Sonntag, 6. Mai 2012

"Der Duft von Erde und Zitronen" von Margherita Oggero


Ich hatte keine allzu hohen Erwartungen als ich an dieses Buch herangegangen bin. Die Beschreibung bei vorablesen.de klang interessant – es sollte um das Lesen und um Italien gehen sowie um ein Mädchen, das durch die organisierte Kriminalität dazu gezwungen wird unterzutauchen – und die Leseprobe war auch nach meinem Geschmack. Dennoch habe ich nicht viel mehr erwartet als einen soliden Roman. Letztlich hat sich das Buch aber als kleines Juwel herausgestellt. Obwohl ich es bei dem schweren Thema nicht erwartet hatte liest sich dieser Roman mit einer Leichtigkeit als würde man ein Dessert essen. Margherita Oggero, von der bereits zwei Krimis ("Mord zum Aperitivo" und "Espresso mit Todesfolge") im Piper-Verlag auf Deutsch erschienen sind, war mir vorher leider kein Begriff, aber ich bin sehr froh dass sich das jetzt geändert hat.

„Der Duft von Erde und Zitronen“ ist ein erzähltes Familienpanorama! Es geht um die Mitglieder einer italienischen Familie (mit Angeheirateten und „über-5-Ecken-Verwandten“) und ihre jeweilige Geschichte. Zwischendrin ist immer wieder die Ich-Erzählung der Protagonistin Imma geschaltet, die fernab ihrer süditalienischen Heimat bei einer Nenn-Tante inkognito leben muss, weil sie unfreiwillig mit der Mafia in Kontakt gekommen ist: sie hat den Sohn des örtlichen Mafia-Paten mit einem Stein attackiert, nachdem dieser sie vergewaltigen wollte. Mit dem Gedanken ihn erschlagen zu haben muss sie im Norden Italiens bei Rosaria untertauchen. Auch deren Hintergrundgeschichte erfährt der Leser nach und nach. Imma ist mit ihren 13 Jahren bereits schwer vom Schicksal gezeichnet: die Mutter (Melina) wurde vom untreuen Vater verlassen und starb früh bei einem Autounfall, den Imma mit ansehen musste. Auch von einem grausamen Verbrechen wurde die  träumerische Jugendliche Zeugin, verübt ausgerechnet von dem Mann, der ihr eigener Peiniger werden sollte…

Das Buch wurde als ein Roman verkauft, in dem es um das Lesen geht und darüber, wie es einem aus einer schlimmen Lebenssituation qua Eskapismus hinweghelfen kann. Ich würde sagen: es geht auch darum, aber nicht an erster Stelle. Imma verliebt sich am Ort ihres Exils in einen Studenten, der für seinen Onkel Bücher auf dem Markt verkauft. Auf Nachfrage nach ihren Lektürevorlieben sagt sie, dass sie Bücher über Kinder bzw. Jugendliche lesen möchte, die eingesperrt sind und sich stark angesichts ihren harten Schicksals verhalten. So kommt sie in Kontakt mit Anne Frank und Oliver Twist, aber auch mit Guy Montag, dem es in „Fahrenheit 451“ verboten ist zu lesen und der es trotzdem tut. Auch Immas Lesen ist zunächst geheim, hat sie doch von Zuhause nur Schulbücher mitgebracht und eigentlich darf sie nicht nach draußen (die neuen Bücher würden verraten, dass sie doch rausgegangen ist). Sie liest die Bücher und holt sich immer wieder Nachschub von Paolo.
Nebenbei wird die Geschichte Immas und ihrer Familie erzählt, der Leser erfährt immer mehr Details und kann sich aus der Rückschau ein kompletteres Bild machen.

Mir ist aufgefallen, dass das Buch weitaus weniger pathetisch ist, als es vermarktet wurde. Es ist von einem warmen Humor durchsetzt und stellt die Lebenswirklichkeit der Personen so dar dass es nie artifiziell oder konstruiert wirkt. Das ist für mich die absolute Stärke dieses Buches – weniger der scheinbarere Überbau (Emanzipation, Lektüre als Befreiung). Man fühlt sich in diese italienische Familie und ihr Umfeld hinein, kann mit ihr lachen und weinen ist nicht zuletzt entsetzt über die tatsächliche Allmacht der mafiösen Strukturen, die den italienischen Süden wie ein starres Korsett umschließen. Italienische Tradition (Familie steht an erster Stelle, die Schönheit des Landes, kulinarische Highlights, die Mafia) und globalisierte Moderne (Jobs in anderen Ländern, die Zerstreuung von Familien durch Mobilität und der hohe Einfluss der Technik) prallen aufeinander in diesem Roman. Hier wird Gegenwart erzählt und spürbar gemacht.

