Mittwoch, 28. Januar 2026

"Wishkeeper 3. In der Eiswelt von Eterna" von Barbara Laban

 


Was wäre die Welt ohne Wünsche?


Dass ich euch Kinder- und Jugendbücher vorstelle, kommt eher selten vor, immerhin bin ich nicht die Zielgruppe. Allerdings passiert es doch ab und zu mal, dass mich die Bücher, die meine 9-jährige Tochter liest, auch selbst interessieren. Im Fall der Wishkeeper-Trilogie von Barbara Laban war das so. Ich hatte das Glück, die Klasse meiner Tochter letztes Jahr zur Münchner Bücherschau zu begleiten, wo Barbara Laban “Wishkeeper” vorgestellt hat. Sie hat uns in die Welt von Everwish entführt - ein Ort, an dem unerfüllte Wünsche zu niedlich-fantastischen Wunschwesen werden. Wo es einen sprechenden Baum namens “Cascadia” gibt und ein sprechendes Buch namens “Libros” - das Gedächtnis von Everwish. Die Kinder, die die Inklinge - flatternde Wünsche - aufspüren und nach Everwish begleiten, wo sie zu Wunschwesen werden, heißen “Wishkeeper”. Lexi, Milo und Talon aus London sind solche Wishkeeper. Sie können aufgrund ihrer Fähigkeit nach Everwish reisen, wo sie viele Abenteuer erleben und dort mitunter eine lange Zeit verbringen. In der echten Welt sind sie dafür nur ein paar Stunden weg.


Es empfiehlt sich mit Band 1 anzufangen, weil dort natürlich die ganzen Backgroundinfos zur fantastischen Welt von Everwish erklärt werden. Dort wird  auch auf die Hintergrundstorys der Wishkeeper eingegangen: aus welchen Familien kommen sie, was sind ihre Wünsche, etc. Ich habe das nur übers Vorlesen mitbekommen, den dritten Band habe ich aber selbst gelesen. Hier ist Everwish bereits an einem Punkt angekommen, an dem es knackt im magischen Gebälk. Wo man sich vorher alles wünschen konnte, funktioniert das Erinnern jetzt nicht mehr. Das liegt daran, dass Libros verschwunden ist. Und ohne Buch, ohne Gedächtnis, ohne Libros: kein Wünschen und somit auch kein Everwish. Die Wishkeeper müssen aus allen Landstrichen Everwishs - der Heimat der vier Wunschwesenarten Lumix, Neverlinge, Fireflash und Crimsons - vier besondere magische Gegenstände zusammentragen, um einen Neverwish zu erhalten. Und dieser könnte Everwish vor dem bösen Tremoris und seinen Horroxern beschützen. Aber das ist gar nicht so einfach…


Dieser dritte und letzte Band von Wishkeeper stellt kindgerecht philosophische Fragen, wie zum Beispiel: Was wäre eine Welt ohne Wünsche? Wunschlos zu sein - wäre das nicht ein schrecklicher Zustand? Was wäre der Mensch ohne Streben nach Glück und Erfüllung. 


Die Idee, dass Wünsche zu eigenen Entitäten, Wunschwesen werden, fand ich von Anfang an so toll an dieser Reihe. Wer würde nicht gern ein luchsartiges Wesen mit Flügeln an seiner Seite haben, das mit einem sprechen und kuscheln kann. Oder so einen süßen Neverling? Auf dem limitiert erhältlichen Farbschnitt und auch in vielen Illustrationen im Innenteil sind sie abgebildet. Illustriert wurde das Buch übrigens von Alessia Trunfio.


Wishkeeper ist eine Buchreihe, die zum Träumen und Nachdenken einlädt. Natürlich in erster Linie für Kinder um die 10 Jahre, aber so machen Erwachsenen schadet es auch ganz sicher nicht, mal in die Welt von Everwish abzutauchen und der Fantasie das Ruder in die Hand zu geben - im Gegenteil.


Herzlichen Dank an Barbara Laban und Ravensburger für das Rezensionsexemplar!

