Dienstag, 31. Dezember 2024

"Das mörderische Christmas Puzzle" von Alexandra Benedict

Die junge britische Autorin Alexandra Benedict scheint ausschließlich Weihnachtskrimis zu schreiben. Gut, dass Weihnachten jedes Jahr wieder kommt. Der Tropen Verlag hat sich die deutschen Rechte an den Übersetzungen gesichert und kann so, seit 2023, jedes Jahr einen schön gestalteten Weihnachtskrimi im broschierten Taschenbuch ins Herbst/Winter-Programm nehmen (X-Mas-Krimi Nr. 3 “The Christmas Murder Game” ist bereits auf Englisch erschienen). Ich wäre fast letztes Jahr schon auf den Weihnachtszug von Alexandra Benedict aufgesprungen, also im wahrsten Sinne des Wortes auf den “Christmas Express”, in dem es einen Mord geben sollte. Die ersten Rezensionen haben mich allerdings davon abgehalten “Mord im Christmas Express” zu lesen - zu viele Triggerthemen und zu wenig Cosy-Christmas-Crime-Vibes, so der Tenor.

Wie es der Zufall will, war der zweite “Christmas-Krimi” von Alexandra Benedict, “Das mörderische Christmas Puzzle”, dieses Jahr im Schmökerbox-Adventskalender und hat so seinen Weg zu mir gefunden. Zum Glück möchte ich sagen, denn sonst wäre mir ein richtig spannender Krimi entgangen. Allerdings einer ohne “Cosy-Vibes”, denn ein Cosy-Krimi ist “Das mörderische Christmas Puzzle” wirklich nicht. Wir haben zwar durchaus einige Faktoren, die das Buch als Cosy-Krimi ausweisen könnten: Neben der hübschen Aufmachung wäre da natürlich die schrullige Ermittlerin Edie, die mit ihren achtzig Jahren und ihrem eigenwilligen Beruf als Kreuzworträtsel-Erstellerin ganz klar ins Schema ermittelnde Oma bzw. “Miss Marple” passt. Sie lebt außerdem allein mit mehreren Katzen und ihre beste Freundin ist ihre 90-jährige, noch schrulligere, Nachbarin Riga. Das war es dann aber auch schon mit cosy und vor allem positiv besetzter Weihnachtsstimmung. Edie hat tragische Verluste und tiefe Traumata erlitten - die liebsten Personen in ihrem Leben wurden ihr ausgerechnet zur Weihnachtszeit genommen. Was Edie wiederum zur Weihnachtshasserin machte. Und jetzt wird sie an Weihnachten auch noch Ziel der perfiden Weihnachtskarten einer Person, die ihr mörderische Puzzles schickt. Ihr Neffe und Ziehsohn Sean, seines Zeichens Detective Inspector im idyllischen englischen Küstenstädtchen Weymouth, dem Ort der Handlung, befindet sich in höchster Gefahr. Kann Edie die Rätsel lösen, bevor mehrere Menschen und ihr letzter lebender Blutsverwandter sterben müssen?

Schön finde ich, dass in diesem Roman anhand der Protagonistin Edie und ihres Ziehsohnes Sean queere Lebensweisen normalisiert dargestellt werden. Die sexuelle Orientierung der Personen ist im Weymouth des Romans nichts Besonderes und wird vom Umfeld völlig akzeptiert. Was in unserer modernen Welt, wie sie hier dargestellt wird (es ist eindeutig unsere Gegenwart, die erzählt wird), auch selbstverständlich sein sollte, aber oft leider noch nicht ist. Einzig das Adoptionsverfahren von Sean und seinem Mann Liam ist sozusagen das nicht alltägliche queere Handlungselement, da Männerpaare eher seltener Familien gründen als Frauenpaare. Edie hingegen ist als alte lesbische Frau auch ein interessanter Charakter, der so noch nicht oft erzählt wurde - zumal in Kombination als Ermittlerin.

Was die Krimihandlung anbelangt, so war diese wirklich spannend und ich war am Ende durchaus überrascht über die Auflösung. Ein sehr verworrener Fall mit mehreren Schauplätzen, bei dem man vor deren Ermordung doch ungewöhnlich viel über die Opfer erfährt. Setting und Atmosphäre haben mir auch gut gefallen, auch wenn das weihnachtliche Element oft in einen destruktiven Zusammenhang gesetzt wurde und dementsprechend negativ konnotiert ist. Also man kann das Buch auch ruhig nach Weihnachten lesen. Die Sache mit Sky hätte ich mir etwas anders gewünscht, aber man kann nicht alles haben. 

Alles in allem ein toller, zeitgemäßer (Weihnachts-)Krimi, der manchmal eher an einen Psychothriller erinnert. Leider ohne Triggerwarnung (insb. Tod von Kindern/Verwandten). Aus dem Englischen von Elisabeth Schmalen.



Donnerstag, 26. Dezember 2024

"A Bookboyfriend for Christmas" von Freya Miles

Zu wenig "Book", zuviel "Boyfriend"

Von einem systemtheoretischen Standpunkt aus dekonstruiert dieses hoch interessante literarische Werk Geschlechterstereotype in direktem Zusammenhang mit saisonalen Bräuchen und sozial-medialer Bibliophilie…O.k. Spaß - “A Bookboyfriend for Christmas” ist einfach nur oberflächlicher Romance-Trash mit einer hübschen Verpackung, die Buchblogger*innen und Büchernerds ansprechen soll. Mit Büchern oder gar Literatur hat dieser Weihnachtsroman so viel zu tun wie der von mir hoch geschätzte Marcel Reich-Ranicki mit Dark Romance.

Die Story ist ziemlich schnell zusammengefasst: Eine 20-jährige Booktokkerin namens Mia, die in New York als Rechtsanwaltsgehilfin lebt und abends Videos über Bookboyfriends dreht, gewinnt bei einem Gewinnspiel auf ihrer Lieblings-App, dass sie über Weihnachten in einer kleinen Buchhandlung eingesperrt wird und dort für drei Tage leben darf. Als es dann soweit ist, sucht ein Schneesturm New York heim und die Inhaberin der Buchhandlung schafft es nicht in die City. Also schickt sie ihren Bruder Nick, der bereits mit Anfang 30 Oberarzt in einem New Yorker Krankenhaus ist, Mia willkommen zu heißen.

Das Buch trieft vor heteronormativer Klischeehaftigkeit - der gutaussehende Teflon-Arzt mit Literatur-Abneigung und schlimmer Kindheit (er musste so schnell groß werden) und einer zerrütteten Beziehungsgeschichte (Spoiler: ihm wurde massiv das Herz gebrochen) trifft auf einsame, aber sexy Aschenputtel-Frau, die ihre Eltern bei einem Unfall verloren hat, Bücher liebt und in einem schrecklichen Brotjob mit Horror-Chef gefangen ist.

Dass Amy in einer Buchhandlung eingeschlossen ist - ihr größter Lebenstraum - ist in Nullkommanix vergessen, als sofort der sexy “Grinch” auftaucht, der sehr schnell ziemlich ungrinchy wird, als er merkt, dass Mia unter ihren Winterklamotten doch echt gutaussehend ist - ungewöhnlich für einen “Büchernerd” (*augenroll*), wie er findet. Der “Enemies to Lovers”-Trope wird extrem schnell abgehandelt, der Spannungsbogen ist flach bzw. kaum vorhanden. Die Charaktere haben so viel Tiefe wie ein Babybecken im Städtischen Schwimmbad. Außerdem hätte ich mir von einem Buch über eine Booktokkerin, das in einer Buchhandlung spielt, ein liebevoll ausgearbeitetes Setting und eine buchige Atmosphäre gewünscht. Und zwar an erster Stelle! Leute, sie ist in einer Buchhandlung über Weihnachten und es wird kaum beschrieben, wie es darin genau aussieht, welche Bücher im Sortiment sind, etc. Spoiler: Selbst das Krankenhaus, in dem die Handlung fast länger stattfindet als im Buchlanden oder die Wohnungen von Mia und Nick, werden ausführlicher beschrieben. Bei dem Trope “Bookboyfriend” wird nicht mal der “Urvater” aller Bookboyfriends, Mr. Darcy, erwähnt. Also nicht mal das? Gibt es in dieser Buchhandlung mitten in New York City etwa keine Ausgabe von “Stolz und Vorurteil”? Oder irgend ein anderes bekanntes Buch bzw. einen Klassiker mit einem schnieken Protagonisten? Auch der Graf von Monte Christo würde einen guten Booklover abgeben! Querverweise? Intertextualität? Hallo? Verstecktes Potenzial. Aber Nick ist auch nicht wirklich ein Mr. Darcy oder Edmond Dantès, sondern ziemlich leicht durchschaubar und seine “Mauer” stürzt schneller ein, als ich Bookboyfriend sagen kann. Von der Protagonistin Mia habe ich mir nur gemerkt, dass sie es offenbar besonders gern mag, wenn Männer sie “auf ihre Hüften nehmen” und sie dann irgendwo hintragen, bevorzugt ein Schlafzimmer. 

Warum habe ich also dieses Buch überhaupt gelesen, wenn ich es wie ein richtig übler Büchergrinch verreiße? Es wurde mir vorgeschlagen, als ich Weihnachtsbücher im Internet recherchiert habe. Ich muss zugeben, das Cover hat es mir ein wenig angetan. Aber der Kaufgrund war die Tatsache, dass es bei einer großen Buchhandelskette eine Alters-Leseempfehlung gab, die ein “Endalter” hatte - und da habe ich mich provoziert gefühlt. Ich bin 42 und das Buch wurde für 18-40-jährige Lesende empfohlen. 18 mag ja aufgrund der Spice-Szenen (gähn!) berechtigt sein, aber darf ich mit 40 etwa keine schlechten Bücher mehr lesen? Fakt ist: Ich sollte es echt nicht mehr tun - ihr wisst ja, verlorene Zeit und so.

Die deutsche Autorin dieses Romans, die unter Pseudonym schreibt, kommt wirklich sympathisch rüber und ich will sie auch nicht in die Pfanne hauen. Aber dies ist eindeutig ein Fall von: Der Inhalt hält nicht, was die Verpackung verspricht. Bei Büchern ist das leider kein Fall für den Verbraucherschutz, aber dafür gibt es ja uns Rezensent*innen, die euch hoffentlich vor Fehlgriffen ins Bücherregal bewahren. In djiesem Sinne: Lest lieber ein weiteres Mal “Stolz und Vorurteil” und liebe Grüße an Mr. Darcy, den einzig wahren “Bookboyfriend”.




Mittwoch, 25. Dezember 2024

"Ein Geschenk kommt selten allein" von Birgitta Bergin


“Das ist fast die beste Zeit. Dann - wenn Weihnachten vorüber ist. Wenn alle Erwartungen und Ansprüche und Gäste und feinen Kleider und Geschenke abgehakt sind. Erst dann kann man nach einem hektischen und anstrengenden Monat endlich entspannen.” (S. 338f.)

Der Stress vor Weihnachten - für viele von uns ein bekannter, aber eher unliebsamer, jedes Jahr wiederkehrender Gast. Eine wie von Zauberhand immer länger werdende Liste, die abgearbeitet werden will. Auch ich kann mich jetzt endlich hinsetzen und ein bisschen schreiben, zum Beispiel diese Rezension hier. Das Buch “Ein Geschenk kommt selten allein” von Birgitta Bergin mit dem Untertitel “Der etwas andere Weihnachtsroman aus Schweden” sollte eigentlich mein Adventskalenderbuch werden. Schließlich hat es 24 Kapitel, die zum Ende hin immer kürzer werden. Allerdings kamen die besagte Liste und andere Bücher dazwischen, so dass ich den Großteil des Romans erst kurz vor Weihnachten gelesen habe.

