Sonntag, 1. Februar 2026

"Mo & Moritz" von Julya Rabinowich

 


Lässt einen wieder an die große Liebe glauben


“Mo & Moritz” ist eine moderne Adaption bzw. Variante des "Romeo & Julia"-Stoffes für junge Lesende in Form eines Jugendromans. Es geht wie im großen Vorbild, das im Buch auch mehrfach zitiert wird, um die Themen Liebe, Moral und Verantwortung bzw. das Pflichtgefühl, das wir gegenüber unseren Blutsverwandten empfinden. Weil Mo und Moritz zwei junge Männer sind, kommt noch das Thema Homophobie bzw. die Angst davor hinzu. Auch haben die beiden Liebenden einen unterschiedlichen kulturell-religiösen Hintergrund, was zusätzlich zu Konfliktpotenzial in der Handlung führt.  


Wien 2023: Nachdem Mo (eigentlich Mojad) unrechtmäßig von der Schule geflogen ist, fängt er eine Lehre bei einem Wiener Nobelfriseur an. Mo stammt aus einer muslimischen Familie, die durch Flucht und Vertreibung traumatisiert wurde. Aus welchem muslimischen Land er kommt, wird bis zum Ende der Handlung nicht aufgeklärt. Die Lesenden müssen es sich erschließen. Mo lebt in einer kleinen Mietwohnung mit seinem Vater, seiner Mutter, seinem großen Bruder Faris und der 13-jährigen Schwester Maryam. Faris ist ein unsympathischer Zeitgenosse, der durch polarisierende Parolen sowie homophobe und antisemitische Äußerungen ganz klar negativ gezeichnet wurde. Beim berühmten Wiener Opernball darf eine Abordnung des Friseursalons die Debütantinnen frisieren. Mo ist wie berauscht von der ganz besonderen Atmosphäre und findet im Gewühle der Ballroben seine eigene “Cinderella” - nur dass die einen Frack trägt und Moritz heißt…


Nicht nur der Opernball und die Begegnung der beiden jungen Männer ist märchenhaft, das ganze Buch durchzieht ein gewisser Zauber. Bei Mo ist es der Zauber der Unschuld und Unwissenheit, er ist zart, sanft und schön. Moritz hingegen ist der selbstbewusste, attraktive Typ, ein klassischer Märchenprinz. Seine Wohnung kommt Mo wie ein Schloss vor, er ist geoutet und akzeptiert, er genießt Freiheiten, die Mo sich nur träumen kann. Auch sprachlich hat mich der Roman oftmals in eine märchenhafte Stimmung versetzt. Die Sprache von Julya Rabinowich ist sehr blumig und voller Ausdrücke wie “Donnerwetterbruder”, “Moritzgeruch”, etc. Aber sie schreckt auch nicht vor Kraftausdrücken zurück, was zur Authentizität beiträgt und beim jugendlichen Publikum gut ankommen dürfte.


Überhaupt: Dass das Buch ein Jugendroman ist, ist ganz leicht zu erkennen. Die Autorin verzichtet auf die erzählerische Darstellung von Se*ualität, das bleibt alles der Fantasie der Lesenden überlassen. Außerdem werden manche Sachverhalte sehr schwarz-weiß dargestellt, so auch der Charakter des Bruders Faris. Aber wer sich an diesen Vereinfachungen nicht stört, der kann das Buch auch als Erwachsener wunderbar konsumieren und sich mal wieder in die Welt der Jugendlichen hineinversetzen. 


Ein kleiner Kritikpunkt zum “Spoiler” im Klappentext. Ich hätte es besser gefunden, die Sache mit Taylor Swift den potenziellen Lesenden zu “verheimlichen”, denn so kann man sich schon früh denken, worauf die ganze Geschichte mit dem Bruder hinauslaufen wird. Ich hätte es mir lieber als “Aha-Effekt” und spannende Wendung in der Handlung selbst erlesen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.


Das mit dem gleichen Namenskürzel der beiden hätte ich jetzt auch nicht unbedingt gebraucht und war manchmal verwirrend. Aber wegen der Analogie zu “Romeo & Julia” habe ich dann schon verstanden, warum es so gemacht wurde.


Ein ganz wunderbarer, queerer Jugendroman, der einen tatsächlich wieder an die große Liebe glauben lässt. 


Herzlichen Dank an Hanser und vorablesen für das Rezensionsexemplar!