Man merkt zwar, dass Oggero eine Kriminalautorin ist, denn Mord, Tod und Totschlag spielen eine große Rolle. Dennoch durchzieht das Buch der Gedanke, dass man sich davon nicht einschüchtern lassen darf und das Leben feiern wo es geht – sei es durch Essen, Familie, Lektüre oder die bedingungslose Liebe eines Hundes.

Fazit: Ein einnehmender Roman voller Lebenswirklichkeit und Wärme, den ich jedem ans Herz legen möchte!
 
Meine Ausgabe:
Originaltitel: L’oro di pietra
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2012
Erstausgabe: 2011
Seiten: 320
ISBN: 978-3421045539


Freitag, 27. April 2012

"Der Teezauberer" von Ewald Arenz



Tee und Lesen, das gehört irgendwie zusammen, so wie Tomatensaft und Flugzeug, wie Champagner und Jet Set. Natürlich sind es dann auch Romane, in denen es um Tee geht, die den teetrinkenden Leser – was ja an sich ein Pleonasmus zu sein scheint – untrüglich anziehen. So hat auch mich der Roman von Ewald Arenz mit dem klangvollen Titel „Der Teezauberer“ an- und schließlich in seinen Bann gezogen. Der Protagonist – Jakob – ist selbst passionierter Leser und Vorleser, der seine Geschichten auf bezaubernde Weise materialisieren kann – „auf Worten reisen“, nennt seine Frau das.
Aber von Anfang an: Jakob ist Teehändler und liebt diesen Beruf, wie er auch seine Frau Marietta und seine kleine Tochter liebt. Er hat nur ein Problem: er ist plötzlich nicht mehr zufrieden mit seinem Leben, eine unbestimmte Sehnsucht hat ihn erfüllt. Er will eine einzigartige, atemberaubende Liebe erleben, die nicht von Alltäglichkeit begrenzt ist. In Kombination mit seiner Leidenschaft für den Tee und das Lesen phantasiert er sich Frauen herbei, die seiner idealen Vorstellung entsprechen. Ein merkwürdiger Kreislauf wird in Gang gesetzt, der Jakob letztlich aber zu sich selbst und seiner wahren Bestimmung führt.
Was in diesem Roman Phantasie der Hauptfigur und Realität innerhalb der Fiktion ist, ist nicht immer nachvollziehbar. Man fühlt sich die ganze Zeit über wie in einem Traum und erzähltechnisch oftmals an Kafka oder Schnitzlers „Traumnovelle“ erinnert.
Eigentlich geht es weniger um die „Story“ an sich sondern vielmehr um die äußerst wunderbare Erzählweise, mit der Ewald Arenz seine Figuren zum Leben erweckt. Ein Kurzroman, fast mehr eine lange Erzählung, so voller Sinnlichkeit ist mir selten begegnet. Man schmeckt förmlich den Tee und begleitet den Protagonisten mit offenen Augen auf seiner zauberhaft-traumhaften Reise. Nebenbei erfährt man in chronologisch gehaltenen Einschüben etwas über die Geschichte des Tees.
Das Ganze ist für Leser gedacht, die einen Autor gern beim Fabulieren begleiten, die das Parabel- und Märchenhafte mögen und vor allem eine Vorliebe für poetische Sprache haben.

Meine Ausgabe:
 
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2011
Erstausgabe: 2002
Seiten: 160
ISBN: 3423139781

Samstag, 21. April 2012

"They do it with Mirrors" von Agatha Christie


Eins vorweg: ich liebe die Krimis von Agatha Christie! Schon als wir in der Schule zum ersten Mal eine Buchvorstellung machen mussten habe ich, ganz ungewöhnlich, einen Christie-Krimi („Der ballspielende Hund“/“Dumb Witness“) ausgewählt. Die Leidenschaft für ihre Krimis ist geblieben und ich habe mir vorgenommen sie alle einmal im Original zu lesen, zumindest die mit dem Meisterdetektiv Poirot und der bezaubernden alten Lady, Miss Marple. Zu Letzterer greife ich, wenn ich in einer „quaint ol‘ English-mood“ bin und das war auch kürzlich wieder der Fall.