Es geht hier um die 51-jährige - finde ich gut, mal eine "ältere" Protagonistin - Amy Strandberg aus Göteborg. Sie arbeitet freiberuflich als Werbetexterin und lebt mit ihrem Mann Melker und ihrer 22-jährigen Tochter, die momentan als Kellnerin jobbt, zusammen, der Sohn, ein Banker, ist bereits ausgezogen. Amy hat gerade bei einem kleinen schwedischen Verlag ihr erstes Buch veröffentlicht - einen klassischen Kriminalroman. Doch ihr Buch verkauft sich nicht sehr berauschend, weswegen sie ständig auf Social Media abhängt, um es selbst zu promoten. Es kommt wie es kommen muss - mit der Adventszeit explodiert Amys Leben zu einem einzigen Chaos: Die Küche ist eine Baustelle, ihre Tochter findet einen neuen Lebenspartner (Veganer) und ein abbruchreifes Kommunen-Haus, ihr Mann kommt vor lauter Langlauf-Training und Arbeit nicht zum Renovieren der Küche, ihre beste Freundin hat eine Affäre mit einem Ekelpaket und ja, da ist dann noch die Sache mit ihrem Krimi, wo sich zunächst ein echter Plot-Twist abzuzeichnen scheint…und das alles kurz vor Weihnachten, für dessen Vorbereitung Amy dieses Jahr so gar keine Zeit mehr hat.

Was dieses Buch wirklich gut macht, ist, das ganze Weihnachts-Mental-Load einer einzelnen Person gebündelt darzustellen. Natürlich sind wir alle unterschiedlich in unserer persönlichen, familiären und beruflichen Situation. Aber alle, die schon mal Weihnachten gefeiert haben, werden sich hier auf irgendeine Weise wiederfinden. 

Das war dann auch leider schon das Positive. Die Geschichte liest sich ziemlich zäh und hat einige Längen. Es werden immer wieder die gleichen Themen durchgekaut, nur eben in immer anderen Personenkonstellationen (z.B. Amy klagt ihr Leid ihrem Sohn, ihrer Tochter, ihrer besten Freundin, ihrem Mann, ihrer Mutter, etc.). Auch die meteorologische Situation - es schneit quasi den ganzen Advent lang durch - benutzt die Autorin als Handlungselement. Dies wirkt auf mich unglaubwürdig, selbst im tiefsten Schweden dürfte es in Zeiten des Klimawandels nicht mehr einen Monat lang - und auch noch im Dezember - durch schneien. Als Adventskalenderbuch ist der Roman ebenfalls ungeeignet, da die ersten Kapitel sehr lang sind und erst ab gut der Hälfte der Zeit immer kürzer werden. Die Plot Twists sind ebenfalls ziemlich überzogen und die Charaktere (wie z.B. Ola) extrem überzeichnet. 

Ein klassischer “Feel-Good-Roman” (natürlich wird am Ende alles gut), der für mich aufgrund der Darstellung des Alltags einer “Teilzeit-Schriftstellerin” und Einblicken in die (schwedische) Verlagsbranche dennoch ganz nett und leidlich interessant war. Trotzdem nicht unbedingt eine Leseempfehlung. Aus dem Schwedischen übersetzt von Gabriele Haefs.



Montag, 23. Dezember 2024

"The Wood at Midwinter" von Susanna Clarke

Susanna Clarke kann epische Fantasy (“Jonathan Strange & Mr. Norrell”), “Piranesi” steht noch immer ganz oben auf meiner Leseliste. Das Hauptgenre dieser nur selten publizierenden Autorin aber sind Short Stories. Ihre neueste, “The Wood at Midwinter”, die nur knapp 50 Seiten umfasst, war eine Auftragsarbeit für BBC Radio, die 2022 gerne eine weihnachtliche Story von Clarke haben wollten. Anschließend wurde sie als Einzeltitel im Hardcover publiziert. Mit wunderschönen Illustrationen von Victoria Sawdon. Ein bibliophiles Kunstwerk ist dieses schmale Büchlein allemal. Doch was erzählt uns die Geschichte?

Sie berichtet von einer jungen Frau, Merowdis. Statt mit ihrer wohlhabenden Großfamilie, ist Merowdis lieber mit ihren Tieren zusammen. Sie hält Hunde, unzählige Katzen, einen Papagei, ein Frettchen und ein Schwein. Aber auch ungewöhnliche Haustiere wie Spinnen und Wildvögel fliegen bzw. krabbeln in ihrem Zimmer aus und ein. Merowdis ist aber am liebsten im Wald, wo ihre Schwester Ysolde, die sie noch am ehesten versteht, immer mit der Kutsche hinbringt. So auch an einem Midwinter-Tag kurz vor Weihnachten. Merowdis kann mit Tieren und Bäumen sprechen. Susanna Clarke sagt im Nachwort ihrer Novelle, dass ihre Protagonistin heutzutage wohl als neurodivergent zu bezeichnen wäre. “She has long since given up the idea that anyone else will understand the things that are importatant to her.” (S. 58)

Wir erfahren, dass Merowdis nicht den ihr zugedachten Mann ehelichen möchte. Sie möchte frei sein, aber andererseits wünscht sie sich auch ein Kind: “The child must come in midwinter. A midwinter child in the arms of a Virgin. A child to bring light into the darkness. A child to heal all wounds.” (S. 24) Wer oder was das Kind ist, würde zu viel verraten. Es ist der Höhepunkt und die Pointe der Geschichte. Nur so viel: Es ist eine Sache, die im Bereich des Fantastischen angesiedelt ist und wahrlich eine “unerhörte Begebenheit”.

“The Wood at Midwinter” ist ein zauberhaftes allegorisches Wintermärchen. Typisch für Susanna Clarke ist, dass sie sich von vielerlei Quellen inspirieren und diese zu einem faszinierenden literarischen Konglomerat verschmelzen lässt: heidnische Naturreligion und Christentum, viktorianische Literatur, Mythologie und Fantasy, Fabel. Wirklich interessant ist außerdem das Nachwort, in dem Clarke ihre Novelle selbst analysiert und literarisch in ihrem Œuvre verortet. Eine Poetologie sozusagen. Hier wird auch gesagt, dass ihre Geschichten sich gegenseitig inspirieren und dass Merowdis zur selben Welt gehört wie “Jonathan Strange and Mr Norrel”. Wenn das nicht ein Grund ist, diesen opulenten Fantasy-Klassiker mal wieder aus dem Regal zu holen. Ich muss aber jetzt erstmal “Piranesi” lesen. Aber Midwinter ist und bleibt von nun an die Zeit von Merowdis - und das ist auch gut so.




Sonntag, 22. Dezember 2024

"Mord im Stadtpalais" von Beate Maly


Historischer Weihnachtskrimi mit Flair

Für mich ist Beate Maly schon seit vielen Jahren die Queen des unterhaltsamen Historienromans. Oft sind ihre Romane historische Krimis, die wiederum sehr oft ihre Heimatstadt Wien als Schauplatz des Geschehens haben. Ich persönlich liebe die Reihe um Ernestine Kirsch und Anton Böck, in der es ein älteres Paar immer wieder mit Mordfällen zu tun bekommt. Aber Maly hat noch viel mehr im Repertoire und kann definitiv schneller schreiben als ich dazu komme, ihre Bücher zu lesen. Ich kenne kaum eine schreibende Person, die produktiver ist als sie.

Der vorliegende “Weihnachtskrimi” ist diesmal kein Teil einer Reihe, sondern ein eigenständiges Buch. Wir befinden uns natürlich in Wien, im Dezember 1910. Vom Elend in der Vorstadt ist in der Wiener Innenstadt mit ihrer prachtvollen neuen Ringstraße und Prestigebauten wie dem Eislaufverein - der im Roman auch eine Rolle spielt - vor wunderbarer Kulisse, nichts zu merken. Diesmal tauchen wir mit dem Fall in die vornehmen Kreise Wiens ein. Das Mordopfer ist ein reicher älterer Tabakfabrikant namens Steinhäusel, der in seinem dekadenten Stadtpalais in der altehrwürdigen Herrengasse - in nächster Nähe zur Hofburg - während der Adventszeit seine gesamte Familie mit Anhang empfängt. Ganz im Geiste der vor einigen Jahren verstorbenen ersten Frau Steinhäusel, die die Weihnachtszeit liebte und ihre Familie während dieser um sich scharen wollte. Protagonistin des Romans ist die böhmische Köchin Mila, die seit ihrem zehnten (!) Lebensjahr in Wien arbeitet. Mittlerweile ist sie über Fünfzig und spürt die jahrelange harte Arbeit in ihren Knochen. Mila arbeitet erst seit wenigen Monaten im Palais Steinhäusel, wo sie für das leibliche Wohl der Herrschaften zuständig ist. Allerdings darf der Hausherr keinen Zucker essen und auch dessen neue Ehefrau, eine ehemalige Schauspielerin, verzichtet auf Milas Mehlspeisen, achtet sie doch auf ihre schlanke Linie. Gut, dass es bereits zwei Enkelkinder gibt, die gerne naschen. Als der Hausherr nach dem Genuss zweier zuckerfreier "Marillentascherl" tot umfällt, bricht ein Familienstreit um das Erbe aus. War es vielleicht doch Mord? Mila und nette Kommissar Felix Zack, der aussieht wie der Nikolaus, ermitteln.

“Mord im Stadtpalais” ist ein sehr atmosphärischer, ruhiger Krimi. Maly versteht es wunderbar, die historischen Weihnachtsbräuche lebendig werden zu lassen. So bekommen die Kinder z.B. Nikolausstiefel, die mit traditionellem Naschwerk, Früchten und Nüssen befüllt werden. Man riecht beim Lesen förmlich die weihnachtlichen Gerüche, die die Küche des Palais ausstrahlt. Historisches Setting kann Beate Maly aus dem EffEff. Genauso wie ausführliche Charakterisierungen, bei denen die Figuren bis ins kleinste Minenspiel Gestalt annehmen. Sie hat einen besonderen Schreibstil, den ich unter Hunderten anderen blind wiedererkennen würde. Die Figur des Felix Zack und dessen traurige Geschichte gehen absolut ans Herz. Schön dass es Hoffnung für ihn gibt und er jetzt einen “Gankerl” hat. Hier wird das weihnachtliche Bedürfnis nach Harmonie und Glück für alle befriedigt, was für die zerstrittene Familie Steinhäusel natürlich nicht gegeben ist.

Der Krimi ist ähnlich gestrickt wie die von Agatha Christie - am Ende gibt es die Auslösung, bei der alle Verdächtige zugegen sind. Und anders als Beate Maly zunächst dachte - wie sie im Nachwort sagt - passen Weihnachten und Krimi sehr wohl zusammen. Für alle die historische Wohlfühlkrimis mögen, ein absolutes Muss.

Herzlichen Dank an den Emons Verlag für das Rezensionsexemplar!

Montag, 16. Dezember 2024

"Flimmern im Ohr" von Barbara Schibli

“Daheim beim Üben fühle ich mich einsam, wenn ich die Musik von damals höre, denn damals war das Hören ja immer ein kollektives Erlebnis. Wir gehörten zusammen, denn dabei ging es letztlich beim Hören dieser Musik. Aber das Hören, oder wie immer man das nennen will, was ich mit den Platten mache, lässt mich meine Einsamkeit, die ja eh schon da ist, noch deutlicher fühlen.” (S. 101)

In “Flimmern im Ohr” geht es um die 53-Jährige Schweizerin Priska. Der Roman, der aus der Ich-Perspektive der Protagonistin erzählt wird, spielt im Sommer 2010, Priska ist also etwa Jahrgang 1957.

Priska kämpft nach einem Unfall (welcher das ist, werden wir später im Buch erfahren) mit einem schwerwiegenden Hörverlust. Vor Kurzem wurde ihr ein sogenanntes Cochlea-Implantat eingesetzt, das ihr dank modernster Technik wieder einen Zugang zum Hören verschaffen soll. Ihre Musiktherapeutin Frau Häusermann hat ihr empfohlen, die alten Platten ihrer Jugend abzuspielen, um Musik wieder wahrnehmen zu lernen. Die Songs vergangener Zeiten triggern eine gedankliche Reise in die Vergangenheit und lassen die Eckpfeiler von Priskas Biografie für die Lesenden lebendig werden. Vor allem die Zeit der späten 1970er und frühen 1980er Jahre wird beleuchtet.

Gefiltert durch Priskas Gedankenwelt werden Tabuthemen des weiblichen Intimbereichs ganz offen auf den Tisch gelegt. Scheidenflüssigkeit (bzw. ihr Fehlen), Periode, Masturbation, Wechseljahre, Hitzewallungen, Pille und diesbezügliche Trigger-Themen wie Abtreibung, (gewollte) Kinderlosigkeit und Vergewaltigung sind Schlagworte, die auf dem Tablett von Priskas Erinnerungen einen ungezwungenen Tanz tanzen. Die Lesenden hören sie förmlich rufen: Schaut uns an, hier sind wir, uns gibt es auch noch! Auch das Stichwort Bisexualität ist untrennbar mit der Protagonistin verbunden - und auch mit David Bowie, der selbst bi war und dessen Aussage “Was sind wir sexy, alle!” sich leitmotivisch durch den Roman zieht.

