Dienstag, 27. November 2012

"So it goes" von Michael Tucker


Humorvolle Trauerarbeit wäre wohl die Kernaussage, auf die ich den Plot von „So it goes“ in zwei Wörtern herunter brechen würde. Der  Tod eines geliebten Menschen ist wohl mit das Schlimmste, was jemandem passieren kann. Auch im Fall von Herbie, eines New Yorker Schauspielers, ist der Verlust seiner Frau Annie (ebenfalls Schauspielerin), mit der er ca. 40 Jahre trotz Trublenzen und gegenseitiger Affären unzertrennlich war, wie der Einschlag eines Meteoriten indem er ein riesiges Loch hinterlässt. Bezeichnend ist die Tatsache, dass Herbie nach Annies Tod wieder mit dem Golfspielen anfängt (das könnte man so interpretieren, dass er – wo er nicht das eine riesige Loch ausfüllen kann – viele kleine Löcher zu füllen versucht).
Wie auch immer: die Liebesgeschichte von Herbie und Annie ist einzigartig. So einzigartig, dass Herbie wenige Tage vor dem Tod seiner Frau eine andere Muse (die 34jährige Olive) findet und sie ihr auf Annies Wunsch hin stolz präsentiert. Die Beziehung des New Yorker Schauspielerpaares wurde schon früher öfters durch eine zweite Frau bereichert, warum auch nicht kurz vor Annies Tod?
Dieses Plot-Element ist so sehr Woody Allen, dass man meint der Altmeister hatte bei der Produktion des Buches entweder seine Finger im Spiel gehabt oder die Filmrechte bereits gekauft (man könnte sich Diane Keaton perfekt in der Rolle der Annie vorstellen – vielleicht ist der Name ja auch eine Hommage an sie, schließlich war sie im „Stadtneurotiker“ schon „Annie Hall“).
Wie auch immer: Annie – Herbie – Olive, so lautet die Dreiecksgeschichte, die zunächst (und im Zuge von Annies Sterben und Tod) geistig-platonisch ist. Herbie und Olive wollen sich aber – trotz erheblichen Altersunterschieds – gegenseitig auch körperlich, so dass erst mal Abstand nötig ist. Herbie fährt in die Südstaaten zum Golfspielen, wo er  mit Billy und deren Schwester Roxanne wieder in eine Dreiecksbeziehung  (halb freundschaftlich, halb erotisch) gerät. Die bildhübsche Olive bekommt währenddessen im Staat New York durch Herbies und Annies Connections eine Rolle in einer internationalen Produktion von  Tschechows „Onkel Wanja“ (das hat mir auch sehr an dem Roman gefallen, denn ich liebe dieses Theaterstück!).
Annies Lebensenergie und ihr Schauspieltalent werden durch Olive quasi transformiert – sie lebt gewissermaßen durch die 34jährige Barfrau weiter. Und so kann auch Herbie – mit Annies Segen – sich überlegen, ob er eine Beziehung zu ihr eingehen will…
Der Roman ist eine Tragikomödie wie sie im Buche steht: subtil, witzig, sentimental und auf ihre Weise sehr amerikanisch. Es geht um Liebe, Tod, Freundschaft und Familie (Herbies und Annies Tochter Candy spielt eine wesentliche Rolle) und natürlich um das Theater.
Das Buch hat mir gut gefallen und ich kann es jedem empfehlen, der es etwas ruhiger angehen möchte beim Lesen.
Besonders gut hat mir das Bild auf der vorletzten Seite gefallen: Herbie macht sich Gedanken wie wesentlich eine alltägliche Entscheidung werden kann – welche Straße schlägt man ein! Solche Gedanken (nur eine kleine, winzige Veränderung kann so viel nach sich ziehen und das eigene Leben für immer und nachhaltig verändern) mache ich mir auch oft. Trotzdem: man muss sich letztlich entscheiden und es kommt ohnehin so, wie es kommen muss - so it goes!

Vielen herzlichen Dank an vorablesen und den Graf-Verlag für das Leseexemplar!