Montag, 26. Januar 2026

"Half His Age" von Jennette McCurdy

 


Be careful what you wish for


“Die Leute messen dem Menschsein zu viel Bedeutung bei. Wir sind einfach Menschen. Wir sind einfach widerwärtige, unbedeutende Menschenwesen, die scheißen, furzen und ficken.” 


Wenn mich das Buch nicht schon vorher gehabt hätte, hätte es mich spätestens mit diesem pseudo-philosophischen Erguss einer 17-jährigen Schülerin/BH-Verkäuferin aus Anchorage, Alaska gekriegt. Waldo. Waldo ist eine Protagonistin und Ich-Erzählerin, deren Authentizität mich sofort um den Finger gewickelt hat. Sie ist direkt, ehrlich, altklug und vor allem: lost. Sie hat keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Sie ist ein unbeschriebenes Blatt aus der amerikanischen weißen Unterschicht und auch der Roman kann (konnte) am Anfang in jede Richtung führen. So beginnen meiner Meinung nach die besten Geschichten.


Waldo ist hinter ihrem Lehrer für kreatives Schreiben her, Mr. Korgy. Nein, liebes Textverarbeitungsprogramm, ich meine nicht die präferierte Hunderasse der Queen, das schreibt man schon so. Mit Vornamen heißt er eigentlich Theodore, von seiner Frau liebevoll (oder hasserfüllt) “Teddy” genannt. Aber sein Vorname taucht eigentlich so gut wie nie auf, wahrscheinlich, um das Machtgefälle zu illustrieren. Denn Lehrer*innen-Schüler*innen-Verhältnisse sind natürlich tabu und deswegen läuft auch zunächst alles geheim ab. F**ken auf dem Klo in aller Heimlichkeit, beim Schulball im leeren Lehrerbüro, im Putzkämmerchen. Waldo ist getrieben, sie will den verheirateten Vierzigjährigen, der Vater eines kleinen Sohnes ist, für sich allein. Sie will nicht die Geliebte sein. Sie will ihn “erwerben”, so wie sie immer die Billigklamotten und das Makeup beim Onlineshopping erwirbt, nur um nachher davon enttäuscht zu sein. Natürlich ist die mit ihr lebende, alleinerziehende Mutter, die einst mit ihr “teenagerschwanger” war, mit ihren stets wechselnden Männerbekanntschaften kein gutes Vorbild.


Ich feiere unter anderem die geradlinige Prosa, die hier zum Einsatz kommt. Kein pseudo-intellektuelles Geschwafel, nichts Affektiertes - der Erzählton ist so authentisch und glaubwürdig wie die Figur Waldo selbst. Und sie sagt es sogar mal, als sie mit Mr. Korgy über Literatur redet: “Ich mag einfache Texte. Klar formulierte, schnörkellose Beobachtungen.” (S. 286) Hier enthüllt die Autorin ein Stück weit ihre eigene Poetik. Ich mag ja sowas. Ich mag diese Schreibe, diese unprätentiöse Art. Das ist so erfrischend, einfach weil es in der deutschen Belletristik so selten geworden ist einfach zu sagen, was man meint. Alles muss immer diesen “wichtigen”, gehobenen Touch, eine höhere Bedeutung, eine verklausulierte Aussage haben. Vieles wird so geschrieben, um eine Chance auf die Buchpreis-Listen zu haben. Das meiste davon ist unwitzig, weil deutschen Autor*innen der Gegenwart einfach oftmals der Mut fehlt, witzig zu sein. Jennette McCurdy nicht. Jennette McCurdy ist anders. 


Auch dass im Roman gegessen und wieder ausgeschieden wird, trägt zur Echtheit des Ganzen bei. Menschen essen nun mal, sie gehen aufs Klo und sind ein bisschen eklig. Waldo fühlt sich vom Ekligen bei Mr. Korgy angezogen, vom Animalischen. Erst als sie ihn bekommt, stellt sich Waldo die Frage, die man auch ihren fatalen Shopping-Kreislauf übertragen kann: Liegt im Nicht-Haben vielleicht der größere Reiz? Sollten wir nicht besser vorsichtig sein, was wir uns wünschen? Denn was machen wir, wenn wir es bekommen?