Eigentlich vermeide ich die typische Rezi-Phrase “das liest sich flüssig”. Aber jetzt muss ich sie mal wieder aus der Mottenkiste oder dem Phrasenschwein hervorholen, denn ich kann das Lesegefühl tatsächlich nicht anders beschreiben. Hier stockt nichts, alles ist im Flow, wie bei einem guten Musikstück, von denen viele im Roman zitiert werden. Die Prosa von Schibli gibt einen gewissen Takt vor und wir als Lesende freuen uns, wenn wir den Refrain wiedererkennen. Es ist eine emotionale und interessante Reise und es macht Freude, am wechselhaften Leben der Hauptfigur Priska teilzuhaben - sowohl an ihrem gegenwärtigen mit dem Möchtegern-Dandy Bengt, als auch an ihrer bewegten Vergangenheit mit der Revoluzzerin Gina. Gina ist eine überaus spannende Frauenfigur, die den Feminismus in Reinkultur verkörpert. Dass sie dennoch enigmatisch und vielschichtig bleibt und nicht zur eindimensionalen Chiffre verkommt, ist der gekonnten Charakterisierung der Autorin zu verdanken. Die Protagonistin Priska selbst ist ohnehin sehr facettenreich und das übergeordnete Thema mit dem Hörverlust und dem Implantat ist keines, über das man in jedem zweiten Roman etwas lesen würde.

Ich bin ehrlich: Mit der Schweizer Geschichte kenne ich mich so gut wie gar nicht aus. Dass es so eine Art “Stasi” gab und eben diese Fichen-Affäre, die im Jahr 2010 nochmal ein Revival erlebte, war mir völlig unbekannt. Barbara Schibli schafft es wunderbar, die historischen Zusammenhänge auch für Unkundige transparent zu machen und zwar ohne dass es je dröge oder langatmig wird.

Dies ist ein Buch über weibliche Selbstbestimmung/Feminismus, versehrte Körper und einen wachen Geist, der zurückblickt auf ein Leben - voller Fülle und Musik, Liebe und Schmerz - in dem Wissen, dass da trotzdem und hoffentlich noch ganz viel Zukunft ist. Beeindruckend. 

Herzlichen Dank an den Dörlemann Verlag und Barbara Schibli für das Rezensionsexemplar!


Dienstag, 10. Dezember 2024

"Muskeln aus Plastik" von Selma Kay Matter

Worte finden für den Schmerz 

“Ich hätte lieber Schmerzen gehabt, die positive Aufmerksamkeit brachten; einen Knochenbruch, eine Platzwunde; stattdessen wurde ich früh mit den Stigmata langsamer Erkrankungen versehen; Neurodermitis, Depression, Migräne, Allergien.” (S. 99)

Wenn ein junger Mensch von einer nach außen nicht sichtbaren, chronischen Krankheit betroffen ist, dann wohnt dieser Tatsache eine besondere Tragik inne, die abgekoppelt existiert von der allgemeinen Tragik, die jede schwere Krankheit mit sich bringt. Selma Kay Matter (1998 geboren), Autor*in von “Muskeln aus Plastik”, ist von vielen solcher Krankheiten betroffen, die deren Leben bestimmen. Matter ist seit Kindheit chronisch krank, das Buch beginnt als dey nach einer Corona-Erkrankung auf das "Fatigue-Syndrom" und/oder auf Long Covid untersucht wird.

“Muskeln aus Plastik” ist ein hoch intellektueller Text, gespickt mit Zitaten und Querverweisen, voller Fußnoten, Quellenangaben und spezieller Begrifflichkeiten, von denen ich viele erstmal nachschlagen musste. Die Kapitel haben unterschiedliche Schwerpunkte, manche sind surreal, manche sehr intellektuell-wissenschaftlich, oft erkennt man in den dialogisch geprägten Abschnitten deren Profession als Dramatiker*in. Der autobiografische Fokus: Das Aufwachsen in privilegierten Verhältnissen in der Schweiz, die Weiterentwicklung hin zu einem unabhängigen Leben in Berlin, das Bedürfnis nach Care und körperlicher Zuwendung, Transidentität. Ist es ein autofiktional-literarisches Sachbuch?

Vielleicht am ehesten. Der Text inspiriert jedenfalls, er animiert mich dazu, weiter zu denken: Der Körper als Gefängnis, Schillers Aussage: “Es ist der Geist, der sich den Körper baut.” Dey setzt sich zum Beispiel mit dem Wesen des Schmerzes auseinander: "Alles ist im Verhältnis zum Schmerz” (S. 93). Selma Kay Matter macht sich komplett nackt vor uns Lesenden. Dey verhüllt sich selbst nicht, indem dey sich in eine literarische Persona zurückzieht und lediglich den Anschein eines autofiktionalen Einflusses geltend macht. Nein, dieses Buch ist - so nennt dey es in den Fußnoten - kein Roman, sondern ein “Essay”. Ich würde sagen, es ist ein experimenteller schriftstellender Versuch, sich die eigene Krankheit, die deren ganzes Wesen bestimmt, komplett zu erklären. Dey sagt zum Beispiel: “Seit ich Schmerz empfinde, sehne ich mich nach einer Sprache dafür.” (S. 94) Matter schreibt über die Einsamkeit des Schmerzes, über die Dramen, die sich im eigenen Inneren einer kranken Person abspielen. Dey schreibt über den Wunsch, sich mitzuteilen und die Unmöglichkeit, dies jemals komplett zu erreichen. Schmerzempfinden ist sprachlos. Und dennoch ist das vorliegende Buch ein Versuch, den Schmerz zu teilen, ihn sichtbar zu machen. Auch ist es eine Möglichkeit der Verweigerung des eigenen Daseins in der Schriftlichkeit, schließlich hadert Selma Kay an mehreren Stellen im Buch mit der eigenen Vergänglichkeit: “Vielleicht ist das auch, warum ich schreibe: um das Geschehen zu zwingen, bleibende Spuren zu hinterlassen, anstatt spurlos in der Ewigkeit zu verschwinden.” (S. 51)

Natürlich sind Geschlechtsidentität und Sexualität auch immer auf den Körper bezogen und wichtige Themen in “Muskeln aus Plastik”. Matter bezeichnet sich selbst als “nicht binäre trans* Person” (S. 202) und wir dürfen dey etwas auf deren körperlicher Transformation begleiten. Auch deren trans*Freund*innen Aron und Ilay lernen wir kennen und die warmherzige Solidarität, die zwischen diesen Menschen herrscht. Das Konzept von “Care-Arbeit” und überhaupt Care als existenziell bedeutsamer Faktor, der gesucht und so selten in seiner Vollkommenheit gefunden wird, von denen, die der Care bedürfen.

Das Buch hat einen großen Mehrwert und die lesende Person geht mit Sicherheit klüger raus als am Anfang. Ein philosophisches Buch mit schweren Themen, das dennoch eine gewisse Leichtigkeit ausstrahlt. Eine Empfehlung für alle, die sich mit der Dichotomie von Krankheit und Gesundheit sowie dem Wesen des Schmerzes näher auseinandersetzen möchten.

Herzlichen Dank an den Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar!



Donnerstag, 5. Dezember 2024

"Alles dazwischen, darüber hinaus" von Maë Schwinghammer

Traurigschöne Reise zu sich selbst

“Mit jedem Foto, jeder Erinnerung, jeder Urkunde und Anekdote, die ich übereinanderlege, wirkt das Gesamtbild kongruenter, ich sehe nicht mehr verschwommen. Ich sehe eine Version der Geschichte vor mir, ich erzähle sie, und was erzählbar ist, erzählbar wird, ist weniger furchteinflößend.” (S. 213)

Autofiktionale Literatur von Transmenschen und/oder nicht binären Personen zu lesen, ist etwas ganz Besonderes. Für die, die selbst trans und/oder nicht binär sind, sind diese Texte die Möglichkeit, sich mit einem ähnlichen Schicksal zu identifizieren, sich verstanden und durch die Worte anderer geborgen zu fühlen. Für Cis-Menschen sind sie aber nicht weniger wertvoll. Auch wir, die wir uns - mehr oder weniger - mit unserem Geburtsgeschlecht identifizieren, können von ihnen profitieren. Es ist unglaublich, welch erzählerisches Potenzial in Geschichten über Menschen steckt, die nicht der binären Norm entsprechen. Deswegen lese ich sie so gerne. Wir lernen durch solche Texte besser zu verstehen, dass es eben mehr gibt als “er” und “sie” und die Welt alles andere als schwarzweiß ist. Die Welt ist bunt und das vermittelt uns auch Maë Schwinghammer (they/sie/ihr/keine) in deren (ich entschuldige mich, wenn ich das mit den Pronomen noch nicht zu hundertprozentig hinbekomme) Debütroman.

Mit “Alles dazwischen, darüber hinaus” erzählt Schwinghammer die eigene Lebensgeschichte autofiktional auf sehr eindringliche, oft humorvolle, manchmal traurige und immer erfrischend “andere” Weise.

Das Buch ist eine Aneinanderreihung von autobiographischen Skizzen und kurzen Szenen aus dem Leben eines grenzgängerischen Menschen. Schwinghammer hangelt sich an der eigenen Biografie entlang, bis zu dem Punkt, an dem they eine Selbstbezeichnung gefunden hat: Maë.

Die Welt ist zunächst ein unzugängliches Chaos aus Worten und Zeichen für den 5-jährigen Michael aus Wien-Simmerung, der sich nicht wirklich zurechtfinden kann in dem System, das ihm die Erwachsenen auf dem Silbertablett präsentieren und in das “er” sich gefälligst einfügen soll. Auch wenn die Eltern meist verständnisvoll sind und versuchen, sich mit ihrem Kind auseinandersetzen, fühlt sich dieses unverstanden und fehl am Platz. Mobbing und das immer neue Benennen mit immer anderen Namen machen Michael, wie they ursprünglich hieß, zu schaffen. Wir erleben, wie aus dem Kind ein Jugendlicher wird, der sehr gut in der Schule ist und schließlich ein Erwachsener, der studiert, obwohl die Familie der Arbeiterklasse entstammt. Die Auseinandersetzung mit der eigenen, fluiden Sexualität ist ein Experiment, an dem für Schwinghammer 2019 die Erkenntnis steht: nicht binär. Eine Bezeichnung, die relativ neu in den Sprachgebrauch gekommen ist und für so viele den absoluten Befreiungsschlag bedeutet. 

Mich hat die Lektüre sehr berührt und obwohl ich 11 Jahre älter bin als Maë, konnte ich viele “Millienial-Struggles” und Versatzstücke der Generation Y wiedererkennen (peinlicher CD-Kauf bei den Elektro-Läden, die immer einen Weltall-Namen haben, Gameboy, negative Erfahrungen im Skilager, etc. pp.). Maë Schwinghammer schafft es, mit einer schnörkellosen, zugänglichen Sprache eine Tiefe in der Bedeutung zu erzeugen, die mir sehr gefallen hat. Trotz aller Ernsthaftigkeit musste ich immer wieder schmunzeln über die authentischen Situationen, die hier beschrieben werden. Manchmal hat mich die Lektüre etwas an “Ein schönes Ausländerkind” von Toxische Pommes erinnert. Denn auch die Hauptfigur in “Alles dazwischen, darüber hinaus” ist Österreicher*in mit Migrationshintergrund, in diesem Fall einem serbischen. Fast schon tragikomisch fand ich die Figur des Vaters, der sich immer wieder in die Welt des Verkaufs zurückkämpfen will, und auch die Mutter hat eine berührende Geschichte.

“Alles dazwischen, darüber hinaus” ist ein versöhnliches Buch und eine schöne Geschichte. Nicht nur weil sie beschreibt, dass und wie ein Mensch sich selbst gefunden hat, sondern auch weil sie Zeugnis abliefert davon, dass es auch anders geht. Dass familiärer Rückhalt und echte Freund:innenschaft existieren - auch für nicht binäre Menschen und auch jenseits eines bildungsbürgerlichen Elternhauses. Absolut toll und mit übertriebenem Weihnachtsgeschenkpotenzial (man beachte auch die sehr schöne, hochwertige Buchgestaltung) - für alle.