Der ausgesuchte Krimi „They do it with mirrors“ ist die Nummer 6 der Miss Marple-Reihe, die mit 14 Bänden wesentlich kürzer ist als die Poirot-Reihe.

Zum Fall: von ihrer Freundin Ruth Van Rydock wird Miss Marple nach ihrer alten Internatsmitschülerin Carrie Louise befragt, die mit einem ihrer vielen Ehemänner – Lewis Serrocold – aus einem Herrenhaus namens Stoneygates ein Rehabilitationsheim für Straftäter gemacht hat.
Wie so oft: wo Miss Marple auftaucht passiert plötzlich etwas – in der Regel ein Mord. Auch in diesem Buch ist das nicht anders. Miss Marple kommt als Gast nach Stoneygates und ein anderer Hausgast, der kurz nach ihr eintrifft, wird am zweiten Tag ihres Besuches ermordet – und das obwohl einer der Straftäter dem Hausherrn – dem Mann von Miss Marples Schulfreundin – gedroht hat ihn zu erschießen. Der Ermordete hatte eine brisante Information mit im Gepäck, die die Gesundheit der Hausherrin betrifft… sehr mysteriös – aber natürlich gibt es eine Erklärung!
 Der schrullig wirkenden Miss Marple wird sehr bald klar, dass hier Illusion und Realität nicht immer Hand in Hand gehen….

Das Besondere an der Personenkonstellation sind die komplizierten Familienverhältnisse, die dem Leser aufgetischt werden. Man hat das Gefühl: in Stoneygates ist jeder mit jedem verwandt und doch auch nicht. Carrie-Louise hat durch ihre vielen Ehen auch viele Stiefkinder und angeheiratete Verwandte und die muss man erst mal alle auseinanderhalten können. Dann auch noch die im Haus temporär untergebrachten Straftäter und die natürlich per se schon für ein Verbrechen in Frage kämen.

Was kann man sagen: man bekommt was man erwartet: einen gut begrenzten Kreis von Verdächtigen an einem überschaubaren Ort, schönes englisches Lokalkolorit aus dem mittleren 20. Jahrhundert und natürlich eine schlaue alte Detektivin, die an den Fall – wie sollte es anders sein – mit einer großen Portion Bauernschläue herangeht!
Mit der Identität des Täters hätte ich – wie meistens bei Agatha Christie nicht gerechnet. Die Spannung blieb bis zum Schluss erhalten!

Fazit: Lesenswert, auch wenn er nicht mein Lieblings-Christie-Krimi geworden ist.

Labels: Agatha Christie, Miss Marple, England, Krimi

Meine Ausgabe:

Verlag: HarperCollins
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2002/2008 (reissue)
Erstausgabe: 1952
Seiten: 284
ISBN:  978-0-00-712087-1
Deutsche Übersetzung: Fata Morgana
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag

