Montag, 28. September 2026

"Scandalbury Park" von Ellen Damerau



Ein Wohlfühlbuch für Herz und Verstand

Haben wir nicht alle schon mal insgeheim davon geträumt, auf einer Burg, einem Schloss oder einem verfallenen Herrenhaus auf echte Geister zu treffen? Nein? Na dann waren es wohl nur noch nicht die richtigen Geister. Die Protagonistin von “Scandalbury Park”, Karo, ist Ende zwanzig und wird zur Hochzeit ihrer Schwester und deren Verlobten Louise auf ein Schlosshotel in den Ardennen eingeladen. Es sind sogar ganze zwei Wochen, in denen sie den beiden Frauen hilft, sich seelisch, mental und organisatorisch auf die Vermählung im Regency Style vorzubereiten, denn deren Lieblingsserie ist “Scandalbury Park” (ihr alle kennt sicher das Vorbild dafür). Schon bereits am ersten Tag macht Karo dann die Bekanntschaft der sympathischen Schlossgespenster Massimo, Félix, Éléonore und Sacha. Vor allem Letztere lässt sie nicht nur an ihrem Verstand zweifeln, sondern bringt auch ihr Gefühlsleben gehörig durcheinander. Kann man sich in einen Geist verlieben -  und wenn ja, darf man das überhaupt?


Also ich bin sehr beGEISTert von dieser Geschichte, weil sie - wie bei einem echten Regency-Schmöker - Verstand und Gefühl aufs Vortrefflichste vereint, wenn man so sagen will. Der Verstand der Lesenden wird stimuliert, weil der Plot allerlei Rätsel aufgibt, vor allem was die (Vor-)Leben der vier Geister betrifft. Zusammen mit der Protagonistin Karo dürfen wir nach und nach aufdecken, wie sie gelebt haben und wie sie gestorben sind. Zum Ende hin wird es dann nochmal richtig spannend und ich muss schon sagen: ich habe sehr mitgefiebert und den Plot-Twist nicht wirklich kommen sehen: Chapeau!

Das Gefühl wird selbstverständlich durch die Tatsache angesprochen, dass es einerseits um eine Hochzeit geht, die abgehalten werden soll und zum anderen um eine sich anbahnende Liebesgeschichte, die zwischen Karo und der “Geistin” Sacha. Dass das hier alles ganz zahm ist und gänzlich ohne Spice auskommt, dürfte vielen gefallen, ein kleines bisschen mehr hätte in der Beziehung aber für meinen Geschmack auch nicht geschadet. Es ist also ein Buch, das ihr auch getrost euren Teenienachwuchs lesen lassen könnt, ohne dass irgendjemand rot wird. Obwohl Gespenster auftreten, ist das Buch auch zu keinem Zeitpunkt wirklich gruselig und ich denke, das ist bewusst so gewählt und passt auch besser zum Überthema Regency, wo wir anders als bei der literarischen Romantik keinen Grusel oder gar Horror erwarten dürfen.


Gut gefallen hat mir auch, dass die Situation von LGBTQ+-Personen zu früheren Zeiten angesprochen wird, inklusive der Vorurteile, denen sie ausgesetzt waren. Aber auch andere alternative Lebensformen wie das freiwillige Singledasein bzw. die Kinderlosigkeit als Frau und die Schwierigkeiten, die damit früher verbunden waren, kommen zur Sprache. Ebenso werden generell gesellschaftliche/familiäre Erwartungen thematisiert und wie man als Individuum damit umgeht und trotz allem sein Lebensglück findet.

All das gibt dem Ganzen eine Ernsthaftigkeit, die aber keineswegs erdrückend ist. Es ist schließlich ein Buch mit Happy End und keine Tragödie.


“Scandalbury Park” beweist: Auch deutsche AutorInnen können Romantasy und haben mich als Skeptikern des Genres davon überzeugt, zwischendurch auch mal etwas zu lesen, das ein wenig “anders” ist als das, was ich sonst lese. Gerne schau ich mir das weitere Programm des mucverlags an und auch die anderen Bücher von Ellen Damerau. Eine schöne, positive Leseerfahrung, die ich euch ans Herz (und den Verstand ;-) legen kann.


Herzlichen Dank an den muc Verlag für das Rezensionsexemplar!


Sonntag, 27. September 2026

"Jesus liebt uns alle" von Gylfi Almgren, Kurzgeschichte aus der Anthologie "Verborgene Welten", Hrsg. von Martina Zöchinger

 




Kalte Gedanken für die trübe Jahreszeit

Manche Kürbissorten sind ziemlich hässlich, haben seltsame Warzen, sind abschreckend für das Auge, aber ihr Inneres ist dennoch schmackhaft und bekömmlich. Beim Menschen verhält es sich oft genau umgekehrt: Während das Äußere unauffällig oder sogar ganz ansprechend ist, möchte niemand einen Blick auf die Abgründe werfen, die sich im Inneren dieser Menschen abspielen. Die soeben erschienene Kurzgeschichten-Anthologie “Verborgene Welten”, hrsg. von Martina Zöchinger, beschäftigt sich im Dunstkreis der Genres “Thriller, Horror und Dystopie” mit eben solchen inneren Horror-Welten, die wir normalerweise nicht betreten. "Gut", dass es Literatur und Sprache gibt. Sie haben uns schon immer das im Menschen Verborgene dargelegt und das ist auch gut so. Denn was wäre die Welt ohne Gegensätze - ohne Böse kein Gut, ohne Grausamkeit, keine Sanftmut und ohne Hässlichkeit, keine Schönheit.

Der vielleicht größte Folterknecht, den wir in diesem Leben haben, ist (wenn wir das Glück haben, dass uns physische Folter erspart bleibt), unser eigener Kopf. Oder vielmehr die Gedanken, die darin unkontrolliert herumschwirren und ein Eigenleben gewinnen, das mit unserem anderen Ich, das wir der Gesellschaft präsentieren, oft gar nicht mehr viel zu tun hat. Ängste, Sorgen und andere surreale Konstrukte, die uns belasten und in der Entfaltung unseres wahren Seins einschränken - sie sind real und wir alle kennen sie. 

Wenn Blicke töten könnten, darum geht es in der Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Gylfi Almgren. Ein Mensch, der denkt, er könnte mit seinen Blicken andere ins Jenseits befördern. Ein Mensch, der daran zugrunde geht - oder vielleicht doch nicht? Vielleicht kann ja die Begegnung mit Jesus Abhilfe schaffen? Immerhin bedeutet doch das Göttliche die Erlösung - oder?
“Jesus liebt uns alle” ist eine bildgewaltige, konzise und oftmals harte, sarkastische sowie groteske Kurzgeschichte, die sich auf das Wesentliche konzentriert und uns mit dem Horror unserer eigenen Gedanken konfrontiert. Obwohl drastische Bilder und Metaphern verwendet werden, speist sich das Grauen, das wir bei der Lektüre empfinden, ganz allein aus der Imaginationskraft des Ich-Erzählers. 