In “Half his Age” geht es um den langen kurzen Weg einer jungen Frau zur Selbstgenügsamkeit. Ein großes, ein saugeiles, ein echt schmutziges Romandebüt der Autorin des Sachbuch-Bestsellers “I’m glad my mom died”.


Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Olivia Kuderewski. Herzlichen Dank an die Aufbau Verlage/Blumenbar für das Rezensionsexemplar!


Mittwoch, 21. Januar 2026

"Meine Freunde" von Hisham Matar

 


Große Literatur, die man sich erarbeiten muss


“Auf dem Rückweg spürte ich Leere in mir aufwallen, ein Nichts, das trotz allem eine Präsenz besaß. Diese Leere weckte den Wunsch in mir, davonzulaufen, tiefer in mich zu tauchen, in jene kalte Trostlosigkeit, bis auf ihren Grund. Ich fühlte mich angezogen vom Schmerz, ähnlich wie wenn ein Zahn wehtut und man ihn am besten in Ruhe lassen sollte, stattdessen aber auf ihm herumbeißt." (Hisham Matar, Meine Freunde, S. 192)


Wenn ich jetzt sagen würde, ich hätte “Meine Freunde/My Friends” von Hisham Matar in einem Zug verschlungen, weil ich so gefesselt war von der Handlung, dass ich unbedingt wissen musste, wie es weitergeht, dann wäre das ziemlich unwahr. Würde ich aber sagen, ich hätte nicht hinterher das Gefühl gehabt, 100% mehr zu wissen als vorher über Libyen, das Terrorregime von Gaddafi und seine traumatischen Folgen, dann wäre auch das unwahr. Und ebenso nicht wahr wäre es zu behaupten, dass ich nach der Lektüre nicht das Gefühl habe, hier großer Literatur begegnet zu sein. Große Literatur lähmt uns immer ein wenig, lässt uns ahnen, dass das, was wir da zu verdauen versuchen viel größer ist als vieles, was wir bisher in einem immer wieder neuen Mix aus 26 Buchstaben schon verdaut und gedanklich wieder ausgeschieden haben.


Aber Bücher wie “Meine Freunde” sind gekommen, um zu bleiben. Um Zeugnis abzulegen von Schicksalen, die einem so nahe gehen, als wären es die Schicksale der eigenen Freunde oder zumindest von jemand Echtem aus Fleisch und Blut. Der Roman geht der Frage nach: Was macht (politisches) Exil mit einem Menschen? Einem Menschen wie Khaled, einem ganz normalen Libyer, der eigentlich nur in Großbritannien studieren wollte, um danach wieder in sein Land zurückzukehren. Doch als er zusammen mit seinen Freunden Mustafa und Hosam eines Tages im April 1984 vor der libyschen Botschaft in London für Freiheit und Menschenrechte demonstriert, ist nichts mehr wie zuvor: Khaled wird angeschossen, überlebt und kann fortan nicht mehr riskieren in seine Heimat zu seinen Eltern und seiner Schwester zurückzukehren. 


Der Roman ist mit 535 Seiten wirklich umfangreich. Wir nehmen sehr ausführlich teil an Khaleds Schicksal. Er reflektiert immer wieder seine Vergangenheit, die eigene Situation und die seiner Freunde. Der Titel ist meines Erachtens vielleicht etwas unglücklich gewählt. Und das ist nicht nur dem Fakt geschuldet, dass, wenn ich “Meine Freunde” in die Suchfenster der Onlinebuchhandlungen eingebe, zunächst nur Freundebücher für Kinder angezeigt werden. Ich denke die Freundschaften zu Hosam und Mustafa sind zwar wichtig, aber identitätsstiftend für Khaled ist vielmehr die Erfahrung des Vertriebenseins, des Exils. Stell dir vor, dein Land hasst dich weil du mit dem Regime nicht konform gehst und wenn du dort einfach leben willst, musst du riskieren, verschleppt und umgelegt zu werden. Unvorstellbar. Die Männer werden einander im Exil dennoch zum Familienersatz, von daher hätte ich mir wahrscheinlich trotzdem keinen besseren Titel ausdenken können.