Montag, 16. April 2012

"Revolution" von Jennifer Donnelly


[Die nachfolgende Rezension beinhaltet ein paar Hinweise zur Handlung und könnte damit das Lesevergnügen beeinträchtigen.]
Dieses Buch ist für mich eine kleine Sensation! Einerseits ist es ein richtiges Teenager-Drama, leicht geschrieben, vollgepackt mit Welt- und Herzschmerz und einer tüchtigen Portion Popkultur! Andererseits ist es ein Beispiel, wie aktuell und spannend Geschichte sein kann, die immer wieder neu interpretiert und bis in die Gegenwart für uns Bedeutung zu konstruieren in der Lage ist.
Die Gegenwart eines unglücklücken Teenagers – auf künstlerische Weise verwoben mit den Ereignissen aus dem revolutionären Frankreich des 18. Jahrhunderts, so könnte die Überschrift lauten.
Eigentlich bin ich skeptisch bei Jugendromanen, weil ich mich mit meinen fast dreißig Jahren immer schwerer in die Psyche von Teenagern hineinversetzen kann, ihre Verliebtheiten und depressiven Stimmungen, die Streits mit den Eltern und das Gefühl der Nutzlosigkeit. Bei „Revolution“ ist es so, dass man Andi ihre „Moodiness“ von Anfang an zugesteht, sie ist motiviert denn die Geschichte mit ihrem Bruder (die immer nur angedeutet, erst zum Schluss auserzählt wird) ist einfach schrecklich und man kann sich vorstellen, wie sehr sie darunter leidet. Die melancholische Verstiegenheit der Protagonistin nervt also nur sehr selten.
Zum Plot: Diandra, genannt Andi, ist nach dem Tod ihres geliebten jüngeren Bruders Truman, für den sie sich verantwortlich fühlt, untröstlich. Sie vermag nur noch für ihre Musik zu leben (sie spielt leidenschaftlich gern Gitarre). Auf der teuren privaten Highschool in New York steht bald ihr Abschluss an und sie soll ihre Abschlussarbeit zum selbstgewählten Thema „André Malherbeau (ein fiktiver Komponist, der im Roman im Frankreich des 18 Jh. für Gitarre komponiert hat) und seinen Einflüssen auf andere Musiker bis heute“ bald abgeben.
Ihre Mutter, eine aus Frankreich gebürtige Malerin von Stillleben, ist vom Tod des Sohnes psychisch angegriffen und lebt in einer ganz eigenen Welt, in der sie nur noch Bilder des verstorbenen Kindes malt. Der Vater von Andi ist Nobelpreisträger für Genetik, beruflich extrem erfolgreich und kaum zu Hause. Weil Andi es nicht schafft sich selbst aus ihrem tiefen seelischen Tal zu befreien und immer wieder mit dem Tod kokettiert, nimmt ihr sonst wenig präsenter Vater sie für drei Wochen mit nach Paris, weil er dort mit seinem Studienfreund Guillaume (genannt „G“), Historiker und Star-Forscher über die Französische Revolution, ein Projekt ausarbeiten will.
Sie fahren nach Paris und dort bekommt Andi Einblicke in die Welt der Französischen Revolution.
Das Projekt: Andis Vater Lewis und „G“ wollen das Herz von Louis-Charles, dem Sohn von Louis XVI und Marie Antoinette erforschen, der mit 10 Jahren als Gefangener des Terrorregimes von Robespierre in Gefangenschaft starb. Es gab im Jahr 2000 tatsächlich genetische Untersuchungen, die die Echtheit des Herzens belegt haben.
Als Andi ein Bild von Louis Charles sieht ist sie geschockt: er sieht genauso aus wie ihr verstorbener Bruder Truman!
In einem alten Instrumentenkoffer  aus der Sammlung von Gil findet Andi ein Geheimfach, in dem sich ein Buch befindet und das Bild des Prinzen Louis-Charles. Das Tagebuch stammt von der  1795 damals 17 Jahre alten Alexandrine. Ihre Aufzeichnungen sollen der Nachwelt die Geschichte um das traurige Ende des französischen Thronfolgers zeigen. Die Gaukler-Tochter kam durch eine zufällige Aufführung ihrer Truppe vor der Königsfamilie dazu die Gesellschafterin des jungen Prinzen zu werden, der kurz zuvor seinen älteren Bruder verloren hatte und dadurch auch seine Fröhlichkeit. Alex erzählt von den Ereignissen der Revolution, die sie am eigenen Leib erfahren hat ….
In Paris versucht Andi ihre Abschlussarbeit voranzubringen, doch sie wird immer wieder abgelenkt-sei es vom Tagebuch Alexandrines oder dem jungen französischen Taxifahrer Vergil, mit dem sie die Leidenschaft für die Musik teilt. Immer mehr gerät Andi in den Strudel der Ereignisse, Gestern und Heute verquicken sich und plötzlich befindet sich die junge Frau an einem Ort, an dem sie nie sein wollte…
Der letzte Teil des Buches ist der eigentliche Höhepunkt – für meinen Geschmack. 
Das, was mich an dem Roman so fasziniert hat ist die originelle Verknüpfung  eines Teenagerschicksals mit der Historie und der äußerst interessanten Geschichte rund um Louis-Charles, den „verlorenen König von Frankreich“. Dass wir ohne Geschichte nicht wären was wir sind, das erzählt das Buch auf eindrucksvolle Weise - deshalb lohnt sich der Blick zurück!
Am Ende des Buches finden wir eine ausführliche Auflistung der von der Autorin benutzten Sekundärliteratur. Das ist prima für alle die wie ich weiter in die Materie eintauchen und noch ein wenig quer lesen möchten was es sonst noch über die Revolution, ihre Opfer und Täter sowie die ganze Zeit zu wissen gibt.