Meine Ausgabe:
Originaltitel: After Annie
Verlag: Graf Verlag
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2012
Erstausgabe: 2012
Seiten: 
ISBN:  978-3-86220-029-0

Mittwoch, 21. November 2012

"Kapital" von John Lanchester

 
„Kapital“ kommt einem von seiner Struktur her vor wie einer der großen englischen Gesellschaftsromane. „Vanity Fair“ und andere sind von daher sicher als Vorbild für diesen „Wälzer“ zu sehen, der nichts anderes will als den Makrokosmos London anhand des Mikrokosmos „Pepys Road“ darstellen. Der Name ist natürlich symbolisch und eine Referenz an den großen Chronisten und Politiker Samuel Pepys, dessen Tagebuchaufzeichnungen unser Bild vom England des 17. Jahrhunderts entscheidend geprägt haben. Vielleicht versteht sich John Lancaster in seiner Tradition als Chronist der Londoner „Nuller-Jahre“, die mit der Finanzkrise eines ihrer großen Themen hatten, das sich bis in die Gegenwart zieht. Eine Straße namens „Pepys Road“ gibt es übrigens wirklich im Südwesten Londons.
Die Haupthandlung von „Kapital“ (im englischen „Capital“, was Hauptstadt bedeutet, gegenüber dem deutschen Titel also eine Bedeutungsverschiebung markiert) spielt zur Zeit der beginnenden Wirtschaftskrise, beginnend Dezember 2007-endend November 2008.
Wir lernen mehrere Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Herkunft kennen, die erst einmal nur eint, dass sie in der Südlondoner Straße „Pepys Road“ leben, arbeiten oder sonst mit ihr in Verbindung gebracht werden können.
Ihre Geschichten werden abwechselnd weitergesponnen und manche laufen über Kreuz. Da ist die zweiundachtzigjährige Frau Petunia Howe, die in der Pepys Road geboren wurde und vermutlich auch dort stirbt. Sie steht für die alten Werte, die Traditon, wenn man so will auch für das „alte Geld“, das nach und nach seine Kraft verliert und keine Relevanz mehr für die Zukunft hat. Ihre Familie lernen wir kennen, vor allem ihre Tochter Mary, die auf dem Land lebt und ihren Enkel Graham, der sein Geld als Künstler verdient.  Dann gibt es die neureiche Familie Yount, bei der Roger Yount für den modernen kapitalistischen Aktienmenschen steht, der viel zu viel arbeitet, viel zu viel verdient und dennoch  ein viel zu falsches Leben führt. Seine Frau Arabella ist sich trotz Hausfrauentums zu schade ihre zwei kleinen Söhne selbst aufzuziehen und gibt stattdessen das von Roger verdiente Geld mit vollen Händen für Botox, Fitesstrainer und Klamotten aus. Auch seine geschäftliche Umwelt wird präsentiert und mit ihr Neid- und Missgunst, die im Bankenwesen an der Tagesordnung sind (u.a. verkörpert von Mark, der sich für besser als Roger hält (es wahrscheinlich auch ist) und deshalb seinen Job will.)
 Es gibt den jungen Fußballprofi aus Afrika, Freddy Kamo, der mit seinem Vater Patrick erst vor kurzem in die Straße gezogen ist. Außerdem gibt es den polnische Hilfsarbeiter Zbigniew, das ungarische Kindermädchen Matya und die afrikanische Politesse Quentina (die illegal in England ist), die pakistanische Verkäuferfamilie Kamal (drei Brüder, einer verheiratet mit zwei Kindern, die anderen beiden noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben), die sich in England etwas aufgebaut haben und doch immer wieder auf ihre Herkunft reduziert werden.
Zusammengenommen stehen alle  für das weltoffene (manchmal mehr, manchmal weniger) England der Zuwanderung und des Multikulturalismus. Sie alle hoffen auf ein besseres Leben in dieser Milch-und-Honig-Stadt London. Ihr Problem ist die Diskrepanz zwischen Hoffnung auf eine Veränderung und Verzweiflung über die Entwurzelung und Heimatlosigkeit in der Fremde.
Dann gibt es da plötzlich eine namenlose Bedrohung, die alle betrifft und die sich sowohl real als auch im Medium Internet eine Plattform und damit Gehör verschafft: „Wir wollen was ihr habt“ – künstlerische Installation oder gieriges Symptom der Neidgesellschaft?