“Verborgene Welten” ist eine Anthologie mit 20 Kurzgeschichten von 20 Autor*innen, die perfekt ist, um sie in der düster werdenden Jahreshälfte zu lesen. Natürlich mit Triggerwarnungen versehen und independently published. Ich habe leider nicht die ganze Anthologie gelesen, sondern lediglich die Kurzgeschichte “Jesus liebt uns alle” von Glyfi Almgren, die mir dankenswerterweise als digitales Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde. Herzlichen Dank dafür!





Mittwoch, 9. September 2026

"Abfahrt ins Jenseits" von Salvatore Simonetti

 


Italienische Mamma ermittelt verdeckt


Eine “Cosy-Crime-Phase” hatte ich in der Vergangenheit immer mal wieder. Lustige und spannende Plots zum Abschalten - das tut schon mal gut. Vor allem im Urlaub greife ich gerne zu Krimis und wenn sie dann auch noch im besuchten Urlaubsland spielen - umso besser. Da es wie so oft nach Italien ging - ich bin auch gerade tatsächlich dort - kam mir der im August 2026 erschienene Krimi “Abfahrt ins Jenseits” von Salvatore Simonetti (Pseudonym) gerade recht.

Er stammt aus dem ersten Belletristik-Programm des bisherigen Sachbuch-Verlags EMF. Ein gestreifter Farbschnitt in den Farben der italienischen Flagge macht das Leseerlebnis besonders - “apart”, möchte ich sagen.


Wir alle kennen sie: die älteren Damen der Krimiliteratur, die Mordfälle lösen. Auch in diesem Fall ist die Protagonistin und gleichzeitig ermittelnde Instanz in Personalunion eine Dame um die 60 namens Marcella. Nachdem sie nach vielen Jahren in Deutschland, genauer gesagt Stuttgart-Untertürkheim, in ihr ligurisches Heimatdorf Dolceacqua zurückkehrt, ist eigentlich alles tutto bene. Sie lebt über dem Eiscafé ihrer Eltern, das mittlerweile von dem sympathischen Männerpärchen Dino und Gino betrieben wird. Ihr unterhaltsamer Untermieter Harry ist ein lässiger Alt-Hippie und Gelegenheitsmaler, Sohn Domenico, der in Deutschland geboren wurde, ist 34 und bei der örtlichen Polizei. Als plötzlich mehrere Altersgenossen und Altersgenossinnen aus ihrem Bekanntenkreis das Zeitliche segnen und ihr Sohn die aufgemotzte Influencerin Romina anschleppt, ist plötzlich doch nicht mehr alles “tutto bene”. Da ihr Polizistensohn die rosarote Brille aufhat, muss Marcella den Fall mit Hilfe von Dino, Gino und Harry lösen - und am Ende ganz alleine ihre Frau stehen.


Die Idee, eine italienische “Mamma”, die natürlich fabelhaft gut kochen kann, zur Ermittlerin zu machen, ist wirklich mal erfrischend anders. Ich habe oft sehr geschmunzelt, weil die Situationskomik hier echt gekonnt angewandt wurde. Manchmal haben mich die witzigen Begebenheiten des Plots an Louis-de Funès-Filme erinnert, die ja auch im ländlichen Milieu spielen oder an “Don Camillo & Peppone” - nur halt mit Smartphone und MacBook.


Natürlich ist es perfekt, den Krimi in Italien zu lesen, auch wenn ich derzeit im Veneto und nicht in Ligurien bin. Man lernt sehr viel über die dortigen Gepflogenheiten, die Spezifika der Touristen und die Nachbarn aus dem reichen Monaco, die in der Marina von Ventimiglia ihre Yachten parken. Dass die Mafia vorkommt, ist bei einem italienischen Cosy Crime fast schon ein Muss. Ihr werdet schreien, wenn ihr rausfindet, warum das Buch “Abfahrt ins Jenseits” heißt - wo doch gar keine Skipiste vorkommt und der Roman im Frühsommer an der italienischen Küste spielt.


Es kommen einige italienische Ausdrücke vor, die gleich nach dem Wort auf Deutsch übersetzt werden. Das stört den Lesefluss ein wenig und wirkt unnatürlich. Im Zweifel kann man ja einfach googeln. Den ein oder anderen Tippfehler durfte ich auch behalten, aber sonst habe ich eigentlich keine Kritik. Also alles "tutto bene", wirklich. Ich will mich echt nicht mit Mamma Marcella anlegen...


Ein wirklich lustiger Krimi, für den Urlaub oder einfach zwischendurch. Hab ich gerne gelesen. 


Herzlichen Dank an den EMF-Verlag sowie ehrlich&anders für das Rezensionsexemplar!


Sonntag, 23. August 2026

"Weiterleben" von Patrick Charnley

 


Leben im Moment - ein Roman der Entschleunigung


Wir leben nur im Jetzt, es gibt kein Morgen, auch das Gestern ist eine Illusion. Für Jago Trevarno, den Protagonisten von “Weiterleben” (Originaltitel: “This, My Second Life”. Übersetzt aus dem Englischen von Michaela Grabinger) von Patrick Charnley gilt diese Aussage nur zu Teilen. Er lebt mittlerweile zwar einerseits nur im Jetzt und zwar auf dem Hof seines Onkels Jacob in Cornwall. Doch sein Leben ist sehr wohl in ein Gestern und Heute zu teilen. Gestern, das war als der heute 20-jährige noch voll im Leben stand. Als er gearbeitet hat, auf Wellen gesurft ist und mit seiner Freundin Sarah ein unbeschwertes Leben geführt hat. Heute ist er ein versehrter junger Mann, der aufgrund eines Komas nach einem Herzstillstand einen Hirnschaden erlitten hat. Er empfindet jetzt das stumpfe und gleichzeitig befreiende Gefühl des Seins im Augenblick, ohne große Emotionen, nur die pure Existenz, das Gefühl zu leben.


Die Tagesabläufe sind ritualisiert und immer gleich: Der Onkel steht auf und macht ihm Frühstück, sie essen zusammen und manchmal, wenn er nicht zu müde ist - die Fatigue hat Jago fest im Griff - hilft er Jacob auf dem Hof oder reitet mit einem der Pferde aus. Auch wenn Jago keine großen Gefühle mehr empfinden kann, so ist ihm dieses Leben im vorhersehbaren Gleichschritt angenehm, ein Trost und Balsam für die Seele. 


