letzten großen Handlungsabschnitt wird noch einmal viel an Spannung aufgeboten. Man konnte nicht umhin ein wenig "Miami Vice-Magnum-MacGyver"-Feeling zu bekommen, als sich Kieffer dazu aufmacht die schlimmen Machenschaften der Fischmafia aufzudecken.
 
Ich finde der Krimi ist solide und gut gemacht. Mir gefällt die Sprache und Schreibweise Hillenbrand sehr, denn sie stellt sich nicht experimentell in den Vordergrund um darüber die Handlung in den Hintergrund zu Rücken. Nein, die faktenunterfütterte Handlung, das Setting und die allgemeine Atmosphäre haben hier Vorrang vor einer etwaigen Selbstdarstellung des Autors. Der Faktenreichtum ist an manchen Stellen etwas störend und das geballte kulinarische Wissen schlägt einem allzu enzyklopädisch entgegen.  Natürlich hat das aber auch seine gute Seite, denn obwohl der Lesegenuss manchmal darunter leidet lernt der Leser viel über die ökonomischen Aspekte der Genussbranche und natürlich über luxemburgische Spezialitäten (die dankenswerter Weise in einem beigefügten Glossar am Ende zusammen mit anderem kulinarischen Jargon erklärt werden).
 
Von der Auflösung bzw. der Revelation des Täters hätte ich mir mehr erhofft, denn es ist dann doch „Mr. Obvious“ geworden. Es scheint Tom Hillenbrand also weniger darum zu gehen am Ende dem Leser eine möglichst spektakuläre Auflösung zu bieten, auf die er selbst nie gekommen wäre, sondern eher um den „Weg“ also die Handlung selbst. Das ist als Ansatz durchaus akzeptabel, ob es das ist was ich speziell von einem Krimi erwarte, da bin ich nicht so sicher.

Meine Ausgabe:

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2012
Erstausgabe: 2012
Seiten: 352
ISBN: 3462044125