Meine Ausgabe:
Verlag: Bloomsbury Publishing
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2011
Erstausgabe: 2010
Seiten: 472
ISBN:  9781408801512
Deutsche Übersetzung: Das Blut der Lilie
Verlag: Pendo


Sonntag, 1. April 2012

"Die Schopenhauer Kur" von Irvin D. Yalom


Vor mehreren Jahren habe ich das Buch „Und Nietzsche weinte“ von Irvin D. Yalom gelesen und fand es so gut, dass ich mir „Die Schopenhauer Kur“ von ihm gewünscht habe. Eine Freundin schenkte mir das Buch zu Weihnachten 2007 und irgendwie ist es bis jetzt ungelesen geblieben. Da es in der Ausgabe des btb-Verlags mit einem Cover von Gustav Klimt geschmückt ist, ist es mir im Zuge des dieses Jahr gefeierten 150. Klimt-Jubiläums wieder ins Auge gefallen.
„Und Nietzsche weinte“ spielt zur Zeit der Jahrhundertwende 1900 in Wien, zu der Zeit also, in der mit Sigmund Freud die Anfänge der Psychoanalyse wurzeln. Yalom ist selbst anerkannter Psychotherapeut in Amerika und seine Romane sind nicht selten in eine fiktive Handlung gepackte Fallstudien.
Therapeut ist auch der Protagonist von „Die Schopenhauer Kur“, ein 65jähriger jüdischer Arzt namens Dr. Julius Hertzfeldt, der im San Francisco des späten 20. Jahrhunderts/frühen 21. Jahrhunderts die Diagnose Hautkrebs bekommt und im Zuge seiner nunmehr kurzen Lebenserwartung die „unerledigten“ Fälle seiner Karriere aufarbeiten möchte. Am meisten muss er an den Patienten denken, den er drei Jahre lang wegen dessen Sexsucht erfolglos behandelt hat: Philip Slate. Er kontaktiert ihn und muss feststellen, dass er mittlerweile genesen und selbst Psychotherapeut mit eigener Praxis ist. Er trifft sich mit ihm und konfrontiert den sterbenskranken Arzt mit der merkwürdigen Aussage, dass er von keinem geringeren als dem Philosophen Arthur Schopenhauer geheilt wurde.
„Die Schopenhauer Kur“ ist im Wesentlichen ein Konversationsroman. Der Schlagabtausch zwischen Hertzfeldt und Slate steht im Mittelpunkt der Handlung, die an sich weniger wichtig ist als das, was Gesagt, worüber philosophiert wird. Auch die Gruppentherapie, die Slate im Laufe des Romans mit Julius und seinen Patienten durchmachen muss, ist Teil eines narratologischen Konzepts, das die Gesprächsstruktur als wesentliches Handlungsmoment begünstigt. In diesem Roman wird geredet und sich mit dem Gesagten auseinandergesetzt. Die Teilnehmer der Gruppentherapie entwickeln sich durch die Sitzungen hindurch, der Leser erfährt nach und nach, was ihre jeweilige Geschichte ist und welches Problem sie haben, mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Die Spannung unter den Teilnehmern ist ein wichtiger Katalysator für die Handlung.
Julius Hertzfeldt ist dem Tode geweiht, will ihn aber so gut es geht ignorieren und das Beste aus der Zeit machen, die ihm noch bleibt. Slate hingegen ist es wichtig, den Tod zu akzeptieren und ihn als Abstraktum zu begreifen, zu dem man Position beziehen muss, am besten durch die Brille der Philosophie Schopenhauers hindurch. Nicht der ehemalige Sexsüchtige, der mittlerweile alles von einem rationalen Standpunkt aus betrachtet und soziale Bindungen wo es geht vermeiden möchte ist die tragische Figur des Buches, sondern der Menschenfreund Julius Hertzfeldt, der sich im Angesicht des Todes erst bewusst wird, dass der Augenblick die einzige Zeit ist, die man wirklich besitzen kann und dessen Bewusstsein so etwas wie Glück verheißt. Dieses Auskosten der Gegenwart blieb ihm immer versagt und eben diese Erkenntnis weckt Mitgefühl beim Leser.
Die inhaltliche Mixtur aus Philosophiegeschichte, Psychoanalyse und Intertextualität (es wird oft auf Werke der Weltliteratur rekurriert) fordern einen aufmerksamen Leser, der sich auf das intellektuelle Niveau des Buches einlassen will. Ganz nebenbei wird uns die Biographie Arthur Schopenhauers in Einschüben nähergebracht, die die Gegenwartshandlung in regelmäßigen Abständen unterbrechen. Angenehm sind die relativ kurzen, sehr durchstrukturierten Kapitel, die es einem ermöglichen nach jeder Zäsur das Gelesene zu reflektieren.
Das Buch ist etwas für Leser, die sich gern auf die Gedanken anderer einlassen und nebenbei etwas lernen wollen. Ein „Denkroman“- keine Unterhaltung, aber trotzdem sehr anregend.