Ein Exilroman, ein London-Roman, ein Roman über den Arabischen Frühling. Ein Buch für Intellektuelle und für solche, die sich mehr mit Libyen, seiner Kultur und Geschichte auseinandersetzen möchten. Und ja, auch für solche, die Libyen immer falsch schreiben. Zwinkersmiley. Große Literatur, für die man aber Zeit und Geduld aufbringen muss und die man nicht mal eben zwischendurch weglesen kann. Könnerhaft aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.


Herzlichen Dank an Luchterhand und Team Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!

Samstag, 10. Januar 2026

"Rauhnächte" von Ellen Sandberg

 


Vom Spiel mit dem Feuer zwischen den Jahren


Vorab: “Rauhnächte” von Ellen Sandberg erschien in anderer Form unter dem Klarnamen der Autorin, Inge Löhnig, bereits vor über zehn Jahren als Jugendroman. Die Geschichte forderte laut Nachwort “neue Perspektiven, verlangte mehr Tiefe, mehr Dunkelheit und mehr Reife.” (S. 344) Ich persönlich kannte sie noch nicht, da dies mein erstes Buch der Autorin ist.


Es geht um Pia, sie ist 22 und orientierungslos. Sie lebt bei ihren Eltern Kathrin und Paul in München-Haidhausen und theoretisch fehlt es ihr an nichts, außer einer liebevollen Kindheit, die sich in ihrer Erinnerung nicht einstellen will. Ihre Eltern kommen ihr stets distanziert vor, sie empfindet sich selbst als rothaarige Außenseiterin, die nur eine Freundin hat, Tami. Mit Männern hat sie auch nur eine einzige - negative - Erfahrung gemacht. An Weihnachten eskaliert die Situation in der scheinbar heilen Familie, als ihr Vater zugibt, dass er eine Affäre hat, diese schwanger von ihm ist und er sich von Kathrin trennen möchte. Während der zwölf Rauhnächte, die auf den Heiligen Abend folgen, wird Pias Welt komplett aus den Angeln gehoben. Sie muss ihre Identität neu finden und sich in Wasserburg am Inn und dem benachbarten Dorf Galsterried ihrer Vergangenheit stellen. Was ist hier vor 18 Jahren geschehen? Und: Hat die Tatsache, dass sie die Nachfahrin einer legendären “Hexe” ist, wirklich Einfluss auf die Gegenwart?


“Rauhnächte” ist ein Spannungsroman und ich muss sagen, die Geschichte hat mich wirklich in ihren Bann gezogen. Passenderweise habe ich sie auch während der Rauhnächte gelesen, was dem Ganzen einen zusätzlichen Kick gegeben hat. Hier findet sich alles, was wir mit dieser mystischen Zeit “zwischen der Zeit” verknüpfen: Eis und Feuer, Schnee und Kälte, Nebel und Dunkelheit, Perchten, Hexen, Aberglauben, “die wilde Jagd”. Ich fand es super, wie die Autorin diese ganzen Elemente ins erzählerische Geschehen eingebaut hat. Der Aufbau des Buches (Rauhnacht 1-12) hat mich überzeugt und auch die letztendliche Auflösung der Geschichte. Ich hätte es nicht gedacht.


Über manche Ausdrücke und Wendungen bin ich allerdings trotzdem “negativ gestolpert”. Wie zum Beispiel: “Ein sehnsuchtsvolles Ziehen setzte sich hinter Pias Brustbein.” (314) Erstens: wie kann sich ein Ziehen setzen? Und zweitens: Ich hatte noch nie ein “Ziehen” hinter dem Brustbein, schon gar kein sehnsuchtsvolles. Der Ausdruck kommt zweimal. Auch sonst sind manche Dialoge etwas hölzern, aber nicht so, dass es unlesbar wäre. Man merkt dem Buch an vielen Stellen an, dass es sich hierbei ursprünglich um einen Jugendroman handelte. Pia wirkt oft naiv und überschätzt sich. Auch bei den anderen Figuren hat es mir ein wenig an Tiefe gemangelt. Man merkt irgendwie, dass hier eine erwachsene Frau über eine verloren wirkende Zwanzigjährige schreibt. 