Geld spielt eine große Rolle im Roman, Gentrifizierung und Globalisierung sind die anderen großen Themen. Wo Menschen sind da ist auch Liebe, Tod und Hoffnung. Diese Eckpfeiler und Menschheitsthemen sind die Folie für  „Kapital“ oder „Capital“, das von den neuen Themen so vereinnahmt wird dass die großen Fragen oft zu einer Nebensächlichkeit verkommen, aber sich natürlich nicht zurückdrücken lassen: trotz Finanzkrise und Immobilienmarkt: Liebe und Tod sind weiterhin das, was die Welt im Innersten zusammenhält – auch in der Pepys Road.

Das Buch hat einen erzählerischen Reichtum der in dieser Form seinesgleichen sucht. Er lebt vor allem von den Charakterschilderungen, die in ihrer Summe ein perfektes Panorama Londons und seiner Bewohner abgibt, die natürlich fiktiv sind, aber irgendwie für Typen stehen, die das Bild der englischen Hauptstadt genau so prägen.

Der Gesellschaftsroman – er ist wieder da! Aktuell, stark , erbarmungslos und unterhaltsam. So soll es sein!

Vielen herzlichen Dank an vorablesen und den KlettCotta-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Meine Ausgabe:
Originaltitel: Capital
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsjahr der Ausgabe: 2012
Erstausgabe: 2012
Seiten: 682
ISBN:  3608939857

Samstag, 27. Oktober 2012

"The Radleys" von Matt Haig




Also, meine „Auf-Halloween-Einstimm-Grusellektüre“ ist dieses Jahr „The Radleys“ von Matt Haig. Das Buch ist mir schon zur Zeit des Vampir-Twilight-Hypes ins Auge gefallen – ich dachte es handelt sich hier um eine ironisch-satirische Verarbeitung des Themas mit den Mitteln des von mir so geliebten englischen Humors. Nun ja, was soll ich sagen: ich bin ein wenig enttäuscht. Natürlich spielt „The Radleys“ mit Vampirklischees, die satirisch verarbeitet werden, aber leider geschieht das alles vor dem Hintergrund einer bierernsten Story rund um eine englische Mittelstandsfamilie. Tragik as Tragik can wo ich mir eigentlich etwas Leichtes, Humoriges erwartet hätte. Die Radleys also sind eine nicht ganz so normale englische Familie, der Vater Arzt, die Mutter Mutter und die Kinder pubertär. So weit so unspektakulär. Es kommt für alle erschwerend hinzu dass die Radleys „abstinente Vampire“ sind, also sowas wie die Cullens in etwa. Sie trinken also kein Blut, haben dem ganzen Vampirkram abgeschworen und versuchen seit Jahren wie Normalos zu existieren. Probleme kommen auf als die Tochter Veganerin (die „abstinenten Vampire“ decken ihren Proteinbedarf u.a. über tierisches Eiweiß ab) werden will , stattdessen aber einen mobbenden Schulkameraden ihres Bruders Rowan (ein klassischer Außenseiter, der ziemlich bleich ist und lieber nächtelang Byron liest und Gedichte über seine Angebetete Eve schreibt) angreift und nunja, dabei ihren Geschmack für den Lebenssaft entdeckt. Puh, starker Tobak irgendwie. Das Thema, das alle zu unterdrücken versuchen gelangt wieder an die Oberfläche, Peter ist plötzlich am Duft seiner Nachbarin Lorna mehr als interessiert und auch die Mutter Helen ist zunehmend beunruhigt.  Dann taucht auch noch der geheimnisvolle Onkel Will auf, von dem wir erfahren dass er in der Vergangenheit des Ehepaars Radley und für deren Vampirismus eine ziemlich wichtige Rolle gespielt hat…

Also mir hat das Buch leider nicht gefallen L Irgendwie hab ich das Gefühl der Autor weiß nicht was er eigentlich will und ob er Vampire jetzt knorke findet oder nicht. Will er witzig sein, ironisch oder ist das alles doch irgendwie ziemlich schlimm und traurig? Geheimisse aus der Vergangenheit, Identitätskrise und Pubertät - kommt ganz schön viel zusammen.

Ich kann mir aber vorstellen dass der Roman vielen Fantasy-Fans trotz allen meinen Unkenrufen gefallen wird!