Meine Ausgabe:
Originaltitel: „The Schopenhauer Cure“
Deutscher Verlag: btb
Erscheinungsjahr: 2006 (dt.: 2007)
Seiten: 445 Seiten
ISBN: 3442735882

Mittwoch, 28. März 2012

"Bretonische Verhältnisse" von Jean-Luc Bannalec



Bei Krimis bin ich sehr wählerisch, denn ich mag nur solche, die nach klassischem Muster aufgebaut sind und ohne blutrünstige Detailschilderungen auskommen. Von Thrillern und soziopathischen Serienkillern halte ich deshalb gebührenden Abstand. Nur altmodische „Whodunits" („Wer-hat-es-getan-Krimis“) mit einem Ermittler und vielen möglichen Verdächtigen, die sich auf einem begrenzten Areal (Region, Stadt, Hotel, Landhaus) tummeln bzw. dieses entern, kommen für mich in Frage. Meistens passiert am Anfang und zur Mitte hin ein Mord und die – meist sehr gut auscharakterisierte individualistische – Ermittlerfigur befragt die Verdächtigen und trägt Kenntnisse zur Geschichte der Ermordeten zusammen, um auf das Motiv und letztlich den Täter zu kommen. So mag ich das und deshalb hab ich mich bei lovelybooks.de zum ersten Mal für eine Leserunde beworben, wo ein gewisser „Kommissar Dupin“ seine ermittlerische Premiere in „Bretonische Verhältnisse“ von Jean-Luc Bannalec erleben durfte. Der Vorstellungstext ließ genau so einen altmodischen Krimi erwarten, wie ich sie gerne lese.

Französische Krimis, da fällt einem sofort Georges Simenon ein! In der Tat erinnert Bannelec an den Altmeister was die Herausarbeitung des Französischen angeht. Die Bretagne als Handlungsort hat einen ganz eigenen Charme, den man fast einzigartig nennen möchte. Felsklippen, salzige Meeresluft, mediterranes Atlantikklima und eigenbrötlerische, aber ehrliche Menschen, die sich dem rauen und einfachen Leben, das von viel poetischem Zauber durchsetzt ist und deshalb viele Künstler in ihre Region gelockt hat, angepasst haben.

Mit dem – wie sollte es anders sein – schrulligen Pariser Kommissar Dupin lernen wir die Bretagne und ihre Menschen aus der Sicht einer Person kennen, die nie ganz Bretone sein wird und sich dennoch dem eigentümlichen Charme der Region nicht entziehen kann. Die Sichtweise des staunenden Außenstehenden, „Zugereisten“ also, den seine Sekretärin Nolwenn immer wieder an die Eigenheiten ihrer bretonischen Heimat erinnern muss.

Der Krimi spielt im Hotel- und Kunstmilieu. Der 91jährige Hotelbetreiber Pennec wurde ermordet-warum, das ist hier die Frage. Sehr schnell wird klar, dass die Kunstwelt, die mit dem Tourismus in Pont Aven und Umgebung seit Anfang des 20. Jahrhunderts unmittelbar verknüpft ist, etwas damit zu tun haben muss. Da ich den zukünftigen Lesern die Spannung nicht verderben möchte, verrate ich jetzt nicht zu viel von der Handlung. Nur so viel: es wird früh klar, dass es eine überschaubare Reihe von Verdächtigen gibt – ob Bannalec sich aus diesem Pool bedient oder auf eine externe Erklärung zurückgreifen wird? Ich bin von der Auflösung des Verbrechens jedenfalls überrascht gewesen, allerdings nicht positiv. Die Erklärung für den Mord ist so offensichtlich, dass es eigentlich keinen Spaß macht. Mir fehlt die Raffinesse, der „Aha“-Moment in der Plotgestaltung. Bezeichnend ist dafür am Ende der Satz Dupins: „Wie Sie sagen, am Ende war es kein komplizierter Fall, Monsieur le Préfet. Und das Wichtigste: Der Fall ist gelöst.“ (S. 296) Hm: da frag ich mich doch: soll ein „klassischer“ Krimi nicht genau das liefern: einen „komplizierten“ Fall und einen Ermittler, der diesen trotz seiner Schwierigkeit aufzulösen weiß? Nun ja, ich denke letztlich ist auch das Geschmackssache.

