Sonntag, 23. August 2026

"Weiterleben" von Patrick Charnley

 


Leben im Moment - ein Roman der Entschleunigung


Wir leben nur im Jetzt, es gibt kein Morgen, auch das Gestern ist eine Illusion. Für Jago Trevarno, den Protagonisten von “Weiterleben” (Originaltitel: “This, My Second Life”. Übersetzt aus dem Englischen von Michaela Grabinger) von Patrick Charnley gilt diese Aussage nur zu Teilen. Er lebt mittlerweile zwar einerseits nur im Jetzt und zwar auf dem Hof seines Onkels Jacob in Cornwall. Doch sein Leben ist sehr wohl in ein Gestern und Heute zu teilen. Gestern, das war als der heute 20-jährige noch voll im Leben stand. Als er gearbeitet hat, auf Wellen gesurft ist und mit seiner Freundin Sarah ein unbeschwertes Leben geführt hat. Heute ist er ein versehrter junger Mann, der aufgrund eines Komas nach einem Herzstillstand einen Hirnschaden erlitten hat. Er empfindet jetzt das stumpfe und gleichzeitig befreiende Gefühl des Seins im Augenblick, ohne große Emotionen, nur die pure Existenz, das Gefühl zu leben.


Die Tagesabläufe sind ritualisiert und immer gleich: Der Onkel steht auf und macht ihm Frühstück, sie essen zusammen und manchmal, wenn er nicht zu müde ist - die Fatigue hat Jago fest im Griff - hilft er Jacob auf dem Hof oder reitet mit einem der Pferde aus. Auch wenn Jago keine großen Gefühle mehr empfinden kann, so ist ihm dieses Leben im vorhersehbaren Gleichschritt angenehm, ein Trost und Balsam für die Seele. 


Der Autor spricht aus eigener Erfahrung, auch er hat das gleiche durchgemacht wie sein Protagonist, nur in höherem Lebensalter, als Familienvater, der mitten aus dem Leben gerissen wurde. Dieses Wissen, die “Own-Voice-Stimme” spürt man zwischen den Zeilen hindurch. Man merkt auch, dass der Autor langsam geschrieben hat, sich viele Passagen abringen musste und das macht das Ganze so authentisch. Entschleunigung ist hier Poetik und Programm zugleich und dennoch ist dieser Roman niemals langatmig oder gar -weilig. Im Gegenteil: Er hat sogar Züge von einem Krimi, denn der zwielichtige Nachbar Bill Sligo ist Jago ein Dorn im Auge. Warum will er seinem Onkel ein vermeintlich wertloses Grundstück abkaufen? Jago beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und wird bald an seine körperlichen und seelischen Grenzen getrieben…


Also ich muss sagen, ich habe dieses Buch wirklich genossen. Nicht nur weil ich zuletzt auch ein einschneidendes Gesundheitserlebnis hatte und dieses Gefühl dass sich das Leben, das Ich plötzlich wie neu anfühlt. Die Ich-Perspektive ist ohnehin eine meiner liebsten Erzählperspektiven. Ich mag das Unmittelbare, die höchstmögliche Nähe zu einer Figur. Die Sprache ist stellenweise sehr poetisch, die Übersetzung geschliffen und niemals krumm. Ich denke, dass sie sehr am Original bleibt. 


“Weiter leben” ist ein Roman, der einem viele Impulse gibt und den Anspron, viel mehr im Hier und Jetzt zu leben, das schätzen zu lernen, was man hat und vor allem die Tatsache, dass man lebt und atmet, ein gutes Essen genießen und in die Sterne blicken darf. Ein Buch, das meine Bibliothek sicher nicht verlassen wird und von dem ich mir sehr gut vorstellen kann, es mehr als einmal zu lesen. Absolute Leseempfehlung!


Herzlichen Dank an vorablesen.de und Dumont für das Rezensionsexemplar!



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