In diesem Sinne: gruselt euch schön! Happy Halloween!

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Bücherhobby "Bookcrossing"

Gestern war ich mal wieder "bookcrossen".

Bookcrossing ist eine Bewegung, bei der man Bücher aus seinem Besitz „freigibt“, damit sie auch von anderen gefunden und gelesen werden können. Man trägt das Buch auf der Internetseite von Bookcrossing ein und dort bekommt es eine eigene Nummer, damit man es überall auf der Welt identifizieren kann. Nun schreibt man die Nummer auf einen Zettel ins Buch (die kann man z.B. bei http://www.bookcrossers.de/bcd/home/ (das ist die deutsche Bookcrossing-Support-Seite) ausdrucken):
Ich mache gern auf das Buchcover auch noch ein Label, damit dem Betrachter sofort ins Auge springt dass es sich um ein BC-Buch handelt:
Jetzt lässt man die Bücher frei d.h., man legt sie irgendwo in der Öffentlichkeit hin (das kann eine Bookcrossing-Zone sein, aber auch jeder andere Ort, der einem geeignet vorkommt - sollten die Bücher im Freien abgelegt werden ist es natürlich besser wenn man sie in eine Folie, einen Gefrierbeutel etc. packt). Nun hofft man dass das Buch einen neuen Leser findet, dieser sich evtl. bei Bookcrossing einloggt, einen Journaleintrag macht und es danach im Idealfall weiterwandert.
Nicht dass jetzt jemand denkt ich würde meine Bücher nicht lieben und sie einfach irgendwo hinlegen, damit der Nächstbeste sie mitnehmen kann. Nein, ich hänge sogar wie verrückt an ihnen. Es ist aber so, dass ich sehr viele Bücher habe und manchmal auch welche doppelt (und sogar dreifach). Weil ich ein Lieblingsbuch hatte, es zerlesen war und ich noch ein Duplikat wollte, weil mir eine Neugestaltung oder Neuübersetzung besser gefallen hatte, ich es verliehen und nicht mehr und dann doch wieder zurückbekommen habe. Oder es gibt den Fall wo ich eine bestimmte Ausgabe eines Buches haben will (z.B. weil sie eine Reihe vervollständigt) und der Internetanbieter mir dann eine andere sendet. Manchmal bekomme ich auch Bücher von Freunden und Verwandten überlassen, die mir so gar nicht liegen (z.B. manche Thriller). Das sind dann die perfekten Kandidaten für BC.
Wie auch immer: manchmal muss ich mich einfach von ein paar Büchern trennen um wieder Platz zu schaffen und jeder, der im Internet ältere Bücher verkauft oder vertauscht weiß, wie schwer sie manchmal loszubekommen sind. Bookcrossing bietet da eine hervorragende Möglichkeit, die auch noch den Geocacher in mir befriedigt J. Ich finde es total spannend wenn da tatsächlich jemand bereit ist sich die Mühe zu machen das gefundene Buch als „gefunden“ einzutragen.
„Wild releases“ mache ich selten, denn ich möchte eigentlich nicht dass das Buch weggeschmissen wird oder irgendwie verwittert. Bookcrossing-Zonen sind da um einiges angenehmer und da ich ja in München lebe auch ein wenig öfter vorhanden als in kleineren Städten.
Ich habe also gestern mal wieder ein paar Bücher freigelassen, die da wären:

  • Minette Walters: Die Bildhauern (hatte meine Schwiegermutter-in-Spe aussortiert, ich habe es nicht gelesen)

  • D.H. Lawrence: Women in Love (eines der Bücher, die ich gelesen und dann aus irgend einem Grund doppelt hatte) – ein englischer Klassiker, den ich gerne mochte

  • E.M. Forster: Howards End (wieder ein englischer Klassiker, den ich im Original gelesen habe und der mir sehr gefallen hat. Ich hab mir mal die deutsche Ausgabe sehr günstig angeschafft, allerdings nie hineingeschaut)

  • Becky Cochrane: A Coventry Christmas (eine Weihnachtsliebesgeschichte, die in Texas spielt, habe ich mir letztes Jahr als Weihnachtswohlfühllektüre gekauft und gelesen – ist zwar nicht so gut wie erhofft, aber ein ganz nettes Buch für Zwischendurch, das durchaus die Vorfreude auf Weihnachten wecken kann).