Von seiner Erzählstruktur (4 Ermittlungstage = 4 Kapitel) ist „Bretonische Verhältnisse“ für mich sehr ansprechend. Man steht mit dem Ermittler auf, vergisst mit ihm zu essen um dann letztlich doch ausgehungert ein Bistro aufzusuchen (dabei lernt man ganz nebenbei bretonische Spezialitäten kennen), führt Telefonate, trifft Verdächtige, erkennt die Schönheit der Bretagne um zum Schluss eines jeden Kapitels/Tages todmüde „mit ihm“ ins Bett zu fallen. Dadurch wird versucht ein Gefühl von „Echtzeit“ beim Leser zu erzeugen (man ist bei der ganzen Ermittlung „dabei“ und kann sich selbst ein Bild machen, Kommissar spielen), was ich auf jeden Fall auf der positiven „Haben“-Seite verbuchen möchte. Die schöne Gestaltung mit angenehmer Klappenbroschur und eingefassten Karten des Landstriches ist ebenfalls dort zu finden, wohl eher aber dem Verlag Kiepenheuer & Witsch als dem Schriftsteller Bannalec zu verdanken. Ich mag die Charakterisierung der Figuren, vor allem die der Frauen (Madame Lajoux, Nolwenn, Madame Pennec, Madame Cassel). Bannalec hat irgendwie ein Händchen dafür individuelle Frauenfiguren zu erfassen, wobei mir die Männer Stromlinienförmiger erscheinen.

Der Debütroman Bannalecs und erste Fall Dupins (weitere werden folgen, wie es der Klappentext verspricht) ist im Großen und Ganzen gelungen. Die Kriminalhandlung ist klassisch und dennoch abwechslungsreich, das Setting liefert bezauberndes Lokalkolorit und die Thematik ist außerdem informativ. Nur die Auflösung und das Verbrechen an sich, sind nicht ganz nach meinem Geschmack, ich hätte wie gesagt da einfach „mehr“, etwas anderes erwartet.


Meine Ausgabe:


Originaltitel: -
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2012
Seiten: 304
ISBN: 978-3-462-04406-5

Mittwoch, 14. März 2012

"Die Gebeine von Avalon" von Phil Rickman


Heute möchte ich ein Buch vorstellen, welches ich bereits im Herbst letzten Jahrs bei vorablesen gewonnen und auch rezensiert habe (die nachfolgende Rezension ist dieselbe, die ich dort eingestellt habe). Weil es für mich so spannend und interessant war, möchte ich es nun auch auf meinem Blog veröffentlichen und allen empfehlen, die in Großbritannien spielende Historienromane lieben (so wie ich).