Der Autor spricht aus eigener Erfahrung, auch er hat das gleiche durchgemacht wie sein Protagonist, nur in höherem Lebensalter, als Familienvater, der mitten aus dem Leben gerissen wurde. Dieses Wissen, die “Own-Voice-Stimme” spürt man zwischen den Zeilen hindurch. Man merkt auch, dass der Autor langsam geschrieben hat, sich viele Passagen abringen musste und das macht das Ganze so authentisch. Entschleunigung ist hier Poetik und Programm zugleich und dennoch ist dieser Roman niemals langatmig oder gar -weilig. Im Gegenteil: Er hat sogar Züge von einem Krimi, denn der zwielichtige Nachbar Bill Sligo ist Jago ein Dorn im Auge. Warum will er seinem Onkel ein vermeintlich wertloses Grundstück abkaufen? Jago beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und wird bald an seine körperlichen und seelischen Grenzen getrieben…


Also ich muss sagen, ich habe dieses Buch wirklich genossen. Nicht nur weil ich zuletzt auch ein einschneidendes Gesundheitserlebnis hatte und dieses Gefühl dass sich das Leben, das Ich plötzlich wie neu anfühlt. Die Ich-Perspektive ist ohnehin eine meiner liebsten Erzählperspektiven. Ich mag das Unmittelbare, die höchstmögliche Nähe zu einer Figur. Die Sprache ist stellenweise sehr poetisch, die Übersetzung geschliffen und niemals krumm. Ich denke, dass sie sehr am Original bleibt. 


“Weiter leben” ist ein Roman, der einem viele Impulse gibt und den Anspron, viel mehr im Hier und Jetzt zu leben, das schätzen zu lernen, was man hat und vor allem die Tatsache, dass man lebt und atmet, ein gutes Essen genießen und in die Sterne blicken darf. Ein Buch, das meine Bibliothek sicher nicht verlassen wird und von dem ich mir sehr gut vorstellen kann, es mehr als einmal zu lesen. Absolute Leseempfehlung!


Herzlichen Dank an vorablesen.de und Dumont für das Rezensionsexemplar!



Samstag, 1. August 2026

"Tage am Fluss" von Jochen Mariss

 


Solider Klimaroman mit actionreichem Finale


“Es war, als würde er in ein geheimnisvolles Kraftfeld eintauchen, in eine Aura aus Gewissheit und Gleichmut, wie sie nur in der Krone eines alten Baumes zu finden war, der tief in der Erde wurzelte.” (Tage am Fluss, S. 92)


Oben zitiert steht der schönste, poetischste Satz, den ich in Jochen Mariss’ Roman “Tage am Fluss” gefunden habe. Das muss und soll aber nicht heißen, dass alle anderen weniger gut sind, dieser hat mir nur einfach am besten gefallen und einen Nerv bei mir getroffen.


Von der Existenz dieses Buches habe ich erst erfahren, als ich es in den Händen hielt. Es wollte, es musste wohl von mir gelesen werden. Ich wäre von selbst jedenfalls nicht darauf gekommen: Junger hübscher Mann aus gutem Hause vom Typ “Klimakleber” trifft auf grumpy middleaged Flussfährfrau - irgendwo im niederdeutschen Flachland. Natürlich wird aus der anfänglichen leichten Abneigung im Laufe des Romans eine Kollaboration, ein klassisches Win-Win. Er hilft ihr “aufzutauen” und bei der Arbeit, sie hilft ihm sich zu verstecken und endgültig “erwachsen” zu werden. Man packe zwei ungleiche, aber doch attraktive Menschen mit einer Last auf den Schultern und ungelösten Problemen in ein schönes Sehnsuchtssetting und wartet ab, was passiert bzw. wo das Narrativ einen hinträgt. Das klingt schon nach einem gewissen Schema F, das derzeit gern in der deutschen Gegenwartsliteratur abgespielt wird.


Man denkt vielleicht auch an den Romantasy-Trope “Enemies to lovers”, allerdings verhindert die ständige Erwähnung des verlorenen jüngeren Bruders Jan der Fährfrau Sara, der dem Eindringling Leon vom Wesen sehr ähnlich ist, sowie der schon recht beträchtliche Altersunterschied von 20 Jahren, dass man am Anfang in die romantische Richtung denken könnte. Ich will nicht zu viel verraten, aber so ein wenig knistert es dann schon zwischen den beiden. Ein wenig, zu wenig, glaubwürdig, braucht es das? - Das dürfen die Lesenden selbst entscheiden. “Tage am Fluss” ist jedenfalls kein “Die Brücken am Fluss 2.0”. Puh, ich bekomme rote Ohren wenn ich nur an den Film denke. Oder hab nur ich den so spicy in Erinnerung? Egal und sorry für den Exkurs nach Hollywood.


Der Roman stellt viele Fragen, die heute brisanter denn je sind: Wie viel Egoismus verträgt unser angeschlagener Planet noch? Sollte man nicht endlich anfangen, globaler zu denken und ernsthaft über den Tellerrand der eigenen Bequemlichkeit und des eigenen Wohlstands hinaus zu blicken und die Sache selbst in die Hand nehmen? Ich fühle jedenfalls nach der Lektüre von “Tage am Fluss” ein ziemlich schlechtes Gewissen, dass ich noch nicht in einem Baumhaus lebe, um die Abholzung eines bedrohten Waldes zu verhindern. Oder dass mir der Asphalt doch zu heiß ist, um mich auf die Straße zu kleistern und die Autos daran zu hindern, weiter ihre Abgase in die Umwelt zu pusten. Ja, dieser Roman ist bei allem Wohlfühlsetting mit Hühnern und Hexenhaus schon ein wenig unbequem und stellenweise unangenehm zu lesen. Einfach weil der Autor ja recht hat. Wir müssen uns von unserem Allerwersten erheben - jeder einzelene Mensch - und etwas tun gegen die Verschmutzung unseres Planeten.


Besonders gefallen hat mir das actiongeladene Finale, das war schon cool irgendwie. Ganz zum Schluss hätte ich mir etwas mehr Klarheit gewünscht, wo es denn jetzt wirklich hingehen soll, aber das wird nur angedeutet. Für alle, die gerne was über Klimaschutz lesen, ist dieser Roman auf jeden Fall einen Abstecher wert.


Herzlichen Dank an den Kiwi-Verlag für das Rezensionsexemplar!




Sonntag, 5. Juli 2026

"Yesteryear" von Caro Claire Burke



Nein. Nein nein. Und nochmals: Nein! So haben wir nicht gewettet. Kann ich es bitte ungelesen, ungeschehen machen, dieses (hochnäsig betont) “Yesteryear” (ganz fein übersetzt von Dietlind Falk und Lisa Kögeböhn). Revision. Kann ich bitte einfach so tun, als hätte ich es nie gelesen? Nein? Na gut, dann soll es wenigstens raus aus meinem System und die beste Möglichkeit dies zu tun, ist, eine Rezension dazu zu schreiben. 


Aber was soll ich dazu sagen? Echt? Es hätte in meiner “Lese-ich-NICHT”-Kategorie landen sollen. Warum musste ich ausgerechnet auf diesen Trend aufspringen? Du weißt doch, dass Hypebücher nichts für dich sind, Vicky!! Ja, ist ja gut, aber das klang so interessant: Mom-Influencerin fällt vom Insta-Millionenerfolg in ein selbstausgehobenes schwarzes Zeit-Loch, muss plötzlich wie die Pioniere im 19. Jahrhundert leben und überleben. Der schöne Schein zerbricht und so weiter und so fort.