 So, das wären die vier Bücher die ich freigelassen habe. Jetzt mal abwarten und Tee trinken ob sich ein „Finder“ meldet-spannend!

Samstag, 13. Oktober 2012

"The Sense of an Ending" von Julian Barnes

 
Da am Dienstag wieder die Verleihung des Man Booker Prize ansteht habe ich mich auf den Gewinner des letzten Jahres zurückbesonnen und mir das Siegerbuch „The Sense of an Ending“ von Julian Barnes endlich vorgenommen. Der Booker Prize geht immer an die beste Romanneuerscheinung eines Jahres eines Autors aus dem britischen Commonwealth, Irland oder Simbabwe (welche das ist entscheidet eine Jury aus Schriftstellern und angesehenen Literaturwissenschaftlern bzw. Kulturjournalisten). Eine Freundin hatte es bereits gelesen und ich wusste schon halbwegs was mich erwartet: die nicht immer ganz akkuraten Erinnerungen eines Mannes aus der Ich-Perspektive in Form eines Kurzromans (einer „novella“, wie man im Englischen sagt). Dieser Mann ist Anthony (Tony) Webster und man kann von ihm sagen dass er ein durchschnittlicher Jedermann ist. Er ist Anfang/Mitte Sechzig und erzählt dem Leser auf schmalen 150 Seiten die Geschichte seines Lebens, wobei einzelne Erinnerungen mehr Platz einnehmen als viele Jahre, in denen scheinbar wenig bis nichts passiert ist. Die Beziehung zwischen seiner ersten Freundin Veronica und ihm steht im Mittelpunkt seiner Erinnerungen. Warum ist sie gescheitert? Als die Mutter von Veronica stirbt und er ein mysteriöses Erbe antreten soll ist er gezwungen seine Vergangenheit zu reexaminieren…

Auch einer seiner besten Freunde zu Schulzeiten, der philosophische Adrian, ist ein Teil von Anthonys Vergangenheit, der ihn einholen wird.
Worum geht es in diesem Buch? Julian Barnes führt am Beispiel eines Mannes vor wie fragil Erinnerung ist und was sie für den Einzelnen bedeutet. Wie konstruiert man sich sein Leben und seine Identität aus der Rückschau heraus, stellt man es sich anders vor als es wirklich gewesen ist? Und welche Rolle spielen eigentlich die modernen technischen Möglichkeiten beim Erschaffen des eigenen Selbst, seiner Irrungen und Wirrungen?
Der Roman ist sehr philosphisch und ab und an blitzt auch ein wenig schwarzer britischer Humor hervor. Ich finde er hat nicht umsonst den Booker Prize gewonnen, denn die Thematik ist eine zutiefst menschliche, die literarisch hervorragend angepackt werden kann. Julian Barnes tut das und lässt den Leser mit einem melancholischen Gefühl zurück: das Leben ist doch ein ziemlich tragikomisches Ereignis.


Meine Ausgabe:
 
Verlag: Jonathan Cape
Erscheinungsjahr: 2011
Erstausgabe: 2011
Seiten: 150
ISBN:  9780224094153
Deutsche Übersetzung: Vom Ende einerGeschichte