Bei diesem Mix aus dem History und Mystery-Genre (mit einer Prise Thriller) handelt es sich um den ambitionierten und, wie ich finde äußerst gelungenen Versuch, ein Geheimnis aus der tiefen Vergangenheit (in diesem Fall der mystischen Vorzeit Britanniens) durch eine historische Figur aus der ebenfalls tiefen, aber nicht ganz so lange vergangenen Vergangenheit (dem England des 16. Jahrhunderts) zu lösen.
Der Hofwissenschaftler der jungen Königin Elizabeth Tudor (zum Zeitpunkt der Handlung erst 2 Jahre auf dem Thron), Dr. John Dee, wird mit der schier unlösbaren Aufgabe konfrontiert, die seit der Auflösung der Klöster verschollenen Gebeine ihres „Vorfahren“ König Artus aus Glastonbury nach London zu holen, um ihre Regentschaft gegen ihre Feinde und Gegner abzusichern , aber auch, wegen ihrer Ängste und ihres Aberglaubens. In einer Zeit, in der die neue Religion, der Protestantismus, von Staatswegen wieder durchgesetzt wird und es dennoch unterschwellig im ganzen Volk brodelt, einem Volk, dass sich seine eigenen Götter sucht, dem Aberglauben anhängt und in der Höflinge bereit sind die Religion wie die Kleidung zu wechseln, ist es für den Wissenschaftler Dee ein Canossagang in die einstige Hochburg des britischen Katholizismus und gleichzeitig des vorchristlichen Heidentums zu gehen. Er trifft auf ehemalige Mönche, Kräuterfrauen und Reliquienhändler und muss einen grausamen Ritualmord an einem Diener seiner Königin erleben, um näher zum Geheimnis der „Gebeine von Avalon“ zu gelangen.
Was an diesem Buch so besonders ist und mich absolut anspricht: obwohl es um Altes und Abgelebtes geht, also um Jahrhunderte alte Knochen, um das Zurücklassen des Überholten (sei es um Religion oder den  Aberglauben, der sich in Hexenverbrennungen etc. geäußert hat) und schließlich um das ultimative Nicht-Sein, den Tod (zartbesaitete Leser – zu denen ich mich auch zähle – müssen sich hin und wieder auf äußerst morbide und teilweise grausame Szenarien einstellen) und die Angst davor (das „memento mori“-Motiv wird oft anzitiert), atmet dieser Roman auf jeder Seite Lebendigkeit. Rickman schafft es wie kaum ein anderer das Glastonbury des 16. Jahrhunderts so greifbar werden zu lassen, als wäre man selbst ein Teil dieser Stadt, die – durch die zerstörte Abtei repräsentiert – nur noch ein Anachronismus ihrer Selbst ist. Man spürt förmlich die kalte Luft des Februarmorgens, wenn der Schmied seine Pferde beschlägt, man isst mit Dr. John Dee die verschrumpelten Winteräpfel auf dem Markt und spürt schließlich die unwirklich schleierhafte Atmosphäre, den Spirit an diesem Ort, der etwas ganz Besonders ist.
John Dee ist in der Überlieferung eine eher dunkle Gestalt, die sich der Alchemie und Astrologie verschrieben hat. Diese Vorstellung von ihm geht aber ganz und gar nicht mit der sympathisch-menschlichen Charakterisierung von ihm durch Phil Rickman einher. Dr. Dee ist Anfang dreißig und beschreibt sich selbst ganz faustisch als einer, der zwar viel Wissen angesammelt, aber wenig erlebt hat und mit Menschen nicht so gut umzugehen weiß. Sehr bescheiden lebt er trotz seiner (unbezahlten) Eigenschaft als Haus- und Hofwissenschaftler der Königin mit seiner Mutter zusammen auf dem Land, die spärlichen erotischen Kenntnisse hat er bei der heimischen Magd gesammelt. Im ruinenhaften Glastonbury begegnet er nun bewusstseinserweiternden Zuständen und: der Liebe.
Das Gegenteil von Dee ist der großsprecherische Sir Robert Dudley, Geliebter, Höfling und Oberstallmeister der Königin, der Dee auf seiner Reise nach Glastonbury begleitet und unfreiwillig durch Krankheit in die Rolle des Untätigen gelangt. Auch er ist trotz seiner vielen Fehler und inneren Zerrissenheit (er schwankt zwischen der Liebe zu seiner Frau Amy und der zur Königin) sympathisch charakterisiert. Die beiden geben ein fast schon amüsantes neuzeitliches „Ermittler-Duo“ ab, ihre lebendigen Dialoge sind ein sehr schöner Nebenaspekt des Buches.
Außerdem: Rickman schafft es bei aller schwierigen Thematik sowohl Lesbarkeit zu erzeugen als auch den: „Muss-weiterlesen“-Effekt zu kreieren – und das ohne spektakuläre Cliffhanger (wobei die Kapitel sehr gut in sich strukturiert und angenehm kurz sind). Einfach die Story an sich ist so gut, dass man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht und was Dr. Dee auf die Spuren der Gebeine von Artus bringen wird.
Zum Schluss noch ein Lob für die geniale Covergestaltung mit dem erhabenen haptischen Titel und überhaupt den Softumschlag, der beim Lesen sehr angenehm ist und auch nachher im Regel viel hermacht.
Ich bin froh dieses Buch gelesen zu haben und kann es nur allen empfehlen, die gerne durch das Zwielicht dringen und sich für historische Mysterien interessieren: 5 Sterne!

 Meine Ausgabe:
Originaltitel: "The Bones of Avalon"
Verlag: Rowohlt Polaris

Erscheinungsjahr: 2011

Seiten: 
656
ISBN:  3862520013