Schön finde ich, dass die Geschichte vom “Fuxerl” von Ilona Picha-Höberth, die Inge Löhnig zu ihrem Roman inspiriert hat, hinten abgedruckt ist. Wirklich eine gute Idee. Dadurch versteht man den Roman und die ganzen Zusammenhänge noch besser. Das auf der allerletzten Seite des Buches ein Fuchs abgebildet ist, finde ich als kleines Gimmick sehr apart.


Alles in allem ist “Rauhnächte” von Ellen Sandberg aus dem Penguin Verlag ein toller Spannungsroman, der uns in den dunklen Stunden des Winters dazu ermahnt, auf jeden Fall im Warmen zu bleiben und nicht mit dem Feuer zu spielen. Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar.

Dienstag, 30. Dezember 2025

"Das tödliche Christmas Game" von Alexandra Benedict

 


Atmosphärischer und queerer Weihnachtskrimi


Alexandra Benedict ist die “Queen of Christmas Crime” - schließlich spielen ihre bislang fünf Kriminalromane ausschließlich zur Weihnachtszeit (darunter ein Kinderroman). Scheinbar schwierig sich da immer wieder ein neues weihnachtliches Setting auszudenken, aber die britische Autorin, die auch auf Social Media die Weihnachtszeit ausgiebig zelebriert, schafft dies mit Leichtigkeit. 


Letztes Jahr war meine Benedict-Weihnachtskrimilektüre “Das mörderische Christmas-Puzzle” und ich habe sie sehr genossen und mitgerätselt. “Das mörderische Christmas Game”, das in diesem Jahr von Elisabeth Schmalen für den Tropen-Verlag übersetzt wurde, hat mich ebenfalls überzeugt und über die Weihnachtsfeiertage in Atem gehalten. Wobei wir schon beim Thema wären: Es geht um die “12 Days of Christmas", wie sie in der englischen Kultur zelebriert werden. Bei uns gibt es die 12 Rauhnächte, die dem entsprechen. Die 12 Days of Christmas beginnen am 25.12 (dem ersten Weihnachtstag) und enden mit dem 5. Januar. 


Der Roman “Das mörderische Christmas Game” beginnt am 24.12 mit der Anreise der dreiunddreißigjährigen Modedesignerin Lily, die nach Yorkshire fährt, um das Herrenhaus ihrer Familie, die nur noch auch ihren Cousins und Cousinen bzw. deren Partner:innen  besteht, zu besuchen. Ihre Tante Liliana ist kürzlich verstorben, hat aber davor bereits ein “Christmas Game” arrangiert, bei dem all ihre überlebenden Verwandten (8 Leute, bestehend aus ihren Kindern bzw. Nichten/Neffen bzw. deren Partner:innen) an den 12 Weihnachtstagen um den Besitz des Hauses eine Art Rätselspiel spielen sollen. Sie sollen an jedem Tag ein in Gedichtform präsentiertes Rätsel lösen, bei dem sie auf dem Haus und Grund 12 Schlüssel finden müssen. Natürlich gibt es eine Crux - Handys und digitale Endgeräte müssen an die Verwalterin, Lilys Kindheitsfreundin Jessica, abgegeben werden, auch darf das Haus nicht verlassen werden. Wie so oft in Krimis und Thrillern gibt es einen Schneesturm und das Herrenhaus wird von der Außenwelt abgeschlossen. Gut, dass es auf dem Grund und Boden desselben ein Eishaus gibt, wo man die Leichen lagern kann…


Natürlich kennen wir das schon, dass - meist Frauen - das (Herren-)Haus ihrer Vergangenheit besuchen und dort Traumata und neue Herausforderungen aufarbeiten müssen. Auch dass das Haus von einem Schneesturm heimgesucht wird, ist genauso wenig realistisch (selbst im nördlichen England schneit es nicht sehr oft) wie selten in der Krimiliteratur. Aber davon abgesehen überzeugt dieser Weihnachtskrimi mit einem spannenden, wenn auch ziemlich überdramatisierten - Plot und der unheilvollen atmosphärischen Erzählweise, die einen von Beginn an hineinzieht. Außerdem wird wie so oft bei Benedict Queerness im Personal des Romans untergebracht, was immer gut ist. Man sollte sich aber dennoch auf viele Triggerthemen und eine extrem toxische Familie gefasst machen.


