Berührender und klassisch anmutender Künstlerroman
Das erwachsene Wunderkind ist ein Oxymoron, also ein Widerspruch in sich. Wunderkinder können immer nur in einer Daseinsform auftreten, nämlich in der des Kindes. Als “Wunder-Erwachsene” sind sie dann schon ein Anachronismus bzw. ein Fall für die Kategorie “Was wurde eigentlich aus…?” in der Presse (sofern es sie denn überhaupt noch gibt). Claudia Heydorn hat sich des Themas “Was wird aus einem Wunderkind, wenn es erwachsen wird?” schriftstellerisch angenommen und daraus einen spannenden Entwicklungsroman gemacht.
Der Protagonist von “Wunderkind. Werden und Vergehen eines Virtuosen” ist der Pianist Juri, der in den 1950er Jahren in Leningrad geboren wird. Ja, auch seine Geburtsstadt ist ein Anachronismus, sie wird im Laufe der Handlung “St. Petersburg” heißen. Von seiner sowjetisch-harten Großmutter ans Klavier gedrängt und dort mit strengem Blick erzogen, schafft er es schließlich als Jugendlicher in die USA, wo er mit seinen Eltern einfach nach einer Konzertreise bleiben wird. Dort studiert er, erlebt die erste große Liebe und auch den ersten erschütternden Schicksalsschlag. In Berlin wird er Musikprofessor und lernt dort in seinen mittleren Jahren seine zweite große Liebe kennen. Aber Juri wird noch mehr erleben und wir Lesende mit ihm. Wir hoffen und bangen mit Juri, wir wollen, dass er sein Glück findet. Wir hören die Musik, die er spielt (Bach, Beethoven, Gershwin) und auch die leisen Zwischentöne, die die Gedanken in seinem Inneren hinterlassen. Wir sind - trotz der personalen Erzählweise - ganz nah dran an Juri.
Ich finde es begrüßenswert, wenn Autorinnen sich trauen, männliche Perspektiven einzunehmen. Das ist der Beweis dafür, dass es beim Schreiben nicht darum geht, wer man selbst ist, sondern was man mit seiner Vorstellungskraft zu erschaffen vermag. Ich habe beim Lesen keine Minute daran gezweifelt, dass man Juri und sein Schicksal auf irgendeine andere Weise besser hätte beschreiben können. Chapeau dafür! Auch hat mir der Roman mal wieder vor Augen gehalten, wie angenehm lineares “Oldschool-Erzählen” für die Lesenden sein kann. Man hat oft das Gefühl, einen Klassiker - etwa des Realismus - vor sich zu haben, wären da natürlich nicht die modernen Zeiten, von denen erzählt wird. Die Handlungsebene reicht bis ins Jahr 2025.
Ich mag Künstlerromane schon immer sehr gerne und dieser hier hat mich wieder einmal daran erinnert, wie gerne ich sie mag. Beim Lesen musste ich tatsächlich auch hin und wieder an “Stoner” von John Williams denken, obwohl das eher ein Akademiker- als ein Künstlerroman ist. Ach ja, ich musste übrigens etwas schmunzeln, wie oft es bei Juri und seiner Louise zur Sache geht. Und das trotz des fortgeschrittenen Lebensalters. Typisch Künstler halt. Respect, Zwinkersmiley…
“Wunderkind” ist ein ruhiger Roman über das Dilemma eines Menschen, dem alles genommen wurde und der dennoch stark genug ist, nicht aufzugeben. Ein Roman über Liebe und Musik, ein Roman, bei dem ich sogar an einer Stelle mal geweint habe. Ein Roman, der mein Herz berührt hat und der eures auch berühren wird. Danke, dass ich ihn lesen durfte.

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