Wie es so oft bei mir ist, hatte mich das Buch am Anfang relativ schnell an der Angel: Wow, diese Natalie Heller-Mills (so heißt die doch?) ist eine echte Bitch, eine Protagonistin, die man wunderbar hassen kann. Sowas mag man doch. Oder, oder??! Diese Arroganz gegenüber Andersendenken. Geht gar nicht! Diese abgrundtief ablehnenswerte weißamerikanisch-christliche-geldadelige-mid-western Rückständigkeit. Republikaner mit Stock im Allerwertesten und haufenweise Leichen im Poolfundament, neureiche MAGAs, Steuerhinterzieher - und *innen auch. Pfui, Spinne! Man kann sich so toll besser fühlen. Moralisch überlegen. Ach ist das herrlich, man sieht schon, wie sie in ihr Verderben rennt. Was die ihren Kindern und ihrem netten Ehemann da alles antut. Einfach grauenvoll.


Aber dann…Längen. Längen um Längen, Prärie der Längen. Dramen, die einer billig produzierten Vorabendserie in nichts nachstehen, außer vielleicht in puncto Unterhaltung. Ach Natalie, langsam wird es anstrengend dich zu hassen. Ich mag dich nicht, aber wann ist die Geschichte jetzt endlich aus und wohin führt das Ganze? Musst du wirklich nochmal deinen "Ladys" guten Morgen sagen? Deine Familie zu einem Reel nötigen?

Diese Zeitsprünge, diese Storyline: immer verworrener und ich fühle mich auf dem Walmart-Parkplatz im Auto von dir allein gelassen bei 30 Grad während du Selfies mit deinen ungeliebten Followerinnen und dem Bio-Rotkohl macht, den du an dich drückst. Warum verfärbt er nicht wenigstens dein reinweißes Leinenkleid? Why?…Daedalus, entlasse mich bitte aus diesem Labyrinth aus Worten und wirf mir einen roten Faden zu! Ich. Halte. Es. Nicht. Mehr. Aus!!


Nein, ich habe das Buch nicht abgebrochen, sondern tapfer durchgezogen. Es ist auch per se kein schlechtes Buch, nur es war halt nix für mich. Ich kann verstehen, warum es andere mögen, aber ich kann auch verstehen, warum ich es nicht mag. Es ist einfach zu bemüht, zu gewollt, zu sehr “auf Erfolg geschrieben”. Es fließt nicht, es beschreibt nicht schön, es ist vulgär und am Ende: habe ich nur Bahnhof verstanden. [Füge gedanklich ein: Schulterzuckender Obama-GIF]


Ich darf nicht spoilern, aber wie viele Kinder hat sie jetzt eigentlich im Ganzen bekommen? Und wieso ist sie jetzt so alt und vorher war sie noch jung und was ist dazwischen passiert und: häh?? I don’t get it. Klärt mich auf. Bitte! Das ist mir zu viel “Der Vorhang auf und alle Fragen offen.” Wobei - I don’t care anymore. Really, I don’t. Ich habe das Bedürfnis, “Yesteryear” im Garten zu vergraben, damit auf dem papierreichen Humus noch ein schönes Pflänzchen wächst. Wahrscheinlich stell ich es aber der Einfachheit halber - und um meinen Rücken zu schonen - in den nächsten Bücherschrank, damit ein anderer seine “Freude” (häh, häh, told you so) daran hat. Und wir tun einfach so, als hätte ich es nie gelesen. Okay? 


“Yesteryear”? Also das würde ich niemals nicht lesen, weil…


Herzlichen Dank an das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar!



Sonntag, 17. Mai 2026

"John of John" von Douglas Stuart

 


Wortgewebte Romanperfektion


“John of John” von Douglas Stuart ist ein makellos schönes, ein perfektes Buch. Eines, wie ich es schon lange nicht mehr gelesen habe. Es hat eine Würde und Anmut, die eigentlich nur im Nichtgesagten, also jenseits von Worten existieren kann. Und doch sind hier Worte, so viele schöne Worte, die genau das beschreiben, was Menschlichkeit ausmacht. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes ein Mikrokosmos gewebt, der erzähltechnisch interessanter kaum sein könnte.


Aber zunächst zum Setting: Der Roman spielt zum Großteil auf den Äußeren Hebriden Schottlands. Hier im Atlantischen Ozean leben die Menschen hauptsächlich von der Fischerei, Schafzucht und vom Torfabbau. Weberei und Tourismus sind ebenfalls Einnahmequellen. Die wenigen Einwohner kennen sich alle untereinander, es ist eine mikroskopisch kleine Inselgesellschaft. Douglas Stuart hat die Äußereren Hebriden selbst besucht, sich in Landschaft und Menschen verliebt und so ist ihm die Idee zu “John of John” gekommen. Der Ort, Falaby, wo seine Protagonisten ansässig sind, ist fiktiv, aber nach den realen Inselorten modelliert.


“John of John” ist eine Heimkehrgeschichte, denn im Mittelpunkt der Handlung steht die Heimkehr des “verlorenen Sohnes” Cal (eigentlich John Calvin) zu seinem Vater John, der als Weber mit seiner ehemaligen Schwiegermutter das ehemalige Wohnhaus der Familie von Cals Oma Ella gewohnt. Cal war zum Studieren auf dem Festland und kehrt jetzt wieder nach Hause zurück, weil er nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Biblische Motive wie eben die Heimkehr eines verlorenen Sohnes finden sich zuhauf im Roman, ist die Inselgesellschaft doch vom calvinistischen Glauben geprägt. Der Glaube ist Anker und Problem zugleich, denn sowohl Cal als auch John selbst dürfen nicht offen zu ihrer Homosexualität stehen.


Vor allem John ist die Tatsache, dass er Männer liebt, selbst ein Dorn im Auge. Seit Jahrzehnten führt er eine heimliche Beziehung mit seinem Nachbarn Innes, einem Schafzüchter und Amateurfunker, der mit seinem dementen Vater und seinem gebildeten, aber in praktischen Dingen “nutzlosen” Bruder Sorley zusammenlebt. Innes würde gerne mit John zusammenziehen, aber der tut alles dafür, den Schein zu wahren… Die Rückkehr des ungeouteten Cal reißt alte Wunden auf und führt dazu, dass sich alles neu finden und zusammensetzen muss und dass so manches Geheimnis endlich ans Licht kommt.


Das Buch hat 555 Seiten, aber ich fand keine davon langweilig. Es ist zum Teil sogar richtig spannend geworden, man fiebert mit Cal (John of John) und seinem Vater mit, aber auch mit Innes baut sich eine starke Verbindung auf. Die Geschichte mit Doll hat mich überrascht und auch wie sich die Beziehung zwischen Cal und Innes sowie Cal und Isla entwickelt. Auch den Handlungsstrang mit Cals Mutter Grace fand ich interessant. Dass die Beziehung mit seiner Oma Ella so intensiv ist, wie sie ist, war auch nicht zu erwarten.