Ein schöner, spannender und ziemlich sadistischer Krimi. Perfekt geeignet für die 12 Weihnachtstage oder Rauhnächte - wie immer man das persönlich sieht.


Sonntag, 28. Dezember 2025

"Die Rauhnächte Orakelkarten" von Verena Griebert-Schröder/Frankziska Muri, Ill.: Christina von Puttkamer

 


Ansprechendes Orakel für die Rauhnächte


Ich hätte ja niemals gedacht dass ich das mal sagen würde, aber 2025 war so etwas wie ein spirituelles Erweckungsjahr für mich. Es ist nicht so, dass ich jetzt plötzlich nur noch mit Batikklamotten (hab gar keine) und Räucherstäbchen (idem) aus dem Haus gehe, aber meine Gedankenwelt hat sich verändert. Die Art, wie ich mich und die Welt um mich herum wahrnehme, welche Story ich mir in meinem Inneren erzähle. 


Auch wenn ich früher nicht spirituell oder esoterisch war, habe ich die besondere Energie, die in den Rauhnächten vom 25. Dezember bis zum 5. Januar herrscht, schon immer gespürt. Ich bin im Bayerischen Wald aufgewachsen und hier hatte die Zeit “zwischen den Jahren” und auch die ersten Tage des neuen Jahres schon immer eine besondere Bedeutung. Es ist eine andere Zeit und dieses Jahr will ich sie nochmal bewusster erleben. Das “13-Wünsche-Ritual” möchte ich machen und auch Orakelkarten speziell zu den Rauhnächten in das Ganze einbeziehen. 


Die Rauhnächte sind “in” und dementsprechend viel Auswahl gibt es mittlerweile an Büchern, Journals & Sets zum Thema, sowie eben Orakelkarten. Ich habe mich hierbei für “Die Rauhnächte-Orakelkarten” des “Irisana”-Verlags entschieden, weil mich das Design mit dem Blau (eine geistige Farbe) und der verschneiten Waldlandschaft besonders angesprochen hat. Auch die Gestaltung der Karten selbst war mir auf den ersten Blick sehr sympathisch. Ein kleines Booklet rundet auch hier alles ab - bei einem Orakelkartenset natürlich ein Muss. Die Autorinnen des Sets heißen Vera Griebert-Schröder und Franziska Muri, die Bildkünstlerin ist Christina von Puttkamer.


Das Set umfasst 49 Karten, die wiederum unterteilt sind in vier Kategorien zu je 12 Karten und einem Trumpf. Die Kategorien lauten: Kraftorte, Blumenwesen, (einheimische) Tiere, geistige Helfer (in menschlicher Gestalt), Trumpf (“die Lücke”). “Die Karten enthalten also Helfer der unterschiedlichsten Art, die dich in ihrer jeweiligen Individualität und mit ihren Qualitäten begleiten und dir zur Seite stehen können.” (Booklet S. 13)


Klassisch würde man es so machen, dass man (am Abend) jeder Rauhnacht eine Karte zieht, die dann für den jeweiligen Monat des kommenden Jahres steht (z.B. 27.12 = Dritte Rauhnacht = März). Eine andere Möglichkeit wäre es, die Karten nach Kategorien zu sortieren und aus jedem Stapel jeweils eine Karte zu ziehen und daraus die eigenen Schlüsse zu ziehen. Wie immer ist es so, dass die Orakelkarten sowohl für sich selbst sprechen, wenn man sie betrachtet, als auch eine Beschreibung beigefügt ist. 