Herzlichen Dank an den Haymon Verlag für das Rezensionsexemplar!

Nähere Infos zum Buch: hier


Mittwoch, 4. Dezember 2024

In eigener Sache...Sonderausgabe DIE ZEIT "Die 100 besten Bücher des Jahres" 2024

Wow, am Sonntag hat mir eine liebe Followerin auf Instagram geschrieben, dass aus meiner Rezension zu Sally Rooneys "Intermezzo" in der Sonderausgabe der ZEIT zitiert wurde. Ich bin nicht leicht aus den Socken zu hauen, aber hierüber habe ich mich riesig gefreut 😍



Sonntag, 1. Dezember 2024

"Über die Berechnung des Rauminhalts I." von Solvej Balle


Und täglich grüßt der 18. November

“Ich wünsche mir eine Welt, in der die Zeit vergeht. Eine Welt, in welcher der achtzehnte November ein Tag wie alle anderen ist, ein Tag, den man zu den Akten legen kann.” (S. 153)

Was ich bei einer Lektüre suche, ist immer das Einzigartige und Besondere, etwas, das kein anderes Buch hat. Und wieder einmal habe ich es gefunden, ein Herzensbuch. Schon vor Längerem habe ich mir “Über die Berechnung des Rauminhalts I” von Solvej Balle (aus dem Dänischen von Peter-Urban Halle, bei Matthes & Seitz Berlin) gekauft, die Lektüre aber noch etwas herausgeschoben. Das hat einen ganz besonderen Grund: Ich wollte warten bis zum 18. November, bis ich damit beginne. Warum? Der 18. November ist der Schicksalstag der Protagonistin aus "Rauminhalt I”, Tara Selter, denn sie ist in einer Zeitschleife gefangen und erlebt den Tag immer und immer wieder. Einer meiner Lieblingsfilme ist “Groundhog Day” bzw. “Und täglich grüßt das Murmeltier”, wo der Meteorologe Phil Connors den 2. Februar immer wieder und wieder erlebt. Den gleichen Tag als repetitive Dauerschleife zu erleben, ist - zumindest für mich - eine faszinierende Horrorvorstellung. Umso gespannter war ich auf eine literarische Bearbeitung des Themas.
Während der Film dieses auf tragikomische Weise umsetzt und vor allem mit Humor arbeitet, zeichnet den Roman ein fast schon heiliger Ernst und eine skandinavisch-schnörkellose Klarheit aus. Eine starke Bildsprache, die die Wiederholung des immer Gleichen auf unvergleichliche Weise einfängt. 

Tara Selter ist wie Phil Connors aus “Groundhog Day” allein in “ihrem” 18. November. Ihr Mann Thomas, der gemeinsam mit Tara mit antiquarischen Büchern handelt - sie wohnen in einem ländlichen französischen Ort in der Nähe von Lille - weiß nichts von der zeitlichen Anomalie, in der seine Frau lebt. Und so leben sie nebeneinander her, Tara bezeichnet sich als Monster und Thomas als Muster. Er lebt den Tag in ihrer Abwesenheit, denn eigentlich ist sie am 18. November geschäftlich in Paris. Als sie aber beschließt, nach Hause zu kommen, erzählt sie ihm alles über den 18. November und die Zeitschleife, was er dann aber am nächsten Morgen, der für Tara nur der Beginn eines weiteren 18.11 (sie werden nummeriert) ist, wieder vergessen hat. Tara beginnt, Thomas aus dem Weg zu gehen, lebt immer wieder in ihren Tag hinein und denkt sich Pläne aus, wie sie ihm wieder entkommen kann.

Ich bin keine Physikerin oder verstehe viel von der Materie, ich kenne mich nicht näher mit zeitlichen Unregelmäßigkeiten, Quantenmechanik und Mehrere-Welten-Theorie aus. Ich bin einfach nur eine Leserin, die fasziniert ist von einem Buch. Ich bin von dieser eindringlichen Prosa fasziniert, die sich mit kleinsten Veränderungen auseinandersetzt, mit Beobachtungen des Wetters und der Landschaft, mit dem Vergehen bzw. dem Nicht-Vergehen der Zeit. Die Reihe macht süchtig und ich hätte am liebsten sofort zu Buch II. gegriffen, wenn ich es denn schon da hätte und wenn nicht andere Bücher auf mich warten würden. Auch bin ich in keiner Zeitschleife gefangen und ich werde definitiv nicht bis zum nächsten 18.11 mit Band II warten. Ich bin so froh, dass die Reihe auf sieben Bände angelegt ist und hoffe sehr, dass sie alle auch von Peter Urban-Halle aus dem Dänischen übersetzt und bei Matthes & Seitz Berlin verlegt werden.

Absolute Leseempfehlung - großartig, einzigartig und von höchster literarischer Qualität.

Donnerstag, 28. November 2024

"Wir finden Mörder" von Richard Osman


Mörderische Schnitzeljagd, mäßig spannend

"Wir finden Mörder” könnte man wohl am besten mit Begriffen aus der Filmwelt beschreiben. Der Roman ist ein Crossover aus Krimikomödie und Actionthriller, gewürzt mit ein bisschen Spionage-Vibes, wobei ein ultratrockener englischer Humor tatsächlich der rote Faden ist, der das Konglomerat zusammenhält. Wer also keine witzigen Krimis mag, der ist bei Osman definitiv fehl am Platz. Ich persönlich kenne seine “Donnerstagmordclub”-Cosy Crime-Romane nicht, dies war meine erste Begegnung mit dem Autor.

Wir begeben uns mit diesem Buch auf eine mörderische Schnitzeljagd rund um den Erdball. Es gab einige Morde an Influencer:innen auf der ganzen Welt, die bei einer mysteriösen britischen Agentur unter Vertrag waren - und auf Protagonistin Amy, ihres Zeichens Bodyguard, hat es ein Auftragskiller abgesehen. 

Die Figurenkonstellation fand ich mit das Beste an dem Buch - also der ehemalige britische Cop Steve Wheeler, der seiner Schwiegertochter Amy bei der Mörderjagd hilft. Im Schlepptau noch eine Ex-Britin und weltberühmte Schriftstellerin namens Rosie d'Antonio, die für den Glamourfaktor zuständig ist. Während Amy als die toughe “Hau-druff-Frau” mit der schrecklichen Kindheit als Protagonistin wenig greifbar bleibt, ist das mit Steve eine andere Geschichte. Er ist mit Abstand der Sympathieträger in “Wir finden Mörder”. Steve hat dem Londoner Trubel seiner Berufszeiten Adieu gesagt und lebt ein beschauliches Leben im idyllischen Dörfchen Astley in Hampshire. Leider ist seine Frau Debbie vor kurzem verstorben, weswegen ihn eine gewisse Melancholie umgibt. Zum Glück gibt es seinen Kater Trouble, das Pubquiz, seine Freunde, kleinere Detetektivjobs - z.B. das Wiederauffinden verlorener Tiere - sowie die täglichen Telefonate mit Amy, die wie sein Sohn Adam in der Welt herumjettet.

Was den Humor betrifft: Ja, typisch britisch und trocken, wie gesagt, teilweise Richtung Slapstick gehend. Die oft absurden Dialoge haben mich manchmal an Agentenfilm-Parodien wie “Pink Panther” erinnert. Ein Beispiel: “‘Du bist nicht zufällig ein Auftragskiller?’ ‘Mit meiner Arthritis?’” (S. 314) Obwohl der Roman in der Jetztzeit spielt (ca. 2023), haben viele Settings einen 60er-oder 80erJahre-Flair, vor allem dank der exzentrischen Schriftstellerin und Grande Dame Rosie di Antonio. Auch kommt man sich aufgrund der schwerreichen und skrupellosen Geldwäscher (ein astreiner Bösewicht) und Multimillionäre sowie der Jagd um den Erdball mit elitären Privatjets, mit einer Prise “Good Old England” als Kontrastprogramm, vor, wie in einem “James Bond”-Film.

Ein großes Problem des Buches ist mal wieder die Länge. Mit 420 Seiten zwar noch gerade so im Rahmen für einen Krimi, wäre nicht die Spannung mit zunehmender Länge auf der Strecke geblieben. Die Anzahl der Kapitel ist mit 101 auch überdurchschnittlich hoch - die Szenerien, Perspektiven und das Personal wechseln rasend schnell. Viele Namen und Decknamen muss man sich hier merken. Ich hätte mir etwas mehr Plot über die Influencer-Szene gewünscht, das wird aber nur anhand einer Person etwas näher beleuchtet. Stattdessen geht es eben viel um Multimillionäre, Geldwäscher und Personenschützer:innen.

Ein Krimi, der ganz okay ist, der sich für mich aber nur aufgrund der liebenswerten Szenerie rund um Steve (ich sage nur Parkbank) zu lesen gelohnt hat. Ich glaube eher nicht, dass ich die Reihe weiterlesen werde.

Herzlichen Dank an Vorablesen und Ullstein für das Rezensionsexemplar!


Dienstag, 26. November 2024

"Wandern bei Nacht" von John Lewis-Stempel

Die Schönheit der Nacht wiederentdecken

“...rings um uns herum hatte die Erde sich aufgetan und silberne Kaninchen hervorgebracht, die ihre Gesichter in Mondtau wuschen. Ich hätte sie berühren können. Der Farn hatte funktioniert. Ich war unsichtbar.” (John Lewis-Stempel “Wandern bei Nacht”, Aus dem Englischen von Sofia Blind, Dumont Verlag, S. 65)

Andere machen Yoga oder meditieren, um sich zu erden und runter zu kommen. Ich lese zu diesem Zweck ganz einfach die Bücher von John Lewis-Stempel, vor allem, wenn ich gerade keine Zeit und Muße habe, selbst in die Natur zu gehen - oder, wenn es Nacht ist. Denn wie Lewis-Stempel sagt: “Nachts sind die normalen Regeln der Natur außer Kraft. [...] Die Tiere rechnen nicht damit, dass wir Menschen im Dunkeln draußen sind; das ist ihre Zeit, und die Welt gehört noch ganz ihnen.” (S. 14) Nur die Wenigsten wagen sich im Dunkel nach draußen, vor allem nicht auf dem Land, wo die wirklich wahre Dunkelheit herrscht. Denn wir modernen Menschen “haben die Nacht verbannt, schon vor langer Zeit.” (S. 16)

Lewis-Stempel nimmt uns mit auf vier Nachtspaziergänge, die er in seiner heimatlichen englischen Grafschaft Herefordshire unternommen hat. Viermal Nachterlebnisse in vier Lebensräumen (Wald, Fluss, Hügel, Feld) zu allen vier Jahreszeiten. Alles in Begleitung seines Hundes Edith, denn: “ein Mann, der nachts alleine herumläuft, wird als Krimineller betrachtet. Es sei denn, er führt seinen Hund aus.” (S. 18) Ich mag den sehr feinen Humor von Lewis-Stempel und ich mag seine wunderschöne Prosa, von der sich manche Literat:innen eine Scheibe abschneiden können. Ich könnte euch jetzt seitenweise Zitate hier einfügen, um dies zu belegen und muss mich sehr zurückhalten, diese Rezension nicht nur aus Zitaten bestehen zu lassen. Habe ich schon die “Nachtnotizen” erwähnt, die sich an die Schilderungen der Spaziergänge anschließen? Eine Art Tagebuch Lewis-Stempels, in dem er die nächtlichen Beobachtungen zur jeweiligen Jahreszeit festhält. Die Begegnungen mit verschiedenen Tieren (Fledermaus, Fuchs, Eule, bellende Rehe, Igel, etc.) und Gedanken zur nächtlichen Fauna und zum Wetter. Der Autor ist auch Landwirt, was im Buch immer wieder eine Rolle spielt. Wir begleiten ihn also durchaus auch, wenn er um fünf Uhr früh aufsteht, um seine Kühe zum Tuberkulosetest von der Weide zu holen. Wer sich also für den Alltag eines Landwirts interessiert, sollte das Buch auch lesen.