Dass Cal Farben liebt, aber nicht gleich Synästhetiker ist, finde ich sehr clever gelöst von Stuart. Es bietet ihm die Möglichkeit, poetisch und bildhaft zu werden, ohne daraus eine große Sache zu machen. 


Dass das von Cal, John, Innes und vielen anderen Inselbewohnern gesprochene Gälisch unübersetzt wiedergegeben wird, trägt absolut zur Intensität des Ganzen bei. Außerdem ist es der Übersetzerin Sophie Zeitz zu verdanken, dass das Buch auch in der deutschen Übersetzung funktioniert und man gar nicht das Gefühl hat, es wäre besser, das Original zu lesen.


Fazit: ein wunderschönes Buch, das ich mir vorstellen könnte, nochmal zu lesen.


Herzlichen Dank an Hanser Berlin und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!


Donnerstag, 26. März 2026

"Die Geister von La Spezia" von Oliver Plaschka

 


Nur für hartgesottene “Englische-Romantik-Nerds”


“Wir tragen eine ganze Welt in uns herum! Und diese Welt kann man bereisen - wenn man weiß, wie. Letztlich ist eine Kunst wie jede andere.” (Die Geister von La Spezia, S. 31)


Die englischen Romantiker haben mich schon während meines Studiums der Englischen Literaturwissenschaft sehr interessiert und deswegen war es keine Frage, dass ich “Die Geister von La Spezia” lesen wollen würde. Das Cover ist ganz in der Tradition der damaligen Schauerromane gestaltet, also mystisch angehaucht, mit den typisch nebulösen Rückenfiguren a la Caspar David Friedrich. Auch der Titel lässt vermuten, dass es hier um das Übernatürliche und Irrationale geht, mit dem sich die Romantiker des 19. Jahrhunderts ausführlich beschäftigt haben.


Im Roman geht es darum, dass die trauernde Witwe Mary Shelley im Italien des Jahres 1822 auf Pat Colombari trifft, eine Privatermittlerin, die vom Vater des verstorbenen Percy Bysshe Shelley beauftragt wurde, den frühen Tod seines Sohnes bei einem Segelunfall im Golf von La Spezia aufzuklären. Pat kann auf eine übersinnliche und doch gleichzeitig wissenschaftliche Art und Weise mittels Elektroden und Galvanismus auf die Erinnerungen von Mary zugreifen und findet sich somit in Situationen der Vergangenheit wieder, als wäre sie dabei gewesen. Wir lernen also alle kennen, mit denen sich die Shelleys damals umgaben - und natürlich “treffen” wir auch auf den großen Shelley selbst. Und letztlich gibt es ein riesiges Handlungskuddelmuddel mit Segeleskapaden an italienischen Küsten, Schauergeschichten am Genfer See, polyamourösen Affären, Kindern (Triggerwarnung: einige davon sterben), dubiosen Ärzten (Dr. Polidori), “Namensdoppel- und dreifachungen”, Lord Byrons kapriziösem Charakter, Ladanum-Exzessen, Experimenten mit Menschen und auch immer wieder ein bisschen Poesie - Letzteres ist für mich eigentlich das Highlight gewesen.


Ich hab wirklich lange durchgehalten in diesem prosaischen Konglomerat - aber irgendwann bin ich ausgestiegen. Klar, die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, aber dennoch wurde sie so krude verformt, dass mir das daraus Getöpferte leider gar nicht mehr zugesagt hat. Irgendwann sind sie mir alle nur noch auf die Nerven gegangen: Mary, Byron, Claire, Elise, Pat, Trelawney, Polidori, Williams und selbst Shelley sehe ich jetzt gar nicht mehr mit romantischen Augen aus der Ferne - was für ein nerviger Typ (zumindest durch den Spiegel von Oliver Plaschka). Der Autor ist promovierter Akademiker und droppt hier so viele Fakten in seine Erzählung, dass man am Ende selbst als studierte englische Literaturwissenschaftlerin, der die meisten genannten Personen und Geschehnisse etwas gesagt haben, nur noch lost ist: wer spricht hier, wann passiert das und wer ist jetzt überhaupt gemeint? 

Ein Glossar und Personenverzeichnis wäre für dieses Buch Pflicht gewesen und hätte bestimmt geholfen, sich durch diesen Erzähldschungel durchzukämpfen. 


Ein intellektuelles Kettenkarussell, das sich total verworren hat und ich empfehle nur absoluten Byron-Shelley-Mary-Ultras, hier einzusteigen.


Herzlichen Dank an Klett Cotta Hobbit Presse und vorablesen.de für das Rezensionsexemplar!



Mittwoch, 18. März 2026

"Bella Barks letztes Like" von Michael Buchinger

 



Nett, aber auch mehr ned


Ja ja, die lieben Influencer und ihre Buchveröffentlichungen. Seien wir doch mal ehrlich: hohe Reichweite ist heutzutage oft gleichbedeutend mit der Möglichkeit eines Buchvertrages, so influencer denn einen will. Aber die allermeisten wollen ihn. So auch Michi Buchinger aus Wien, einer der Influencer, die ich schon lange verfolge und auch mag, sonst hätte ich wohl kaum seine bereits vor einiger Zeit veröffentlichten Sachbücher über Dinge, die er nicht mag, gelesen. Ich schätze einfach seinen schrägen Humor, er hat mich tatsächlich schon oft zum Lachen gebracht. Auch dass er seine eigene Bubble - die der Influencer - aufs Korn nimmt, hat ihm bei mir schon einige Pluspunkte eingebracht. Er ist sehr transparent, sagt, dass er in seinem Job natürlich annimmt, was er bekommen kann und das macht ihn für mich sympathisch und menschlich. 


Genau diese ihm so gut bekannte Welt der Influencer bespricht er in seinem ersten Roman “Bella Barks letztes Like”. Hauptfigur Leo Escher ist bzw. war mal einer. Er hat es immerhin zu um die 50 000 Abonnenten auf YouTube geschafft, aber das war einmal. Leo und sein Kanal befinden sich auf dem absteigenden Ast, denn sein Content ist nicht mehr wirklich gefragt. Längst hat sich vieles auch auf Instagram und Tiktok verlagert und Leo überlegt, wie es mit Ende 20 jetzt für ihn weitergehen soll. Da flattert eine Einladung seiner ehemaligen Bekanntschaft, der Influencerin Isabella, genannt “Bella Barks”, bei ihm ins Haus. Er soll sie auf ein kostenloses “Barkend” begleiten in der österreichischen Provinz. “Barkend” weil Bella mittlerweile Dogfluencerin ist und ihren Content rund um ihre acht Vierbeiner und sonstige Hundethemen gestaltet. Das kommt beim Publikum gut an: mit über 1 Mio Followern gehört sie zu den bekanntesten Influencer:innen Österreichs. Doch als Bella am ersten Tag des Wochenendes tot umfällt, nachdem sie einen von ihr kreierten, auch für Menschen geeigneten, Bella Bite-Hundekeks gegegessen hat, wird Leo plötzlich zum Ermittler in der Welt des schönen Internet-Scheins…


Ich habe mir dieses Buch gekauft, weil ich mir ein humorvolles Cosy-Crime-Erlebnis mit typisch buchingerischem Humor erkaufen wollte. Teilweise wurde das auch erfüllt, aber leider nur teilweise eben. Ja, es war witzig, aber nicht so wie ich es mir vorgestellt hatte. Es war harmloser und weniger eckig/kantig. Buchinger light würde ich sagen. Ziegenyoga hin oder her - da hätte man noch einige Lacher rausholen können, das ganze Setting und Personal war perfekt dafür. Vom Krimiaspekt her aber muss ich sagen, dass es durchaus spannend war. Ich wäre nicht auf die mordende Person gekommen, obwohl es im Nachhinein eigentlich offensichtlich ist - es ist immer derjenige, der…aber lassen wir das, vielleicht wollt ihr es ja auch noch lesen. Alles in allem ein schöner kleiner Influencer-Krimi für zwischendurch.