Montag, 8. Oktober 2012

"Über die Liebe" (Essays) von Stendhal

„Über die Liebe“ ist der ambitionierte Versuch des Schriftstellers Henri Beyle alias Stendhal ein Thema, das alle Menschen eminent betrifft und beschäftigt in all seinen Facetten zu behandeln. In seinen Essays geht es ihm zunächst darum die Liebe in ihren psychologischen Aspekten zu betrachten, es geht um die verschiedenen Arten der Liebe, ihre Anfänge und Voraussetzungen, ihre unterschiedlichen Gesichter und Ausprägungen. Was bewirkt Schönheit für die Liebe? Ist sie so etwas wie eine Visitenkarte bei Frauen, bestimmt sie deren Marktwert? Wie unterschiedlich lieben Männer und Frauen? Gibt es Liebe auf den ersten Blick und wie wichtig ist Intimität für das Zusammensein, was bedeutet Eifersucht, kann einer mehr lieben als der andere? Diese Fragen sind wahrscheinlich so alt wie die Liebe selbst, aber vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts, in dem die romantische Liebe erst richtig Einzug in die Breite der Gesellschaft hält, man nicht mehr nur Konvenienzehen eingehen will, sondern sich bewusst für ein Individuum entscheiden kann, das nicht mehr aus gesellschaftlichem Interesse gewählt wird -  in diese Zeit gehören die Essays von Stendhal. Man muss das Buch also vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit (1822 ist das Buch erschienen, 1826, 1834 und 1842 verfasste der Autor neue Vorreden dazu) betrachten, auch wenn viele Aussagen und Fragen die er stellt allgemeingültig und zeitlos sind. Natürlich ist auch das zweite Buch in Hinblick auf den Horizont der Zeit zu lesen, in der Stendhal es geschrieben hat. Dort geht es um die Ausprägungen und Charakteristika der Liebe in den verschiedenen Nationen, immer wieder gespickt mit Entlehnungen aus Memoiren anderer oder den eigenen Erfahrungen. Interessant sind auch noch die zum Schluss angefügten Fragmente, die teilweise aphoristisch kurz, teilweise auch eine halbe bis ganze Seite lang sind. Es sind die von Stendhal aufgefundenen Notizen, die er sich zum Thema gemacht hatte und sonst nirgendwo unterbringen konnte.

Was mir sehr gefallen hat an diesem – ja man kann es schon sagen – Sachbuch über die Liebe ist die teilweise sehr ironische Sicht der Dinge, die Stendhal zu Tage treten lässt. Aussagen wie: „Sehr oft ist es das beste, ohne eine Miene zu verziehen, abzuwarten, bis der Nebenbuhler durch seine eignen Torheiten dem geliebten Wesen fade geworden ist.“, S. 191), augenzwinkernde Selbstironie („Aber da mir der Himmel die schriftstellerische Begabung versagt hat…“, S. 71) oder Seitenhiebe auf literarische Bestseller der Zeit (wie z.B. „Seit langer Zeit habe ich nicht mehr Richardsons langweilige Clarissa gelesen;“, S. 90) und gesellschaftliche  Moden („Dreiviertel aller Liebesbriefchen in Wien wie in London sind französisch geschrieben oder voll Anspielungen und auch Zitaten auf Französisch und Gott weiß was für ein Französisch.“, S. 156) haben beim Lesen dieser nicht ganz einfach zu verdauenden Traktate ein Lächeln auf meine Lippen gezaubert.
Stendhal hat in einer seiner Vorreden von 1834 geschrieben dass dies ein Buch für „nur für hundert Leser“ sei. Ich kann ihm da nur rechtgeben, denn anstatt theoretisch über die Liebe zu lesen ist es für mich persönlich ein größeres Vergnügnen Stendhals Romane an die Hand zu nehmen. Dennoch: das Buch hat als historische Betrachtung des Phänomens „Liebe“ durchaus seine Berechtigung und wenn man sich aus soziologischem Interesse damit beschäftigt ist es in jedem Fall eine Lektüre wert. Dem „normalen“ Leser allerdings würde ich eher Stendhals „Rot und Schwarz“ empfehlen, damit er seine theoretischen Ansichten zu Liebe und Macht, Kirche und Staat literarisch verpackt genießen kann („Die Karatuse von Parma“ ist wohl noch geeigneter, den Roman habe ich allerdings selbst noch nicht gelesen).

Ich möchte noch etwas zur Ausgabe des Fischer-Verlags sagen, die dieser freundlicherweise für die Lovelybooks-Leserunde, bei der ich mich auch bedanken möchte, zur Verfügung gestellt hat. Ich finde die Ausgabe editorisch wirklich gut, die zahlreichen Extras wie das ausführliche „Inhaltsverzeichnis“, die „Daten zu Leben und Werk“ und vor allem der Beitrag aus dem Kindler’schen Literaturlexikon  sind dem Leser, der stärker in die Materie eintauchen möchte ein hilfreiches Kompendium. An der verwendeten Übersetzung von Franz Hessel aus dem Jahr 1921 habe ich ebenfalls nichts auszusetzen, ich finde sie trifft den Ton, allerdings könnte man angesichts des Alters der Übersetzung mal an eine neue denken.