“Wandern bei Nacht” ist ein “Wohlfühlsachbuch” zum Schwelgen und Schwärmen. Durch die poetischen Worte des Autors werden wir Zeug*innen ganz wundersamer Naturschauspiele - ob es der “Mondbogen” (ein nächtlicher Regenbogen) im Winter ist, das “Irrlicht”/”Elfenfeuer” im Frühling oder “foxfire”, das Leuchten mancher Pilzarten in der Finsternis einer Herbstnacht. Typisch für das Schreiben Lewis-Stempels ist die Untermalung seiner Prosa mit Auszügen aus Gedichten berühmter Schriftsteller:innen. Das macht das Ganze fast mehr zu einem literarischen Gesamtkunstwerk als zu einem Sachbuch. Aber auch den “Faktenfreund:innen” wird der Autor mehr als gerecht. Neben dem Faktenwissen im Fließtext gibt es ein ausführliches “Glossar für Nachtwanderungen”, ein Quellenverzeichnis und im Epilog interessante Fakten zum Thema “Lichtverschmutzung” - für die Tiere ist diese leider eine zunehmend große Bedrohung. Dass es auch in Deutschland sogenannte “Lichtschutzgebiete” gibt, war mir z.B. völlig neu.

Lewis-Stempel öffnet mit seinen Büchern unseren Blick für die Schönheit und Magie der Natur. Anhand seiner Nachtwanderungen versetzt er uns in eine Welt, die uns modernen Menschen scheinbar verschlossen scheint. Möglicherweise wird die ein oder andere lesende Person nun selbst dazu animiert, auf eine ganz besondere eigene Entdeckungsreise im Dunkeln zu gehen.

Wunderschön, zum “immer-wieder-Lesen” und perfekt als Geschenk geeignet, auch für Menschen, die scheinbar schon alles besitzen. Alle Sterne des Nachthimmels für dieses Buch!

Herzlichen Dank an Dumont für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch: hier




Donnerstag, 21. November 2024

"Umlaufbahnen" von Samantha Harvey


Entzieht sich einer finalen Einordnung 

“Aber es gibt keine neuen Gedanken. Nur alte, die in neue Momente hineingeboren werden - und in diesen Momenten lautet der Gedanke: Ohne die Erde sind wir alle erledigt. Nicht eine Sekunde würden wir ohne ihre Gnade überleben, wir sind Seefahrer auf dunkler, gefährlicher See, ohne unser Schiff würden wir ertrinken.” (S. 19)

“Orbital” (dt. “Umlaufbahnen) hat dieses Jahr den Booker Prize gewonnen. Durch englischsprachige Booktuber hatte ich den Roman bereits seit dem Frühjahr 2024 auf dem Schirm, wobei durchaus gemischte Reaktionen zu verzeichnen waren. Der Gewinn kam auch für Samantha Harvey laut eigener Aussage überraschend, war doch “James” von Percival Everett der am wahrscheinlichsten gehandelte Gewinner. Warum also “Umlaufbahnen” (aus dem Englischen von Julia Wolf bei @dtv)? Ein handlungsarmer, kurzer Roman über vier Astronaut:innen und zwei Kosmonauten auf einer Mondmission, die sich selbst und den “Blauen Planeten" von außen reflektieren. 

Der eingangs zitierte Satz zeigt schon, dass das Buch für zwei Arten von Lesenden nicht geneigt ist: Für solche, die kein prosaisches Pathos und metaphorische Verkünstelungen mögen und für solche, die Action sprich Handlung in einem Roman brauchen, um ihn genießen zu können. Ich bin eine sehr sprachaffine Leserin, weshalb mich Harvey stellenweise überzeugen konnte. Dennoch: Will ich als Lesende dauernd darauf hingewiesen werden, dass das Leben kurz und ein ganz schönes Nichts angesichts der unendlichen Weiten des Alls und der Ewigkeit ist. Hm, nicht unbedingt. Trotz der schönen Prosa und eindrücklichen Sinnbildlichkeit hat mich die Lektüre leider etwas runtergezogen. 

Dazu kommt der problematische politische Aspekt, der einigen Rezensent:innen sauer aufgeschlossen ist, nämlich die Russland-Problematik. Manche unterstellen Harvey Sympathien für das Putin-Regime, weil hier zwei russische Kosmonauten positiv dargestellt werden, die sich nach ihrer Heimat sehen - und die Ukraine mit keinem Wort erwähnt wird. Ja, schwierig - aber muss man Literatur immer politisch deuten, zumal in einem Roman, in dem es um die Menschheit geht, von einem ganz universellen Standpunkt aus? Es ist einfach ein Fakt, dass Russland eine der beiden großen Raumfahrtnationen ist. Gibt es überhaupt noch sowas wie “l'art pour l'art” und darf man nach dem 24.2.2022 als außenstehende Person - Samantha Harvey ist Engländerin - überhaupt noch etwas über russische Menschen schreiben? Im Roman wird der Konflikt zwischen den russischen Kosmonauten und den amerikanischen, japanischen und europäischen Astronaut:innen ad absurdum geführt, weil es zwischen den Raumfahrenden keine Grenzen und politischen Konflikte gibt, sie ihnen aber z.B. durch getrennte Toiletten von den unterschiedlichen Raumfahrtbehörden aufoktroyiert wurden. “Wenn doch Politik wirklich nur Pantomime wäre”, heißt es an einer Stelle im Roman. Ist dies also ein unpolitisches Manifest und völlig absurd, dass manche der Autorin Gegenteiliges unterstellen?

Die Heimatstädte der sechs Raumfahrenden - Seattle, Osaka, London, Bologna, Moskau und St. Petersburg - sind aus dem All betrachtet plötzlich alle in weite Ferne gerückt. Die geografischen Beschreibungen sind kenntnisreich und interessant, fühlen sich aber oftmals nach “erzählendem Sachbuch” an. Sicherlich lernt man einiges über die alltäglichen Vorgänge im Weltall, ansonsten besteht die Handlung lediglich aus den Reflexionen der Autorin und den Gedanken der sechs Personen im All.

Das Buch ist sehr philosophisch und “deep”, wie man heute sagen würde. Die Gedanken über das Gemälde “Las Meninas” von Velàquez, das Shaun von seiner Frau als Postkarte in den Weltraum mitbekommt, haben mir gut gefallen. Ansonsten war mir der philosophische Diskurs “über Gott und die Welt” ein bisschen zu viel aufgetragen, vor allem auf dem engen Raum dieses kurzen Romans. Die Gedanken an die Raumstation an sich und ihre Enge lösten bei mir öfters klaustrophobische Gefühle aus und ich fragte mich das Gleiche, was sich die Zufallsanruferin fragt: Warum das alles? Die Selbstzweifel, die die Weltraumreisenden zuweilen befallen, sind mehr als nachvollziehbar: “Warum solltest du das tun? Versuchen, an einem Ort zu leben, an dem du nie gedeihen kannst?” (S. 83) An manchen Stellen habe ich einen gewissen Nihilismus herausgelesen und Zweifel gegenüber allem menschlichen Streben. Wie hoch ist der Preis, den wir für den immer größeren Wissenserwerb zahlen?

Es ist mir nach der Lektüre unmöglich zu sagen: Dieses Buch ist gut oder schlecht. Ich kann nur sagen, ich habe mich beim Lesen oft überfordert gefühlt und auf unangenehme Weise überwältigt. Für den “Booker Prize” hätte ich es persönlich nicht ausgewählt. Zu viel Pathos und zu viel Negativität. Wenn man Depressionen hat, sollte man nicht zu diesem Buch greifen. Andererseits kann ich auch nachvollziehen, dass viele den Roman feiern. Es könnte durchaus sein dass das Buch angesichts seiner universellen Thematik die seltene Kraft hat, die nur ganz wenige literarische Werke haben: Es kann nach der Lektüre die Sicht der Lesenden auf die Welt verändern - und hier im wortwörtlichen Sinne die Sicht auf den tatsächlichen Planeten Erde. Es kann ein Zusammengehörigkeitsgefühl mit unseren Mitmenschen auslösen, denn es ist an uns und uns allen allein, dass wir diesen blauen Planeten so gut es geht schützen. Kann, muss aber nicht, wie man an meiner Leseerfahrung sieht. Schwierig, schwierig.

Herzlichen Dank an dtv für das Rezensionsexemplar!

Nähere Infos zum Buch: hier

Sonntag, 17. November 2024

"Hot Mess" von Sophie White


Über Freundschaft und Metal Health

“Jenseits der dreißig ist die Chance, als Frau neue Freundinnen zu finden, in etwa so hoch wie die, einem Serienmörder zum Opfer zu fallen.” (Hot Mess, S.199)

Als unsere Eltern so um die dreißig waren - egal welcher Generation sie angehören - waren Freundschaften noch selbstverständlich. Man hatte einfach Freunde - sie gingen zu Hause ein  und aus, man hat stundenlang telefoniert und sich gegenseitig unterstützt, wenn Not am Mann (oder an der Frau) war. Heutzutage sind Freund:innen ein weiterer Punkt auf der schier endlosen Work-Life-Balance-Liste in unseren Köpfen. Freundschaften müssen “gepflegt” werden, nichts ist mehr selbstverständlich, wir müssen Zeit in sie investieren. Wir müssen sie in Whats-App-Gruppen kategorisieren und in unterschiedlichen Lebensbereichen “ablegen” wie in einem Ordner. Wenn wir nicht aktiv etwas für die Freundschaft tun, verläuft sie vielleicht im Sande, man verliert sich aus den Augen. Allein einen gemeinsamen Termin für ein Treffen zu finden, erweist sich im vollgepackten Alltag aller oftmals als schier unlösbare Herausforderung. 

In “Hot Mess”, das im Jahr 2023 in und um Dublin herum spielt (also wieder ein Irland-Roman, ich habe dieses Jahr schon viele gerne gelesen), gibt es drei weibliche Charaktere, die auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Freundschaft kämpfen. Da wäre zum einen Claire, sie ist Nanny und hat den Verdacht, dass sie in ihrer Freudschafts-Bubble ausgegrenzt wird. Liegt es am unterschiedlichen Werdegang bzw. Bildungsstand bzw. doch an etwas ganz anderem? Als ihre Freundin Aifric (die ich anfangs immer mit Aiofe, der Freundin von Joanne verwechselt habe) sich verlobt, spitzt sich die Situation zu. Dann wäre da also Joanne. Sie ist mit Ende 20 die Erste in ihrem Freundeskreis, die ein Baby bekommt. Dumm nur dass ihre Freundinnen nur wenig Verständnis dafür haben und lieber Party machen und Drogen konsumieren. Bei ihr ist das Thema, wie Mutterschaft die Dynamik in Freundschaften verändert. Last but not least ist da noch Lexi. Sie ist eine Celebrity-Influencerin, die mit ihrer besten Freundin Amanda einen Podcast betreibt. Hier stellt sich die Frage, welchen Einfluss Berühmtheit und Geld auf Freundschaften haben. Auch eine sehr interessante Konstellation.

Allgemein wird bei allen drei Protagonistinnen thematisiert, wie sich Freundschaft im Laufe der Zeit verändert und die Frage gestellt, was Freundschaft überhaupt ist und was sie ausmacht. Ist sie nicht oft mehr mit Tragik und Komplikationen behaftet als die romantische Liebe?

Ich muss sagen, das Buch hat mich positiv überrascht. Ich habe es bis zu einem gewissen Punkt richtig gern gelesen. Der Humor war sehr nuanciert und die Situationskomik niemals überladen und sehr treffend. Ich konnte mich mit einigen Problemen der Protagonistinnen sehr identifizieren - ob es die Struggles einer jungen Mutter kurz nach der Entbindung sind (Joanne) oder das Gefühl des Außenseitertums in einem Freundeskreis (Claire). Lexi ist natürlich als Prominente von ihrer Lebenssituation eher elitär, aber auch bei ihr gab es Aspekte, die einem bekannt vorkamen oder die man zumindest nachempfinden konnte. Leider ist der Roman mit fast 600 (568) Seiten aber dann doch viel zu lang gewesen für meinen Geschmack und den Plot, der an manchen Stellen zu sehr gedehnt wurde.