Montag, 2. März 2026

"Böser, böser Wolf" von Alexandra Benedict


Metamäßig anstrengend


Ja, auch ich bin auf Alexandra Benedict reingefallen, die Autorin der von mir hoch geschätzten Weihnachtskrimis/Christmas Mysteries, die mir seit einigen Jahren jeden Dezember eine spannende Vorweihnachtszeit beschert. Zum ersten Mal ein Nicht-Weihnachtsbuch von ihr - das klang durchaus interessant. Und auch das Thema: Märchenmorde. 


Hierzulande gehört es für viele Eltern zum guten Ton, ihre Kinder unter dem Deckmantel der Kulturvermittlung schon früh mit literarischen Grausamkeiten zu konfrontieren. Das zentrale Horrorbuch, das sie ihnen dabei auftischen, nennt sich “Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm” und steht einem Horror-Klassiker von Stephen King in nichts nach - nur das der gemeinhin unter 5-Jährigen nicht vorgelesen wird. (Deutsche) Märchen sind grausam. Punkt. Es geht um Tod und Verstümmelung, um Giftmord und Aufschlitzen von Tieren und vieles mehr, das einem viele Stunden bei einer psychiatrischen Fachkraft einbringen könnte. Eigentlich auch für mich viel zu traumatisch, aber wegen der mir bekannten Autorin habe ich mir das Buch dennoch mit einiger Vorfreude geholt und dem Thema eine Chance gegeben. Nach einer sich viel zu lange hin ziehenden, zähen Lektüre eines verworrenen Plots, in dem sich die Autorin wie in einer klebrigen märchenhaften Bohnenranke verheddert hat, weiß ich es besser: es war ein Fehler dieses Buch auch nur aufschlagen. Es hat mich Lebenszeit und Nerven gekostet, die ich gerne anderweitig ausgegeben hätte.


Der Anfang war noch durchaus spannend und man fragte sich: wer ist dieser “Wolf” und Mörder und was hat es mit der Autorin auf sich, die die Geschichten bzw. wie Märchen inszenierten Morde schreiben soll, damit der Täter mit der Wolfsmaske sie ausführen kann. Auch die Ermittlerin, DI Lyla Rondell, war sympathisch und die Geschichte rund um ihre verschollene Jugendliebe bzw. Freundin Allison hatte durchaus Potential. Aber wie schon so viele andere geschrieben haben: irgendwann ist es gekippt. Von einem durchaus originellen Thriller mit Pageturner-Qualitäten zu einem mit Metabenenen überfrachteten Fantasy-Konstrukt, das mich ab einem gewissen Punkt überhaupt nicht mehr abgeholt hat. Zu anstrengend war es, dem Ganzen zu folgen - ich habe mehrfach Seiten überblättert. Hier wollte jemand ganz klar zu viel: besonders clever, besonders “anders”, besonders besonders sein. Aber unverständlich und spröde, überfrachtet und stellenweise unlesbar ist einfach nicht toll und deswegen muss ich leider abschließend sagen: 


Schuster: Bleib bei deinen Leisten!

Benedict: Bleib bei deinen Weihnachtskrimis!


Herzlichen Dank an vorablesen und Tropen Verlag für das Rezensionsexemplar!

 

Dienstag, 24. Februar 2026

"Drei Tage im Schnee" von Ina Bhatter

 


Everybodys Darling is everybodys Depp


Der Winter neigt sich dem Ende zu und doch habe ich es erst jetzt geschafft, das Hypebuch des letzten Herbstprogramms “Drei Tage im Schnee” von Ina Bhatter zu lesen. Wahrscheinlich hätte ich es gar nicht gelesen, wäre es mir nicht überraschend zugeschickt worden. Bei der ersten Recherche zu dem Buch dachte ich an Lebenshilfe-Ratgeber in Romanform wie die von Paulo Coelho. Aber jeder möchte ja auf irgendeine Weise sein Leben optimieren und raus aus dem Hamsterrad Alltag. Zudem kommt die Autorin wirklich sehr sympathisch rüber und ein erneuter Wintereinbruch im Februar hat jetzt dazu geführt, dass ich zu diesem schmalen, sehr schön gestalteten Büchlein gegriffen habe. Atmosphäre ist schließlich alles, ne?


Im Roman geht es um wenig anderes als um die Städterin Hannah, die an einem nicht genannten Ort auf dem Land drei Tage im Schnee verbringt - ein verlängertes Wochenende. Sie mietet sich für die Zeit als Selbstversorgerin ein Häuschen an einem See und ist komplett vom Winterzauber umgeben. Ja, es ist so idyllisch, wie es klingt. Sie denkt über ihr Leben nach und währenddessen trifft sie die kleine Sophie, von der wir bis zum Ende nicht erfahren werden, ob sie ihrer Fantasie entsprungen oder ein reales Kind aus Fleisch und Blut ist. Das hat mich ein wenig gestört, dass das Geheimnis um Sophie nicht aufgelöst wird. Magischer Realismus ist ja okay, aber ich mag es nicht, in der Unwissenheit darüber gelassen zu werden. So kann ich die Begegnung zwischen Sophie und ihrem kindlichen Alter Ego (denn das ist sie für mich und auch laut der vergleichenden Beobachtungen, die Hannah macht) nicht richtig einschätzen. Andere Figuren kommen nicht als handelnde Personen im Plot vor. Es ist also ein ziemlich internalisiertes Drama, dem wir hier beiwohnen.


Hannah fragt sich in a nutshell: Kann es das schon gewesen sein? Ist sie mit Mitte 30 (Single und kinderlos), dazu verdammt, ein Leben als einsame Workaholikerin zu führen? Zwar in sicheren Verhältnissen, aber nicht wirklich glücklich und frei. Ist sie die Erwachsene, die sie als Kind zu werden hoffte?