Ich finde es ein tolles Set, das vor allem auch für Einsteiger:innen in die Materie geeignet ist. Die Tier- und Pflanzenmotive gefallen mir besonders gut, mit den menschlichen Gestalten hatte ich anfangs ein paar Startschwierigkeiten, aber mittlerweile habe ich mich an sie gewöhnt. Man kann das Set übrigens nicht nur an den Rauhnächten nutzen, sondern das ganze Jahr über Karten ziehen und dazu reflektieren. 


Fazit: Ein schönes Rauhnächte-Set, das Lust auf die innere Einkehr während der Rauhnächte und darüber hinaus macht. Empfehlenswert. Herzlichen Dank an Irisana und Team Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!














Dienstag, 23. Dezember 2025

"Advent im Grand Hotel" von Beate Maly

 


Gemütlicher Histo-Krimi rund um Anton und Ernestine


Trommelwirbel! Ich habe endlich alle Anton-und-Ernestine-Romane von Beate Maly gelesen. 


“Advent im Grand Hotel” ist ein weihnachtlicher Sonderband, in dem es ausnahmsweise mal nicht um Mord und Totschlag geht. Beate Maly meint im Nachwort, sie habe es “ein bisserl problematisch” gefunden, die Balance zwischen Krimi und Vorweihnachtszeit zu halten. Ich denke aus diesem Grund und weil sich die Autorin selbst als “Weihnachtsfan” bezeichnet, wollte sie diesem “Sonderfall” von Anton und Ernestine keine weitere Leiche hinzufügen. Das ist ein bisschen verwunderlich, denn in “Mord im Stadtpalais”, das ebenfalls in der Vorweihnachtszeit spielt, gibt es durchaus Tote. Nun ja, jede Reihe ist auch anders und ich finde es sehr stimmig, dass das charmante Pensionist:innenpärchen diesmal nur in einem Kunstraub ermittelt.


Es ist Advent 1926 und ich habe es bereits in meiner Rezension zu “Mord im Planetarium” (spielt im Sommer 1927) angemerkt, dass das von der Chronologie der Fälle her nicht stimmen kann, denn Hilde, die Tochter von Anton, ist immer noch schwanger mit dem Kind, das sie bereits im Herbst 1925 (“Mord im Böhmischen Prater) unter dem Herzen getragen hat. Also hier hat sich definitiv ein kleiner Fehlerzwerg eingeschlichen, dem anscheinend außer mir niemand auf die Schliche gekommen ist. Aber sei’s drum! Dadurch fühle ich mich ein bisschen wie Ernestine - schließlich habe ich auch mal einen kleinen “Fall” gelöst.


Apropos Ernestine. Sie hat mal wieder etwas umsonst bekommen: Karten für eine Kunstauktion am Semmering. Über die Arbeiterbibliothek, wo sie seit neuestem ehrenamtlich arbeitet. Also packen sie und Anton Hildes Tochter Rosa und deren Freund Fritzi ein, um ein schönes Wochenende in einem Grand Hotel auf dem verschneiten Gebirgspass zu verbringen. Allerdings residieren sie im Südbahnhotel und nicht im “Panhans”, wo der erste Fall der beiden angesiedelt war. Doch von Ruhe und Erholung mit Schnee und kandierten Äpfeln ist keine Spur, denn verschiedene Künstler:innen, Balletttänzer:innen und Industrielle sorgen in Kombination mit begehrten und weniger begehrten Kunstwerken dafür, dass Ernestine mal wieder ermitteln darf. 


Herrlich weihnachtlich cosy ist dieser Krimi. Natürlich werden auch hier wieder gesellschaftlich heiße Eisen angefasst, aber diesmal eben wesentlich unblutiger (obwohl es sogar Mini-Backgroundstorys mit Trigger-Potenzial - u.a. gezwungene Abtreibung - gibt). Ansonsten liebt Anton wie üblich alle Mehlspeisen, die vorkommen, und Ernestine ist neugierig wie eh und je. Außerhalb dieser Jahreszeit würde ich es vielleicht nicht unbedingt empfehlen, aber in der Advents- und Weihnachtszeit ist es ein wunderbar kleines, hübsch gestaltetes Buch, das man zusammen mit Tee und Plätzchen schnell weginhalieren kann.