Ich muss jetzt etwas spoilern, um mit der Rezension abschließend nochmal in die Tiefe gehen zu können. Eine der Protagonistinnen in diesem Buch hat eine psychische Erkrankung (Triggerwarnung). Es ist also ein Roman, der die Themen Freundschaft und Mental Health miteinander verbindet. Bei diesem Buch steht die Triggerwarnung erst ganz am Ende, sowohl in einfacher Form, als auch in Form eines sehr persönlichen Briefes der Autorin an ihre Leser:innen. Ich wünschte, ich hätte dies am Anfang gelesen, denn meine älteste Freundin hatte ebenfalls die Erkrankung, die im Roman geschildert wird. Bei ihr ist es leider nicht gut ausgegangen und ich bin so eine Freundin, die nicht helfen konnte. Allerdings wusste ich auch nichts von ihrer Erkrankung. Deswegen ist es so wichtig, darüber zu sprechen. Natürlich wird man die belastenden Gedanken daran nie wirklich los, aber es tut gut, darüber zu reden. Reden ist immer gut. Und wenn man den “Brief an meine Leser:innen” der Autorin gelesen hat, versteht man sehr gut, welche Relevanz das Thema auch für sie hat. 

Fazit: Ein unheimlich wichtiger Roman über Freundschaft und Mental Health, der nur manchmal an leichte “Chick-lit” erinnert. Übersetzt aus dem irischen Englisch von Alexandra Kranefeld. 

Herzlichen Dank an Pola Stories und Bloggerjury für das Rezensionsexemplar!


Montag, 11. November 2024

"Dino Moms" von Naomi Wood


Moderne Mütter in Ausnahmezuständen

Seien wir doch mal ehrlich: Wir Mütter stehen am Ende der gesellschaftlichen Nahrungskette. Was ziemlich paradox ist, denn Mütter sind die Basis der Gesellschaft, wenn sie ausfallen, gerät auch alles andere ins Wanken. Selbiges gilt leider auch für “arbeitende Mütter”, also solche, die neben dem (unbezahlten) Beruf des Erziehens und Betreuens der eigenen Kinder noch einem “richtigen” Beruf nachgehen, also einem, der Geld einbringt. Sie leisten schier Übermenschliches und werden doch oft in ihren beiden Lebensumfeldern als unzureichend wahrgenommen. Von der Arbeit müssen sie oft verschwinden, weil das Kind krank ist, sind nicht Teil der wichtigen Absprachen, wenn sie fehlen und zu Hause in den Krabbelgruppen sagen ihnen die “Besserwissermütter” wie wichtig es ist, rund um die Uhr für sein Kind da zu sein. Und der Haushalt will auch noch gemacht werden, Zeit mit dem Partner/der Partnerin? Oft nicht vorhanden und laut Instamoms und Frauenzeitschriften doch soooo essenziell für eine gesunde Beziehung. Vor allem aber zerbrechen Mütter oft an den hohen Erwartungen, die sie an sich selbst richten.

In “Dino Moms” geht es, wie der Titel schon nahelegt, um Mütter und zwar die Mütter unserer Zeit. Die neun Geschichten, die hier in einem Buch zusammengefasst sind, handeln von verschiedenen jungen Müttern im Großraum London in unterschiedlichen Stadien ihres Mutterseins: Erstschwangere, Mütter mit einem oder mehreren Kindern und Schwangere, die schon mehrere Schwangerschaften und Fehlgeburten (Triggerwarnung!) hinter sich haben. Alle Geschichten spielen ungefähr zur Zeit der Corona-Pandemie, in einer Geschichte (“Flatten the curve”) geht es explizit um die Zeit des Lockdowns im Jahr 2020. Mit dieser Geschichte konnte ich mich am meisten identifizieren, einfach weil wir alle im selben Boot saßen und die gleichen Probleme hatten. Es war eine surreale, besondere Zeit und ich freue mich, dass ich sie in den letzten Jahren öfter literarisch verarbeitet finde.

Die Geschichten ähneln sich alle, aber nicht nur aufgrund des übergeordneten Themas Mutterschaft und “female rage”. Die meisten hier beschriebenen Frauen stehen an einem Wendepunkt ihres Lebens oder sind mit außergewöhnlichen Ereignissen konfrontiert. Wie die Horrorfilmregisseurin, der aufgrund ihrer eigenen Schwangerschaft ihre Muse abhanden kommt (sie wechselt zu einem männlichen Regisseur). Oder die Frau, deren Exfreund und Vater ihres Kindes - er hat sie verlassen als die Tochter 4 Monate alt war - nun eine andere heiratet und die “Neue” möchte nun die Tochter des Paares als Brautjungfer haben.

In der ersten Geschichte “Leseley in Therapie”, die ich für eine der stärksten halte, geht es um die eingangs beschriebene Zerrissenheit der Mütter angesichts des gesellschaftlichen Diktats, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen. Lesley kehrt nach der Elternzeit als Game-Designerin zurück in den Job und muss feststellen, dass sie dort nicht mehr gebraucht wird, während ihr Baby jedes Mal weint, wenn es in die Betreuungseinrichtung gebracht wird. Lesley trifft beim Wiedereinstiegsprogramm der Firma auf ihre ehemals befreundete Arbeitskollegin Irina, die sowohl im Job als auch als Mutter brilliert. Das zieht Selbstzweifel nach sich, wie sie jede “Working Mom" bestens kennen dürfte.

Da ist das Paar, das in einer anderen Story nach den beiden Geburten sein Sexleben mit einem “Homevideo” wieder aufpeppen will (obwohl sie ohnehin einmal die Woche Sex haben…), vergleichsweise uninteressant. Bei einigen Stories hat mir die Pointe gefehlt bzw. ich habe sie nicht verstanden. Während ich mich mit manchen Geschichten und den darin geschilderten Problemfeldern identifizieren konnte, wirkten andere fast schon surreal und grotesk auf mich. Vor allem mit der letzten, titelgebenden Geschichte “Dino Moms” konnte ich überhaupt nichts anfangen. Mütter und ihre Töchter auf einer Dino Farm in einer “Scripted-Reality-Fernsehshow” aber die Dinos sind echt - häh?

Es gab in manchen Stories Passagen, die fand ich richtig gut, aber meist sind die Geschichten an mir vorbeigezogen, ohne einen Aha-Moment in meinem Kopf zu hinterlassen. Natürlich kann bei neun Kurzgeschichten nicht jede gleich gut sein. Dafür sind sie dann in ihrer Zusammensetzung zu heterogen. Ich fand es schade, dass es keine zusammenhängenden Geschichten waren, also dass zum Beispiel am Ende alle Mütter, die in den einzelnen Geschichten vorkommen, aufeinandertreffen. 

Fazit: Alles in allem eine gute Short-Story-Collection, der ein roter Faden abseits des übergeordneten Themas gut zu Gesicht gestanden hätte. Warum das Buch als “Roman” bezeichnet wird, erschließt sich mir nicht. Aus dem Englischen übersetzt von Gesine Schröder.

Herzlichen Dank an Nagel und Kimche / Harper Collins Germany für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch: hier


Mittwoch, 6. November 2024

"Iowa" von Stefanie Sargnagel


[Disclaimer: Ich habe diese Rezension bereits am Abend des 5.11.2024 auf Instagram gepostet]

Ich hoffe “Iowa” ist die letzte Rezension, die ich schreibe, in einer Welt, in der noch nie eine Frau das mächtigste Land der Welt regiert hat bzw. erstmal bald für viele Jahre regiert. Und in einer Welt, in der ca. 47% der Amerikaner:innen in Erwägung ziehen, “Nr. 45” (seinen Namen möchte ich gar nicht mehr nennen) eine zweite Amtszeit im weißen Haus zu geben. Amerika ist eine “divided Nation”, wie viele Beobachter:innen es ausdrücken. 

In dieses geteilte Land, in dem Unmut und Aufbruchsstimmung zugleich herrschen, sind im Jahr 2022 die Wiener Autorin/Künstlerin Stefanie Sargnagel und die Berliner Singer-Songwriterin/Autorin Christiane Rösinger gereist, Erstere um an einem kleinen College (Grinnell) einen Workshop über das kreative Schreiben zu geben. Rösinger als Sargnagels Begleitung und um dort ein bisschen zu performen.

“Iowa” ist 2024 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet. Während sich eine andere Autorin der erfolgreichen Belletristik gefragt hat, warum sie dort nicht gelandet ist, wird sich Stefanie Sargnagel insgeheim, das behaupte ich jetzt mal weil ich es stark vermute, gefragt haben, warum ihr autofiktionaler Reisebericht dort auftaucht. Ich mache das auch, denn das Buch - Roman möchte ich es gar nicht nennen - hat in meinen Augen keinerlei literarische Relevanz. Als humorvoller Reisebericht kann es - da Humor Geschmackssache ist - gerade noch so durchgehen. Wie es sich aber gegen Bücher von hoher literarischer Qualität durchsetzen konnte, die nicht auf der Longlist gelandet sind, ist mir ein Rätsel.

Wenn es denn wirklich ein tiefer Einblick in die Seele Amerikas anhand des Beispiels von Iowa gewesen wäre. Es geht aber leider mehr um die beiden Reisenden als um Land und Leute, obwohl die zwischendurch natürlich auch schon mal vorkommen. Der Schlagabtausch zwischen Stefanie und Christiane - Millenial vs. Boomerin - ist zwar anfangs ganz nett, da sich die Themen (Altern/Ageism, Süchte, Essen, Berlin/Wien, die Vergangenheit und jeweilige ausgeprägte Persönlichkeit der beiden Freundinnen, Feminismus, Körpergewicht, Kinderwunsch/Mutterschaft, Künstlermilieu/Künstlerinnendasein, selten Amerika) aber ständig wiederholen, ziehen sich die endlosen Dialoge der beiden wie Kaugummi, den man nicht unter der Tischplatte rausbekommt, obwohl man kratzt und gleichzeitig zieht. So Sätze wie: “Der Speichelfluss ist angeregt” (S. 205), wenn beschrieben wird, wie sie eine Pizza aufteilen, lassen mich innerlich tatsächlich aufschreien. Sargnagel ist starke Raucherin und greift dauernd zum Glimmstängel, obwohl es auf dem Campus Gelände verboten ist: “Aus Trotz gegen die Schwingungen, die ich wahrnehme, rauche ich noch mehr, schmiere den Teer auf die Poren, rauche mir die Finger gelb [...] Am liebsten würde ich die Marlboro direkt in den Hummus stecken.” (S. 241) Hier wird suggeriert, dass es cool und subversiv wäre, zu rauchen. Auch eine Eigenschaft, die man vielleicht im Buch aus Jugendschutzgründen hätte unterschlagen können. Schließlich ist es keine 1:1-Wiedergabe des Iowa-Aufenthalts, sondern fiktional bearbeitet. Auch die Tatsache, dass Christiane Rösinger in Geschäften Sachen mitgehen lässt, macht sie für mich jetzt nicht grundsympathisch. Das Klauen wird hier ebenfalls als cool dargestellt. Ich bin wahrscheinlich kein Moralapostel, aber ob das wirklich sein muss weiß ich echt nicht.

Die “korrigierenden Fußnoten” von Rösinger sollen witzig rüberkommen, sind aber einfach nur ein weiteres Ärgernis, das den ohnehin schon zähen Lesefluss unterbricht. Und dann immer wieder der “Running Gag", dass Sargnagel behauptet, Rösinger würde sich einen “kleinen Hund” wünschen, obwohl sie in den Fußnoten ständig “kleine-Hunde-Bashing” betreibt, als wäre es 2003. Ja, wir haben es verstanden: kleine Hunde sind keine echten Hunde, sehen aus wie Ratten und sie würde sich höchstens auf einen “halbhohen” einigen können. Nicht.

Was ich noch anmerken möchte: Auch wenn die Autorin Triggerwarnungen erwähnt, bei ihrem eigenen Buch kann ich keine finden, obwohl sie kaum ein unangehmes Thema unangetastet lässt, oft in Form von Nacherzählungen von Pressemeldungen (“Zeitungsberichte werden um die Welt gehen über…” S. 268) und was ihr ein Typ im Darknet alles Traumatisierendes gezeigt hat. 

Sollte die Autorin das jetzt zufällig lesen und über mich denken “dumme Trutschn" oder so, dann sag ich jetzt schon mal sorry: Ich muss “leider” meine ehrliche Meinung sagen, weil sonst glauben mir die Leute nichts mehr. Aber hey, die Deutsche-Buchpreis-Jury fand das Buch supi, Sargnagel wird mit Thomas Bernhard verglichen (ich hör ihn sich schon umdrehen) und ihr Humor wird von “titel, thesen, temperamente” als “mit nichts zu vergleichen” bezeichnet… Ich muss wohl keine Ahnung haben. Also lass ich es jetzt lieber mal darauf beruhen.