Ich denke mit diesen Fragen können sich viele identifizieren, deswegen ist das Buch auch so erfolgreich - es spricht einfach fast jeden an. Und aus diesem Grund wird man auch nichts falsch machen, wenn man das Buch verschenkt oder selbst liest. Aber das Ganze hat natürlich auch eine Kehrseite. In Bayern gibt es so ein Sprichwort: “Everybodys Darling is everybodys Depp.” Ja, mir ist das alles zu lieblich, zu allgemein. Die Protagonistin und das Kind haben beliebte Allerweltsnamen aus den Top-10-Listen, die Knud Bielefeld in seinem Leben schon zigfach analysiert und gelesen hat: Hannah und Sophie. Hannah hat eine Persönlichkeit, die einfach 0815 ist. No shame, aber ich will lieber etwas über Leute lesen, die anders sind. Aber Hannah ist nicht anders, sie ist eine weiße Hetera mit gutem Bürojob, der plötzlich einfällt wie gerne sie mal gelesen und geschrieben hat und die sich schon mal mit ihrer besten Freundin wegen eines Mannes gestritten hat. Aber Moment, sie hat doch Synästhesie! Ja, das stimmt, sie hat Synästhesie und das wirkt, als wäre der Autorin auch eingefallen, dass sie sonst zu langweilig ist, also haben wir ihr diese besonders charmante neurologische Besonderheit mitgegeben. Ich finde das wirkt hier leider sehr aufgesetzt. Schade.


Ich finde es auch schade, dass der durchaus vorhandene Humor der Autorin nur zaghaft angewandt wird, zum Ende hin musste ich nämlich doch noch schmunzeln, ich sage nur “Aktenzeichen XY”. Und die Gerichte, die Hannah so kocht, wollte ich gerne sofort nachkochen - der Roman hat Kochbuchpotenzial!


Man kann eigentlich nichts Schlechtes über dieses Buch sagen und ich komme mir hier schon schlecht vor, weil ich wieder meine echte Meinung sage. Aber it is what it is. Die Autorin ist wirklich super sympathisch und das Buch an sich nicht verkehrt, nur fehlt mir hier das gewisse Etwas und das ist nicht, dass der Dienstag (oder war es ein anderer Tag) für Hannah grau mit schwarzen Punkten ist oder dass statt eines Schneemannes ein Schneeinhorn gebaut wird.


Herzlichen Dank an Kiwi für das unangeforderte Rezensionsexemplar!

Dienstag, 17. Februar 2026

"Himmelsfeuer" von Moa Backe Åstot

 


Jugendroman mit viel Herz und nordic flair

Über die Sami in Nordskandinavien gibt es einige Bücher und Romane. Mich hat allerdings noch keiner so berührt wie “Himmelsfeuer” von Moa Backe Åstot (1998), die selbst Sami und Rentierzüchterin ist. Der Roman ist bereits 2021 im Original erschienen, hat viel positives Feedback von der Kritik bekommen und wurde jetzt für den dtv Verlag Reihe Hanser von Anu Stohner ins Deutsche übersetzt.


“Gibt es homosexuelle Rentierzüchter?” Diese Frage stellt sich jemand in einem Forum im Internet. Der junge Sami Ánte liest sie und stellt sie sich auch, denn er ahnt, dass er selbst einer sein könnte.


Ánte ist ein samischer Schüler, 16 Jahre alt. Er lebt in der Nähe von Jokkmokk, einem Zentrum der samischen Kultur und Lebensweise in Schweden, wo er zur Schule geht. Seine Eltern sind Rentierzüchter, er hat noch eine Schwester, Ida. In letzter Zeit hat Ánte Gefühle für seinen besten Freund Erik, (der ebenfalls Rentierzüchter-Background hat) entwickelt. Der ist allerdings in einer Beziehung mit Julia und eben: sein bester Freund. Ánte ist nicht geoutet und seine Eltern eher konservativ. Im Roman wird ganz in der Tradition der Coming-of-Age-Thematik die Frage gestellt: Findet Ánte zu sich selbst und kann das mit ihm und Erik etwas werden?


Sehr behutsam, sehr sanft geht es hier zu. Ein Sensitivity Reading war hier sicher nicht nötig. Man merkt, dass die Autorin sich voll und ganz mit der Kultur auskennt, über die sie schreibt - sie ist ein Teil davon. Die Kulturhistorie der Sami und auch die dunklen Seiten davon werden sehr gut ausgeleuchtet. Ante setzt sich - unfreiwillig - mit seiner Kultur auseinander und stellt dabei fest, dass er beides sein möchte: Sami und dennoch er selbst, was auch seine sexuelle Orientierung beinhaltet. Das Thema queere Liebe wird mit großem Respekt von der Autorin behandelt, ohne die nötige Lockerheit und Leichtigkeit dabei zu verlieren. Also einfach perfekt, sonst hätte der Roman auch nicht so einen Erfolg gehabt. Auch die Gefühle, die Ánte empfindet, kommen wunderbar rüber. Die Prosa der Autorin ist ganz zart und doch mit einer gewissen Kraft versehen. Ich würde sagen, sie hat als Mensch ein großes Herz, das man zwischen den Zeilen pulsieren spürt.


Der Roman ist für Jugendliche gedacht, die selbst in der Findungsphase sind, aber auch Erwachsene können, so wie ich, davon profitieren und nochmal in Erinnerungen schwelgen: erste Liebe, Auseinandersetzungen mit den Eltern, etc. Wenn man Skandinavien und die nordische Kultur mag, dann ist dieser zauberhafte Jugendroman auch perfekt, denn hier findet man die Sehnsuchtsorte für die Sonnenmüden und die Nordlicht-Suchenden perfekt beschrieben. Man ist wirklich nach der Lektüre kurz davor, eine Reise nach Jokkmokk zu buchen und einen Kolt anziehen zu wollen. Um Rentiere und deren Zucht geht es allerdings nur am Rande, aber dafür gibt es ja die Bücher von Ann-Helén Laestadius, die das sehr ausführlich beleuchten. 


Kurzum: Ein absolut lesenswertes Buch, dem mal wieder viel mehr Aufmerksamkeit gebührt als es derzeit noch bekommt - zumindest hier in Deutschland. Eine Mini-Serie könnte ich mir auch sehr gut vorstellen. Herzlichen Dank an dtv für das Rezensionsexemplar! Fotocredits Nordlichter: impackt.de


Mittwoch, 4. Februar 2026

"Eine Frau zu sehen" von Annemarie Schwarzenbach

 


Eindringliche Kurzprosa einer Frühvollendeten


“Es ist beruhigend, den Hörer neben sich zu sehen, ich lächle ein wenig aus Dankbarkeit, denn was sind Möglichkeiten: Bedeuten sie nicht Verheißung, wenn man nur mutig ist, bedeuten sie nicht eine große Herrlichkeit des Willens” (Eine Frau zu sehen, S. 25)


Wie immer bei klassischen Werken gibt es statt einer Rezension einen Leseeindruck von mir. Heute ist er auch dem vorgestellten Buch entsprechend kurz, denn es ist eine Erzählung von nur 65 Seiten, der Anhang ist fast nochmal genauso lang.


