Montag, 2. November 2026

"Von blauen Vögeln" von Shejla Baltić

 


Österreichisch böse 


Wer am politischen Leben auch nur halbwegs interessiert ist, hat sich bestimmt auch schon mal gefragt, wie es so abgeht, hinter den Kulissen der Politik. In den Hinterzimmern, Büros, Parlamentskantinen und Wohnungen derjenigen, die am Schalthebel der Macht sitzen. Einen kleinen Einblick in diese Welt ermöglicht uns nun der Roman “Von blauen Vögeln” von Shejla Baltić, die im österreichischen Parlament als Digitalexpertin für politische Kommunikation arbeitet. Sie weiß also genau, über was sie spricht. Ihre fiktive Protagonistin Mia Puck (oder ist es ihr Alter Ego?) arbeitet ebenfalls im Wiener Parlament, wo sie im Büro der sozialdemokratischen Spitzenkandidatin auf die aktuellen Entwicklungen in ihrer und den anderen Parteien medial Bezug nehmen muss. So ein Job hört meist nicht pünktlich um 17:00 auf, denn politisch relevante Dinge passieren 24/7. So hat die 32-jährige einen eher ungesunden Lebensrhythmus und ihre Kindheitsfreundin Alma, mit der sie zusammen in einer WG lebt, muss sie nicht selten mitten in der Nacht mit einem Takeaway-Essen und einem “Sex and the City”-Marathon emotional auffangen.


So weit, so gut, Mia macht Karriere - doch ähnlich wie bei ihrer Lieblingsheldin Carrie ist ihr Liebesleben ein ständiges Auf-und-Ab. Weil sie zu viel arbeitet, hat sich ihre Jugendliebe Paul von ihr getrennt, ist wieder ins heimische Klagenfurt gezogen und nach wie vor mit ihren Eltern befreundet. Ihr Vater liegt im Sterben und genau zu der Zeit, lässt Mia sich auf ein Verhältnis mit dem gutaussehenden Konstantin Prantl von den “Blauen” ein. Die Blauen, das sind in Österreich die Rechten. Schon lange an der Macht und auf der Erzählebene (ein Herbst in der Gegenwart) scheinbar auch wieder im politischen Aufwind - glaubt man zumindest den Meinungsinstituten.


Für die linksliberale Mia beginnt ein aufregendes Versteckspiel - denn keiner darf erfahren, dass eine “Rote” sich mit einem “Blauen” eingelassen hat. Ihr könnt euch vorstellen, hier wird viel schmutzige Wäsche gewaschen und das macht uns Lesenden natürlich einen Riesenspaß. Durch das österreichische Setting erscheint alles nochmal ein bisschen korrupter und klüngelhafter als ohnehin schon. Das Buch liest sich sehr smooth und ist schnell konsumiert - wie eine politische Streaming-Serie. Dementsprechend oft wird “House of Cards” erwähnt und ja, man kann die Parallelen durchaus erkennen. 


Mia ist eine Heldin mit großem Potenzial - die moralischen Fallstricke, die die Affäre mit Konstantin mit sich bringt, sind einfach zu gut. Konstantin wird als der personifizierte Teufel beschrieben und eigentlich verabscheut Mia Menschen mit rechtem Gedankengut - wie es jede anständige Person tun sollte. Doch ist Konstantin nicht einfach nur ein versehrter und traumatisierter kleiner Junge im Körper eines schönen Mannes, der in einer sterilen, unpersönlichen Wohnung wohnt und vom rechten Weg abgekommen ist, indem er genau diesen beschritten hat (pun intended)?


Ein Buch, das nachdenklich macht und gleichzeitig richtig witzig und böse ist. Hat man nicht so oft. Es ist erfrischend anders und ich kann es als “Lektüre-Quicke” allen empfehlen, die schon mal in einer moralisch brenzligen Situation waren - oder gerne etwas darüber lesen. Auf dass die Lektüre kein Herzrasen verursachen möge und den Vagusnerv dementsprechend beruhigt. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie aber lieber in ihrer Apotheke und vor allem kurz bevor Sie das Ende lesen. Denn das hat es in sich. Schade, dass der Leykam-Verlag ab 2027 keine weiteren belletristischen Bücher mehr rausbringen wird. Nicht nur die Inhalte der Romane waren herausragend, sondern auch die Herstellung von entsprechend hoher Qualität. Ein absoluter Genuss, diese schönen Bücher in der Hand zu halten. Ich werde die Literatur von Leykam vermissen. Danke für die schöne Zeit!


Herzlcihen Dank an Wolkenlos Agentur und den Leykam Verlag für das Rezensionsexemplar!

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