Sonntag, 3. November 2024

"Übung" von Rosalind Brown


Großartiger Roman im Stil von Virginia Woolf

“Dann ist es geschafft, sie sitzt mit auf den Knien verschränkten Armen da und lässt den Kopf hängen. Hinter ihr schwimmt ein Haufen Scheibe in der Toilettenschüssel, und dem Geruch nach zu urteilen, befindet er sich nur teilweise unter Wasser. Sie dreht sich langsam um, wirft einen Blick auf die braunen Exkremente und macht sich an den mühsamen Prozess des Wischens.” (Rosalind Brown: “Übung”. Aus dem Englischen von Eva Bonné, Blessing Verlag, S. 200)

Das von mir ausgewählte Zitat drückt, so mein Empfinden, sehr gut den Grundtenor des Romans "Übung” aus. Dass hier beschrieben wird, wie der Darm der Protagonistin entleert wird, ist etwas Besonderes. Die schmutzigsten Sexszenen finden sich zwar in der aktuellen Literatur zu Hauf, aber die Beschreibung der nicht so schönen alltäglichen körperlichen Vorgänge muss man - vor allem in der Belletristik - mit der Lupe suchen. Das Spiel zwischen dem Höchsten und Edelsten, was der Mensch zu vollbringen mag - nämlich Kunst, hier am Beispiel von Shakespeares Sonetten - und dem Niedrigsten - körperlichen Ausscheidungen - wird hier so raffiniert ausgeführt, wie ich es selten anderswo gelesen habe.

Die Handlung des Romans spielt sich an nur einem Tag im späten Januar des Jahres 2009 im frostigen Oxford ab. Die Protagonistin, von der in der dritten Person gesprochen wird, “sie” also, heißt Annabel, ist 21 Jahre alt und studiert Englische Literaturwissenschaft auf Bachelor an der altehrwürdigen Alma Mater. Ihre Aufgabe ist es, bis zum morgigen Montag ein Essay über Shakespeares Sonette zu schreiben. Doch Annabel “prokrastiniert”: Während sie eine wissenschaftliche Abhandlung über die Sonette schreiben soll, macht sie alles andere. Die Sonette sind nur ein Denkanstoß, der sie über sich selbst, ihre Liebesbeziehung zu einem 15 Jahre älteren Arzt sowie vergangene Beziehungen und das Leben im Allgemeinen und Besonderen nachdenken lässt. “Übung” ist somit ein reflexiver Roman, die äußere Handlung besteht lediglich aus den Verrichtungen und den wenigen kurzen Begegnungen der Protagonistin an diesem einen Tag in ihrem Leben.  

Die Protagonistin reflektiert die prosaischen Umstände der Entstehung von Shakespeares Sonetten. Shakespeare, der unter Geldnot und vielleicht mit Hangover in einer schmutzigen Londoner Absteige Literatur am Fließband produzieren musste. Gleichzeitig sinniert sie über die elementarsten Dinge des Lebens nach. Zum Beispiel - es wurde eingangs bereits erwähnt - Körperfunktionen. Während sie auf der Toilette sitzt, denkt sie darüber nach, welchen genauen Weg ihr Urin nimmt. Oder dass sie immer zur gleichen Tageszeit, nämlich nach dem Abendessen im Gemeinschaftssaal, ihren Darm entleeren muss. Sie denkt auch über Sex nach. Sie führt eine lockere Fernbeziehung mit eben jenem 36-jährigen Arzt, die sich noch in der Anfangsphase des gegenseitigen Verzehrens nacheinander befindet. Liebessprache - ist die von Shakespeares lyrischem Ich gegenüber der “darky Lady” und dem “fair boy” so anders als die von Annabel gegenüber ihrem Arzt-Lover am Telefon oder per SMS? Auch Autoerotik bzw. Selbstbefriedigung ist ein Thema, das in einer ausführlichen Masturbationsszene ausgeführt wird.

Es geht aber nicht nur um den Körper, sondern eben auch um den Geist, den Kopf, das Denken. Das “Wie” von Autorschaft - Wie kommen Texte zustande, diese Frage stellt sich: der Text. Autofiktion, Selbstreferentialität, Metafiktion? Alles das. Sowohl der Primärtext als auch der Sekundärtext, den die Protagonistin zu schreiben versucht, haben einen Entstehungsprozess. Und dieser wird immer wieder von der Studentin reflektiert und Rückschlüsse auf das eigene Schreiben gezogen. Schließlich wird die Protagonistin selbst zur Autorin. Es entspinnt sich in ihrem Kopf eine homosexuelle Liebesgeschichte zwischen einem “GELEHRTEN” und einem “VERFÜHRER”, die beide eigentlich “sie sind” (S. 174). Das ist der vielleicht philosophischste Teil des Romans.

Der Roman ist auch eine Verbeugung vor dem Genie Shakespeares, das so übermächtig und groß ist, dass eine schriftliche Annäherung und Deutung ja Zerpflückung seiner Werke vermessen erscheint. Auch Virginia Woolf - so wird es im Nachwort zitiert - war einmal der Meinung dass angesichts von Shakespeares Genie alles weitere Schreiben redundant wäre.
Annabel hat im Sommer, bevor die Handlung beginnt, Virginia Woolf für sich entdeckt und ist von ihrem Schreiben und ihrer Biographie absolut fasziniert. Der Roman “Übung” ist dementsprechend nach dem Vorbild von Virginia Woolfs experimentellen modernistischen Romanen konzipiert. Man denke nur an “Mrs. Dalloway”, ein Roman, der auch an nur einem Tag spielt und mit wenig äußerer Handlung vor allen die Gedanken der Protagonistin beleuchtet.

In “Übung” geht es auch an manchen Stellen um die kleinen Tragödien des Lebens, die einem angesichts der großen Tragödien nichts anhaben sollten. Und dennoch: Welch großer Schmerz steckt in dem abgebrochenen Henkel des Lieblingsbechers, den man fortan nicht mehr richtig wird benutzen können. Kleine Abschiede, die wir mit uns selbst ausmachen, weil sie zu unwichtig und lächerlich wären für die anderen. Zudem: Die kleinen, feinen Nuancen, die unsere Stimmungen in die eine oder andere Richtung ausschlagen lassen - unser seismografisches Selbst.

Es zeugt von großer schriftstellerischer Könnerschaft, das Kleinste und das Allerkleinste, das Alltägliche und das Banale literarisch so auszuarbeiten, dass es unser Interesse weckt, dass wir nicht einknicken vor dem Prosaischen, sondern es wie eine spannende Handlung verfolgen. Dass man sich beim Lesen tatsächlich oft ertappt und zuweilen sogar wie ein/e Voyeuer/in fühlt, das ist wirklich bravourös gemacht. Ich ziehe den Hut vor Rosalind Brown und der meisterhaften Übersetzung von Eva Bonné - 5 Sterne!

Herzlichen Dank an Team Bloggerportal und Blessing Verlag für das Rezensionsexemplar!

Mittwoch, 30. Oktober 2024

"Tage einer Hexe" von Genoveva Dimova

Schmutzige Tage und schaurige Nächte

“Sie ging zum Fenster. Die Vorhänge waren zurückgezogen und gaben den Blick auf die verschneite Straße frei. Auf dem Dach gegenüber glitzerte etwas. Der Schatten einer großen Frau duckte sich hinter den nächstbesten Schornstein. Nur der Rauch ihrer Pfeife kräuselte sich noch erkennbar im Wind.” (Genoveva Dimova: Tage einer Hexe. Aus dem Englischen von Wieland Freund und Andrea Wandel, Klett-Cotta, S. 386)

Die Handlung spielt in einer fiktiven Version eines slawischen Landes (die Autorin wurde in Bulgarien geboren) während der zwölf “Schmutzigen Tage”, beginnend in der Silvesternacht, die den Start dieser Tage im Roman markiert. Bei uns gibt es ja die Raunächte, die von Weihnachten bzw. in der heidnischen Tradition von der Wintersonnenwende bis ca. zum 6. Januar andauern. Beide Zeiten haben gemeinsam, dass man ihnen nachsagt, der “Schleier zwischen den Welten” würde dünner werden und Magie in der Luft liegen. In Chernograd, einem ummauerten Ort, der aus Schwarzweiß-Tönen, Rauch, Traurigkeit und Magie zu bestehen scheint, treiben während der "Schmutzigen Tage” waschechte Monster und Geister ihr Unwesen: Upire, Karakonjule, Ruba, Rusalken, Samodiven, Varkolaks… Um die Stadt vor diesen Monstern zu beschützen, braucht es Magie und die wird dort von Hexen ausgeübt. Bzw. die Hexen versorgen die “normalen” Chernograder*innen mit Amuletten, Talismanen, Zaubertränken und anderen magischen Artefakten zur Verteidigung gegen die bösen Kreaturen.

Unsere Protagonistin Kosara Popova aus Chernograd ist eine Feuerhexe. Aber dummerweise verzockt sie ihren Schatten in der Neujahrsnacht an einen Fremden, weil er sie vor dem Zmey, dem Zar der Monster, beschützen soll. Welche Vorgeschichte Kosara mit dem Zmey hat, erfahren wir erst nach und nach. Der Fremde teleportiert Kosara nach Belograd, die Stadt auf der anderen Seite der Mauer, in der alles anders und vor allem positiver ist als in Chernograd. Wie es Roxana, eine andere Hexe aus Chernograd formuliert: “Alles ist so neu und aufgeräumt und sauber. Und die Leute sind so nett. Das ist irgendwie unheimlich. Warum lächeln sie die ganze Zeit? Was ist so verdammt lustig? Was haben sie zu verbergen?” (S. 68) Der erste Teil des Buches besteht aus dem Spiel mit der dichotomen Topographie der beiden Städte: Chernograd vs. Belograd. Aber obwohl Belograd so viel angenehmer und bunter ist als Chernograd, weiß Kosara, wo sie hingehört und vor allem, dass sie als Hexe ohne Schatten nicht überleben kann…

Der Plot dieses Fantasy-Romans, der den ersten von bislang zwei Teilen markiert, ist actionreich und spannend. Wir fiebern mit Kosara mit, wie sie versucht, den Zmey zu besiegen und ihre Magie zurückzuerobern. Dabei treffen wir nicht nur die blutrünstigen Monster und Geister, sondern auch allerlei schräge menschliche Gestalten an. Wir hängen auch das ein oder andere Mal auf dem Friedhof ab, denn viele der Monster sind nichts anderes als Zombies. Bei allem Gruselfaktor, der hier zum Tragen kommt: Ein bisschen “Romantasy” ist auch dabei, denn in Belograd lernt Kosara den schmucken Bullen Able kennen, wobei es der ansonsten einsamen (mal vom Geist ihrer Schwester abgesehen) Feuerhexe etwas wärmer ums Herz wird. Das alles ist gewürzt mit einer ordentlichen Portion Humor und Augenzwinkern. 

Besonders hervorheben möchte ich die wirklich beeindruckend “herbeigeschriebene” winterliche Atmosphäre, die dieser Roman von der ersten Zeile an ausstrahlt. Man möchte sich als Leser*in sofort mit einer Decke und einem Punsch/Tee einkuscheln und noch tiefer in die fantastisch-magische Welt eintauchen, die Genoveva Dimova sich ausgedacht hat.

Wer actionreiche Fantasy-Geschichten mag, die etwas gruselig sind und dabei oft ins Skurrile und Groteske gehen, eine tolle winterliche Atmosphäre aufweisen und eine starke, etwas “andere” (weibliche) Protagonistin haben, die auch dem ein oder anderen Love Interest nicht abgeneigt ist, der ist mit “Tage einer Hexe” an genau der richtigen Adresse. Zum absoluten Mega-Highlight hat es bei zwar nicht gereicht, aber es ist ein sehr unterhaltsamer Fantasy-Roman, der mit Sicherheit viele begeisterte Leser*innen finden wird.