Wenn man an Gott glaubt, könnte man mit Fug und Recht sagen, “er” hätte einen guten Tag gehabt, als er Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) erschaffen hat - einen sehr guten. Sie war wunderschön, stammte aus einer für damalige Verhältnisse schwerreichen Industriellenfamilie, sie war super intelligent und gebildet. Sie war mit den spannendsten Leuten aus der damaligen Kunst- und Kulturszene (u.a. Erika und Klaus Mann) befreundet. Sie war frei, um um die Welt zu reisen und in Paris zu studieren. Sie durfte schreiben und das Geschriebene sogar veröffentlichen. Und sie war lesbisch und das wurde auch - weitestgehend - akzeptiert, immerhin hatte auch ihre eigene Mutter Verhältnisse mit Frauen. Man sagt: “Only the good die young” und so musste auch Annemarie Schwarzenbach einen frühen Tod mit nur 34 Jahren infolge eines Fahrradunfalls und ihrer jahrelangen Drogensucht erleiden. 


Diese biografischen Infos sind wichtig, wenn man vorhat, “Eine Frau zu sehen” zu lesen, denn es ist eine autofiktionale Erzählung. Man kann davon ausgehen, dass die namenlose Ich-Erzählerin Schwarzenbach selbst ist. Sie ist in einem Ski-Resort, wahrscheinlich in St. Moritz und verliebt sich im schicken Hotel in eine Frau, Erna Bernstein. Es ist also eine Geschichte über Sehnsucht und Verlangen, denn die Ich-Erzählerin möchte Erna Bernstein, sie will sie mit jeder Faser ihres Herzens und jeder Zelle ihres Körpers. Und am Ende? Bekommt sie sie. 


“Eine Frau zu sehen” ist der Coming-Out-Text von Schwarzenbach, der bis in die 2000er Jahre unveröffentlicht und titellos blieb. Alexis Schwarzenbach, ein Nachfahre von Annemarie, hat ihn im Nachlass in Zürich entdeckt, bearbeitet und herausgegeben. Auch das Nachwort hat er geschrieben und dort wird auch erwähnt, dass der Text entfernt an den “Tod in Venedig” erinnere, nur mit positivem Ende. Auch ich habe in Schwarzenbachs melodischer Prosa Anklänge an den Altmeister der Melancholik wahrgenommen. Es ist wirklich ein wunderschöner kleiner Text, aber leider viel zu kurz. Dennoch kann ich ihn in dieser Winterzeit sehr empfehlen. Für alle, die sich für Coming-Out- und queere Texte generell interessieren, ist er sowieso ein Muss.


Den Text gibt es bei Kein und Aber.


Sonntag, 1. Februar 2026

"Mo & Moritz" von Julya Rabinowich

 


Lässt einen wieder an die große Liebe glauben


“Mo & Moritz” ist eine moderne Adaption bzw. Variante des "Romeo & Julia"-Stoffes für junge Lesende in Form eines Jugendromans. Es geht wie im großen Vorbild, das im Buch auch mehrfach zitiert wird, um die Themen Liebe, Moral und Verantwortung bzw. das Pflichtgefühl, das wir gegenüber unseren Blutsverwandten empfinden. Weil Mo und Moritz zwei junge Männer sind, kommt noch das Thema Homophobie bzw. die Angst davor hinzu. Auch haben die beiden Liebenden einen unterschiedlichen kulturell-religiösen Hintergrund, was zusätzlich zu Konfliktpotenzial in der Handlung führt.  


Wien 2023: Nachdem Mo (eigentlich Mojad) unrechtmäßig von der Schule geflogen ist, fängt er eine Lehre bei einem Wiener Nobelfriseur an. Mo stammt aus einer muslimischen Familie, die durch Flucht und Vertreibung traumatisiert wurde. Aus welchem muslimischen Land er kommt, wird bis zum Ende der Handlung nicht aufgeklärt. Die Lesenden müssen es sich erschließen. Mo lebt in einer kleinen Mietwohnung mit seinem Vater, seiner Mutter, seinem großen Bruder Faris und der 13-jährigen Schwester Maryam. Faris ist ein unsympathischer Zeitgenosse, der durch polarisierende Parolen sowie homophobe und antisemitische Äußerungen ganz klar negativ gezeichnet wurde. Beim berühmten Wiener Opernball darf eine Abordnung des Friseursalons die Debütantinnen frisieren. Mo ist wie berauscht von der ganz besonderen Atmosphäre und findet im Gewühle der Ballroben seine eigene “Cinderella” - nur dass die einen Frack trägt und Moritz heißt…


Nicht nur der Opernball und die Begegnung der beiden jungen Männer ist märchenhaft, das ganze Buch durchzieht ein gewisser Zauber. Bei Mo ist es der Zauber der Unschuld und Unwissenheit, er ist zart, sanft und schön. Moritz hingegen ist der selbstbewusste, attraktive Typ, ein klassischer Märchenprinz. Seine Wohnung kommt Mo wie ein Schloss vor, er ist geoutet und akzeptiert, er genießt Freiheiten, die Mo sich nur träumen kann. Auch sprachlich hat mich der Roman oftmals in eine märchenhafte Stimmung versetzt. Die Sprache von Julya Rabinowich ist sehr blumig und voller Ausdrücke wie “Donnerwetterbruder”, “Moritzgeruch”, etc. Aber sie schreckt auch nicht vor Kraftausdrücken zurück, was zur Authentizität beiträgt und beim jugendlichen Publikum gut ankommen dürfte.


Überhaupt: Dass das Buch ein Jugendroman ist, ist ganz leicht zu erkennen. Die Autorin verzichtet auf die erzählerische Darstellung von Se*ualität, das bleibt alles der Fantasie der Lesenden überlassen. Außerdem werden manche Sachverhalte sehr schwarz-weiß dargestellt, so auch der Charakter des Bruders Faris. Aber wer sich an diesen Vereinfachungen nicht stört, der kann das Buch auch als Erwachsener wunderbar konsumieren und sich mal wieder in die Welt der Jugendlichen hineinversetzen. 


Ein kleiner Kritikpunkt zum “Spoiler” im Klappentext. Ich hätte es besser gefunden, die Sache mit Taylor Swift den potenziellen Lesenden zu “verheimlichen”, denn so kann man sich schon früh denken, worauf die ganze Geschichte mit dem Bruder hinauslaufen wird. Ich hätte es mir lieber als “Aha-Effekt” und spannende Wendung in der Handlung selbst erlesen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau.


Das mit dem gleichen Namenskürzel der beiden hätte ich jetzt auch nicht unbedingt gebraucht und war manchmal verwirrend. Aber wegen der Analogie zu “Romeo & Julia” habe ich dann schon verstanden, warum es so gemacht wurde.


Ein ganz wunderbarer, queerer Jugendroman, der einen tatsächlich wieder an die große Liebe glauben lässt. 


Herzlichen Dank an Hanser und vorablesen für das Rezensionsexemplar!