Herzlichen Dank an Hobbitpresse/Klett-Cotta und vorablesen für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch gibt es: hier


Sonntag, 27. Oktober 2024

"Das Comeback" von Ella Berman


Wichtiges Thema langatmig umgesetzt 

Namen möchte ich jetzt keine nennen - das würde zu weit führen - aber in den letzten Jahren ist einiges ans Licht gekommen, was den Machtmissbrauch in den darstellenden Künsten, aber auch in anderen Branchen, betrifft. Meist junge Frauen, Männer und sogar Minderjährige, die - in den allermeisten Fällen - von männlichen Vorgesetzten unterdrückt, ausgebeutet, sexualisiert und teilweise sogar missbraucht wurden - wir alle haben dazu konkrete Beispiele im Kopf und den Hashtag #Metoo, der traurige Berühmtheit erlangte. Dabei liegt es sehr nahe, solche Geschichten zu fiktionalisieren, um ihnen eine Allgemeingültigkeit zu verleihen und den Betroffenen zu einer Identifikationsmöglichkeit zu verhelfen, die vielleicht dazu anregt, die eigene Geschichte ebenfalls zu erzählen.

Die Autorin Ella Berman hat sich in ihrem Erstlingswerk “The Comeback” (2020) dieses kontroversen und doch so wichtigen gesellschaftlichen Themas angenommen. Sie hat das Buch bereits 2017 geschrieben, in den Folgejahren kamen immer mehr Missbrauchsgeschichten aus dem Showbusiness ans Licht, die Autorin hat sich aber dazu entschieden, ihre Geschichte nicht zu verändern. 2024 wurde das Buch für den neu gegründeten Verlag Pola Stories, ein Unterverlag von Bastei Lübbe, von Elina Baumbach in Deutsche übersetzt.

Es geht um die 22-jährige Grace Turner (eigentlich Grace Hyde), die in ihrer Heimat England als 13-jährige für einen Hollywoodfilm gecastet wurde und im Zuge dessen mit ihrer Familie (Vater, Mutter und 8 Jahre jüngerer Schwester) nach Los Angeles zog. Sie erlebt eine Karriere als Kinderstar, verdient Millionen, wird drogensüchtig und alkoholkrank. Mit Anfang 20 verschwindet sie nach einem Zerwürfnis mit ihrem Entdecker Able von der Bildfläche. Was keiner weiß: Able hat sie jahrelang missbraucht und erniedrigt. Die eigentliche Geschichte handelt nun davon, wie sich Grace mit 22 Jahren zurück ins Leben kämpft und einen Comebackversuch startet.

Die Gegenwartshandlung schreitet nur sehr langsam voran, was aber zur festgefahrenen Situation der Protagonistin passt, die im Moment nicht wirklich weiß, wie es mit ihr als Mensch und Schauspielerin weitergehen soll. Häppchenweise bekommen wir die Vergangenheit durch episodenhafte Rückblenden präsentiert. 

Wenn ich Schulnoten für dieses Buch vergeben müsste, könnte ich mich mit mir selbst sehr schnell auf eine Drei minus einigen. Berman hat ein super wichtiges Thema relativ leidenschaftslos und ohne erkennbare größere intellektuelle Anstrengung präsentiert - solide, in Ordnung, aber mehr auch leider nicht. Ja, wir bekommen Einblicke hinter die Kulissen des Filmbusinesses, aber diese sind sehr oberflächlich. Es geht oft um Drogen- und Alkoholkonsum, auch Body Shaming ist ein Thema. Die Protagonistin war mir weder sympathisch noch unsympathisch, sie war einfach nur da wie eine Statistin in einem Kostümfilm. Obwohl wir das Geschehen komplett aus ihrer Sicht verfolgen, ist sie mir einfach keinen Millimeter nahe gekommen. Die Beziehung zur Ehefrau von Able, Emilia, nimmt sehr viel Raum ein, ohne dass ersichtlich wäre, warum. Einzig Dylan als Nebenfigur war mir einigermaßen sympathisch, wobei er schon ein wenig zu “perfekt” war, um wahr zu sein.

Die Leseerfahrung ist immer mein ehrlichstes Jurymitglied, wenn es um die Bewertung eines Romans geht. Und wenn ich immer wieder in Gedanken abschweife, um mein nächstes Buchfoto zu planen oder mir zu überlegen, was ich gleich esse, dann ist das wahrlich kein gutes Zeichen. Das Problem sind vor allem die langweiligen Dialoge zwischen Grace und wechselnden anderen Charakteren, die neben den Rückblenden fast die ganze Handlung ausmachen. Das eigentlich Spannende, nämlich die Konfrontation bzw. das Wiedersehen mit ihrem Peiniger, wird unendlich hinausgezögert. Als es dann gegen Ende des Romans endlich zu einem Aufeinandertreffen kommt, ist dies auch sehr schnell wieder vorbei und zugleich der Auftakt eines sehr theatralischen und unglaubwürdigen Höhepunkts des Romans. 

Sprachlich ist dieses Buch auch nicht das Gelbe vom Ei. Es ist zu einfach gestrickt, um auch nur annähernd literarisch bedeutsam zu sein. Ich habe kein Zitat verwendet für den Einstieg in diese Rezension. Das heißt schlicht und einfach, ich fand keine Aussage, die in diesem Roman gemacht wurde, die ich so bedeutsam oder sprachlich schön fand, dass ich sie mir hätte merken wollen. Die Autorin arbeitet gelegentlich mit dramatisch-pathetischen Sprachbildern, die inmitten der sonstigen Alltagsprosa maximal fehl am Platz wirken. Auch geht vieles ins Melodramatische, so dass der Roman nur knapp an dem vorbeischrammt, was man “Trivialliteratur” nennen würde. In einer Szene denkt Grace über ihre Hochzeit nach: “Während der Trauung hielt ich meinen Brautstrauß so fest umklammert, dass ich mir in den Finger stach und meinen weißen Jumpsuit vollblute.” (S. 57) Come on, der High-End-Blumenstrauß einer Hollywood-Millionärin dürfte erstens keine Dornen enthalten und zweites wird immer ein Band um solche Straße gebunden, damit genau sowas nicht passiert. Solche Bilder zu benutzen ist meines Erachtens billige Effekthascherei, die man eben nur in einfach gestrickten Romanen findet. Die Übersetzung aus dem Englischen erscheint mir stellenweise auch etwas zu nah am Originaltext, was mitunter merkwürdige deutsche Satzkonstruktionen nach sich zieht. Wobei natürlich auch sein kann, dass der englische Text nicht mehr hergibt.

Fazit: Bei Interesse für die Opfer des Machtmissbrauchs in Hollywood macht es sicher mehr Sinn, ausgewählte Artikel der “New York Times” zu diesem Thema zu lesen. Daraus wird man einen größeren Mehrwert ziehen, als aus der Lektüre dieses langatmigen Romans. Allerdings habe ich schon begeisterte Rezensionen gesehen und daher kann das natürlich auch nur meine bescheidene Minderheitenmeinung sein.

Herzlichen Dank an Pola Stories für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch findet ihr: hier

Freitag, 25. Oktober 2024

"Wohnverwandtschaften" von Isabel Bogdan


Ihr neuer “pflegeleichter” Mitbewohner

Viele Menschen werden sich erinnern: Die Realverfilmung von “101 Dalmatiner” spülte nicht nur Millionen in die Kassen des Disney-Konzerns, auch Dalmatiner-Züchter*innen konnten gut davon leben. So ähnlich stelle ich mir den WG-Hype vor, nachdem "Wohnverwandtschaften” von Isabel Bogdan auf der Bestseller-Liste gelandet ist. Und ich meine nicht nur die jungen Menschen, die die traditionellen Anhänger*innen von Wohngemeinschaften sind. Auch die älteren Semester werden der Idee einer Koexistenz mit anderen, ihnen zunächst fremden Menschen plötzlich nicht mehr so abgeneigt sein. Aber nicht nur die Bestsellerlisten sind ein Indikator dafür, dass wir enger zusammenrücken müssen. Der aktuelle Wohnungsmarkt ist härter denn je, zu viel Wohnfläche für wenige Personen ein Klimakiller, der demografische Wandel, all das spricht für das Wohnmodell, das die “Golden Girls” schon im Amerika der 1980er Jahre gelebt haben.

Isabel Bogdan hat aber nicht vier ältere Damen als Figuren für ihren Roman ausgewählt, sondern zwei Frauen und zwei Männer. Dies hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Bogdan ihren Titel “Wohnverwandtschaften” an Goethes “Die Wahlverwandtschaften” angelehnt hat, wo dieselbe Geschlechterkonstellation vorkommt. Anders als bei Goethe sind Constanze und Murat, Anke und Jörg aber keine zwei Pärchen, sondern eine WG. Diese ist entstanden, weil Jörgs Frau Brigitte starb und die große Vierzimmerwohnung in Hamburg Altona wieder richtig bewohnt werden wollte und der Witwer Geld brauchte. Also sind zu dem pensionierten Journalisten Jörg (zu Beginn der Handlung 2022 ist er 78) noch die arbeitslose Schauspielerin Anke (53) und der selbständige It-Berater (Alter unbekannt) Murat sowie zuletzt die Zahnärztin Constanze (Alter unbekannt, aber ca. um die Vierzig) gezogen.

Ich möchte etwas zur Leseerfahrung von  “Wohnverwandtschaften” sagen. Das Buch zu lesen, ist, wie mehrere neue Folgen der Lieblingssendung am Stück zu schauen und sich danach mit einem mit Gemütlichkeit assoziierten Getränk zufrieden in die Sofakissen fallen zu lassen. Ein Wohlfühlbuch, ganz ohne Frage und genau dafür gedacht, den Lesenden schöne Stunden zu bereiten. Wie so ein Herbst/Winter-Gericht, wie heißt das noch, ach ja: Soulfood. Es geht auch ganz oft um das gemeinsame Essen in diesem Roman, denn Murat kocht sehr gut und baut sein eigenes Gemüse in seinem Schrebergarten (Laube heißt das glaube ich im Hamburger Raum) an. Das Rezept auf Seite 117 klang so köstlich, dass ich es sofort ausprobieren musste, denn: “...mit Birnen im Essen macht man nie was falsch.” Also ihr merkt schon: Alles sehr cosy, wobei die Handlung an sich eher traurig ist: Constanze und Murat hadern mit ihrer Vergangenheit; Jörg mit allen Zeitformen, denn diese verschwimmen immer mehr durch seine zunehmende Demenz. Anke hadert vor allem mit der Zukunft, in der sie als alternde Schauspielerin keine Jobs mehr zu bekommen scheint. Aber: sie haben alle einander und darum geht es - Einsamkeit gegen Gemeinsamkeit einzutauschen.

Inhaltlich hätte ich mir gewünscht - und auch ein bisschen erwartet - dass es ein bisschen mehr um das Zusammenwohnen an sich geht. Also um das eigentliche Leben in einer WG, wer wen wann stört und wann mit dem Putzen dran ist, wer zu lange auf dem Klo hockt, was man zusammen macht, wie gelebt wird. Aber das wird nur am Anfang und dann am Rande ein bisschen erwähnt. Stattdessen sind wir vor allem in den vier Köpfen der Bewohner*innen, die jeweils ihre eigenen Päckchen zu tragen haben. Eigentlich dachte ich mir, dass der ganze Roman im Stil des letzten Kapitels geschrieben wäre. Aber so, wie es umgesetzt wurde, ist es auch gut.

Erwähnenswert ist - neben dem wunderbaren Humor von Isabel Bogdan, der in all ihren Büchern die Tragik des Geschehens durchbricht - die hervorragende Darstellung der fortschreitenden Demenz bei Jörg. Mit Worten darzustellen, wie einem die Worte fehlen, wie der sprachliche Horizont immer kleiner wird, das ist schon bemerkenswert umgesetzt worden. Überhaupt ist die schon fast alltägliche Story von sehr durchschnittlichen Menschen (selbst die Schauspielerin kommt alles andere als abgehoben oder extravagant rüber) sehr warmherzig und die Lesenden sollen sich mit diesen Menschen, die sind “wie du und ich”, identifizieren können.

Ein wirklich gemütlicher und Hoffnung machender Roman. Solltet ihr ihm ein Zuhause geben wollen, macht ihr bestimmt nichts falsch. Und pflegeleichter als ein Dalmatiner ist das Buch allemal.

Herzlichen Dank an den Kiwi-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Infos zum Buch: hier